Als die Musik starb

http://www.youtube.com/watch?v=jTL01MRs_7o

Am 3. Februar 1959 kamen Buddy Holly, Ritchie Valens und J.P. „The Big Bopper“ Richardson, drei der vielversprechendsten Rock-Musiker ihrer Zeit, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Don McLean schrieb 1972 den Song „American Pie“, der dieses Ereignis thematisierte. Da McLean den Refrain dieses Songs mit dem vermutlich genialsten Hook aller Zeiten versah, ist der 3. Februar seither „The Day The Music Died“.

Oh, Boy! That’ll be The Day. Peggy Sue. Words of Love.

Buddy Holly war der Musiker, der den Standard-Line-Up einer Rock-Band etablierte: Lead-Gitarre, Rhythmus-Gitarre, Bass, Schlagzeug.

Eigentlich hatte Holly das Flugzeug für sich und seine Musiker, Waylon Jennings (ja, DER Waylon Jennings) und Tommy Allsup gechartert. Waylon Jennings überließ seinen Platz dem Big Bopper, weil den eine Grippe plagte. Tommy Allsup und Ritchie Valens warfen eine Münze um den letzten freien Sitz. Valens gewann und verlor sein Leben. Allsup betrieb später eine Kneipe, die er in Erinnerung an diesen Münzwurf den „The Head‘s Up Saloon“ nannte.

Letztes Konzert im Surf Ballroom, Clear Lake

2007 ließ Jay Richardson, der Sohn des „Big Bopper“, die Leiche seines Vaters exhumieren und eine Autopsie durchführen. Jahrzehntelang waren Gerüchte durch die Welt gegeistert, denen zufolge Buddy Holly eine Waffe mit sich geführt hätte, der Pilot erschossen worden war und dass Richardson den Absturz schwer verletzt überlebt hätte und versucht habe, Hilfe zu holen. Die Autopsie ergab, dass Richardson – wie alle Insassen der Maschine – beim Aufprall der Maschine gestorben ist. Der Versuch, den Sarg des „Big Bopper“ auf ebay versteigern zu lassen, scheiterte.

2004 veröffentlichte der „Rolling Stone“ eine Liste mit den 500 besten Rock-Songs aller Zeiten. Ritchie Valens‘ „La Bamba“ taucht als einziger nicht-englischsprachiger Song auf dieser Liste auf.

Bernd Begemann aus Bad Salzufflen nahm 1993 den Song „Buddy, nimm lieber den Bus“ auf. Das musste nun wirklich nicht sein.

Die Heizung im Tourbus war kaputt, und Buddy Holly hatte keine saubere Wäsche mehr. Deswegen entschloss er sich, ein Flugzeug zu chartern, um von Clear Lake nach Fargo zu fliegen.

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Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=tr-BYVeCv6U

Die Chartergebühr für die Maschine belief sich auf 108 $, 36 $ pro Passagier. Dion de Mucci, der ursprünglich mitfliegen wollte, verzichtete, weil der Flug ihm zu teuer war. 36 $ war die Monatsmiete für die Wohnung seiner Eltern.

Als Buddy Holly erfuhr, dass Waylon Jennings seinen Platz an den Big Bopper abgetreten hatte, sagte er zu Jennings: „Well, I hope your old bus freezes up.“ Jennings antwortete im Scherz: „Well, I hope your plane crashes.“ Das war das letzte, was er zu Holly sagte. Er hat sein Leben lang versucht, darüber hinwegzukommen.

Noch heute wird jedes Jahr die „Winter Dance Party“ (Original-Titel der damaligen Tour) organisiert, die alle Stationen der letzten Tournee der drei besucht und im „Surf Ballroom“ in Clear Lake endet, dort, wo auch die drei zum letzten Mal aufgetreten sind.

Das Folkrock-Duo „Zager & Evans“ eroberte sich 1969 mit dem Song „In The Year 2525“ ein kleines Stück musikalischer Unsterblichkeit. Das Lied wurde im Studio von Tommy Allsup aufgenommen.

Aus dem Autopsiebericht:
Personal effects, Charles Hardin Holley: Cash $193.00 less $11.65 coroner’s fees – $181.35. 2 cuff links, silver, 1/2 inch, balls having jeweled band. Top portion of ball point pen.

1957 stellte J.P. „The Big Bopper“ Richardson einen DJ-Rekord auf. Er moderierte fünf Tage, zwei Stunden und acht Minuten am Stück. Dabei spielte er 1821 Musiktitel. Seine einzigen Pausen waren die fünf Minuten langen Unterbrechungen für die Nachrichten. Da duschte er. Während des Rekords verlor er 16 kg Gewicht und verdiente 746,50 Dollar für Überstunden.

Denkmal nahe der Absturzstelle

Das Flugzeug, mit dem Holly, Valens und Richardson abstürzten, war eine Beechcraft Bonanza. Dieses Modell wird seit über sechzig Jahren produziert. Keine Maschine wurde über einen längeren Zeitraum produziert als die Beechcraft Bonanza.

Not Fade Away.

Fotos:
Surf Ballroom by ←##:en:User:Baseball Bugs [Public domain], via Wikimedia Commons
Holly Monument by Dennis Fernkes – Edina, Minnesota, USA (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Stille nach John

Lennon Statue

Lennon-Statue vor dem Cavern Club in Liverpool

Am 8. Dezember 1980 saß ich nachmittags in meiner ersten Berliner Wohnung in der Skalitzer Straße 32 am Schreibtisch. Schöne Wohnung. Hellblau gestrichene Wände, Ikea-Regale, Rattanbett. Bastmatten auf den Dielen. Und alle paar Minuten donnerte die Linie 1 durch meine beiden Zimmer, denn die Wohnung lag Vorderhaus erster Stock.
Das Telefon klingelte, mein Bruder Thomas war dran. “Ich hab’s gerade im Radio gehört, jemand hat John Lennon erschossen.”
Das konnte nicht sein. Thomas musste sich verhört haben. Irgendjemand anders ist erschossen worden, aber doch niemand von den Beatles. Nicht John. Auf keinen Fall John. Ruhig bleiben. Ganz ruhig nachdenken. Welcher Musiker hat einen Namen, der so klingt wie John Lennon? War da nicht dieser Typ von Fleetwood Mac, der so ähnlich hieß?
Es gab damals weder Internet noch Nachrichtensender. Ich musste bis zur vollen Stunde warten, bis mir die SFB-Nachrichten die letzte Hoffnung raubten. Ich würde tatsächlich für den Rest meines Lebens ohne John Lennon auskommen müssen.
Ich hatte meine Hand schon am Plattenregal, wollte irgendeine Beatles-Platte auflegen, oder “Imagine” oder meinetwegen sogar die unsägliche “Live Peace in Toronto”, aber ich ließ es dann sein. Es würde in Zukunft sehr still sein ohne John Lennon und seine Songs. Besser, ich fing an, mich daran zu gewöhnen.
Ich hatte lange mit Lennon und seinen Songs gelebt. Für meine erste Beatlesplatte hatte ich mehr als ein halbes Jahr lang gespart. 22 DM waren damals sehr viel Geld für einen Achtjährigen, der schließlich Anfang 1965 „A Hard Days Night“ nach Hause trug, den „Zehn-Platten-Wechsler“ in der Musiktruhe anwarf und durch den ersten, rotzfrechen, gigantischen Gitarrenakkord (Georges zwölfsaitige Rickenbacker) in ein neues Universum geschleudert wurde.
Ein Universum, dass von John Lennon geschaffen worden war, wie ich später erfuhr, denn zehn von den dreizehn Songs auf „A Hard Days Night“ hatte er geschrieben. Nach wenigen Tagen kannte ich die Platte auswenig, nach wenigen Monaten kannte ich alle Beatles-Songs auswendig und fieberte dem Erscheinen jeder neuen Platte entgegen.

Eingang Dakota Building

Wo die Musik aufhörte

Und immer waren es die Lennon-Stücke, die für mich die Meilensteine waren. Help. Nowhere Man. In my Life. She Said She Said. Lucy in the Sky with Diamonds. Und – natürlich – A Day in the Life, der größte Song aller Zeiten.
Man erkannte Lennon-Songs immer daran, dass es die waren, in denen die Beatles ihre Grenzen erweiterten. Die anderen drei, das waren gute Freunde, die man sofort wieder erkannte, Ringo, der Clown, George, der Introvertierte, Paul, der Hit-Süchtige… Wenn man sich bei einem neuen Beatles-Titel fragte: „Wer hat den jetzt geschrieben“, war es hundertprozentig ein Lennon-Song, etwas wie Strawberry Fields. Dear Prudence. Julia. Come Together. Across The Universe. Und später, nach den Beatles, Imagine. Am 8.  Dezember 1980 hörten die Songs auf.
Viele Jahre später, am 4. Februar 2008 beamte die NASA „Across the Universe“ ins Weltall. Der Song ist mit einer Geschwindigkeit von 186.000 Meilen pro Sekunde zu einem Stern namens Polaris unterwegs, 431 Lichtjahre von der Erde entfernt. Lennons Musik jagt durch die Lautlosigkeit des Weltalls, eine ähnlich schreckliche Lautlosigkeit wie die, die wir auch seit 30 Jahren ertragen müssen. Seit die Schüsse vor dem Dakota Building fielen.

Foto Statue by George Groutas from Idalion, Cyprus (John Lennon Statue, Liverpool) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons
Foto Dakota Building by David Shankbone (David Shankbone) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC-BY-SA-2.5 / CC-BY-SA-2.0 / CC-BY-SA-1.0], via Wikimedia Commons