Die Bundestrainer (2): Jupp Derwall

Foto by Jürgen Jung (de:Benutzer:Fotosaar) / Fotosaar at German Wikipedia (Self-photographed) [CC-BY-SA-2.0-de], via Wikimedia Commons

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In den letzten Monaten – genauer gesagt seit dem taktisch einigermaßen vergurkten 1:2 gegen Italien bei der letzten EM – ist Bundestrainer Joachim Löw in die Diskussion geraten. »Unfähigkeit, einen Titel zu gewinnen«, wird ihm u. a. gern vorgeworfen. Natürlich hat Löw auch seine Verteidiger (nicht nur Philipp und Jerome), die mit gewichtigen Argumenten für ihn streiten. Für mich (ich bin Fan der Nationalmannschaft seit 1965) ist das Anlass, eine kleine Serie zu schreiben und Löw mit seinen Vorgängern zu vergleichen. Heute die zweite  Folge: Jupp Derwall.

Die WM 78 war im Prinzip schon gelaufen, das sportliche und politische Debakel war perfekt. Der DFB hatte das Foltern und Morden der argentinischen Junta ausgeblendet, die Gastfreundschaft des Landes gepriesen (»Hier herrscht Ruhe und Ordnung«, hatte – unvergessen – Mannschaftskapitän Vogts in einer PK gesagt) und sogar die ehemalige Nazi-Größe Hans-Ulrich Rudel ins Mannschaftsquartier eingeladen.
Sportlich hatte der ohne Franz Beckenbauer angereiste (der DFB wollte Beckenauer nicht berufen, weil er ins Ausland gewechselt war, der vaterlandslose Geselle!) amtierende Weltmeister ebenfalls enttäuscht: einem überzeugenden Sieg gegen Mexico in der Vorrunde standen vier quälende Unentschieden in Vor- und Zwischenrunde gegenüber (2. 1974 und 1978 wurde das Finale in einer zweiten Gruppenspielphase statt in k.o.-Runden ausgespielt).  Es bestand nur noch eine theoretische Möglichkeit, das Finale zu erreichen: dafür musste man Österreich im letzten Zwischenrundenspiel mit 5 Toren Unterschied schlagen. Für jeden, der auch nur eine vage Ahnung von Fußball hatte, ein Ding der Unmöglichkeit. Das 78er Turnier war für die deutsche Mannschaft gelaufen, der Schirm war zu, der Griff war weggeworfen. Konnte man sich jetzt noch unmöglich machen? Jupp Derwall gelang es mühelos.

In der 19. Minute gelang Rummenigge das 1:0, worauf Derwall, Schöns Assistent und designierter Nachfolger, an den Spielfeldrand sprintete und „Los, Jungs! Noch vier!“ brüllte. Spätestens nachdem die „Schande von Cordoba“ endlich abgepfiffen war, war auch dem letzten Fan der Nationalmannschaft klar, dass wir ab jetzt einen Trainer mit einem ganz eigenen Bezug zur Wirklichkeit hatten.

Doch es sollte zunächst ganz anders kommen: unter Derwall legte die Nationalmannschaft eine unglaubliche Serie von Spielen ohne Niederlage hin (23 am  Stück!) und – darin inkludiert – die längste Siegesserie (13 fucking Stück!).  Und Europameister ist er 1980 mit diesem Wunderteam auch geworden. Da sollte man doch meinen, dass es in diesen Jahren eine gigantische Euphorie um die Nationalmannschaft gegeben hat…

Die gab es erstaunlicherweise nicht. Lag’s an den Spielern? Wir hatten ja ballgewandte Stars wie Schuster und Rummenigge in der Mannschaft, aber Mannschaftskapitän Dietz verfügte über die Ausstrahlung einer Perlgraupe, letztlich überwog die Biederkeit. Auch bei Jupp Derwall, Biederkeit schien dessen zweiter Vorname zu sein. Er ging einem schlicht und einfach auf die Nerven, er kam rüber wie einer dieser unsäglichen Nachbarn, die einen ständig auf ein „lecker Pilschen“ in die selbstfurnierte Kellerbar einladen wollten, um mal in aller Ruhe gemeinsam die Bierdeckelsammlung anzuschauen.

Geselligkeit wurde überhaupt großgeschrieben unter Derwall, wie unter anderem ein verdatterter Bernd Schuster erfahren musste, der aus der Nationalelf flog, weil er der Eröffnungsparty von Hansi Müllers Wüstenrot-Eigenheim ferngeblieben war. Da hatte es laut Derwall „viel Obst und Getreide in flüssiger Form“ gegeben, und wer solch unwiderstehliche Events nicht aufsuchte, ließ wohl den echten Teamgeist vermissen und gehörte nicht mehr dazu, egal wie gut er Fußball spielen konnte.

Als Trainer orientierte sich Derwall an seinem Vorgänger Helmut Schön. Personalentscheidungen standen im Vordergrund, ansonsten galt es, die Mannschaft bei Laune zu halten und Erfolge einzufahren. Das gelang Derwall in den ersten beiden Jahren sehr gut, da lief es praktisch von alleine, doch die Nagelprobe für den Trainer kommt mit der ersten großen Krise. Wie bringt er die Mannschaft wieder auf Kurs, wenn sie ins Schlingern geraten ist?

Das Schlingern kann man wörtlich nehmen, wenn es um die WM-Vorbereitung 82 geht. Der entgeisterte Fan erfuhr von Rotwein-Gelagen im Trainingslager am Schluchsee (logischerweise sofort in „Schlucksee“ umgetauft), von nächtlichen Poker-Partien mit höchsten Einsätzen und sah einen hilflos mit den Armen rudernden Trainer Derwall, der auf Grund seiner schweren Harmonie-Sucht voll auf Turkey war. Wofür kompromisslos krawallige Individualisten wie der zurückgekehrte Paul Breitner nur ein müdes Lächeln übrig hatten und die nächste Autogrammstunde schwänzten. Unübersehbar war: das Team hatte ein Führungsproblem.

Wieder war es ein Spiel gegen Österreich, das zu Derwalls Waterloo werden sollte. Letzte Vorrundenpartie 82, gegen Österreich, in Gijon. Deutschland reichte ein knapper Sieg, Österreich eine knappe Niederlage, so wären beide Teams weiter und Algerien draußen. Und so geschah es. Nach ein paar Minuten stand es 1:0 für Derwalls Team, und dann folgte eine der größten Unsportlichkeiten in der Geschichte des Weltfußballs, ein schändliches Ballgeschiebe beider Mannschaften ohne jeglichen Versuch, ein Tor zu erzielen, die peinlichste Perversion eines Fußballspiels, die je bei einem WM-Turnier (!) an- und abgepfiffen wurde.

Wie reagierte Derwall auf die grobe Unsportlichkeit seiner Mannschaft bzw. wie ging er – falls er denn der Mannschaft dieses skandalöse Verhalten vorgegeben hatte – mit seinem eigenen Versagen um? Gar nicht. Mit größtmöglicher Hilflosigkeit warb er um Verständnis für sich und seine zockenden Saufnasen und erklärte, dass man derartige Spiele eben in Kauf nehmen müsse, wenn man Weltmeister werden wolle. Und wer was anderes meinte, hatte natürlich keine Ahnung.

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Video-Link: https://youtu.be/c7_SyXO6VeQ

Das war’s für den Jupp. Es folgte unter seiner Ägide zwar noch eine der größten kämpferischen Leistungen der Nationalelf überhaupt, das Halbfinale gegen Frankreich, ein unvergessliches Fußball-Drama der – ja – Jahrhundertspiel-Klasse inkl. Schumachers Jahrhundertfoul an Battiston, aber schon im darauffolgenden Finale war die Luft endgültig raus. Italien war dermaßen drückend überlegen, dass auch die Kraft der Fans nicht mehr für ein winziges Dolchstoßlegendchen reichte, die Agonie hatte begonnen, die noch bis zur nächsten EM währen sollte.

Denn eines musste man Derwall lassen: hartnäckig war er, er klebte am Bundestrainer-Posten wie kein zweiter. Obwohl er vollkommen vorhersehbar das 82er Turnier mit Anlauf vergurkte (ich habe ungelogen über 100 Liter Bier erwettet, weil ich auf ein Ausscheiden der Nationalmannschaft in der Vorrunde setzte), wollte Derwall seelenruhig weitermachen, als wäre nichts geschehen. Der typische Teflon-Trainer, an dem alles abperlte.

Und so wurde er erneut zur historischen Gestalt: der erste Bundestrainer, der von der BILD aus dem Amt geschrieben wurde. Noch vor dem 82er Debakel hatte die BILD ihren Fachkolumnisten, die Lichtgestalt in spe Franz Beckenbauer, als einzig möglichen Derwall-Nachfolger positioniert (bis dato übernahm beim DFB immer der Assistent: Herberger von Otto Nerz, Schön von Herberger, Derwall von Schön) und schoss nach dem blamablen Vorrundenaus in bemerkenswert kurzer Zeit die feste Burg DFB zu Klump und zwang Derwall zum Rücktritt.

Fazit: Bemerkenswerter Score. 6 Jahre im Amt, 1x Europameister, 1x Vize-Weltmeister, 1 Turnier vergurkt. statistisch nahe an Schön dran, doch von Wirkung und Ausstrahlung Welten von seinem Vorgänger entfernt. Wanderte dann in die Türkei aus, wo das Schicksal es wieder gut mit ihm meinte und ihn zum Fußballgott machte. Passte ins Bild. Ein Schönwetter-Trainer, der anfangs Glück hatte, den dann aber die Fortune verließ.

(The End of Jupp Derwall. But Bundestrainer will come back with der Lichtgestalt!)

Und wie sieht#s mit dem aktuellen Bundestrainer aus? Hier könnt ihr abstimmen, ob Löw noch der richtige Mann ist oder nicht.

 

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7 Antworten zu Die Bundestrainer (2): Jupp Derwall

  1. AvatarAugusta Fuchs sagt:

    Toller artikel und interessante sichtweise

  2. Avatarplatzger sagt:

    steh ich jetzt komplett auf dem Schlauch oder habe ich was falsch gelesen: Du schreibst mehrmals vom 1982-Debakel, aber da wurden die ja immerhin Zweiter. Das Debakel folgte doch erst 2 Jahre später an der EM, oder?

  3. Mit dem 82er-Debakel meine ich die Schande von Gijon, dieses klägliche, unsportliche Geschieben gegen bzw. mit den Österreichern. Ein Trainer darf einer Mannschaft sowas nicht durchgehen lassen. Die vergurkte 84er EM war lediglich der Endpunkt einer überlangen Agonie, die 82 ihren Anfang genommen hatte.

  4. Avatarplatzger sagt:

    ah, jetzt hat’s auch der platzger kapiert:)

  5. Avatarwaldenhofer sagt:

    Der Artikel trifft von einer solchen Erhabenheit, daß einem das Kotzen kommt. Nur kann man gar nicht so viel essen wie man kotzen möchte.
    Der Mann ist bereits seit Jahren tot und kann sich nciht mehr wehren. Sehr sportlich, in solcher Weise nachzutreten.
    Der Artikel reiht sich aber würdig ein die heutzutage vorherrschende „Berichterstattung“, die mit dem Adjektiv „degeneriert“ noch viel zu gut wegkommt.

  6. Pingback:Die Bundestrainer (3): Franz Beckenbauer | Männer unter sich

  7. Pingback:Mission 5 Possible – das Live-Tagebuch zur Fußball-WM 2018: Tag 4 | | Männer unter sich

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