Die Bundestrainer (3): Franz Beckenbauer

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1127-023 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

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In den letzten Monaten – genauer gesagt seit dem taktisch einigermaßen vergurkten 1:2 gegen Italien bei der letzten EM – ist Bundestrainer Joachim Löw in die Diskussion geraten. »Unfähigkeit, einen Titel zu gewinnen«, wird ihm u. a. gern vorgeworfen. Natürlich hat Löw auch seine Verteidiger (nicht nur Philipp und Jerome), die mit gewichtigen Argumenten für ihn streiten. Für mich (ich bin Fan der Nationalmannschaft seit 1965) ist das Anlass, eine kleine Serie zu schreiben und Löw mit seinen Vorgängern zu vergleichen. Heute die dritte  Folge: Franz Beckenbauer.

Wenn man den netten, weißhaarigen Herrn heute im Bezahl-Fernseh-Studio sitzen und jovial Allgemeinplätzchen der irreren Sorte verteilen sieht, kann man nicht drauf kommen, was für ein Spieler und Trainer Franz Beckenbauer war.

Als Spieler immer noch der beste, den dieses Land je hervorgebracht hat, der einzige Superstar der Pelé-Klasse, da kann ihm bis heute keiner das Wasser reichen, was Technik und Spielverständnis anbelangt, aber erst recht, wie er den Sport zu seiner Zeit geprägt hat: den modernen Libero erfunden und so interpretiert, dass man sich jahrzentelang weltweit an seiner Spielweise orientiert hat. Wer Raumdeckung spielen wollte, musste bis Mitte der 90er Jahre an Beckenbauer vorbei, und das war ein Ding der Unmöglichkeit.

Und als Bundestrainer? Ja, um Himmelswillen. Als der deutsche Fußball am Ende der Derwall-Zeit (hier von einer Ära zu sprechen, verbietet sich von selbst) so am Boden lag wie nur was, erhörte der Kaiser den Ruf seines Volkes der BILD-Zeitung und wurde… nein, nicht Bundestrainer, sondern Teamchef.

So streng waren damals die Bräuche: Beckenbauer hatte (und hat) keine Trainerlizenz und durfte deshalb nicht Bundestrainer genannt werden. Man stellte ihm mit Hogler Osieck einen Yes-Man mit Lizenz an die Seite und nannte ihn ab sofort den »Teamchef«.

Und so begann die wohl unterhaltsamste Zeit, die man mit der deutschen Nationalmannschaft verbringen konnte. Denn Beckenbauer war Lichtjahre von dem relaxten Gaga-Kommentieren der abgeklärten Souveränität heutiger Tage entfernt. Er fuchtelte in der Gegend herum, redete wirres Zeugs, drohte Journalisten Prügel an und…

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Video-Link: http://youtu.be/hKTpXyedHvA

… geriet in die Erfolgsspur.

Wie er das anstellte, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben. Als er sein Aufgebot für 1986 verkündete, lachten wir Tränen. Jakobs? Briegel? Norbert Eder? Bettelte er um seine Entlassung, wollte er den DFB mit dieser Klopper-Truppe weltweit unmöglich machen? Und dann rumpelte er mit diesen Kloppern irgendwie ins Finale, schaltete im Halbfinale die Franzosen aus, die gerade die besten Brasilianer aller Zeiten niedergespielt hatten und wäre tatsächlich beinahe schon 86 Weltmeister geworden. Wenn die nach dem 2:2 hinten dicht gemacht hätten, die Argentinier waren doch platt, die wären in der Verlängerung zusammengebrochen wie nix…

Wie dem auch sei, die Krönung folgte 4 Jahre später in Italien, das Halbfinal-Aus gegen die Niederlage bei der EM 88 nahm ihm niemand übel, da war von Kloppern nix mehr zu merken, die Nationalmannschaft spielte einen konservativen, aber sehr gepflegten Ball und hatte mittlerweile Spieler, mit denen man den Titel holen konnte.

Was dann 1990 geschah. Und gleichzeitig räumte Beckenbauer mit der These auf, Deutschland wäre eine Turniermannschaft, die sich von Spiel zu Spiel steigert. Pustekuchen. Furioser Start, Turnierhöhepunkt im Achtelfinale gegen die Niederlande, als ein späterer Bundestrainer das Spiel seines Lebens machte, und dann ging‘s bergab. Gewürge mit einem Elfmetertor gegen die Tschechen, mit viel Glück gegen starke Engländer im Elfmeterschießen weiter und gegen dauermauernde Argentinier gab‘s wieder nur einen Elfer, kein herausgespieltes Tor, obwohl die deutsche Mnnschaft drückend überlegen war.

Wie dem auch sei, der Titel war da, Beckenbauer, der schon vorher erklärt hatte, nicht weitermachen zu wollen, gab auf dem römischen Rasen den somnambulen Melancholiker und begann, zu entrücken.

Als Trainer war er Pragmatiker. Er misstraute dem 72er Ramba-Zamba-Fußball, seine größten Erfolge als Spieler hatte er erzielt, in dem er sein Talent verleugnet und sich dem Zweckfußball ergeben hatte. Und so war der Stil der Nationalmannschaft zementiert: Manndeckund (»Was anderes kann der Deutsche nicht spielen«, O-Ton Franz), ein eher als Ausputzer interpretierte Libero davor (wer wollte den Vergleiche heraufbeschwören?), davor ein eher defensiv orientiertes Mittelfeld und zwei Stürmer, die es irgendwie schon richten würden. Ganz in der Tradition seiner Vorgänger waren Beckenbauer Systeme fremd, er ließ die jeweils besten spielen und vertraute auf deren Ehrgeiz, seine Autorität und sein Glück.

Autorität: Darin konnte man ihn nur mit Sepp Herberger vergleichen. Grundkonsens seiner Teamchef-Jahre war, dass niemand mehr vom Fußball versteht als er, und vielleicht stimmte das sogar.

Glück: Das war ihm überreichlich beschieden, nicht zuletzt beim 1990er Titelgewinn. Vergessen wir nicht: Hätten damals Pearce und Waddle im Halbfinale die Nerven behalten, dann wäre er als titellose Witzfigur in die Annalen eingegangen, und nicht als Lichtgestalt.

Aber Fortune hatte er ja, der Teamchef.

Foto Teamchef: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1127-023 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

 

 

 

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2 Responses to Die Bundestrainer (3): Franz Beckenbauer

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