Fall Mollath: Abschied von der vierten Gewalt

Dass der Fall Gustl Mollath uns hier in diesem Blog am Herzen liegt, ist regelmäßigen Lesern dieser Seiten bekannt. Und mit der Einschätzung, dass die Art und Weise, mit der SPIEGEL und ZEIT seit einigen Tagen über diesen Justizskandal berichten, verwirrend bis höchst ärgerlich ist, stehen wir nicht alleine da. Bestürzend ist, wie SPIEGEL und ZEIT auf die neuesten Entwicklungen im Fall Mollath und auf die Reaktionen auf ihre Artikel reagieren…

Nämlich gar nicht.

Erinnern wir uns: Bei SpOn hatte Beate Lakotta am 13.12. einen Artikel geschrieben, in dem sie massiv anzweifelte, dass Mollath ein Opfer der Justiz geworden ist. Nur einen Tag später waren zu diesem Artikel weit über 500 Kommentare abgegeben worden, die SpOn-Redaktion hat dann die Kommentarfunktion deaktiviert, obwohl die Diskussion  in relativ sachlichen Bahnen lief. Im SPIEGEL-Blog hat Frau Lakotta dann noch einen Beitrag geschrieben, in dem sie ihren ursprünglichen Artikel verteidigte und auf die Gegenargumente einiger ihrer Kritiker einging. Beiden Artikeln (und einem nur im Print-SPIEGEL erschienen Kommentar von ihr) gemeinsam ist, dass sie – freundlich ausgedrückt – sehr genau auswählt, welche Fakten sie zur Untermauerung ihrer These („Mollath ist kein Justizopfer“) heranzieht. Und dass sie sich nicht an der Diskussion über ihre Artikel beteiligt, weder im SPIEGEL-Blog noch auf den anderen Seiten, die sich mit ihren Artikeln befasst haben, z.B. bei Internet-Law. Auch ein Dementi des von ihr zitierten Psychiaters Dr. Simmerl konnte Frau Lakotta nicht dazu bewegen, ihren Artikel zu aktualisieren bzw. in die Diskussion einzusteigen.

Ähnlich verhielt es sich mit dem – beinahe zeitgleich mit dem Lakotta-Artikel erschienenen – ZEIT-Artikel von Anita Blasberg, Kerstin Kohlenberg und Sabine Rückert. Auch hier versuchen die Autorinnen, Mollath als Irren zu diskreditieren, in dem sie die Fakten selektieren und die Grenzen von Berichterstattung und Spekulation großzügig definieren. Unter anderem unterstellen Sie Mollath, sich in seiner „Märtyrerrolle“ bequem eingerichtet habe, weil er das für ihn kostenlose Mandat des bekannten Strafverteidigers Strate abgelehnt habe. Und die Autorinnen erzählen genüsslich vom angeblich „bizarren Verhaltens“ Mollaths in der Psychiatrie: Soll sich nicht mal gewaschen haben, der Irre.

Mittlerweile ist bekannt, dass Mollath sich als Allergiker nur mit Kernseife waschen kann und sich aus Protest gegen die Verweigerung derselben solange nicht gewaschen hat, bis ihm die Kernseife genehmigt wurde. Und  Mollath hat Staranwalt Strate in der Tat mehrere Tage vor Erscheinen des ZEIT-Artikels mandatiert, was Frau Rückert ohne weiteres hätte erfahren können, wenn sie die entsprechenden Zitate – wie angekündigt – durch Strate hätte autorisieren lassen. Der Artikel mit all seinen wuchernden Spekulationen ist den Autorinnen förmlich unter der Nase implodiert, geblieben ist nichts außer einem für die ZEIT hochnotpeinlichen Stück Tendenzjournalismus. Wie peinlich das der ZEIT ist, sieht man daran, dass der Artikel nicht auf der Startseite unter „meistkommentierte“ gelistet ist, obwohl er die mit Abstand meisten Kommentare aller aktuellen ZEIT-Online-Artikel hat (derzeit 632). Eine Aktualisierung, eine Richtigstellung des Artikels wäre eigentlich das mindeste gewesen, was verantwortlich agierende Journalisten bzw. verantwortlich agierende Redaktionen schon vor Tagen hätten online stellen müssen.

Spätestens seit Gabriele Wolff den 5. Teil ihrer Analysen zum Fall Mollath zum 1. Januar online gestellt hat, in dem sie die Gutachten, die Mollath in die Psychiatrie gebracht haben, nach allen Regeln der Kunst seziert und in der Luft zerreißt, müssen sich Wochenblätter wie SPIEGEL und ZEIT fragen lassen, warum ihre Redaktionen mit all dieser Manpower es nicht mit einer solo agierenden Oberstaatsanwältin a. D. aufnehmen können, vor allen Dingen, was journalistische Kernkompetenzen wie Recherche und Analyse angeht.

Gut, Journalismus ist auch ein Tagesgeschäft. Da kann es immer mal wieder geschehen, dass Unsinn ins Blatt oder den eilig aktualisierten Online-Auftritt rutscht, und bei einigen Blättern ist es nach wie vor Usus, eigene Fehler – vor allem im Printbereich – nicht zu korrigieren: die Zeitung von gestern ist doch sowieso schon heute vergessen. Doch hier geht es um die Online-Auftritte zweier bedeutender deutscher Wochenzeitungen. Die bisher durchaus als erfolgreiche Vorreiter des Online-Journalismus gesehen werden konnten. Eine Aktualisierung bzw. Richtigstellung der Artikel wäre bisher bei beiden Blättern m. E. eine  Selbstverständlichkeit gewesen. Oder, anders ausgedrückt: hier wird faktenverdrehender Unsinn ganz bewusst stehen gelassen. Damit andere sich auf diesen „Qualitätsjournalismus“ berufen können, wie z.B. die bayrische Justizministerin?

Wie schon Thomas Stadler und Ursula Prem schrieben: Der Fall Mollath ist kein bloßer Justizskandal mehr sondern auch ein ziemlich heftiger Presseskandal. Jeder, der sich ein wenig mit der Materie auskennt, spürt die Unredlichkeit des Vorgehens von SPIEGEL und ZEIT. Man kann nur spekulieren, was die Motive waren, Mollath als Irren zu diskreditieren. Wollte man wirklich lediglich einen Scoop landen und eine Gegenpositon zur justizkritisch berichtenden Süddeutschen Zeitung einnehmen? Dagegen spricht ganz simpel die Faktenlage: Die Quellen sind für jedermann mit Internetanschluss einsehbar und sie weisen ausnahmslos in eine Richtung: Mollath sitzt zu Unrecht seit Jahren in der Psychiatrie. Sollten ZEIT oder SPIEGEL über weiteres, der Öffentlichkeit bisher nicht zugängliches Material verfügen, hatten sie genügend Zeit, es zu präsentieren, zumal hundertfach von den Lesern nachgefragt wurde.

Nein, es riecht nach Gefälligkeitsjournalismus, ganz offensichtlich haben hier die Journalistinnen und Redaktionen jemand einen großen Gefallen tun wollen. Natürlich fragt man sich, wer denn der Nutznießer des Gefallens sein könnte und welche Gegenleistung erbracht worden ist bzw. erbracht werden soll. Genügten freundschaftliche Bande zu einem oder mehreren der umstrittenen Gutachter? Oder wird die CSU ihr ganzes Wahlkampf-Printanzeigen-Budget in Blättern aus Hamburger Verlagshäusern verballern? Hat ein Nürnberg-Promi versprochen, sein Schwarzgeld zurück nach Deutschland zu schaffen und für einen wohltätigen Zweck zu spenden?

Das klingt natürlich vollkommen abwegig, aber wie abwegig ist es eigentlich, die grundlegende Position des kritischen Journalismus als „vierte Gewalt“ im Staat aufzugeben und einen nachhaltigen Vertrauensverlust bei Lesern und Kollegen zu riskieren? Und wie zynisch ist es, billigend in Kauf zu nehmen, dafür einen Unschuldigen zu opfern?

So oder so, der Fall Gustl Mollath markiert eine Zäsur in diesem Land. Nicht nur unser Vertrauen in die Justiz ist beschädigt, auch das Vertrauen in die sogenannten Leitmedien hat einen gehörigen Knacks bekommen. SPIEGEL und ZEIT haben leichtfertig das Wächteramt der unabhängigen Presse aufgegeben. Das kann, das muss Konsequenzen habe. „Who watches the watchmen?“ – „Wer bewacht die Wächter?“ werden wir uns in Zukunft fragen müssen.

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12 Responses to Fall Mollath: Abschied von der vierten Gewalt

  1. Joachim Bode says:

    Ein hochklassiger Kommentar zur Berichterstattung im Fall Mollath, der jetzt nicht mehr Fall Mollath, sondern – besser – Fall Dr. Merk, Bayrische Justiz, ZEIT und Spiegel heissen müßte!
    Wo politische und/oder finanzielle Interessen eine Rolle spielen, ist das Wort Scham nicht mehr angesagt. Das erklärt das Schweigen im Walde von ZEIT und SPIEGELonline.
    Sorgen wir für frischen Wind!

  2. Theodor Werz says:

    …anstrengend sind alle Stellungsnahmen zu lesen! Aber am meisten würde mich beruhigen wenn wohl involvierte Ferngutachter bald ihrer gerechten Strafe entgegensehen!
    Eine Warnung an alle andere Gefälligkeitssachverständigen, wenn das Psycho-drama Mollath restlos aufgeklärt ist, blamiert sich eine Berufsgruppe untereinander!
    Lebenslang tiefe Verachtung bleibt bestehen, wer anderen verzweifelten Menschen in Wissen darüber grundlos die Hölle auf Erden verschreibt!

  3. Ich bitte um Verständnis, dass ich einige Kommentare, die die Diskussion auf einen völlig anderen Fall zu lenken versuchten, entfernt habe.
    Außerdem bitte ich um eine gemäßigte Wortwahl. Wir erweisen Herrn Mollath einen Bärendienst, wenn wir unsachlich und emotional diskutieren. Dann behalten die oberflächlichen Journalisten, die vom „Internet-Mob“ sprechen, die Meinungshoheit. Und gerade dagegen gilt es zur Zeit anzukämpfen, um Herrn Mollath zu helfen.

    • Beide Fälle, Fall Solarkritiker und der Fall Mollath zeigen eklatante Parallelen auf, die ich mit Gustl Mollath auch im Telefonat besprochen hatte und sich im November bestätigt haben. Beide Fälle zeigen nicht nur Justizversagen sondern auch Medienversagen, und das Medienversagen sogar im Fall Solarkritiker leider nochmehr und länger, als im Fall Mollath. Aber beide Fälle zeigen zusammen, dass diese „dubiosen Methoden“ Bestandteil des „Systems“ sind, wohl deshalb, weil „das System“ anders nicht mehr überleben kann. In Deutschland hat man Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nie wirklich gelernt und nie wirklich lernen dürfen.

  4. safewora says:

    Die Bayerische Politik hat ein Problem
    wenn Sie jezt den fall Mollath wieder aufrollt, fällt er direkt in den Wahlkampf hinein. Wenn sie ihn nicht aufrollt, werden das die Gegenparteien des derzeitgen Landtages benutzen. Es ist also faktisch egal, was die bayerische Justizministerin im Fall Mollath anordnet: der Schaden wird groß sein. Aber sie kann Schadensbegrenzung betreiben und genau darauf, so denke ich, wird es hinauslaufen. Beate Merk lanciert in der Presse – die haben damals alles richtig gemacht. Dann tritt der beliebte Chef mit donnerstimme auf und sagt, dass das ein oder andere vielleicht nue überprüft werden muss. Diesen offiziellen Auftrag nimmt die tapfere Bate Merk an und lässt sich Zeit. Die Wahl ist im September. Bis dahin kann man das Wideraufnahmeverfahren locker hinauszögern, zumal es jetzt ja einen neuen Verteidiger gibt, der erst mal alle Unterlagen braucht und da hat man viele Möglichkeiten, Zeit zu schinden. Ich glaube nicht an ein Neuurteil im Fall Mollath vor der entscheidenden Wahl in Bayern. Ja, mit etwas Geschick wird sich der Fall sogar Wahlpopulistisch ausschlachten lassen können.
    So sin’s halt die Bayern. Ich darf das sagen, ich bin selber eine.

  5. Ich musste leider schon wieder einige Kommentare entfernen, die Beschimpfungen etc. enthielten. Dies ist eine Plattform zur sachlichen Diskussion, kein Forum zur Selbstdarstellung für Profilneurotiker. Mir ist nicht erinnerlich, dass es jemals gelungen wäre, das Opfer eines Justizirrtums durch beleidigende Pöbeleien zu rehabilitieren. Bitte, unterlasst das, sonst muss ich die Kommentarfunktion für diesen Artikel deaktivieren.

  6. Bestellbar sind diese ‚Gutachten‘. Weil von der Presseseite NIE was passiert, ist diese Praxis gang und gaebe geworden. Selbst wenn die Gutachter derart selten doooof (oder arrogant) sind, dass sich ein Gutachten von vornherein als Betrug darstellt. Ebenso zu meiner Unterbringung (BKH-Bayreuth-anamo) fuehrte das Gutachten, bei dem ich durch Aktenverwechslung fuer den Taeter gehalten wurde. Jedenfalls wurde bei der Begutachtung die falsche Akte, fuer MEINE Akte gehalten. Jedoch ich hatte KEINE Akte…….. (Seite 3)
    http://www.helmutkarsten.homepagestart.de/galerie3304.html und (Uni-Erlangen)
    http://www.helmutkarsten.homepagestart.de/link_32078233.html

  7. fritz says:

    Nun wird die Wahlkampf-Reaktion auf uns hereinfahren: Freispruch oder „gefährlich“? Die Justiz als rechstsstaatlich darstellen und die Psychiatrie als bürgerfreundlich? Einzig, was wir glauben sollten: Ist es demokratisch legitimiert? Selbsthilfe und Selbstorganisation sind die einige Sicherheit gegen die Organisierte Kriminalität, die sich im alten Filz versteckt und mit der Unterstellung „Verschwörertheorien“ ihre Aufdeckung verhindern will: Auf allen Staatsbanketten trafen sie sich mit der Presse und vereinbarten ihre Steuerlösungen, Provisionen und Waffenschiebereien. Ihre Früchte sprechen.

  8. RoMilla says:

    Ein sehr guter Artikel. So geht Journalismus. Danke. Bitte dran bleiben an diesem Fall, der so viele Menschen – wie z.B. mich – tief bewegt.

  9. Pingback: Der Fall Gustl Mollath | Gerswind

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