[Klartext] Die Freiheit, mit Dreck zu werfen

geralt / Pixabay

BILD Online (und evtl. auch die Print-BILD, das weiß ich nicht, weil ich sie nicht kaufe das weiß ich jetzt, weil BILDblog die Sache aufgegriffen hat) veröffentlichen heute Fotos, auf denen zu sehen ist, wie eine Frau sich an der Plünderung eines Drogeriemarkts während der G-20-Krawalle in Hamburg beteiligt. Man sieht, wie sie ein paar auf der Straße liegende Artikel aufhebt und sich davon macht. Das Landgericht Frankfurt hat BILD das Veröffentlichen dieser Bilder untersagt, denn es ist allenfalls „der Diebstahl geringfügiger Sachen“ zu sehen. Vollkommen korrekt: Wenn ein Mensch ein paar Sachen mitnimmt, die sowieso im Müll gelandet wären, ist das kein Grund, ihn an den Pranger zu stellen. BILD tut das trotzdem, „weil die Abbildung von Straftaten… zum Auftrag der Presse gehört“. Man könnte das mit „typisch BILD“ abtun, und sich angewidert abwenden, aber die Jungs und Mädels bei BILD sind ja nicht die einzigen, denen ihr Redaktionsstatut wichtiger ist als Recht, Gesetz und Anstand.

Schauen wir auf Männer, die in den letzten Jahren an den Pranger gestellt wurden.

Thema Woody Allen: in sechs von zehn aktuellen Artikeln beim Tagesspiegel, in denen von Allen die Rede ist, wird der vor über zwanzig Jahren erhobene Vorwurf thematisiert, er habe seine Adoptivtochter missbraucht. In keinem dieser Artikel wird erwähnt, dass die Staatsanwaltschaft gegen Allen ermittelt und KEINE Anklage erhoben hat. Ebenso wenig wird erwähnt, dass zwei Geschwister der Adoptivtochter Allen vehement verteidigen und angeben, die Beschuldigung wäre fabriziert. So bleibt der Dreck eben kleben.

Thema Dieter Wedel: Genüsslich tritt die Presse die Vorwürfe wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung und reitet auf Wedel Ruf als Womanizer und tyrannischem Regisseur herum. Die Kolleginnen und Kollegen, die Wedel verteidigen finden ebenso selten Erwähnung wie die Tatsache, dass die Verbrechen, derer er bezichtigt wird, verjährt sind, er also keine Gelegenheit bekommen wird, vor Gericht seine Unschuld zu beweisen. Der Dreck wird kleben bleiben.

Thema Tim Hunt. Tim wer? Ach ja, das war doch dieser sexistische Biochemiker… Eben. Tim Hunt war von einer Journalistin beschuldigt worden, öffentlich eine empörend sexistische Rede vor einem entsetzt schweigenden Publikum gehalten zu haben. Dass wurde in der Presse ausgiebig breitgetreten, der Shitstorm war gewaltig und global. Wenige Tage später war Tim Hunt komplett rehabilitiert: seine Rede war nicht sexistisch, sondern selbstironisch, sein Publikum hatte nicht geschwiegen sondern ihm begeistert applaudiert. Darüber hat die Presse dann – mit wenigen Ausnahmen – geschwiegen. Seinen Job hat Hunt verloren, seine wissenschaftliche Lebensleistung in der Krebsforschung ist hinter einem Skandal verschwunden, der keiner war. Der Dreck ist kleben geblieben.

Ich könnte noch weitere Beispiele anführen, doch das Muster sollte bereits klar sein: durch absichtsvolles Weglassen relevanter Informationen wird versucht, Stimmung zu machen, um Clickbait zu erzeugen, um die Auflage zu steigern.

Und es trifft nicht nur Männer, auch Frauen geraten ins Visier der Dreckschleuder, wenn sie sich für Männer einsetzen. Thema Catherine Deneuve: Die fordert, dass Männer ungehindert belästigen dürfen. Ungeheuerlich! Notgeil oder stein-senil? Nichts dergleichen. Catherine Deneuve hat zusammen mit 99 anderen Französinnen einen Aufruf unterzeichnet, der vor extremen Auswüchsen der #metoo-Kampagne warnt, die zu einem Rückfall in die prüden Zeiten der vorigen Jahrhunderte warnt. Vollkommen zurecht, denn wer diese verklemmten Zeiten noch erlebt hat, wünscht sie sich keinesfalls zurück. Doch (zu) viele Journalistinnen und Journalisten verkürzen den Aufruf auf seinen bewusst provozierenden Titel und hauen Madame Deneuve um die Ohren, dass sie von Männern belästigt werden will. Offensichtlich in der Hoffnung, dass der Dreck kleben bleibt.

Kommen wir zum Fazit: Diese Journalisten sind um keinen Deut besser als die BILD-Schmierfinken, die um der Seitenaufrufe und der Auflage willen ein Gerichtsurteil ignorieren. Da wird mit den gleichen Zielen (Clickbait, Zeitungen verkaufen) verleumdet, übel nachgeredet und Rufmord begangen, bis die Heide wackelt. Die Unschuldsvermutung interessiert sowieso keinen mehr, rechtsstaatliche Prinzipien sind nur was für kleingeistige Warmduscher. Doch die Rechnung geht nicht auf, die Auflagen der Zeitungen sind weiterhin im freien Fall. Der Bürger wendet sich von einem Journalismus ab, der Pressefreiheit für die Freiheit mit Dreck zu werfen hält. Der einfache Bürger wird für jeden minimalen Verstoß gegen Recht und Gesetz zur Kasse gebeten, und er verfügt nicht über die noch wohlgefüllten Kriegskassen der Verlage, für die die fällig werdenden Strafen offenbar nur Klimpergeld sind. Für Zeitungsleser, die wert auf eine seriöse – also Recht, Gesetz und Anstand respektierende – Berichterstattung legen, ist die Auswahl am Kiosk schwer geworden.

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