[Klartext] Drei Dinge, die die Wissenschaft erschütterten

Foto: Masur [CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

By Masur [CC BY-SA 4.0 / CC BY-SA 3.0 / CC BY-SA 2.5 / CC BY-SA 2.0 / CC BY-SA 1.0], via Wikimedia Commons

Tim Hunt ist Wissenschaftler. Biochemiker. Er ist 72 Jahre alt. Seine wissenschaftliche Karriere begann laut Wikipedia 1963 in Cambridge und dauert heute noch an. Tim Hunt ist Fellow der Royal Society, erhielt 2001 zusammen mit Paul Nurse und Leland Hardwell den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, 2006 bekam er die Royal Medal und wurde zum Ritter geschlagen und dann gab’s noch die ein oder andere Ehrendoktorwürde usw. usf.

Seit ein paar Tagen ist das alles Nebensache geworden. Während einer Konferenz äußerte sich Hunt folgendermaßen über Frauen in wissenschaftlichen Labors: “ „Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen.“

Diese Sätze Hunts lösten einen globalen Shitstorm aus, der schließlich dazu führte, dass Hunt als Honorarprofessor am University College London zurücktreten musste.

Ich nehme zur Kenntnis, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung für Nobelpreisträger nicht mehr zu gelten scheint.

Da ich selber nicht Gefahr laufe, jemals für einen Nobelpreis nominiert zu werden, kann ich weiterhin meine Meinung sagen. Die da lautet: Wer in den Sätzen Hunts die offensichtliche Ironie nicht erkennt, ist entweder schlichtweg böswillig, verfügt über keinerlei Lebenserfahrung oder hat ein massives Intelligenzproblem. Oder – was wahrscheinlich ist – alles zusammen.

Dass mit diesem Shitstorm so ganz nebenbei Hunts herausragendes Lebenswerk marginalisiert wird, ist dann noch das Sahnehäubchen auf dem Scheißhaufen.

 

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22 Responses to [Klartext] Drei Dinge, die die Wissenschaft erschütterten

  1. AvatarUlrich says:

    Das ist sie: die Herrschaft des Pöbels. Ihre Maxime ist ihre Beschränktheit. Ihr Erkennungszeichen ist das Geschrei. Ihr Antrieb ist ihr Ressentiment.

  2. AvatarNils says:

    Kann man natürlich auch immer anders sehen. Jemandem digitale Gewalt anzutun, wie es bei einem Shitstorm der Fall ist, würde mir im Traum nicht einfallen, aber ein renommierter Wissenschaftler darf auch nicht so sprechen.
    Während man es als Mann vielleicht als superlustige Ironie verstehen kann, streut es bei den meisten Frauen, die es schwer dabei hatten, sich in der Wissenschaft zu etablieren, nur Salz in die Wunde.
    Ich finde es gut, dass solches Verhalten nicht toleriert wird. Das marginalisiert auch nicht seine wissenschaftliche Arbeit, sondern erkennt vielmehr die Arbeit von Frauen an:
    Wenn du nicht mit Frauen in einem Labor arbeiten willst, dann musst du eben deinen Hut ziehen, und wir lassen es nicht zu, dass du die ganzen talentierten Gehirne abschreckst, die zufällig in weiblichen Köpfen stecken.

    Er hat das übrigens nochmal bestätigt, was er da gesagt hat, dass er das ernst meinte, auch wenn er damit niemandem auf die Füße treten wollte. Absolut unprofessionelles Verhalten und absolut nachvollziehbar, dass diverse Gesellschaften, denen er angehört und auch sein Arbeitgeber sich davon distanzieren.
    Den Nobelpreis und auch den Pulitzerpreis gewinnt man mit so einem an die Stammtisch-Chauvis anbiedernden Artikel tatsächlich nicht.

    Hier noch zwei Links, die dem geneigten Leser noch eine fundiertere Gegenmeinung liefern mögen. Die diesem Beitrag hier zustimmen, kann man damit wohl nicht mehr umstimmen.

    http://www.theguardian.com/uk-news/2015/jun/10/nobel-scientist-tim-hunt-female-scientists-cause-trouble-for-men-in-labs

    http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jun/10/tim-hunt-science-prejudice-against-women

  3. Nein, er hat nicht gesagt, dass er es ernst gemeint hat. Seine Frau und er haben immer von einem „joke“ gesprochden. Und da du den Guardian liest, ist dir sicher auch dieser Artikel aufgefallen: http://www.theguardian.com/world/2015/jun/20/sir-tim-hunt-gratitude-female-scientists-support-joke

  4. AvatarNils says:

    Dann stehen nun wohl seine eigene Aussage gegen seine eigene Aussage. Auch in dem von dir verlinkten Artikel ist eine Audiodatei eingebettet, in der er sagt, dass er das eigentlich doch so meinte.
    Es rettet ihn natürlich, dass er in der Vergangenheit vielen jungen Frauen geholfen hat und dass er sich darauf zurückberufen kann. Das macht die Sache an sich aber nicht besser und gibt ihm auch kein Recht dazu.
    Und dass dieser Spruch, Witz wie er ihn nennt, provokant unterhalten sollte, dürfte kalkuliert gewesen sein. Wenn man provoziert, um einen Effekt zu erzielen, muss man auch damit rechnen, dass es nach hinten losgeht. Und wenn er nicht provozieren wollte, sondern meinte, dass er mit seiner anekdotenhaften Erfahrung bei den anwesenden Frauen auf offene Ohren stößt, hat vielleicht unterschätzt, wie manche unter Sexismus (im Sinne von genau dem Witz den er gemacht hat) am Arbeitsplatz zu leiden haben. Dass er sich dessen in diesem Fall nicht bewusst sein könnte, würde die Sache nicht besser, sondern schlimmer machen.

    Ich habe weniger ein Problem mit ihm als Person, weil er sich eigentlich ziemlich nett anhört, sondern vielmehr mit der Marginalisierung seines Witzes in diesem Artikel. Ein polemischen Plädoyer gegen den Zwang zu politischer Korrektheit und eine Beleidigung derer (zweitletzter Absatz) die der Meinung des Verfassers nicht zustimmen. Eine Beleidigung aller, die in einem Witz mit problematischen Inhalt (denn wenn in einem Witz ein allzu wahrer Kern steckt, wie es hier der Fall ist, dann können auch damit Gefühle verletzt und Gegenüber erniedrigt werden) Wenn man auf der „richtigen“ Seite des Witzes und der Geschlechterrollenverteilung steht, kann man das natürlich leicht übersehen und die Aufregung nicht verstehen. Anderen dabei aber Böswilligkeit zu unterstellen, die Lebenserfahrung abzusprechen oder gar die Intelligenz, nur weil sie nichtmkt der eigenen Meinung übereinstimmen, zeugt nicht gerade von großer Empathiefähigkeit.

  5. Verstehe ich das richtig, du schreibst, dass das, was Hunt als Witz gesagt hat, im Kern wahr ist, er es deshalb aber erst recht nicht hätte sagen dürfen?
    Das ist doch furchtbar, eine solche Maxime wäre doch das Ende jeden freien Diskurses (und nebenbei auch der Wissenschaft – „Ich könnte XYZ widerlegen, darf das aber nicht tun, weil ich Gefühle verletzen könnte.“).
    Zur „richtigen“ Seite von Hunts Witz: Ich verstehe ihn nach wie vor als selbstironische Äußerung, mit der er sich selbst genauso auf die Schippe nimmt wie die weiblichen Verhaltensweisen, die er anspricht.
    Schließlich: Was ist daran NICHT böswillig, dumm und lebensunerfahren, einen herausragenden Wissenschaftler auf einen aus dem Zusammenhang gerissenen Satz zu reduzieren und wegen dieses Satzes seine berufliche und gesellschaftliche Vernichtung zu fordern? Das wiederum finde ich nicht sonderlich empathisch.

  6. AvatarNils says:

    1. Ja. Du marginalisierst seine Aussage als reine Ironie, aber er selbst sagt, dass sie einen wahren Kern enthält. Dieser wahre Kern ist das Resultat einer Wirklichkeit, in der Männer eigentlich keine weiblichen Kollegen im Labor haben wollen (warum auch immer). Dieser Sexismus versperrt Frauen (wie häufig auch immer) den Weg zu einer erfolgreichen Karierre. Da der Witz eine Tatsache anspricht (ohne sie zu problematisieren), die vielen sauer aufstößt und die viele verletzt, hätte er lieber auf ihn verzichten sollen.
    2. Die Gefühleverletzungskeule zieht hier leider nicht. Der Witz war als Unterhaltung in seiner Rede kalkuliert. Das hat nichts mit wissenschaftlichem Fortschritt zu tun, der stattdessen nach Erkenntnisgewinn strebt. Äpfel und Birnen sollte man in unterschiedlichen Kategorien bewerten.
    3. Ich verliebe mich nur und die verlieben sich nur gerne, aber dass Frauen sofort in Tränen ausbrechen, wenn man sie kritisiert, ist einfach geschmacklos. Es ist ein Witz. Es war anscheinend auch selbstironisch gemeint. Das macht es aber nicht geschmackvoller.
    4. Das hast du nicht geschrieben, stattdessen hast du „Wer in den Sätzen Hunts die offensichtliche Ironie nicht erkennt (…)“ geschrieben. Meine Meinung zur Bedeutung der Ironie in der Aussage habe ich schon geschrieben. Deiner letzten Aussage zu denen, die seine Vernichtung fordern, stimme ich zu, sie antwortet nur nicht auf meinen Kommentar.
    Nochmal: Ich habe weniger ein Problem mit ihm als Person, sondern mit deinem undifferenzierten, polemischen Artikel.

  7. Sowie der Mob, der zur Hexerjagd auf Hunt geblasen hat und bläst, anfängt, differenziert und unpolemisch zu agieren, mache ich das gleiche.

  8. AvatarNils says:

    Der Mob agiert leider nie so, aber wir sind uns wenigstens einig, dass dieses Verhalten eigentlich nicht akzeptabel ist/sein sollte.
    Ist aber natürlich gut, wenn man sein eigenes Verhalten mit dem anderer rechtfertigen kann.

  9. Nein, natürlich sind wir uns nicht einig. Ich weiß nicht, wie du darauf kommst.

  10. AvatarNils says:

    Dass die Hexenjagd und Polemik und Undifferenziertheit des Mobs nicht akzeptabel sind?
    Dachte ich irgendwie.

    Wo wir uns natürlich nicht einig sind: Ob es dann ok ist, auf demselben Level Meinungsmache zu betreiben.

    Ich finde halt, dass man Verständnis für die Ablehnung der Aussage haben kann (ohne ihren Inhalt zu marginalisieren) und trotzdem kein Verständnis für Shitstorms und öffentliche Hexenjagden.
    Da sind wir uns tatsächlich nicht einig. Das wollte ich auch nicht behaupten. Falls das anders rübergekommen ist, tut mir das Leid.

  11. Sorry, da hatte ich dich missverstanden, meine Schuld. Bezüglich des Verhaltens des Mobs sind wir uns natürlich einig. Bei der Bewertung von Hunts Sätzen sind wir in der Tat meilenweit auseinander.

  12. AvatarNils says:

    „Es ist seltsam, dass so ein chauvinistisches Scheusal wie ich gebeten wurde, vor Wissenschaftlerinnen zu sprechen“
    „Die Wissenschaft braucht Frauen, und Sie sollten trotz aller Hindernisse Wissenschaft betreiben, auch trotz solcher Scheusale wie mir.“
    „Es [das Protokoll] stammt außerdem von einem Vertreter der Organisation, für die Hunt an der Konferenz teilnahm. Denkbar ist daher auch, dass es gezielt zu seiner Entlastung angefertigt wurde.“
    „Die kurze Ansprache sei „scherzhaft (wenngleich komplett unangebracht)“ gewesen, heißt es in der Mitschrift.“

    Wenn man zwischen den Zeilen liest, dann findet man: Eigentlich sagt das Protokoll gar nichts. Vor allem nichts neues.
    Wenn er schon weiß, dass er ein „chauvinistisches Scheusal“ ist, dann müsste er eigentlich auch mehr auf seine Worte achten. Er ist anscheinend auch stolz drauf und provoziert damit bewusst.

    Er hat danach auch immer noch betont, dass er das mit den singlesex-labs eigentlich bevorzugen würde. Der Witz war also doch mit ernstem Hintergrund und viele fanden ihn nicht lustig, auch wenn er rhethorisch als erheiterndes Element angelegt war.
    Sieht er selbst auch so:

    „However, he did acknowledge that his “idiotic joke” had touched a nerve. “My comments have brought to the surface the anger and frustration of a great many women in science whose careers have been blighted by chauvinism and discrimination,” he said. “If any good is to come from this miserable affair, it should be that the scientific community starts to acknowledge this anger, recognise the problem and move a lot faster to remove the remaining barriers.” “

    Viele Frauen wurden von Männern zurückgehalten, die genau diese Meinung ernsthaft vertraten und solche dummen Witze tragen dazu bei, dass diese Meinung salonfähig bleibt. Das ist nicht akzeptabel, wenn auch die Reaktion völlig übertrieben und agressiv ist. Die Marginalisierung (wie sie im Blogpost stattfindet) solcher chauvinistischer Meinungen ist aber auch nicht in seinem eigenen Sinne, wenn nicht alles, was er jetzt dazu sagt, nur zur Schadensbegrenzung dienen soll.

    Es scheint ihn aber auch nicht sonderlich zu stören:
    „but really my work there [University College London] was over“
    “I am not in a rush to do anything, quite frankly. It is coming up to Wimbledon, which I love. In the past I have always been too busy to watch much of it. Now I can relax for the first time and enjoy the tennis when it starts in a few days. So, yes, I suppose there have been some benefits to this business.”

  13. Wenn eine weibliche Managerin jetzt über männliche Teammitglieder bei einem Vortrag sagen würde: „Drei Dinge passieren, wenn sie im Team sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, werden sie aggressiv.“, dann wäre das Männlein wie Weiblein völlig schnurz. Warum auch nicht bei Hunt, vielleicht/wahrscheinlich haben Hunt und die fiktive Managerin exakt diese Erfahrung gemacht. Das „Du“ bedeutet nämlich hier absolut offensichtlich noch viel mehr „Ich“ als „man“. Es ist *seine* Erfahrung. Und er ist doch kein Politiker im Ressort Gleichberechtigung, er ist nur ein Wissenschaftler. Ersetze das durch „Musiker/-in“ und „sie/ihn in der Band“ und es gäbe auch keinen Shitstorm (und stimmt vermutlich auch sehr oft mit der Erfahrung eines Bandleaders oder einer Bandleaderin überein), auch wenn der Musiker tausendmal mehr Einfluss auf ungeformte Menscheneinstellungen hat. Aber wenn das schon egal, ist, wie viel „egaler“ ist denn Hunt oder die Managerin, was haben denn bitte die für eine Vorbildfunktion? Außerhalb ihres eigenen Standes ganz genau gar keine. Wissenschafltler sind keine Sportler und keine Popstars. Wenn man die zum Vorbild hat, ist man also selbst in diesem Metier unterwegs und hat vielleicht andere oder die gleichen Erfahrungen gemacht, jedenfalls wird er/sie auf diesem Wirkungsniveau selbst entscheiden und sich nicht „anstecken“ lassen. Ansonsten wird der Redner üblicherweise vom außenstehenden, nicht-fachkundigen Rest der Welt gar nicht wahrgenommen für seine Rolle, nun aber dank Shitstorm nur für eine Microfaser seiner Persönlichkeit und die ist auf diesem Incorrectness-Level (war ja nun kein Hilter-Lob oder Mordaufruf) schnurzegal. Wer ein lebenslanges Problem mit Männern hat, darf sich relativ breit abfeiern lassen, wer ein lebenslanges Problem mit Frauen hat, ruiniert sich beruflich mit der Schilderung der individuellen Erfahrung? Tolle Zeiten! Außer man ist Comedian, der wird auch wieder dafür abgefeiert, bei dem steht ja auch deutlicher „(fast) nur Spaß“ dran… Ich denke immer, wer bei Sachen wie dem Werbespot mit dem Schwulenrestaurant oder dem Hunt-Ausspruch sofort mit Reflexempörung an Diskriminierung denkt, der muss innerlich meilenweit von Gleichberechtigung und Toleranz entfernt sein, der hat da scheinbar permanent so einen inneren Rechtfertigungskampf auszufechten und muss den in die Öffentlichkeit tragen. Wer bei dem Thema ein völlig gelassenes Gewissen hat, der kämpft erst da, wo offene Diskriminierung auf Sendungsbewusstsein trifft und ballert nicht in jeden belanglosen Nebensatz und bekräftigt nervig-akribisch seine liberale (oder sogar auf die Seite der Unterdrückten überbalancierte) Position. Ich sag ´mal: Bärendienst!

  14. Nachtrag: kritisiert wird übrigens vorwiegend die Forderung nach geschlechtergetrennten Labors, nicht das mit dem „Heulen nach Kritik“. Letzteres ist der harmlose Witz mit Realitätsbezug (wenige Menschen können mit Kritik umgehen und Männer und Frauen äußern mangelnde Kritikfähigkeit eben mit unterschiedlicher Verteidigung, Männer oft durch Aggression (Protestgeschrei), Frauen durch Enttäuschung und Trauer (Protestgeheul), beides nicht schön, aber mit dem einen können Frauen besser umgehen und mit dem anderen Männer. Was uns zum Geschlechtertrennungs-Gedankenspiel führt: ist es Diskriminierung, wenn man anerkennt, dass Männer und Frauen zwar „gleich viel wert“ sind, aber nie *gleich* waren und es nie sein werden? Ist es Diskriminierung, zu vermuten, das bei nahezu allen Schaffensvorgängen (intellektuell, materiell oder kreativ) eine harmonische, verstärkende und ablenkungsfreie Arbeit am zielführendsten ist und dass vielleicht auf unterster Ebene getrenntgeschlechtliche Teams, die in der Ebene darüber regelmäßig kommunizieren und sich erst dort ergänzen, effektiver sind als von vornherein gemischtgeschlechtliche Zellen? Verschiedene Geschlechter wirken naturbedingt oft ablenkend, tendentiell unterschiedliche Problemlösunsgstrategien und Gefühlswelten von Mann und Frau wirken zunächst konsenshemmend und emotionalisieren den Gedankenaustausch und gemischte Gruppen tendieren zur ausbalancierten Mitte statt zum Verstärken bis zum Randextrem, genau das Momentum, das man beim „Brainstorming“ herbeisehnt. Beim „Wegarbeiten“ mag die Gruppendynamik wenig stören, beim Erschaffen ist das ein anderes Thema.

  15. Und ich möchte noch darauf hinweisen, dass das despektierliche Wort „Heulen“ Hunt in der deutschen Übersetzung untergeschoben wurde. Bei seiner Rede benutzte er „to cry“, was „Heulen“ bedeuten kann, aber üblicherweise im Sinne von „Weinen“ benutzt wird.

  16. AvatarNils says:

    Untergeschoben ist schon ein starkes Wort, dafür dass du es selber benutzt hast.

    @Stefan: Musiker lösen bei sowas genauso Shitstorms aus. Deren Arbeitgeber sind aber leider meistens genauso sexistisch (nämlich die, die ihre Musik hören). Nur weil die dann nicht aufhören, diesen oder jenen Promi gut zu finden, soll ich jetzt plötzlich dumme Witze gutheißen?
    Macht es denn den Sexismus in seinem Witz besser?
    Der Kommentar, dass ALLE Männer auf den Spruch mit der Kritik besser reagieren würden finde ich aus zwei Gründen problematisch:
    1. Völlig generalisierend. Nach welchem Kriterium? Nach dem Geschlecht! Ist das nicht sexistisch?
    2. Männer hatten unter diesem Vorurteil nicht Jahrhunderte lang (bis ins letzte Jahrhundert hinein) zu leiden und auch Karrieren zu opfern.

    Natürlich wird das mit den Geschlechtergetrennten Laboren kritisiert. So wie ich hier die ganze Zeit schreibe: Der Witz an sich ist nicht das, was verletzt, sondern der wahre Kern. Seine Forderung (die du gutheißt) baut genau darauf auf.
    Und das ist auch das, was ich im letzten Kommentar kritisiert habe: Durch solche dummen Sprüche wird diese Meinung, dass Labore mit Männern und Frauen nicht funktionieren, wieder salonfähig.
    Lange genug mussten Frauen darunter leiden, dass Männer sich keine Arbeit mit ihnen vorstellen konnten, jetzt soll das hintenrum plötzlich okay sein? Ist es nicht nachvollziehbar, dass Frauen sich darüber aufregen?
    Noch einmal: Ich kritisiere nicht ihn als Person, ich kann sogar den Gedankengang hinter dem Spruch nachvollziehen. Ich kritisiere diesen Artikel, der dem Spruch jedes Provokationspotential abspricht und jedes Beschweren über

    Der Mann steht übrigens am Ende seiner Karriere und hat viel erreicht. Er ist nicht nur noch Wissenschaftler, sondern auch Person der Öffentlichkeit. (Davon, wie vielen Frauen seines Alters es auf Grund von Sexismus verwehrt geblieben ist, genau so viel zu erreichen, fang ich gar nicht erst an … Oh, mist … )
    Er ist 72, scheinbar redegewandt (also auch erfahren!) und weiß, dass er selber für viele seiner Äußerungen als Chauvinist bezeichnet wird. Er hätte es besser machen können!

    „Wissenschafltler sind keine Sportler und keine Popstars. Wenn man die zum Vorbild hat, ist man also selbst in diesem Metier unterwegs und hat vielleicht andere oder die gleichen Erfahrungen gemacht, jedenfalls wird er/sie auf diesem Wirkungsniveau selbst entscheiden und sich nicht „anstecken“ lassen.“

    Ich darf ja ein bisschen Chauvi spielen —- ist ja alles nur Spaß.
    Das ist doch viel eher die Botschaft, die sein Verhalten aussagt. Und er als Person scheint das nicht so zu verkörpern, aber es gibt andere die das missverstehen!
    Natürlich nehmen sich junge Wissenschaftler das zum Vorbild! Glaubst du denn, dass Wissenschaftler frei von jeder nicht rationalen Meinungsbildung sind?

    Zur wissenschaftlichen Arbeitsweise: Ich denke, dass die Geschlechtertrennung zu kurz gegriffen ist, weil sie nach einem völlig irrelevanten Kriterium trennt. Wenn zum Beispiel auf einem Spezialgebiet 4 Männer und eine Frau forschen, sollen die dann getrennt voneinander arbeiten? Darf die Frau dann nicht mitspielen?
    Oder was ist, wenn genug Frauen und genug Männer in jedem Team forschen, aber die jeweils nicht miteinander arbeiten können? Klar sind Frauen und Männer erst mal unterschiedlich, aber das heißt doch nicht, dass das automatisch heißt, dass die Aufteilung auf diese Weise die produktivste ist.
    Und woher willst du überhaupt wissen, dass seine Meinung fundiert ist? Weil ein erfolgreicher Mann das gesagt hat? Weil seine Lebenserfahrung das so zeigt?
    Anekdotenhafte Erfahrungen können keine Grundlage für eine wissenschaftlich fundierte Meinung bilden.

  17. Nils, Du machst aus einer Mücke einen Elefanten und das tut der Shitstorm auch. Der Mann hat jedes Recht der Welt, eine dröge Rede in etwas halbwegs unterhaltsames zu verwandeln. Wenn er dabei Chauvi-Sprüche macht und das jemandem von seinen Dienstherren nicht passt, ist das ALLERHÖCHSTE, was ich mir als „Strafe“ denken würde, dass er um eine kleine Klarstellung gebeten (nicht gezwungen!) wird und ggf. nicht wieder für solche Anlässe als Redner gebeten wird. Alles andere ist völlig überzogen, der Mann hat überhaupt keine Sendungsreichweite gehabt (danke, Shitstorm, jetzt hat er sie und nun wird man sich mit ihm solidarisieren müssen, denn Eure Gegenseite mit den Entlassungsforderungen ist einfach nur widerlich). Das sagt der Artikel und das sagt er m.E. zu Recht. Er spricht sich voll Abscheu gegen die Hater aus, (nicht gegen gemäßigte „Übertriebene Forderungen, aber er hätte zumindest nicht…“-Sager wie Dich), insofern hast Du überinterpretiert. Und nochmal, wir sind alle Menschen mit einem mehr oder weniger reichen Erfahrungsschatz. Wenn jemand der Meinung ist, unsere Jugend, die Hundebesitzer, die Mercedesfahrer und Fahrer mit Hut insbesondere und blonde Frauen und Veganer: alle bekloppt — dann soll er das doch humorvoll in einer Rede verwursten, man kann doch nicht nur für Blöde mitdenken, die sich ihre Einstellung ohne Reflexion wortgetreu vom Rednerpult einer Infoveranstaltung besorgen!

  18. AvatarNils says:

    Ich mache aus der Mücke einen Elefanten, weil ihr leugnet, dass eine Mücke im Raum ist und die, die gegen Mückenstiche allergisch sind, für bescheuert haltet, weil sie sich über die Mücke aufregen.

    Er ist Nobelpreisgewinner. Natürlich hat das, was er sagt (mindestens in der Wissenschaftswelt) eine gewisse Sendereichweite.

    Ich wollte vor allem darauf hinweisen, dass was er gesagt hat problematisch ist. Ich habe die Debatte vor diesem Artikel ehrlich gesagt nur am Rande mitbekommen, deswegen habe ich die Abgründe des Shitstorms nicht so mitgekriegt. Mir stößt Polemik leider immer ziemlich sauer auf, deswegen wollte ich dagegenreden.
    Bei der Masse und der Radikalität der Stimmen auf der anderen Seite, kann ich die Berechtigung des Artikels aber jetzt nachvollziehen.

  19. Bitte diese Aufarbeitung der Affäre lesen: http://unfashionista.com/2015/07/02/the-royal-societys-diversity-committee-pre-judged-timhunt-now-ucl-should-give-him-due-process/

    U. a. steht da, dass in der Szene allgemein bekannt ist, dasss Hunts Frau, Prof. Collins, seine Laborassistentin war, sie sich ineinander verliebten und sie ihren damaligen Mann wegen ihm verließ. Seine Worte waren also pure Selbst-Ironie, die er vor Wissenschaftsjournalisten (!) äußerste. Das ganze wirkt immer mehr wie eine böswillige Inszenierung.

  20. AvatarNils says:

    Das Weinen nach Kritik und die Forderung nach geschlechtergetrennten Laboren war eher das, was mich aufgeregt hat, nicht der Anfang.

    Ich stimme dir aber zu, dass das nach einer böswilligen Inszenierung aussieht. Da haben sich ein paar „Kollegen“ wohl einen Grund gesucht, sich als Bekämpfer der bösen, männlichen Unterdrücker zu profilieren (das schließt ja meine Meinung zur grundsätzlichen Berechtigung zur Empörung über den Spruch nicht aus) und dazei auch noch einen einflussreichen, störenden Konkurrenten rauszukegeln. (vielleicht auch mit der inneren Rechtfertigung, dass der eh schon alt und kurz vor dem Ruhestand ist 😉 )

  21. AvatarNils says:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/dieter-nuhr-ueber-shitstorms-digitales-mittelalter-13706268.html?GEPC=s2

    Abgesehen von den inhaltlichen Aussagen (die haben nichts mit dem Thema hier zu tun), aber die Ausführungen zu Shitstorms haben mich sehr hierdran erinnert.

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