Buchbesprechung: Kochen wie Jazz – Nigel Slaters Küchentagebuch

SlaterBuchNigel Slater‘s »Küchentagebuch« – ein Gigant von einem Koch-Kompendium, 544 Seiten stark, mit zahlreichen Fotos. Ganz bewusst schreib ich Koch-Kompendium, denn ein Kochbuch im herkömmlichen Sinne ist das nicht. Hier stehen keine Rezepte nebeneinander, gegliedert nach Vorspeise, Suppe, Fleisch, Fisch, Nachtisch, hier liegt – wie immer bei Slater – ein sehr persönliches Tagebuch vor, in dem er notiert hat, was er so gekocht hat, Gedanken zu Gerichten, Produkten, Anekdoten aus der Küche und anderswo, kurzum, der Leser darf Slater ein Jahr lang quasi über die Schulter gucken, beim Kochen, beim Essen, bei der Gartenarbeit, beim Schreiben. Wir stellen das Buch vor und verlosen ein Exemplar an unsere Leser.

»Nigel wer?« werden sicherlich einige von euch jetzt fragen, denn hierzulande ist der Mann vorwiegend eingefleischten Fresssäcken und Kochsendungs-Junkies bekannt, bei denen ganztags »Bongusto TV« läuft. Hat noch nicht mal einen Eintrag in der deutschen Wikipedia. Ist aber in England ein Superstar der Kochszene. Buchautor, Kolumnist, TV-Persönlichkeit.

Slater2Seit er zum ersten Mal ungekämmt mit einem Arm voll Gemüse aus seinem Garten auf meinen Bildschirm gestolpert ist, den Kühlschrank aufmachte, noch zwei, drei Zutaten aus seinem Kühlschrank holte und eine Eisenpfanne mit deutlichen Gebrauchsspuren auf den Gasherd stellte, bin ich Nigel-Slater-Fan. Endlich mal ein Fernsehkoch, der nicht für jedes Stück Butter eine neue Pfanne seines Sponsors auf den Herd stellt. Der ohne persönlichen Stylisten auskommt (oder einen beschäftigt, der sehr, sehr clever ist und so tut, als hätte Slater keinen Stylisten). Und der so kocht, wie ich das immer versuche, aber nur in den seltensten Fällen hinkriege.

Slater ist der Jazzer der Köche, Rezepte interessieren ihn nicht. Er holt sich ein Thema aus seinem Kühlschrank oder seinem legendären Garten, und fängt an zu improvisieren. Dabei gelingen ihm immer wieder überraschende Variationen auf altbekannte Themen, die aber nie gekünstelt sondern immer vollkommen logisch erscheinen. Kartoffeln mit roter Bete kombinieren und Meerettich als Bindeglied einbauen? Typisch Slater! Man schlägt sich die Hand vor den Kopf und ruft: »Um Himmelswillen, warum bin ich denn da nicht selber drauf gekommen?« Schaut‘s euch einfach mal selber an:

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Video-Link: http://youtu.be/kk06IaO1hFM

Zurück zu Slater‘s Tagebuch. Es macht keinen Sinn, das Buch auf der ersten Seite aufzuschlagen. Was interessieren mich seine Wintergeschichten, zu denen die Zutaten jetzt nicht oder nur mit Mühe aufzutreiben sind? Genauso wenig macht es Sinn, das 14 Seiten stramme Register zu Rate zu ziehen, um sich die interessantesten Rezepte rauszupicken. Die sinnvolle Vorgehensweise ist es, die Lektüre Jahreszeit-gerecht zu beginnen. Was wächst zur Zeit in den Gärten, was gibt‘s im Handel, was hat Saison? Und was macht Slater daraus?

Also hab ich das Buch im September-Kapitel zu lesen begonnen. Slater erzäht von den sinnlichen Freuden des Pie, der typisch englischen warm servierten Pastete, erklärt, wie die ideale Pie-Form auszusehen hat und liefert ein Rezept für so einen Pie mit Hähnchen. Klingt interessant, ist mir aber bei den derzeitigen nochsommerlichen Temperaturen etwas zu üppig.
Als nächstes kocht er Couscous mit Aprikosen und erzählt von den Problemen, Mograbieh-Couscous-Graupen zu bekommen. Bevor er zu »Gebackenen Parpika mit Sommersoße« kommt, schiebt er noch schnell einen Blechkuchen ein. Mittlerweile sind wir beim 5. September angelangt, Slater erzählt von der Pflaumenernte, kommt drei Tage später auf den Gebrauch aller möglichen Papiere zu sprechen und landet am 8. September schließlich bei einem hochinteressanten Salatrezept mit Schinken, Pfirsich und Petersilie…

Man sieht. Das ist kein bzw. nicht nur ein Buch, aus dem man mal schnell was nachkocht, das ist ein Buch für Leute, die sich mit der Küchenphilosophie des Mannes auseinandersetzen wollen und deren kulinarisches Interesse über den eigenen Küchenhorizont hinaus geht.

Slater1Und die Rezepte? Ich hab drei September-Gerichte nachgekocht und werde sie in den nächsten Tagen hier im Blog vorstellen: den erwähnten Salat mit Schinken und Pfirsichen, Kaninchenkeulen in Weißbier(!)sauce und Brombeer-Eistorte. Soviel vorweg: Die Gerichte waren schnell und einfach zubereitet und geschmacklich gab es ü-ber-haupt- nichts auszusetzen, im Gegenteil: Hammer!

Eine Einschränkung sei gemacht: Für Küchenanfänger ist das Buch nix. Zum einen setzt Slater eine gewisse Kocherfahrung schlichtweg voraus, zum anderen sind die meisten Rezepte durchaus als Vorschläge zu verstehen, die vom Nachkochenden beliebig erweitert oder abgewandelt werden können. Wer Slater mag, wird sowieso gern selbst improvisieren, kein Problem, zumindest für den fortgeschrittenen Männerkoch nicht. Was allerdings nicht sein sollte: Die Mengenangaben bei einigen Gerichten sind m. E. schlichtweg Quatsch. 100 Gramm Mehl plus ein Ei plus ein Eigelb plus 350ml Milch gibt Suppe und nicht, wie in dem Buch steht, einen Pfannkuchenteig. Und beim Rezept für Brandy-Knacker-Kekse sollen aus insgesamt 9 Esslöffeln Material 12 – 15 große Kekse entstehen? Da träumt der Slater von. Keine Ahnung was da schiefgelaufen ist. Vielleicht ist bei der Umrechnung von englischen auf deutsche Maßeinheiten was schief gelaufen? Wie dem auch sei, der erfahrene Koch merkt sofort, dass da was nicht stimmt und kann korrigieren, der Anfänger hingegen…

Das mit den Mengenangaben ist ärgerlich, aber für den gestandenen Koch durchaus zu verschmerzen. Man weiß ja, was geht und was nicht, deshalb: tolles Buch! Für Slater-Fans und Hobby-Köche, die ihren Horizont erweitern wollen, sehr zu empfehlen. Der auf den ersten Blick stolze Preis von 39,99 Euro ist angesichts von Umfang und Ausstattung mehr als gerechtfertigt.

Die Leser von »Männer unter sich« können ein Exemplar von Slater‘s Küchentagebuch gewinnen. Wie das geht? Einfach einen Kommentar zu dieser Buchbesprechung oder einem der Rezepte, die ich hier in den nächsten Tagen posten werde, einen Kommentar abgeben. Eure Meinung sagen, Frage stellen, oder einfach »Ich will das Buch haben!« kommentieren. Dazu habt ihr bis zum 21. September 2014 Zeit, dann schließen wir die Kommentare zu den Beiträgen und losen den Gewinner (oder die Gewinnerin) aus. Ihr könnt gern mehrere Kommentare abgeben, es kommt aber nur jeweils 1 Kommentar pro Nase in die Lostrommel. Mitarbeiter von Nassrasur.com dürfen nicht mitmachen, der Rechtsweg ist ausgeschlossen, viel Spaß!

Update 22.9.: Einsendeschluss, die Kommentare wurden geschlossen, wir haben gelost. Gewonnen hat Claudia Schröder, wir gratulieren! Allen anderen Teilnehmern danken wir herzlich. Die Kommentare werden jetzt wieder geöffnet.

Nigel Slater: Küchentagebuch
Dumont Buchverlag
ISBN: 978-3832194772
39,99 €

Disclaimer: Der Dumont Buchverlag hat uns freundlicherweise das Rezensions- und das Verlosungsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

 

 

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11 Antworten zu Buchbesprechung: Kochen wie Jazz – Nigel Slaters Küchentagebuch

  1. AvatarUlrich sagt:

    Ich bin mal gespannt auf das Kaninchen in Weißbiersauce – und ICH WILL DAS BUCH.

  2. AvatarLafette sagt:

    Mein Favorit von der Insel ist eigentlich Jamie Oliver, aber erst seit ein paar Jahren. Zu Anfang war er mir viel zu hektisch, inzwischen mag ich seine unkomplizierte Art zu kochen jedoch sehr. Er nimmt sich nicht zu ernst und erhebt bei seiner Arbeit nicht den Anspruch jederzeit alles perfekt zu machen. Am Ende sieht es natürlich immer sehr gut aus, aber auch für „Heimkocher“ ist es durchaus nachkochbar.

  3. AvatarRolf sagt:

    Ich will das Buch haben! 😉

  4. AvatarBernhard sagt:

    bin koctechnisch zar eher als anfänger einzustufen, aber generell für alles neue leicht zu begeistern, notfalls wird das Neue eben ein weiteres mal probiert 😉

    Hätte auch gerne das Buch

  5. AvatarThea sagt:

    Ich liebe viele Köche von der Insel, aber Nigel Slater ist – wie seine Rezepte – so angenehm lässig und unprätentiös. Aus Gründen kann ich mir das Buch leider nicht leisten, hoffe hier aber auf Fortunas glücklichen Griff.

  6. AvatarCarsten sagt:

    Sehe gerade Slater hat sogar eine Verwendung für den oft ungeliebten Eisbergsalat gefunden: Übrig gebliebenes Grillhuhn anbraten, würzen und darin einwickeln. Spart Abwasch. Genial.

    Fortuna wurde ja schon angerufen, hoffe daher auf Tyche!

  7. AvatarElja sagt:

    Ich will das Buch haben! 🙂

  8. AvatarNatalie sagt:

    Das wäre mal ein Kochbuch für meinen Freund…

  9. AvatarMarcel sagt:

    Nur gut, dass ich ein wenig was in der Küche drauf hab. Du hast mir das Buch sehr schmackhaft gemacht – ich will es!

  10. AvatarJulia sagt:

    Meine beste Freundin muss Nigel kennenlernen! Das Buch würde ich ihr schenken.

  11. AvatarLars sagt:

    Dein Bericht macht Lust auf mehr! Ich will dieses Buch! Unbedingt!

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