Die Bundestrainer (6): Rudi Völler

Foto: Schwarzwälder  CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

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Seit der letzten EM steht Bundestrainer Joachim Löw in der Diskussion, die seit dem Algerienspiel bei der WM durchaus heftig wird. Löws taktische Ideen und sein In-Game-Coaching werden sehr unterschiedlich bewertet. Anlass für mich, den Vergleich zu den anderen Bundestrainern, die ich (ich bin Fan der Nationalmannschaft seit 1965)erlebt habe, zu ziehen und eine kleine Serie über die deutschen Bundestrainer zu schreiben. Heute ist Rudi Völler dran.

Hätte es Uwe Seeler nicht gegeben, Rudi Völler wäre der beliebteste deutsche Fußballspieler geworden. Zuallererstmal: Weil er Stürmer war. Deutsche Fans lieben Stürmer, mehr als Verteidiger, Mittelfeldspieler oder gar Torhüter. Stürmer kommen der deutschen Mentalität entgegen, die setzen sich durch und sorgen fürs Zählbare. Der Rudi hat sich oft durchgesetzt, hat für sehr viel Zählbares gesorgt und im Finale 90 den Elfer rausgeholt. Und außerdem ist es einfach ein riesig sympathischer Kerl. Vollkommen Allüren-frei, geradheraus, ein Freund der direkten Ansprache, einer wie du und ich. Warum musste einer wie der Rudi ausgerechnet Bundestrainer werden?

War er ja auch gar nicht. Weil er – wie Beckenbauer – keine Trainerlizenz hatte, war Rudi Völler – wie Beckenbauer – Teamchef, der eigentliche Bundestrainer war Michael Skibbe. Warum ist aber nun einer wie der Rudi Völler Teamchef geworden? Na, weil ein Sympath wie Rudi seinen Kumpels hilft, wenn sie sich in die Scheiße geritten haben. Und Rudis Kumpels in der Otto-Fleck-Schneise saßen im Jahr 2000 metertief in der Scheiße. Ihr alter Bundestrainer Erich Ribbeck hatte gerade die Europameisterschaft historisch vergeigt (Gruppenletzter. Hatten wir so noch nicht.), und ihr designierter neuer Bundestrainer konnte den Job wegen akuter Gedächtnisprobleme nicht antreten. Hatte vergessen, dass er zumindest schon gekokst hat wie ein Weltmeister, und seine eigenen Haare zur Haarprobe gegeben, anstatt sich die vom Co-Trainer geben zu lassen. Und andere Kandidaten gab‘s damals nicht, weil außer dem durchgeknallten Daum niemand den Job haben wollte. Wir erinnern uns: Ribbeck war als Bundestrainer nicht gescheitert, weil er irgendwie doof war (das kam lediglich erschwerend hinzu), sondern letztlich an einer suboptimalen Spielergeneration aus Rumpelfüßlern.

Und Rudi sah sich die Rumpelfüßler an, mit denen er geschlagen war, sah, dass das nicht gut war und machte einfach gutgelaunt weiter. Er rumpelte sich durch die Quali, steckte eine historische 1:5-Schlappe gegen die Engländer („Die Schmach von München“) ein und musste schließlich sogar Relegationsspiele gegen die Ukraine bestreiten, um zur WM fahren zu dürfen. Jeden anderen Bundestrainer – außer Beckenbauer – hätte man gelyncht, aber dem Rudi konnte man einfach nicht böse sein.

Und dann kam dieses unfassbare 8:0 zum Auftakt gegen Saudi-Arabien, und auf dieser Welle – und dank eines Ollie Kahn in der Form seines Lebens – rumpelte Rudi fröhlich durchs Turnier, während links und rechts die Favoriten rauskegelten. Man fühlte sich unwillkürlich an Mexiko 1986 erinnern, als Beckenbauer mit fußballerisch ähnlich dubiosen Gestalten das Endspiel erreichte. Und – Duplizität der Ereignisse – in beiden Finals erreichte der Torhüter, der vorher der Sieg-Garant gewesen war, nicht Normalform und verhinderte den Titelgewinn.

Tagelang zählten wir anschließend durch, wieviele Rudi Völlers es gibt (nur einen), und begannen, uns auf die EM 2004 zu freuen. Zwischendrin erfreute Rudi noch mit einer erfrischenden TV-Einlage, seiner mittlerweile legendären Weißbier-Wutrede, und wir dachten schon, es würde ewig so weitergehen: ein stets gutgelaunter Sympath von Bundestrainer, der mit einer fußballerisch minderbemittelten Touri-Gruppe die Welt von neuerlichem Tiefpunkt zu neuerlichem Tiefpunkt bereiste und in absurden Spielen irgendwie trotzdem Sieger blieb.

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Video-Link: http://youtu.be/-vck9JFYc88

Bei der EM 2004 war dann allerdings Schluss mit lustig. Rudi war zwar immer noch gut drauf, aber die Fortune hatte ihn nachhaltig verlassen. Nachdem sie gegen Holland immerhin noch ein Unentschieden geschafft hatten, gelang Rudis Rumplern gegen Lettland kein Tor, und gegen Tschechien gab‘s ein 1:2. Aus in der Vorrunde. Auch hier wiederholte sich die Geschichte, Rudi machte es wie Erich Ribbeck und trat zurück.

Was hat er bewegt, als Bundestrainer? Er hat die Streithammel der Ribbeck-Zeit (nicht Ära!) miteinander versöhnt und Lothar Matthäus endgültig in den Ruhestand geschickt. Ansonsten ließ er – wie alle seine Vorgänger – „die Besten“ spielen und sorgte für ein angenehmes Betriebsklima. Damit kam er 2002 erstaunlich weit, doch die strukturellen Probleme des DFB wurden durch Rudis Vize-Titel übertüncht. Genaugenommen hat er die seinerzeit überfälligen Reformen in und um die Nationalmannschaft, den dringend nötigen Neuanfang um 4 Jahre verzögert. Hätte ich geschrieben, wenn Völler nicht so sympathisch wäre.

In seinem Kader für die EM 2004 tauchten allerdings schon Schweinsteiger, Lahm und Podolski auf, die ersten Angehörigen der goldenen Generation, mit denen Rudis Nachfolger Jürgen Klinsmann dann den Umbruch schaffen sollte. Diese Revolution wäre mit Rudi nicht machbar gewesen. Dazu war und ist er einfach ein zu netter Kerl.

Die anderen Folgen unserer Serie finden sich hier.

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