Remember Stielike

Gestern war das Finale, Spanien ist nach absolut herausragendem Spiel Europameister, die Sommerpause beginnt. Zum Abschluss des Turniers möchte ich mich jedoch an all diejenigen wenden, die seit letztem Donnerstagabend die Spieler der deutschen Nationalmannschaft für erbärmliche Volltrottel halten, die Probleme haben, einen schlecht aufgepusteten Wasserball zu stoppen. Die Jogi Löw als grenzdebilen Vollpfosten sehen, der die Menschenkenntnis einer Wärmflasche und das taktische Vermögen eines Betonpollers hat. Die zutiefst beleidigt sind, weil sie dank der Totalversager vom DFB die Schlagzeile „WIR sind Europameister!“ nicht lesen dürfen. Diesen Menschen möchte ich gern eine kleine Geschichte von einem anderen großen Turnier erzählen. Hauptdarsteller dieser Geschichte ist ausgerechnet Uli Stielike.

WM 1982 in Spanien, Halbfinale Deutschland – Frankreich, ein höchst dramatisches Spiel und eine noch dramatischere Verlängerung waren vorbei, es ging ins Elfmeterschießen. Bei mir im Wohnzimmer war die Hölle los (Public Viewings fanden in dieser Zeit noch in meinem Wohnzimmer statt), ein paar Kumpels und ich schrien, tobten, feierten und fieberten mit der deutschen Mannschaft mit, was das Zeug hielt. Im Elfmeterschießen führten die Franzosen mit 3:2, aber jetzt war Uli Stielike an der Reihe. Sichere Sache, Stielike war der bei weitem beste Deutsche bei diesem Turnier, hatte eine grandiose WM bisher gespielt der Mann, unser Uli, der macht das.

Stielike legte sich den Ball zurecht, lief an und verschoss. Und brach zusammen. Es war plötzlich total still in meinem Wohnzimmer. Nicht, weil wir wegen Stielikes verschossenen Elfer so entsetzt waren. Nein, uns tat Uli Stielike entsetzlich leid, wie er da weinend auf dem Rasen lag. Wir waren uns ziemlich sicher, dass das Turnier damit gelaufen war, aber von uns war keiner dem Stielike böse, im Gegenteil. Dumm, dass das ausgerechnet dem Uli passiert war, der so eine gute WM gespielt hatte…

Doch dann kam Toni Schumacher, schaffte das Häuflein Elend namens Stielike beiseite und stellte sich ins Tor. Der übernächste Schütze, Pierre Littbarski, versuchte das Unmögliche, nämlich Stielike zu trösten, und dann nahm das glückliche Schicksal seinen Lauf, Schumacher hielt den nächsten Elfer und die Deutschen („wir“) gewannen das Halbfinale noch. Hier kann man sich das ganze nochmal anschauen.

Habt ihr was gemerkt? Nein? Dann schaut bitte nochmal bei 3:52 nach. Jetzt gesehen? Ja, genau, sogar die Bildregie war von der Verzweiflung Stielikes derart erschüttert und gebannt, dass sie auf Stielike und Littbarski blieb und glatt vergaß, auf den nächsten Elfmeter umzuschalten. Man sieht gar nicht, wie Schumacher hält.

Das muss jetzt den Menschen, die gerade vehement Löws Rücktritt fordern, sich beschweren, dass ein Invalide wie Schweinsteiger überhaupt zum Turnier mitgenommen wurde und Hans Flick Mario Gomez nicht rechtzeitig beim Ballettunterricht angemeldet hat, einigermaßen spanisch vorkommen, also wie Fußball aus einer anderen Welt. Dass man die Menschen, die das Spiel spielen, wichtiger nimmt als das Endergebnis. Dass die Verzweiflung eines Mannes gezeigt wird, statt auf einen spielentscheidenden Elfmeter umzuschalten. Dass das Wie wichtiger sein kann als das Was.

Sport ist nicht im Voraus auszurechnen. In jeder Fußballpartie, in jedem Tennismatch, bei jedem Radrennen geschehen hunderte ungeplante, unplanbare Dinge, und derjenige, der auf diese ungeplanten Dinge am besten reagiert hat gelegentlich größere Chancen, das Match zu gewinnen als derjenige mit dem besseren Matchplan. So ist Sport, so ist vor allen Dingen Fußball. Wer Fußball guckt und dabei nur das Ziel kennt, dass seine Mannschaft bitteschön gewinnen soll, wird – wenn er derzeit nicht gerade Spanier ist – meistens frustriert und wütend das Stadion verlassen oder den Fernseher ausschalten. Wer Fußball guckt, weil es Sport mit allen Emotionen und Unwägbarkeiten ist, wird fast immer eine schöne Erfahrung haben.

In diesem Sinne wünsche ich allen echten Fußballfans eine schöne Sommerpause.

Foto Uli Stielike: Stefan Meisel under CC-BY-2.0

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