Zu kühn für diese Welt: Erinnerungen an den Merkur Vision

Der Merkur Vision 2000

Dass der Merkur Futur mein Lieblingshobel ist, hab ich in diesem Blog schon mehrfach geschrieben. Was ich noch nicht geschrieben habe, ist, dass ich ihm einmal beinahe untreu geworden wäre. Das war, als ich einen Merkur Vision in die Finger bekommen hatte. Der hatte das Zeug dazu, den Futur als mein bevorzugtes Rasier-Werkzeug abzulösen. Ich spreche vom Merkur „Vision 2000“.

Der Vision war ein Rasierapparat, der polarisiert hat. Man hat ihn geliebt oder gehasst, kalt gelassen hat er keinen. Die einen waren entsetzt über seine Klobigkeit, die anderen haben ihn als Handschmeichler empfunden, der einem volle Kontrolle und millimetergenaues Rasieren ermöglichte. Doch selbst die Vision-Verächter mussten zugeben, dass dieser Hobel ein brillantes Stück Ingenieurskunst war: Ein Entwurf, der seinesgleichen suchte, sich in der Praxis aber leider als zu kühn erwiesen hat. Weshalb Merkur vor ein paar Jahren die Produktion seines einstigen Flagship-Hobels eingestellt hat.

Als der Vision auf den Markt kam, war er eine Sensation: einen verstellbaren Hobel mit Butterfly-Verschluss hatte die Welt noch nicht gesehen. Noch dazu einen, bei dem das Design des Vorgänger-Modells, des Futur, konsequent weitergedacht worden war. Ein Hobel, der konsequent in die zupackende Männerhand entworfen worden war, ein Trumm von einem Hobel, ein echtes Werkzeug. Der Butterfly-Mechanismus hatte nichts mit den Klappdeckelchen aus Billigfertigung zu tun, wenn man die Flügel zuschraubte, fühlte man sich an das satte Zufallen einer schweren Bürotür erinnert. Der Verstellmechanismus funktionierte ähnlich solide, so ungefähr wie der Lautstärkeregler eines High-End-Verstärkers.

Die Rasuren waren ebenfalls im High-End-Bereich anzusiedeln. Der klobige „Nothammer“ ließ sich eerstaunlich gut manövrieren, auch unter der Nase konnte man mit dem großen Kopf alle Haare erwischen, der Vision lieferte verlässlich Pullman-Rasuren.

Alle paar Wochen musste der Vision zerlegt werden, um die Mechanik von Seifenresten zu befreien und ein Verkalken zu verhindern. Der Blechbox, in der der Rasierer geliefert wurde, lag eine farbfotografierte Anleitung bei, es ging wirklich einfach. Dieses kurze Video zeigt, wie es ging. Und wie genial der Vision konstruiert war.

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Video-Link: https://youtu.be/BM_4NXDI7j8

Besser hätte ich „beinahe genial“ geschrieben, denn im Video sieht man auch deutlich, welche Achillesferse der Vision sein Produktleben lang mit sich herumgeschleppt hat: der Mittelteil mit der Verstellmechanik, der sich mit einfachen Mitteln eben nicht zerlegen ließ. Und diese Achillesferse sorgte bei mir – und vielen anderen Usern – mit der Zeit für Probleme. Bei mir gab der Verstellmechanismus nach ca. 6 Monaten seinen Geist auf. Ließ sich einfach nicht mehr verstellen. Ich geh davon aus, dass sich im Mittelteil – trotz regelmäßigen gründlichen Ausspülens – Seifen- udn Kalkreste zurückgeblieben sind, die dann den Mechanismus blockiert haben.

Natürlich hab ich den Rasierer zu Dovo eingeschickt. Natürlich haben sie ihn kostenlos repariert und zurückgeschickt, der Service und die Kulanz dieser Firma sind legendär. Aber leider… blieb das Problem. Der scheinbar über-robuste Vision entpuppte sich als reparaturanfälliges Sensibelchen. Nachdem ich ihn zwei weitere Male eingeschickt habe, gab ich auf, siedelte ihn vom Bad in die Schublade um und kehrte zum Futur zurück, mit dem ich mich seit über zwanzig Jahren verlässlich und gründlich rasiere, ohne dass ein Werkstattbesuch nötig gewesen wäre.

Anderen Nassrasierern ging es ähnlich. Die Archive der Nassrasurforen sprechen für sich selbst, wobei sich immer wieder auch User zu Wort meldeten, die den Vision problemlos über längere Zeit einsetzten und heute noch einsetzten. Meine Annahme: Bei „weichem“ Wasser funktioniert der Apparat so, wie seine Konstrukteure sich das vorgestellt haben, ab einem bestimmten Kalkanteil im Wasser gab’s Probleme. Probleme, die wohl letztlich nicht in den Griff zu bekommen waren. Im 2013er Produkt-Katalog von Dovo1 tauchte der Vision nicht mehr auf, seine Produktion war eingestellt worden. Die bahnbrechende Kombination aus Butterfly-Verschluss, Verstellbarkeit und futuristischem Design war doch zu kühn, um sich im Alltag zu bewähren. Schade eigentlich. Sehr schade. Ob uns je wieder so ein mutiger Vorstoß in die Zukunft  beschert werden wird?

  1. Oder war’s der 2014er? Ich weiß es nicht mehr genau.
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