Die Bundestrainer (5): Erich Ribbeck

Seit der letzten EM steht Bundestrainer Joachim Löw in der Diskussion, die seit dem Algerienspiel bei der WM durchaus heftig wird. Löws taktische Ideen und sein In-Game-Coaching werden sehr unterschiedlich bewertet. Anlass für mich, den Vergleich zu den anderen Bundestrainern, die ich (ich bin Fan der Nationalmannschaft seit 1965)erlebt habe, zu ziehen und eine kleine Serie über die deutschen Bundestrainer zu schreiben. Heute ist Erich Ribbeck dran.

Wenn man die nackten Zahlen nimmt, war Erich Ribbeck der schlechteste Bundestrainer aller Zeiten: 10 Siege, 6 Unentschieden und 8 Niederlagen sind im Vergleich zu seinen Vorgängern und Nachfolgern ziemlich mau. Möglicherweise würde er in England für einen derartigen Score gefeiert, hier wurde er nach der total vergurkten 200er EM mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt mit wohlgesetzten Worten zum Rücktritt überredet.
Es wäre leicht, Ribbeck zu bashen. In Wirklichkeit hatte er nie auch nur den Hauch einer Chance, ein erfolgreicher Bundestrainer zu werden. Dafür gab es zwei Gründe:

1. Seine Amtszeit wurde von Stielikes Sakko überschattet.
Dass sein Assistent, Uli Stielike, bei der ersten PK nach Amtsantritt 1998 das vermutlich übelste Sakko der Herrenmoden-Geschichte übergezogen hatte, war noch 2000 bei der EM ein Thema. Das allein zeigt, wie wenig Rückhalt der als Notnagel gekommene Ribbeck hatte bzw. welche Erwartungen die Öffentlichkeit an ihn hatte. Nämlich keine.
Momentchenmal, ein Notnagel als Bundestrainer? Ja. 1998 wollte den Job tatsächlich keiner. Angeblich soll Egidius Braun sich schon mit Breitner einig gewesen sein, dann aber Angst vor der eigenen Courage bekommen und Ribbeck geholt haben. Von den aktiven, erfolgreichen Trainern der damaligen Zeit wollte ums Verrecken keiner den Job, denn alle wussten:

2. Mit DER Spielergeneration hätte auch Beckenbauer abgekackt. Helmut Schön. Sepp Herberger.
Es war die Zeit von Carsten Jancker, Jens Jeremies, Carsten Ramelow und anderen, eine Zeit, in der man der Nationalmannschaft wirklich nicht gern zuschaute. »Durch Kampf zum Spiel« wurde zu »Zu Not geht‘s ja auch ohne Spiel«. EM-Qualifikationen waren damit vielleicht zu schaffen, aber gegen starke Teams (damals: Portugal, Frankreich, Holland) wurde die Luft sehr schnell sehr dünn.

Während seiner ganzen, kurzen Amtszeit wirkte Ribbeck dann auch merkwürdig entrückt, so als warte er nur auf das bevorstehende Ende, um zurück nach Teneriffa zu können. Er gab den schmallippig über den Dingen stehenden Snob am Spielfeldrand, während Uli Stielike versuchte, den Laden zusammenzuhalten. Was nicht einfach war, denn die Truppe, die da lustlos vor sich hinholzte, war dem Vernehmen nach auch noch heillos zerstritten.

Einigermaßen erstaunlich, dass die EM-Quali nach der Auftakt-Niederlage gegen die Türkei einigermaßen ruckelfrei über die Bühne ging, aber als Ribbeck sich dann entschloss, Lothar Matthäus als Libero zu reaktivieren, war‘s endgültig um Betriebsklima und Spielkultur geschehen. Antiquiertes Spielsystem plus Matthäus… Ribbeck hatte die heißeste Kombination seit Nitro und Glyzerin gefunden. Vermutlich hat Stielike ihn davor gewarnt, denn Ribbeck feuerte ihn vier Wochen vor der EM, die ihm dann prompt um die Ohren flog: Blamables Aus in der Vorrunde.
Verblüffend war, dass Ribbeck noch einen Versuch unternahm, im Amt zu bleiben. Erst, als Egidius Braun für ihn Klavier spielte ihm klarmachte, dass mehr Erfolglosigkeit weder möglich noch erwünscht war, trollte er sich zurück in den Ruhestand auf die Kanaren.

Aus dem er – wie ich annehme – eh nur zurückgekommen war, um die Geschichte zu korrigieren. Weil er damals, bei der Derwall-Nachfolge, zugunsten Beckenbauers übergangen worden war. Bis dahin war es ein in Stein gemeißeltes DFB-gesetz gewesen, dass der Assistent übernimmt, wenn der Bundestrainer aufhört. Und dann hatte man die Lichtgestalt Beckenbauer dem Assistenten Ribbeck vorgezogen. Das muss genagt haben. Bis er dann – endlich – selber Bundestrainer war.

Als solcher hat er nicht mehr gemacht als sich sich an das Spielsystem mit Manndeckern und Libero geklammert, das hat genügt, um bei der EM eine Bauchlandung hinzulegen. Immerhin: Dieser epochale Misserfolg brachte die selbstzufriedenen Beton-Köpfe in der Otto-Fleck-Schneise zum nachdenken und war die Initialzündung für das neue Nachwuchsförderungskonzept, dem wir die derzeitige Spielergeneration verdanken. Muss an ihm deshalb dankbar sein? Nö. Ich glaube nicht.

Im übrigen bin ich sehr stolz darauf, einen längeren Post über den ehemaligen Bundestrainer Erich Ribbeck geschrieben zu haben, ohne ein einziges Mal seinen idiotischen Spitznamen benutzt zu haben.

Die anderen Folgen unserer Serie finden sich hier.

 

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4 Antworten zu Die Bundestrainer (5): Erich Ribbeck

  1. AvatarBabypopo sagt:

    Oh mein Gott, ich hatte es verdrängt…
    Uli „Ball uffbumpe“ Stielike, das Sakko, wie er bei der Vorstellungs-PK immer tiefer in den Stuhl rutschte…

    Und Ramelow. Die schlimmste Bratwurst, die jemals im DFB-Dress gegen den Ball treten durfte.

    Wie bekomm ich diese Bilder jetzt nur wieder aus dem Kopf?

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  3. AvatarPatrick Walser sagt:

    Breitner hatte eine Strukturreform gefordert die Braun nicht machen wollte

  4. Pingback:Mission 5 Possible – das Live-Tagebuch zur Fußball-WM 2018: Tag 4 | | Männer unter sich

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