Beim Barbier in China und Taiwan

dscn4279Auf Reisen ist es mir ein großes Vergnügen geworden lokale Barbiere aufzusuchen. Hier ein Bericht über meine letzte Reise, in deren Verlauf ich mich in Beijing(2x), Lijiang, Shangri La und Taipei(2x) habe rasieren lassen. Dass ich mich unterwegs rasieren lasse war mir klar. Einen Plan hatte ich allerdings nicht. Meistens laufe ich durch die Gegend und fälle eine spontane Entscheidung für oder gegen einen Laden, an dem ich vorbei komme.

dscn3958Umso erfreulicher war meine erste „Entdeckung“ in Beijing. Ein sehr klassischer Laden mit einzelnen Frisierkabinen, abgetrennt voneinander durch Holzverkleidungen mit typischen chinesischen Schnitzereien. Eine der Kabinen ist für Rasuren reserviert, vermute ich, da ich bei meinem zweiten Besuch in der gleichen Kabine bedient wurde. Einige der Friseure halten auch Zikaden in kleinen Käfigen, die ganz schön laut werden können, aber mit den TV-Nachrichten für eine ganz bestimmte akustische Atmosphäre sorgen. Die Rasurzeremonie begann ganz klassisch mit warmen Tüchern im Gesicht. Während ich die Wärme genoss, wurde das Rasiermesser hinter meiner rechten Schulter geledert. Die Rasur war etwas ruppig, aber nur etwas. Rasierwasser oder ähnliches ist in Asien kein Thema. Dafür gibt es manchmal eine kleine Nacken- und Schultermassage. Freunde haben mir später erzählt, daß der Salon recht bekannt ist, da der Inhaber der Friseur des ersten chinesischen Kosmonauten war. Das Ganze gab’s für 40 Yuan, ca. €5. Für Kosmonauten ist es vermutlich umsonst. Ausweis nicht vergessen!

dscn4639Der Verlauf meiner Reise führte mich weiter nach Lijiang in der Provinz Yunnan. Dort fragte ich, entgegen meiner oben erwähnten Gewohnheit, meinen Hostel-Chef nach einem Barbier, den er empfehlen könnte. Gute Nachbarschaft zahlt sich immer aus und er begleitete mich zwei Höfe weiter zu seiner Nachbarin, eine ehemalige Saloninhaberin, die jetzt zu Hause den Nachbarn die Haare schneidet. In ihrem Hof stehen unter einem Vordach zwei Friseursessel mit dazugehörigen Spiegeln und Ablagen für’s Werkzeug. Der Hof hatte einen Boden aus Kieselsteinen, die mit der schmalen Seite nach oben zu einem Muster bzw. zu Schriftzeichen angeordnet waren und zwischen denen Gras hervor wuchs. Nachdem die Dame ihre Haarwäsche beendet hatte und die Neuigkeiten der Nachbarschaft mit meinen Hostel-Chef ausgetauscht waren, begann die Prozedur. Ohne Umschweife gab’s gleich Schaum ins Gesicht und die Shavette wurde neu beklingt. Auch diese Rasur war eher von der etwas ruppigen Art. Wenn ich „ruppig“ schreibe, heißt das nicht, dass es weh getan hat oder ich jemals das Gefühl hatte, ich müsse die Rasur abbrechen. Aus Erfahrung weiß ich aber, dass es auch sanftere Barbiere gibt. Auch in China wie sich noch zeigen sollte. Nach der Rasur habe ich mich von der Dame, ihrem Mann, den Hunden und den Hühnern verabschiedet und mich geärgert, dass ich meinen Fotoapparat vergessen hatte. Gerne hätte ich euch den Hof gezeigt.

dscn4276Den Fotoapparat hatte ich glücklicherweise dabei, als ich in ShangriLa am „Fibrils Fat Art“ Salon vorbei lief. Wie kann man bei dem Namen „Nein“ zu einer Rasur sagen? Mit Händen und Füßen und Übersetzungsapp fragte ich nach einer Rasur. „Null Problemo“ sagte die nette Dame vermutlich. Ganz verstanden habe ich es nicht, da ich kein Chinesisch verstehe. Die Rasur habe ich aber bekommen. Und die war einer der sanftesten, gründlichsten und ausführlichsten der Reise. Warme Tücher gab es auch zum Anfang, allerdings wurden die nicht einfach aufgelegt, sondern meine Barthaare wurden damit eingerieben. Danach wurde der Schaum mit dem kleinsten Pinsel, den ich je gesehen habe aufgeschlagen. Der Pinsel war mit Griff ungefähr so groß wie mein kleiner Finger. Wie in den meisten Salons wurde auch hier mit einer Shavette rasiert. Und zwar nicht nur die offensichtlichen Barthaare, sondern auch die Stirn/Haaransatz, die Ohren und die Backen. Also alles das was beim türkischen Barbier mit Fäden weggezwirbelt oder weggebrannt wird. Und: der Nasenrücken! Das kannte ich noch nicht. Den Restschaum musste ich selber abwaschen, da der nächste Kunde schon wartete. Den Preis für das Vergnügen habe ich vergessen zu notieren, aber es war billig.

dscn4637Ausgeruht, frisch geduscht, aber unrasiert, ging ich in Taipei, die nächste Station meiner Reise, spazieren und hoffte über einen Rasiersalon zu stolpern. Und tatsächlich fand ich einen der meinen Vorstellungen entsprach: klein, nicht super stylish, mit einem vertrauenswürdigen älteren Herrn, der sein Handwerk versteht. Der Herr war vorhanden, hat aber ein Nickerchen gemacht. Voller Verständnis für die Grundbedürfnisse des Menschen habe ich mich leise entfernt und versucht mir den Ort zu merken. Mit weniger Verständnis war der Nachbar ausgestattet, der mich wieder zurück in den Salon bugsierte und den armen Herrn aufweckte. Der war blitzschnell auf den Beinen und schob mich sehr freundlich, aber etwas verpennt zum Sessel. Die Shavette wurde samt Klingen aus der Schublade gekramt und der Schaum aus der Dose gesprüht. Die Rasur war absolut ok und der Herr war der erste der meine Koteletten so stehen ließ, wie ich sie normalerweise habe. Alle zuvor haben sie mir abgesäbelt. Das alles gab es für 250 TWD (€7) inklusive neuem Haarschnitt. Nach dem hatte ich zwar nicht gefragt, aber das kommt davon wenn man die Landessprache nicht spricht. Und für den Preis kann man auch wirklich nicht mosern.

dscn4279Nach meiner kleinen Rundreise durch Taiwan(Kenting und Nanggao Trail) führte mich mein Weg wieder zurück nach Taipei. Mein Wunsch nach einer Rasur trieb mich abermals durch die Straßen. Diemal wollte ich dafür aber niemand wecken müssen. Wieder fand ich einen Salon: klein, nicht zu stylish, mit einer netten Dame die ihr Handwerk versteht. Geschlafen hat sie nicht, aber ihr Mittagessen hat sie für mich unterbrochen. Die Umschläge waren mitnichten lauwarm, fast kalt, was mich eine nicht so tolle Rasur erahnen ließ. Aber das Gegenteil war der Fall: die Rasur war sehr gut und sehr sanft. So sanft, daß dich zwischendurch kurz eingenickt bin. Auch hier gab es das ganze Programm wie in ShangriLa. Gezahlt habe 150 TWD(€4). Etwas billiger als beim Friseur zuvor, aber auch mit weniger Verständnis für meine Koteletten und eine neue hatte ich ja schon.

dscn3954Da ich ja nun in Beijing Bescheid wusste, konnte ich mir die Sucherei sparen und schnurstracks zum Kosmonautenfriseur gehen. Diesmal gab es zur Überbrückung der Wartezeit einen Tee und einen englischsprachigen Artikel an der Wand, der die Berühmtheit des Salons bestätigte. Zum Sound von CCTV und Zikaden wurde mir das Gesicht eingeschäumt und ich dachte, jetzt geht die Rasur los. Aber: auf den Schaum kam das warme Handtuch. Sehr schlau, sehr gut. Nach dem Einweichen wurde ich noch mal eingeschäumt und mit der Shavette von einem anderen Barbier als das erste Mal rasiert. Die Rasur war besser als das Mal davor, allerdings mit minimalen Kratzer am Kinn. Ist aber egal, da der Salon an sich ein Erlebnis ist. HIER noch ein Link zu ein paar Bildern.

dscn4939Kleines Fazit nach einigen Rasuren in China, Vietnam und Taiwan: Keine Angst vor Frauen am Rasiermesser. Oft machen die das besser als die Männer. Viel Spaß auf euren Reisen und Barbierbesuchen.

Der Autor lebt aus Überzeugung in Berlin. Sein Job führt in ab und zu ins Ausland. Da er zu faul ist auf seinen Reisen sein Rasierequipment mitzunehmen, hat er es sich zu einer Angewohnheit gemacht in fremden Städten Barbiere aufzusuchen. Wenn er nicht beruflich verreist und die Stammkneipe nicht zu laut ruft, schnappt er sich auch gerne seinen Rucksack und sein Zelt und geht im Umland wandern. Sein Bericht erschien zuerst im Nassrasurforum.

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