Filmkritik: Istanbul United

IstanUnitedWenn es in einer Stadt zwei Fußball-Vereine gibt, herrscht meist eine besondere Rivalität. Insbesondere, wenn beide Mannschaften in einer Klasse spielen, also wenn es im Lokalderby tatsächlich um Punkte geht, dann liegt die Stadt tagelang im Fieber, bei den Fans kochen Emotionen hoch, die Polizei muss Sonderschichten schieben… Ausnahmezustand! In Istanbul gibt es nicht zur zwei, sondern drei rivalisierende Vereine: Beşiktaş, Fenerbahçe und Galatasaray. Da ist ständig was am Kochen. Aber im Sommer 2013 geschah etwas noch nie Dagewesenes: Die Ultras der drei Vereine vergaßen ihre Rivalität und beteiligten sich gemeinsam an den Protesten im Gezi-Park. »Istanbul United« ist ein Dokumentarfilm über diese Tage.

Da sind Bilder in diesem Film, die einen Umhauen. Die unglaubliche Leidenschaft und Energie, die die Ultras in den Stadien ausstrahlen. Die atemberaubende Brutalität, mit der die Polizeistreitkräfte gegen die Protestierenden vorgehen. Der bewegende Moment, wenn die Ultras sich zu den Protestierenden gesellen… da stockt einem schon mal der Atem.

Auch wenn der Film als ganzes einen merkwürdig kalt lässt. Was vermutlich der (zu?) großen Distanz geschuldet ist, die die Regisseure Olli Waldhauser und Farid Eslam zu ihrem Projekt wahren. Sie beziehen keine Partei, sie bebildern nur. Sie erzählen keine Geschichte, sie versuchen, die Bilder für sich sprechen zu lassen. Das funktioniert manchmal, das funktioniert aber bei weitem nicht immer.

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Video-Link: http://youtu.be/eYj8FTI2edI

Zumal sie beim Zuschauer ein gerüttelt Maß an Wissen voraussetzen. Hätte ich mich vor Besuch der Pressevorführung nicht nochmal schnell bezüglich der Gezi-Park-Proteste, ihrer Ursachen und Folgen schlau gemacht, hätte ich vieles nicht verstanden. Und wer von der Fußballkultur der Ultras nichts weiß, dem werden einige der Protagonisten doch sehr, sehr seltsam erscheinen.

Nichtsdestotrotz ist »Istanbul United« ein hundertprozentig lohnender Film, wenn man sich für Fußballkultur und Politik interessiert. Und er führt in überzeugender Weise vor, wieviel subversive Intelligenz Fußball-Fans haben. Wenn die Ultras zu den Protestierenden stoßen, ist es ihr aus tausenden Zusammenstößen mit der Polizei erworbenes Knowhow und ihr subversiver Humor, der den Protest am Kochen hält. Darauf können nur Ultras kommen: Während einer Demonstration den Polizeinotruf wählen und ganz unschuldig fragen, wo denn das Tränengas bleibt. Steinstarke Szene, ein – trotz gewisser Schwächen – insgesamt starker Film.

Morgen startet „Istanbul United“ in den deutschen Kinos.

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2 Responses to Filmkritik: Istanbul United

  1. AvatarNorbert says:

    Zunächst einmal, vielen Dank für den Tipp.

    Und als Randbemerkung noch: Mittlerweile gibt es in der Süper Lig, mit İstanbul Başakşehir, noch einen vierten Verein aus Konstantinopel.

  2. Danke für den Hinweis. Hätte ich mal doch besser nachgeschlagen, aber da auch im Film die ganze Zeit von den „drei Istanbuler Clubs“ die Rede war, dachte ich, dass ich mir das sparen kann. Mal wieder falsch gedacht.

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