Klappe auf! – Gedanken zum Tod von Robin Williams

Foto: Eva Rinaldi → Flickr: Robin Williams [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Foto: Eva Rinaldi → Flickr: Robin Williams [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Der Tod von Robin Williams hat uns alle erschüttert. Wir mussten erkennen, dass ein Mann,der uns jahrzehntelang zum Lachen gebracht und bewegt hat wie kaum ein anderer Schauspieler seiner Generation, während der ganzen Zeit, in der er uns unterhielt, mit grausamen Depressionen gerungen und den Kampf gegen sie letztlich verloren hat.

Depression ist eine verdammt ekelhafte Krankheit. Sie kann jeden erwischen, ob arm, ob reich, ob berühmt oder ein Nobody, wenn die Krake nach dir greift, bist du meistens hilflos. Und gerade für Männer sind Depressionen besonders gefährlich, weil sie in vielen Fällen zu spät erkannt werden. Einmal, weil die meisten allgemein bekannten Depressions-Anzeichen (Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen usw.) für die weibliche Form der Krankheit gelten. Die Männerdepression äußert sich anders (unter anderem durch Gereiztheit und Aggressivität), und wird deshalb oft später oder gar nicht erkannt. Zum anderen, weil wir Männer Depressionen ignorieren oder – wenn das nicht mehr geht – nicht darüber sprechen. Viele von uns sind von klein auf gedrillt worden, Krankheiten einfach wegzustecken bzw. nicht davon zu reden: »Du willst doch ein Mann sein, also beiß die Zähne zusammen!«

Gerade im Fall eine Depression können diese typisch männlichen Verhaltensmuster fatale Folgen haben. Wer nicht rechtzeitig erkennt, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass er Hilfe braucht, und wer nicht wagt, darüber zu sprechen, der kann sehr schnell in eine furchtbare Abwärts-Spirale geraten, aus der es kein Entrinnen gibt.

Hier müssen wir Männer umdenken und umlernen: Auch wenn uns tausendmal eingebläut wurde, die Klappe zu halten, um nicht für einen jammernden Waschlappen gehalten zu werden: Depressionen begegnet man nicht mit guten Ratschlägen aus der Mottenkiste (»Sport treiben! Auf andere Gedanken kommen!«), sondern nur mir professioneller Hilfe. Wer sich nicht rechtzeitig öffnet und von seinen Problemen erzählt, gefährdet sich. Also, Männer: Schluss mit der Schweigerei. Klappe auf!

Und noch auf einer andere Ebene ist es höchste Zeit, das Schweigen zu beenden und das Maul aufzumachen. In einigen Teilen der sozialen Netzwerke und auch bei Zeit-Online kam es rund um die Nachrufe auf Williams zu antisemitischen Exzessen. Vermutlich, weil Williams sich Zeit seines Lebens für Angehörige der jüdischen Religion und ihre Kultur eingesetzt hat. Bei der »Achse des Guten« sind einige dieser widerlichen Kommentare dokumentiert, es dreht sich einem der Magen um, wenn man das Zeug liest.

Man könnte diesen Quatsch jetzt zur Kenntnis nehmen, mit den Achseln zucken und »Idioten gibt‘s immer« denkend zur Tagesordnung übergehen, aber ich fürchte, dafür ist es zu spät. Diese Strategie, den Antisemitismus und den Rassismus totzuschweigen, ist genausowenig erfolgreich, wie es das Schweigen über Depressionen ist. Wir haben uns daran gewöhnt, dass bei Spiegel-Online die Kommentarfunktion deaktiviert ist, wenn Kolumnisten wie Georg Diez oder Sybille Berg klare Kante gegen Antisemitismus zeigen. Wer will schon mit geifernden Idioten diskutieren oder ihren Quatsch mühselig moderieren?

Natürlich will das niemand, aber wir müssen es tun. Mit wohlgemeinten Statements der üblichen Polit-Frühstücksdirektoren ist es nicht mehr getan, dafür gibt es schon zu viele Dummköpfe, die ihre Sätze mit »Man wird doch wohl noch sagen dürfen« beginnen und auf ein verständiges Nicken hoffen können.

Diesem verständigen Nicken der Bequemlichkeit müssen wir ein Ende setzen. Mit einer öffentlichen Diskussion. Mit deutlichen Argumenten gegen die Dummheit von Rassismus und Antisemitismus. Wir müssen klar machen, dass es weder chic noch intellektuell in irgendeiner Form redlich ist, andere Menschen wegen Rasse, Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit einzusortieren, zu beurteilen oder zu diskriminieren.

Männer, die sich zu großen Schweigern stilisierten, galten mal als durchaus romantische Gestalten. Dieses Männerbild ist mittlerweile überholt. Männer, die den Kampf mit den Raubtieren in ihrem Innern, den Depressionen, aufnehmen wollen, und die, die Raubtiere in den Netzwerken und Kommentaren bekämpfen wollen müssen beides das gleiche tun: die Klappe aufmachen. Fangt an zu reden, Kollegen.

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One Response to Klappe auf! – Gedanken zum Tod von Robin Williams

  1. Avatarsam. says:

    Männe und Schweigen. Bloß nicht zugeben, dass was nicht simmt, das was belastet. Wer sagt da schon was seinem Freund / Freundin. Und was ist, wenn die Teil des ‚Problems‘ sind.
    Ich will einfach nur darauf verweisen, dass es in Deutschland die kostenlose Telefonseelsorge gibt (0800 – 111 0 111 oder 0800 – 222 0 222). Rund um die Uhr, anonym, kompetent.
    Ich hab da schon mit vielen Männern gute Gespräche geführt, mit Männern, die vom Alk weg wollten, die ne richtige Krise in der Beziehung hatten, die sich in ihrer Männlichkeit gekärnkt fühlten … was auch immer. Und alle meinten am Ende des Gesprächs, dass es einfach gut getan hat, mal reden zu können ohne etwas darstellen zu müssen, denn, es ist ja anonym.
    Das als Tipp. Gibt es auch im Internet: http://www.telefonseelsorge.de/?q=node/10

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