Über Volksverdummung – Ein Rechenbeispiel

Ein Kommentar von Richard Albrecht

1987 kritisierte ich fachöffentlich damals wie heute übliche Wahldatenpräsentation(en)1. 2008 verallgemeinerte ich solche großmedialen Befunde und sprach von „aufwändiger Verdummungsindustrie mit ihren Verblendungs-, Verkehrungs- und Umwertungsmechanismen zur strategischen Verstärkung der durch den Warenfetisch jeder kapitalistischen Gesellschaft immer schon gegebenen spontanen Mystifikation als ´gesellschaftliche Gefolgschaft´.“2

Hier nun geht es noch einmal gegen den Jesaja-Effekt. Ich möchte veranschaulichen, was Volksverdummung konkret bedeutet.

Aus öffentlich zugänglichen Quellen ergibt sich: die Freie Demokratische Partei erhielt bei den Bundestagswahlen am 27. September 2009 etwa 6.3 Millionen Zweitstimmen. Das waren 14.6 Prozent der geheim abgegeben gültigen Zweitstimmen.3 Bei der Bundestagswahl am 22. September 20134 erhielt diese politische Partei 2.1 Millionen Zweitstimmen. Das waren 4.8 Prozent der geheim abgegeben gültigen Zweitstimmen. 2.1 Millionen bezogen auf 6.3 Millionen sind – leicht errechenbar – etwa ein Drittel, genauer: 33,33 Prozent. Die F.D.P. erhielt 2013 zwei Drittel weniger Zweistimmen als 2009. Mit anderen Worten: die F.D.P. hat bei der Bundestagswahl 2013 im Vergleich zu der vorangegangenen 2009 66,67 Prozent der geheim abgegebenen gültigen Zweitstimmen weniger erhalten.

Landauf-landab wird dieser nicht unerhebliche Verlust freilich nicht als solcher angemessen dargestellt. Optisch ansprechend erscheint in einer veranschaulichenden „Spiegel“-Graphik5 (die aus rechtlichen Gründen hier nicht übernommen wird) als „Gewinne und Verluste“-Rechnung“ der F.D.P.-Verlust unterm Strich prozentprozentual geringer: als -9,8 Prozent 1. Die Prozent-auf-Prozent-prozentuierende Methode ist rechnerischer Unsinn. Und sie ist als Datenvorgabe und amtliche Mitteilung des Bundeswahlleiters, der zugleich besoldeter Präsident des Statistischen Bundesamtes ist, auch statistischer Dummsinn: „Diff. zu 2009 in %-Pkt.“6

Woran der gesellschaftliche Tatbestand, daß dieser staatsamtliche Dummsinn und / als rechnerischer Unsinn seit Jahrzehnten landauf-landab großmedial propagiert wird, nichts ändert.

RAlbrechtRichard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom 1971, Promotion 1976, Habilitation 1988) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

1 Richard Albrecht, Nivellierung. Zur Präsentation von Wahldaten im Fernsehen; in: medium, 17 (1987) 4: 4-6; weiterführend ders., Mehrheitslegenden: http://www.duckhome.de/tb/archives/8595-MEHRHEITSLEGENDEN.html ; zuletzt ders., Der Legitimationskoeffizent. Plädoyer für eine erweiterte Politische Soziologie der Wahl; in: soziologie heute, 4 (2011) 19: 28-30

2 Richard Albrecht, SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert. Aachen: Shaker, 2008: 12

4 Richard Albrecht, Mehrheitslegenden. Formanalyse der Bundestagswahl-Hauptergebnisse vom 22. September 2013: https://blog.nassrasur.com/2013-09-23/mehrheitslegenden-formanalyse-der-bundestagswahl-hauptergebnisse-vom-22-september-2013/

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