Die Blutwurst-Empörung

Bei der neulich vom Innenministerium veranstaltetenIslam-Konferenz lag auch eine Platte mit Blutwurst auf dem Buffet. Darüber hat sich zwar keiner der Teilnehmer aufgeregt (!), aber ein Journalist vom WDR. Seitdem wird in den sozialen Netzwerken heftig gestritten, ob ein Stück Wurst nun ein Stück gelebte Integration oder ein Faustschlag ins Gesicht aller Muslime sei. An dieser Diskussion kann man haargenau eins ablesen: Dass die Menschen, die sich über die Blutwurst am meisten aufregen, offenbar keine Ahnung von den meisten in Deutschland lebenden Muslimen haben.

Wer Muslim ist, ist keinesfalls automatisch ein vollbärtiger Hassredner aus einer Neuköllner Moschee, der in Schnappatmung verfällt, wenn man ihm das Foto eines Spanferkels zeigt. Die meisten hierzulande lebenden Muslime praktizieren ihren Glauben – wenn überhaupt – ähnlich wie die meisten Christen: Nämlich, wenn es ihnen in den Kram passt. Viele Christen denken sich überhaupt nichts dabei, am Sonntag zu arbeiten, an den höchsten christlichen Feiertagen die Kirche nicht aufzusuchen und die Regularien der vorösterlichen Fastenzeiten eher lax auszulegen.  Viele der Muslime aus meinem erweiterten Bekanntenkreis handhaben es ähnlich: Sie kippen sich gerne mal ein Bierchen hinter die Binde, sind einer gelegentlichen Portion Pulled Pork  nicht abgeneigt und wissen oft nicht mal, wo die nächste Moschee steht.

Diese ganze Blutwurst-Empörung zeigt eins: Das hier mal wieder an der Lebenswirklichkeit der meisten hierzulande lebenden Menschen vorbei debattiert wird, egal welchen Glaubens. Käme irgendjemand auf die Idee, sich aufzuregen, wenn auf dem Pausen-Buffet der deutschen Bischofskonferenz am Freitag eine Platte mit Schweinsbraten stünde?

Es hat mir Wurscht (!) zu sein, was Menschen anderen (oder meines!) Glaubens essen wollen oder dürfen, genauso wie es denen egal sein muss, was ich mir einverleibe. Auf dem zur Debatte stehenden Buffet stand nicht nur Blutwurst, es gab auch noch 13 andere Gerichte zur Auswahl, die auch für strenggläubige Muslime goutierbar waren. Niemand wurde gezwungen, etwas zu essen, was er nicht essen mochte oder dürfte. Wo, verdammt noch mal, ist das Problem? 

Solange wir ein Stückchen Blutwurst zum Anlass einer Integrations-Debatte nehmen, kann von Integration keine Rede sein. Nicht von der Integration hier vollkommen entspannt lebender Muslime, sondern von der Integration von Berufsempörten, die jede Abweichung von ihrem festgefahrenen Weltbild als persönliche Beleidigung interpretieren.

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One Response to Die Blutwurst-Empörung

  1. Jörg says:

    Schön gesagt!
    Mehr möchte ich dazu nicht Schreiben….

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