DIE HÄFNERS: ILSE HÄFNER-MODE. HERBERT HÄFNER. THOMAS HÄFNER.

Künstlerporträts von Richard Albrecht

Der hier vorzustellende Ausstellungskatalog ist so gewichtig wie gut gestaltet. Er wiegt mehr als tausend Gramm. Und kann damit in Deutschland auch nicht als Maxi-Büchersendung für 1.65 € postversandt werden.

Der Katalog ist der Begleitband zur Ilse Häfner-Mode Ausstellung im Jüdischen Museum Rendsburg (Schleswig-Holstein, meerumschlungen). Das Haus wurde nach viermonatiger Umbauzeit und Komplettschließung mit dieser Ausstellung Ende Februar 2013 wiedereröffnet. Präsentiert werden bis Mai 2013 mehr als hundert Werke der Künstlerin, darunter mehr als dreißig, zumeist privater, Leihgaben.

Zur Eröffnung erinnerte Museumsleiter Dr. Christian Walda daran, daß sein Haus seit Bestehen des Museums den Auftrag wahrnimmt, Werke von Künstler(inne)n zu zeigen, die in der faschistischen Nazizeit 1933/45 als Juden verfolgt wurden und deren Werke (zu) oft „vergessen“ wurden. Dagegen arbeitet das Jüdische Museum zur Rehabilitierung im Sinne kunstgeschichtlicher Erinnerung.

Diesem Anliegen dient auch die aktuelle Wechselausstellung mit Werken von Ilse Häfner-Mode: Ilse Mode (1902-1973) gehörte zu einer, auch gelegentlich „verschollen“ genannten, Generation von Künstlern des 20. Jahrhunderts, die in unruhigen Verhältnissen lebten und nachhaltige Erschütterungen erfuhren durch zwei Weltkriege, zahlreiche gesellschaftliche Umbrüche; die aber auch kulturell geprägt wurden durch die künstlerische Aufbruchsstimmung der „goldenen Zwanziger“ in der Weimarer Republiki.

 Ilse wuchs in Berlin auf, studierte dort an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg. 1927/32 erste Ausstellungen. 1928 Heirat des Malers Herbert Häfnerii. Ab 1933 keine Ausstellungen mehr. Vielmehr Verfolgung durch die Nazi, die auch ihren „jüdisch versippten“ Mann 1937 aus der „Reichskammer für Bildende Künste“ ausschlossen und ihn bedrängen, sich scheiden zu lassen. Häfner gibt dem nicht nach, wird 1940 zur Wehrmacht eingezogen und dort bald wegen „Wehrunwürdigkeit“ entlassen. Ilse Häfner-Mode wird 1938 ihr neunjähriger Sohn Thomas weggenommen. Herbert und Ilse trennen sich, bleiben aber verheiratet. Thomas kommt zu Ilses jüngerem Bruder Heinz Mode, dem späteren Professor für Orientalische Archäologie in Halle (1948-1978)iii, der Thomas ins damals britische Ceylon in Sicherheit bringt.

Während des Zweiten Weltkriegs leben Ilse und Herbert getrennt voneinander in Bösingsfeld/Lippe und in Leopoldshöhe (Ostwestfalen) jeweils unauffällig bei Verwandten. Im September 1944 wird Ilse von der Gestapo festgenommen und ins KZ-Außen- und Arbeitslager Elben bei Kassel „verbracht“. Im Gegensatz zu vielen anderen kann Ilse überleben.

Nach Kriegende wird die Häfner-Ehe im September 1946 „in gegenseitigem Einvernehmen“ geschieden. 1948 kommt Thomas zur Mutter zurück und beginnt im Winter 1949/50 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf zu studieren.

Ab 1950 geht es für Ilse Häfner-Mode künstlerisch wieder aufwärts. Es gibt wieder Ausstellungen in der Schweiz und im Westfälischen Landesmuseum, zuletzt vor allem in Düsseldorf. Dort lebt die Künstlerin, wie ihr Sohn Thomas, seit 1955. Sie arbeitet dort auch als Porträtmalerin für Prominente. Als „ihre“ Themen werden „vorzugsweise Menschen in Gruppen und Bewegung, der Karneval, Feste und erotische Aquarelle“ genannt. Mitte März 1973 stirbt Ilse Häfner-Mode siebzigjährig.

Ilse Häfner-Mode, Selbstbildnis mit Pfeife (1949; Katalog: 6) [Öl: 49 x 58 cm]

Ilse Häfner-Mode, Selbstbildnis mit Pfeife (1949; Katalog: 6)
[Öl: 49 x 58 cm]

Dies alles und noch viel mehr dokumentiert der Ausstellungskatalog auf den ersten hundertzwanzig Seiten durch knapp siebzig Bilder der Malerin aus gut vierzig Jahren ihrer künstlerischen Arbeit. Diese wird im Zusammenhang von Leben und Werk erinnert von Alexander Pechstein („Ilse Häfner-Mode – Die Freundin meiner Mutter“) und kenntnisreich ausgeführt in einem großen Essay von Ditmar Schmetz („Ilse Häfner-Mode – Bilder im Lebens- und Liebesreigen“) sowie in einer gehaltvollen Marginalie von Christian Walda („Ilse Häfner-Mode – Ein Künstlerkarriere mit Hindernissen“).

Die Ilse Häfner-Mode gewidmete Hauptausstellung wird durch eine zweite – und wenn man so will – Begleitausstellung von Werken Thomas Häfners (1920-1985) ergänzt. Thomas kam mit Hilfe seines damals forschungsreisenden Onkels Heinz Mode (1913-1992) auf der Flucht vor den Nazis als Neunjähriger 1938 nach Ceylon. Und überlebte dort. Es waren dies lange Jahre der Trennung des auf- und heranwachsenden Jungen von der Mutter und Verlust von Heimat zugleich. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland studierte er an der Düsseldorfer Kunstakademie und gehörte zur 1956 gegründeten Düsseldorfer Künstlergruppe der Jungen Realisteniv, die die abstrakte Gegenstandslosigkeit des damals dominierenden Nachkriegs-mainstream angriff. Thomas Häfner entwickelte in den 1950er und 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Maler selbständige Stilelemente und eine farbige Bildersprache, die auch surrealistische Elemente der Zwischenkriegsperiode einvernahm. Mit „seinen“ Themen um Weiblichkeit und Sexualität, Zeit- und Religionskritik, Phantastik und Tod gilt Häfner bis heute als radikaler phantastischer Realist, der in enger Beziehung zur Maler-Mutter stand und doch formal wie inhaltlich wie ihr ästhetischer Widerpart erscheint.

Thomas Häfner, Selbstbildnis (1962; Katalog: 124)

Thomas Häfner, Selbstbildnis (1962; Katalog: 124)

Dem Maler Thomas Häfner, noch lebenden Zeitgenossen der damaligen Düsseldorfer Kunstszene als trinkfest-streitbarer „Tommie“ erinnerlich, ist der zweite Teil des Katalogs gewidmet: wenn ich mich nicht verzählt habe enthält der Band Abbildungen von dreiunddreißig (zum Teil zu stark verkleinerten) Bildern und von neunzehn Objekten sowie zwei Zeichnungen. Ditmar Schmetz, dem Häfners „Bilder und Skulpturen“ als „ein Juwel in der Kunst des 20. Jahrhunderts“ gelten, gibt eine materialreiche Einführung in Leben und Werk des Künstlers, der über den „kleinen Kreis der Kenner“ (Bertolt Brecht) hinaus eher unbekannt sein dürfte und der auch im Kunstmarktv des gegenwärtigen Ganzdeutschland im untersten Preissegment nistetvi – im Gegensatz zur anglophonen Welt, in der der Künstler seit Jahren als „phantastischer Realist“vii netzöffentlich ausgelobt wird (und im bekanntesten Netzlexikon inzwischen einen artists-stub-Eintragviii erhielt).

Anlaßentspechend geht Schmetz´ bebildeter Essay aus von Äußerungen des „anerkannten Malers“ Thomas Häfner über seine Mutter, die posthume Ausstellungen in Lippstadt (1983) und in Düsseldorf (1995) erfuhr. (Die Kataloge lagen mir nicht vor.) Geschildert wird dann Häfners eigene künstlerische Entwicklung, unter anderem als Schüler seines Vaters und später als Meisterschüler von Otto Pankok (1893-1966), in Form einer tour d´horizon durch Häfners Werk:

Thomas Häfner, »The painter of dreams«, malt seine Bilder aus der Tiefe des Unbewussten wie im Traum. Ohne Vorentwurf fügt er assoziativ die Szenen schöpferisch aneinander und führt sie – auch in ihren Gegensätzlichkeiten – zur Synthesen […] Die mythologische Welt […] faszinierte ihn ebenso wie die Erkenntnisse der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts […] Thomas Häfner greift gerne aufikonographische Modelle aus der Geschichte der bildenden Kunst in seinen Bildern zurück […] Insbesondere im Spätmittelalter häuften sich in der Kunst Darstellungen zu diesem Thema. Die berühmtesten Bearbeitungen sind das Triptychon von Hieronymus Bosch und der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald um 1500 […] In einem ersten Bild aus dem Jahre 1956 malte Häfner hauptsächlich die Versuchungen durch Lebensfreuden, die der Satan dem asketisch lebenden Antonius vorspiegelt. Es sind z. B. sexuelle Freuden und Reichtum, dörfliche Feste, Familienglück. In überwiegend surrealistischer Darstellung sind in diesem Bild die sexuellen Freuden Mittelpunkt. Die gemalten Schmetterlinge stehen in der Mythologie für Psyche und Amor.“

Thomas Häfner, Elefant im Zauberwald (1948/49; Katalog: 126)

Thomas Häfner, Elefant im Zauberwald (1948/49; Katalog: 126)

Auf dieser Folie deutet Schmetz auch zwei Ölbilder Häfners – die größer reproduzierte Zeitreise einer alten Dame (1975) und das zu klein reproduzierte Spätbild Clown, Frau und Tod (1981) als Bestandteile eines „einzigartigen Werks.“ Exkursen zum „zeichnerischen und druckgraphischen Werk“ Häfners folgen Erinnerungen an das 1975 in der Altstadt, Kapuzinergasse 20, von Mouche und Thomas Häfner eröffnete „Schmuck- und Kleinantiquitätengeschäft“ Sphinx, das „finanziellen Gewinn brachte: „Häfner malte nur noch einige wenige Bilder. Er fand in der Herstellung von Schmuck ein weiteres künstlerisches Betätigungsfeld. Seine in Silber gegossenen Schmuckstücke sind von hoher künstlerischer Qualität.“ Schmetz´ Essay, dem achtundzwanzig größere Farbrepros angehängt sind, endet mit dieser Generaleinschätzung des Künstlers Thomas Häfner, der am 30. Januar 1985 in seinem Düsseldorfer Atelier suizidal endete:

Thomas Häfner ist mit seinen Bildern und Skulpturen ein Juwel in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst in ihrer gestalterischen Kraft und in ihrer existenziellen Aussage bleibt aktuell und bedeutsam für das Leben der Menschen auch in der gegenwärtigen und in der zukünftigen Zeit.“

Soweit wichtige Hinweise des Kunstkenners. Dem hier nicht widersprochen werden soll. Als Kunstfreund erkenne ich auch in den Abbildungen zum Werk Thomas Häfners Stetigkeit und Entwicklung zugleich. Diese widersprüchliche Einheit verdeutlichen beispielsweise das frühe Aquarell des jungen Kunststudenten Elefant im Zauberwald und das reife Ölbild des Künstlers Menschen in der Stadt. Beide Bilder lassen sich, wie die Ölbilder Zeitreise einer alten Dame (1975) und Clown, Frau und Tod (1981) auch als farbige Anspielungen, Verwirr- und Versteckspiele mit so eigenem wie selbstbewußten Duktus lesen. Und nicht selten verbirgt sich der keck einmontierte Maler(kopf) ganz klein irgendwo inmitten farbenfroh gemalter phantastischer Märchenwelten mit ihren Fabelwesen …

Thomas Häfner, Menschen in der Stadt (1973; Katalog 149) [Öl, 96 x79 cm]

Thomas Häfner, Menschen in der Stadt (1973; Katalog 149) [Öl, 96 x79 cm]

Ilse Häfner-Mode. Bilder im Lebens- und Liebereigen. Jüdisches Museum in Rendsburg 24. Februar bis 26. Mai 2013. Hg. Christian Walda. Schleswig: Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, 2003, 197 p.; 21 x 30 cm; ISBN 978-3-9815806-0-0, 15 €. (Die vier Farbrepros in diesem FW-Beitrag erfolgen mit freundlicher Genehmigung des Band-Editors, Herrn Dr. Christian Walda.)

iRené König, Zur Soziologie der Zwanziger Jahre oder Epilog zu zwei Revolutionen, die niemals stattgefunden haben, und was draus für unsere Gegenwart resultiert [1961]; wieder in ders., Soziologie in Deutschland. Begründer / Verächter / Verfechter. München: Hanser, 1987: 230-257 [und] 466-468; Peter Gay, Weimar Culture. The outsider as insider. London: Secker & Warburg, 1968, xv/205 p.; dt.spr. Ausgabe udT. Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit, 1918-1933. Aus dem Amerikanischen Helmut Lindemann. Einleitung Karl Dietrich Bracher. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1970, 256 p.

viiihttp://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Häfner

RAlbrechtRichard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom 1971, Promotion 1976, Habilitation 1988). Er lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent 1989 als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. Veröffentlichung von THE UTOPIAN PARADIGM als Forschungskonzept 1991. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. Letzte Buchpublikation HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren 2011. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

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2 Responses to DIE HÄFNERS: ILSE HÄFNER-MODE. HERBERT HÄFNER. THOMAS HÄFNER.

  1. Avatarkarin lukaszczyk says:

    Ich habe Thomas und Ilse Häfner sehr gut persönlich gekannt.Viele Jahre habe ich in ihren Kreisen verbracht, Ich besitze auch das letzte Bild von Ilse „Abschied vom Leben“. Ich habe ein Bild von Ilse, wo sie mich gemalt hat. Später als ich geheiratet habe, standen wir immer noch viele Jahre in brieflichem Kontakt. Es war eine wunderbare Zeit, die mich auch künstlerisch geprägt hat. LG karin lukaszczyk

    • AvatarFelicia Mode Alexander says:

      I am researching the Mode family in Berlin and wonder if you can tell me the names of Ilse’s parents and siblings? Thank you.
      Langhorne, PA USA

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