Tränen, Schnaps und Katastrophen

Eine Kurzgeschichte vom Matla

Meine Nachbarin meint: „Wenn du ins Zimmer kommst, Matla, überschwemmt dein Testosteronspiegel den ganzen Raum.“ Ich bin ein Ignorant, arrogant, völlig blind für Subtilität, ein Frauenhasser, Arschloch, nicht mehr als ein Affe und sowieso vollkommen verblödet. Je nach Örtlichkeit und Laune sagt sie entweder resignierend „Ach, typisch Mann“ oder ziemlich erregt „Was für ein geiler Typ du bist, ein echter Mann!“
Ja, ich streite es nicht ab, ich bin ein Mann. Immer ganz cool, abgeklärt. Weißt du, wenn jemand den Löffel abgibt, gähne ich und sage: „Baby, wir alle werden sterben.“ Und nehm‘ mir ein Bier dazu. Wenn die Welt im Dreck versinkt: „Sind ja selbst schuld, die Deppen.“ Und noch ein Bier.
Letzthin habe ich die Nachbarin beobachtet. Wie sie vor der Glotze hockt und dreinschaut. Die Knie angezogen, die Fingernägel stehen nur noch in Fetzen davon, sie zittert. Zum hundertsten Mal sehen wir die Bilder von dem Scheißtsunami in Japan. Die Häuser, die Autos mit Leuten drin, sie werden weggerissen. Die Nachbarin weint, ich trinke. Der Rotwein ist schnell alle, arbeite am Brandy weiter, der seit Weihnachten herumsteht. Die Atomreaktoren explodieren, die Japaner mit ihren Schutzmasken laufen auf und ab, alle sind am Ende. Das Sofa ist von der Heulerei der Nachbarin schon ganz aufgeweicht, mir wird schlecht. Ich bekomm das Gesöff nicht mehr runter, würge. Wankend steh ich auf und renne auf den Balkon eine rauchen. Der Tschick schmeckt beschissen, Kröte mit Krone aus Stacheldraht im Hals, die Lunge brennt. Ich schmeiß den Tschick in die Dunkelheit und geh wieder rein. Ich kann nichts mehr runterschlucken!
„Wenn ich eine Frau wäre, würde ich jetzt gerne weinen“, sag ich zur Nachbarin, „dann wäre vieles einfacher.“
„Ich weiß“, antwortet sie mit roten Augen. „Aber Männer haben keine Tränen.“

Der Matla lebt in Wien, hat dort im Rattenloch gearbeitet und schreibt seit Jahren Geschichten in sein Blog hinein, das früher mal „Mein Mittagessen“ hieß und sich heute „Manifest des Erbrechens“ nennt. Der Matla ist Bierfahnenträger, Marihuanahüpfer, Budget-Zigeuner und seit neuestem Gastautor auf „Männer unter sich“.

Foto by Fabricio Zuardi under Creative Commons 2.0 License

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2 Responses to Tränen, Schnaps und Katastrophen

  1. Pingback: Sandmännchen am güldnen Horizont : Mittagessen : Das Manifest des Erbrechens

  2. AvatarMatla says:

    Servus Kurbjuhn,

    danke für den Tipp mit der Zwiebel. Ha!

    Matla

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