Tour de France – 5. Etappe

Heute geht's durch die Bretagne

“Interessiert Dich die Tour de France?” – “Nö.” – “Und warum guckst Du dann jeden Tag den Mist?” – “Wegen der schönen Landschaft.”

Ans Meer

Wer so argumentiert, hat heute besonders gute Karten. Es geht ans Meer. Die Etappe rollt komplett durch die Bretagne. Los geht’s im Finistère im beschaulichen Carhaix-Plouguer, einem Partnerstädtchen von Waldkappel am Hohen Meißner. Während am Wegesrand die Gwenn-ha-Du, die schwarz-weiße Fahne der Bretagne, flattert und Karsten Migels, Andreas Schulz, Gerd Leinauer und Jean-Claude Leclercq auf eurosport, dicht gedrängt im Kommentatorenhäuschen, eine Werbepause nach der anderen abfeuern, stellen wir den Ton etwas leiser, neigen die Rückenlehne etwas nach hinten und gehen in den erholsamen Lock-on-Lock-off-Modus.

So gegen 16 Uhr öffnen wir die Äuglein langsam wieder und geben uns der Hoffnung hin, dass die Wolken sich verzogen haben, damit die Helikopter aufsteigen und uns schöne Bilder von der Baie de Saint-Brieuc liefern. Auch heute ist der Name Bernard Hinault noch einmal präsent: Gegen halb fünf fährt der Tross durch Yffiniac, den Geburtsort des vierfachen Champions der Champions und fünffachen Toursiegers.

Sollte das Peloton nicht gerade durch Sturmböen oder Massenstürze auseinander gerissen worden sein, gibt es heute wieder einen Massensprint. Und das an einer ganz besonders schönen Ecke: An den beiden Leuchttürmen von Cap Fréhel.

Fakten-Check:
Länge: 165 Kilometer. Profil: Flach. Eine Bergwertung der 4. Kategorie zu Beginn der Etappe.
Wer gewinnt? Mark Cavendish. Die Zeit ist reif.

Bike-Check:
Heute mal ein Blick nach vorn. Die Profis fahren nicht herkömmlichen innen geklemmten Vorbauten, sondern mit Aheadsets. Die werden von außen in der Regel mit zwei Schrauben auf den Gabelschaft geklemmt. Das ist zwar sehr stabil, aber der Lenker kann nicht mehr ohne weiteres in der Höhe verstellt werden, verstellt sich aber auch nicht von alleine.

Fromage du Terroir: Chandamour

Britt ou...

Der Chandamour ist ein Weichkäse aus Kuhmilch mit einer weißen Schimmelschicht. Im Grunde nichts anderes als ein Brie, der aus der Bretagne kommt. Was dazu trinken? Bitte ein Britt – das bretonische Bier. Die Brauerei wirbt mit dem possierlichen Slogan: Chérie, une Britt ou je te quitte! – Schätzchen ein Britt oder ich verlasse Dich!

 

 

Foto Britt: Carsten Sohn
Fotos Bretagne: la niña-niña under Creative Commons CC BY-ND 2.0

 

Tour de France – 4. Etappe

Es wird steil.

Mûr-de-Bretagne. Spitzname: Bretonisches L’Alpe d’Huez. Die heutige Etappe wird richtig schwer. Wie bei Etappe 1 auf den Mont des Alouettes handelt es sich hier zwar nicht um eine alpine Bergankunft – auf dem Papier ist es sogar eine Flachetappe. Aber: Es geht speziell den vorletzten Kilometer brutal steil bergauf.

In den Achtzigern hatte man noch echt gut haftende Farbe. Auf den letzten Kilometern ins Ziel können die Fahrer noch den Namen des fünfmaligen Toursiegers Bernard Hinault auf dem Asphalt lesen. Le Blaireau („der Dachs“) ist hier einige Male in seiner Karriere vorbei gekommen und erlebte eine überwältigende Kulisse.

Bernard Hinault beim Giro 82, zwischen Tony Primm (links) und Lucien van Impe (rechts)

Eine überwältigend verregnete Kulisse gab es bei der letzten Überfahrt an der Mûr-de-Bretagne 2008 als Sylvain Chavanel vor Thomas Voeckler hier die Bergwertung abstaubte. Das Etappenziel war damals nicht hier oben, sondern in Saint-Brieuc. Es gab also noch genügend Luft für die klassischen Sprinterteams, die Ausreißer einzuholen. Das gelang auch und im Sprint des Hauptfeldes siegte Thor Hushovd – der aktuell im Gelben Trikot des Gesamtführenden fährt.

Einen klassischen Sprint des Hauptfeldes gibt es heute nicht. Dafür ist es kurz vor der Linie einfach zu steil – passagenweise sind bis zu 15 Prozent annonciert. Das ist nix für die Herren Greipel, Cavendish & Co. Hier muss wieder wie bei der ersten Etappe ein Berserker ans Werk.

Maßgeschneidert ist die Ankunft für Philippe Gilbert, den Ardennen-König. Der hat in diesem Jahr immerhin schon den Pfeil von Brabant, das Amstel Gold Race, den Flèche Wallonne und Lüttich–Bastogne–Lüttich gewonnen. Aber Thor Hushovd ist auch ein Puncher. Sensationell, wie der gestern den Sprint für Tyler Farrar angefahren hat. Ein schöner Erfolg am Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten für den Amerikaner.

Fakten-Check:
Länge: 172 Kilometer. Profil: Flach. Eine Bergwertung der 4. Kategorie etwa in der Mitte der Etappe. Zum Schluss die Mûr – die Bergankunft. Sie ist härter als bei der ersten Etappe. Wer gewinnt? Philippe Gilbert.

Bike-Check:
Gestern hatten wir die schnellen Zeitfahrmaschinen auf die Strecke gebracht. Wenn die so super schnell sind, warum nehmen wir sie nicht immer? Sobald es auch nur etwas hügelig wird, stoßen die Dinger mit ihren Hammerkurbeln an Grenzen. Sie sind einfach zu unbequem und schlecht kontrollierbar sind sie auch. Für 30 bis 40 Kilometer kann man eine gedrungene Position einnehmen – aber nicht für knapp 200. Gute Renner schlucken einen Teil der vertikalen Schläge – der Fahrer muss den Lenker weniger festkrallen.

Fromage du Terroir: Caillebotte
Das ist ein Frischkäse, der meistens aus Kuh- manchmal aber auch aus Schafsmilch hergestellt wird. Viele essen ihn wie Quark mit Früchten und Zimtzucker zum Dessert. Da ich nicht so auf Desserts stehe, gibt es den Caillebotte bei mir mit Frühlingszwiebeln und frischen Kräutern vorweg auf frischem bretonischem Baguette Sarrasin aus Buchweizen. Dazu ein Sauvignon aus der Tourraine.

Foto Tour: Hans-Peter Reichartz  / pixelio.de
Foto Giro: Numerius under Creative Commons CC-by-ND 2.0

Tour de France – 3. Etappe

Sprintankunft

Sprintankunft in Redon. Alles andere wäre eine absolute Überraschung. Wir verlassen die Vendée und nehmen Kurs auf die Bretagne. Hoffentlich kommt es heute zum prognostizierten Show-down zwischen André Greipel und Mark Cavendish. Thor Hushovd, der Norweger, der gestern das Gelbe Trikot übernahm, ist ebenfalls ein Sprinter, der noch ein Wörtchen mitreden könnte. Immerhin: Im vergangen Oktober hat er die Straßenweltmeisterschaft in Melbourne nach einem brutal langen Sprint vor dem Dänen Matti Breschel gewonnen.

Interessant wird heute die Renntaktik. Es gibt nur noch einen Zwischensprint pro Etappe – und der wurde erheblich aufgewertet. Der Erste bekommt 20 Punkte. Das ist fast die Hälfte der 45 Punkte, die es für einen Etappensieg gibt. Ein “Scheiß drauf, ist ein Zwischensprint!”, dürfte den sportlichen Leitern nicht mehr so leicht über die Lippen kommen.

Gibt es eine kleine Ausreißergruppe mit zwei, drei Mann? Oder halten die Sprinterteams den Laden auf Teufel komm raus zusammen?

Ich vermute: Letzteres. Denn das Profil morgen an der Mûr-de-Bretagne wird wellig und da sacken vermutlich die Allrounder oder Ausreißergruppen die Punkte fürs Grüne Trikot ein. Greipel & Co. brauchen die Punkte von heute! Die Ansicht von Tourchef Christian Prudhomme, der vermutet, dass das Rennen nur bis zum Zwischensprint “blockiert” sei, teile ich nicht. Warum sollte man für den kleinen Lohn rackern und den großen Fisch dann von der Angel lassen?

Hach, Redon. Da hab ich noch eine schöne Geschichte auf Lager. Die hat zwar nix mit der Tour zu tun, aber mit Fisch und “Männer unter sich”: Letztes Jahrhundert: Es muss irgendwann Anfang Oktober gewesen sein. Wir tuckerten mit der Diane über die Vilaine. Es war die erste reine Männer-Tour: Mein Onkel, mein Vater und ich. Ziel war La Roche-Bernard. Zwischenstopp in Redon. Ich war Smutje an Bord und die Mannschaft wollte Fisch.
Ich in den nächsten Lebensmittelladen rein. Monsieur im weißen Kittel stand hinter der Frischtheke. Ich so: “Quelles pêches avez vous.” [Meinte Fische, faselte aber ungewollt was von Pfirsichen] Er so: “Uhlala, Monsieur, c’est n’est plus la saison. Allez-y, on va voir le rest.” Kommt um die Theke rum und geht in die Obst Abteilung. “Voilà!” Ich:”No, no, les pêches du pêcheur.” – “Ah, les poissons [die Fische]. C’est le pêcher [Pfirsichbaum] qui donne les pêches et c’est le pêcheur [Fischer] qui pêche [fischt] les poissons.”.
Kein Pech hatte ich dann mit den erstandenen Seezungen. Nur waren die sündhaft teuer – le pêche, die Sünde eben.

Weiter im Text.

Fakten-Check:
Länge: 198 Kilometer. Profil: Flach mit mit einem einzigen Anstieg im letzten Drittel – der Loirebrücke Pont de Saint-Nazaire (4. Kategorie). Wer gewinnt? André Greipel. Heute will er es wissen. Marcel Sieberg wird ihn nach vorne fahren.

Bike-Check:
Auffälligste Neuerung für Sprinter, die elektrisch mit Shimano Di2 schalten: Satellite Shifter. Das sind kleine zusätzliche Elektroschalter, die im Bogen des Lenkers verbaut werden. Damit lässt sich die Kette per Daumendruck Ritzel für Ritzel am Hinterrad abwärts bewegen. Die Finger bleiben so komplett am Lenker. Mark Cavendish nutzt diese Shifter. André Greipel schaltet konventionell per Seilzug mit Campagnolo-Record.

Fromage du Terroir1: Noyal.
Nach zwei Ziegen- ist heute ein Kuhmilchkäse dran. Er kommt aus Noyal-sur-Vilaine – ein paar Flusskilometer auf der Vilaine nördlich vom heutigen Etappenort. Auf der Höhe von Rennes. Es ist ein halbfester Schnittkäse in ovaler Form mit mildem Geschmack. Was trinken? Ein Bonnezeaux. Das ist ein eigentümlicher edelsüßer Weißwein aus dem Loiretal, der nach Pfirsich und Honig duftet.

Foto Tour: wfbakker2 under CC by SA 2.0
Foto Seezunge: wrw  / pixelio.de

  1. “Comment voulez-vous gouverner un pays qui a deux cent quarante-six variétés de fromage?” – “Wie wollen Sie ein Land regieren, in dem es 146 Käsesorten gibt?”, fragte Charles de Gaulle, der erste Präsident der V. Republik. Das können wir von “Männer unter sich” natürlich auch nicht beantworten, aber wir stellen während die Tour läuft – passend zur Region – jeden Tag einen der kleinen Stinker vor.

Tour de France – 2. Etappe

Iban Mayoz beim Zeitfahren

Mannschaftszeitfahren in Les Essarts – wir sind also weiterhin in der Vendée. Was hat es mit dem Mannschaftszeitfahren auf sich? Walter Goodefrot bringt es auf den Punkt: “Das ist ein Scheißrennen.” Defekte, Stürze, Fahrer die zu früh abgehängt werden. Beim Contre-la-montre par équipes wird die Tour zwar nicht gewonnen, aber durch irgendein Pech ruck-zuck verloren.

Team Milram beim Training

Ruck-zuck zerschlugen sich die Hoffnungen von Linus Gerdemann 2009 in Montpellier, als seine Milram-Mannschaft gleich zwei Mal zu Boden ging. Vor dem team time trial hatte er noch auf einen Platz unter den Top-Ten spekuliert. Nach der Veranstaltung war er über 40 Plätze abgerutscht.

Spekuliert auf den Toursieg hatte 1993 Tony Rominger. Zum Unglück zwei Mannschaftskameraden auf der Passage du Gois gelassen zu haben, kam auch noch Pech mit dem Wetter hinzu. Er startete mit dem geschwächten und dezimierten Team im Regen nach Avranches. Als Induráin in Dinard an den Start ging, war schönster Sonnenschein und die Strecke pupstrocken. Das schlug mit brutalen vier von insgesamt fünf Minuten zu Buche, die der Schweizer am Ende hinter dem Spanier lag.

Zu Buche schlug 1993 auch die Länge der Strecke – über 80 Kilometer! Streckenchef Francois Pescheux war in diesem Jahr gnädig: Es sind “nur” 23 Kilometer geworden. Aber: Schon mal versucht 23 Kilometer an einem Fahrer dran zu bleiben, der eigentlich viel schneller als man selber ist? Geht nicht. Irgendwann muss man reißen lassen. Und das kann übel werden. Denn beim Mannschaftszeitfahren stoppt die Uhr erst, wenn der fünfte Fahrer eines Teams über die Linie fährt. Eine Deckelung der maximalen Zeitabstände gibt es diesmal nicht – denn so groß dürften die heute nicht werden.

Damit mindestens fünf Fahrer gemeinsam über die Linie flitzen, kommt es drauf an, in einer günstigen Formation zu fahren. Beim öffentlich-rechtlichen murmeln sie an dieser Stelle immer was vom Belgischen Kreisel – alle Fahrer leisten gleichviel Führungsarbeit, gehen zügig aus der Spitze raus und reihen sich hinten im Windschatten ein. Die Windrichtung bestimmt dabei die Rotationsrichtung. Den Kreisel werden wir aber in Reinkultur nicht zu sehen bekommen. Denn damit der rollt, müssten die Fahrer in etwa gleich stark sein.

Gleich stark sind die Fahrer bei Leopard-Trek zum Beispiel auf keinen Fall. Besser gesagt: Die Stärken sind anders verteilt. Die Chancen das die Leoparden heute Gelb übernehmen stehen nicht schlecht. Immerhin haben sie mit Fabian Cancellara den Zeitfahrweltmeister von 2006, 7, 9 und 2010 im Boot. Der kann den Gebrüdern Schleck ordentlich Windschatten spendieren. Auch Garmin-Cervélo darf sich mit den beiden Davids, Millar und Zabriskie, Hoffnungen machen.

Ist Mannschaftszeitfahren wirklich ein Scheißrennen? Nee, wir Zuschauer dürfen uns auf spektakuläre Bilder freuen. Endlich sieht man mal die Teams komplett im Rennbetrieb. Allemann in geschmeidigen Rennanzügen. Stylische Helme. Im besten Fall fahren sie wie Uhrwerke auf ihren high-tech Zeitfahrmaschinen.

Für die schwächeren Fahrer ist es aber eine Tortur. Für sie ist das Rennen wie das Gummi einer alten Unterhose. Ein paar mal reicht die Elastizität, aber irgendwann kommt der Punkt, wo es den Laden nicht mehr zusammen hält.

Fakten-Check:
Länge: 23 Kilometer. Profil: Flach. Die höchste Welle ist kurz vor dem Ende. Zwischenzeiten werden bei Kilometer 9 in Boulogne und bei Kilometer 16,5 in La Merlatière genommen. Wer gewinnt? HTC. Weltklasse Zeitfahrer Tony Martin fährt ins Gelbe Trikot.

Bike-Check:
Aerodynamik ist heute Trumpf. Bei einigen Zeitfahrmaschinen verschwinden die Bremsen hinter der Gabel. Disc-Laufräder senken den Luftwiderstand. Und: Riesige Kettenblätter. Bei einigen werden die ganz dicken Dinger mit 56 Zähnen montiert.

Fromage du Terroir1: Trois Cornes de Vendée
Ein Ziegenkäse in Dreiecksform mit einer Seitenlänge von etwa 10 Zentimetern. Er erinnert etwas an einen frischen Camembert. Wer keinen Ziegenkäse mag, wird ihn nicht mögen – er kann seine Herkunft nicht verleugnen. Welches Getränk passt? Ein Gros-Plants. Er ist der kleine Bruder des Muscadet. Dieser Weißwein aus dem Gebiet von Nantes. Ist preiswert und schmeckt gut gekühlt.

Fotos: Carsten Sohn

  1. „Comment voulez-vous gouverner un pays qui a deux cent quarante-six variétés de fromage?“ – „Wie wollen Sie ein Land regieren, in dem es 146 Käsesorten gibt?“, fragte Charles de Gaulle, der erste Präsident der V. Republik. Das können wir von „Männer unter sich“ natürlich auch nicht beantworten, aber wir stellen während die Tour läuft – passend zur Region – jeden Tag einen der kleinen Stinker vor.

Tour de France – 1. Etappe

Die Passage de Gois

4,5 Kilometer lang. Zwei Mal am Tag komplett vom Atlantik überflutet. Immer überzogen mit einer Schicht aus salzigem Schlick und Schlamm aus der Baie de Bourgneuf. Auftakt der Tour de France 2011 in der Vendée an der Passage de Gois. Das hat was.

Pathos, die ganz große Geschichte, der Hang zum Historischen, dramatische Bilder, die interessante Kleinigkeit am Rande und die Wucht des Scheiterns. Wenn Christian Prudomme, Monsieur le Directeur du Tour de France, eins kann: Schnittstellen für allerlei Kommunikationen herstellen.

Anno tuc floh der französische Adel vor den Normannen über Sandbänke vom Festland auf die Île de Noirmoutier. Während der Revolution nutzten die Royalisten die PdG als Rückzugsweg. Irgendwann kamen dann Pflastersteine auf den Schlick – hier und da etwas Asphalt. Zwei Mal war sie bereits im Programm der Tour. Beide Male gab es schlimme Stürze – mit Ansagen. Etliche Favoriten flogen dabei früh im Tourverlauf raus. Ausgerechnet hier die erste Etappe einer Tour zu starten – das hat eine unwiderstehliche Dreistigkeit, Herr Prudhomme!

Le Tour

“Sous les pavés, la plage – Unter den Pflastersteinen liegt der Strand.” Das dieses Motto der 68er-Bewegung ausgerechnet in der nationalkonservativen Vendée mit der PdG verwirklicht wurde, ist ein Beleg dafür, dass die Verfasser der Menschheitsgeschichte auch mal für einen kleinen Spaß im Detail zu haben sind.

Weniger Spaß dürfte Abraham Olano am 5. Juli 1993 gehabt haben, als er mit seinem Mannschaftskameraden Arsenio González Gutiérrez auf der rutschigen PdG auf die Nase flog. Olano war sofort aus dem Rennen, González schaffte es noch bis ins Ziel, strich aber am nächsten Tag die Segel.

Die Segel streichen konnte auch sein Kapitän Tony Rominger, der sich den Zeitfahrer Olano in die Mannschaft geholt hatte, um gegen Miguel Induráin anzustinken. Mit nur sechs Fahrern bei Mannschaftszeitfahren von Dinard nach Avranches bekam er nicht nur keine Schnitte, sondern auch noch eine Zeitstrafe eingeschenkt, weil zwei Mannschaftskollegen von Clas-Cajastur sich regelwidrig gegenseitig angeschoben hatten. Kein schöner Tag für den Schweizer.

Kein schöner Tag für einen anderen Schweizer war die Überfahrt der Passage du Gois am 5. Juli 1999. Diesmal erwischte es Alex Zülle. “Wer vorne stürzt, fährt sicherer”, meinte Reporterurgestein Dr. Jürgen Emig. Umgekehrt wird ein Schuh drauss, muss sich ein gewisser Lance Armstrong gedacht haben, der mit der Spitzengruppe über die Passage schlitterte und Zülle geschmeidige sechs von sieben Minuten einschenkte, die am Ende den Toursieg ausmachen sollten.

Mit dem Schuh raus war Armstrong am 2. Juli 2005 – allerdings dauerte es nur eine Schrecksekunde bis er ihn beim Prolog von Fromentine auf die Île de Noirmoutier wieder ins Pedal klicken konnte. Dass David Zabriskie den Prolog vor sechs Jahren gewann, hatte ich schon so gut wie vergessen. Das Bild dieses Rennens: Armstrong überholt den eine Minute vor ihm gestarteten Jan Ullrich.

2005 ging es zwar nicht über die Passage du Gois, sondern über die Brücke zur Île. Sie wird auch diesmal wieder Ausgangspunkt sein. Die Fahrer starten offiziell, neutral in La Barre-de-Monts – genauer gesagt: An der Place de la Gare in Fromentine vorm Hotel de Bretagne. Es geht dann über die D 38 zur Brücke. Und nach einem Rechtsknick auf die Passage du Gois, wo Tourchef Prudhomme das Fähnchen wedelt, um den scharfen Start freizugeben. Sollte die Passage du Gois noch feucht sein – gute Nacht zusammen.

Mit einer Sprintankunft rechne ich nach den ersten 191,5 Kilometern allerdings nicht, denn am Ende warten zwei Berge auf die Fahrer. Von einer alpinen Bergankunft kann man natürlich nicht reden, aber immerhin die letzten 2 Kilometer bis ins Ziel auf dem Mont des Alouettes (4. Kategorie) geht es stramm bergauf.

Fakten-Check:
Länge: 191,5 Kilometer. Profil: Flach mit zwei Anstiegen gegen Ende. Der bissigste zum Schluss 2,2 Kilometer mit 4,7 Prozent. Wer gewinnt? Andy Schleck? Contador? Nee, hier muss ein Fahrer im Berserkerformat das Rennen machen: Fabian Cancellara.

Bike-Check:
Laut RoadBIKE soll Andy Schleck ein Chain Catcher gefehlt haben, als er im vergangenen Jahr bei der 15. Etappe nach Bagnères-de-Luchon Gelb verlor, weil er die Kette aufs Tretlager schaltete. Das sollte in diesem Jahr nicht passieren, denn sein aktueller Sponsor verbaut sie serienmäßig.

Fromage du Terroir1: Bûchette du Pont d’Yeu.
Von der Brücke aus kann man sie sehen: Die Île d’Yeu. Dort wird dieser cremige Ziegenkäse in Form eines Zylinders rund ums Jahr produziert. Er ist mit einer dünnen, grauen Schicht aus Asche und Schimmel überzogen, die im salzigen Klima der Insel besonders gut gedeiht. Beste Saison ist der Frühsommer. Welchen Wein dazu? Einen weißen: Muscadet. Aber sur lie s’il vous plaît. Dann hat er lange Kontakt mit der Hefe gehabt und moussiert noch ein wenig.

Carsten Sohn, Jahrgang 70, arbeitet als Blogger und Tagedieb im Mitzwinkel, dem hintersten Winkel des Internet. In seiner Freizeit betätigt er sich als Hobby-Koch und Fahrrad-Evangelist. Für “Männer unter sich” kommentiert er die Tour de France.

Foto Passage de Gois: pics by brian under Creative Commons CC by 2.0
Foto Fahrer: by Simon Styles (originally posted to Flickr as IMG_3315) [CC-BY-2.0 ], via Wikimedia Commons

  1. „Comment voulez-vous gouverner un pays qui a deux cent quarante-six variétés de fromage?“ – „Wie wollen Sie ein Land regieren, in dem es 146 Käsesorten gibt?“, fragte Charles de Gaulle, der erste Präsident der V. Republik. Das können wir von „Männer unter sich“ natürlich auch nicht beantworten, aber wir stellen während die Tour läuft – passend zur Region – jeden Tag einen der kleinen Stinker vor.

Die Tour – Prolog

Aufgalopp. Am kommenden Samstag startet die Tour de France.

La Grande Boucle

Alberto Contador ist natürlich Topfavorit. Der Bursche hat es nicht leicht. Fährt sensationell die Berge rauf, aber wenn er dann auf dem Podium steht, geben sie ihm ordentlich einen mit. Beim diesjährigen Giro-Triumph dudelten die Veranstalter zum königlichen Marsch eine Gesangseinlage aus Zeiten des Claudillo. Ich wüsste gar nicht, wie man an die Mucke so mir nichts, dir nichts ran kommt. 2009 waren die Franzosen nicht weniger kreativ und legten eine dänische Hymne auf. Würde in diesem Jahr übrigens passen. Denn sportlicher Leiter von Contadors Saxo-Bank-Sungard-Truppe ist ein gewisser Bjarne Riis.

Kreativ ist der Spanier auch bei seiner Ernährung. Ein verzaubertes Schnitzel (Kalb ist Pflicht – Wiener Art geht gar nicht) gab im letzten Jahr  Kraft für die Alpen und die Pyrenäe. Italiens Radsportfans fanden die Idee übrigens so brillant, dass sie Alberto während der Italiensause Eier mit auf den Weg gaben – wohl in der Hoffnung, er möge das Rosatrikot dem Landsmann Nibali überlassen und sich selbst später beim Rennen in den Gefilden der Grande Nation in güldenes Gelb pökeln.

Zauberhafte Wirkung sagt man auch einer luxemburgischen Spezialität nach: Kachkéis. Der Beamte Charel Kuddel verwandelt sich nach dessen Genuss regelmäßig in Superjhemp. Die Bierpocke bleibt zwar trotz Metamorphose, aber er kann fliegen – mit den Händen in der Hosentasche. Ob die luxemburger Hoffnungen, Andy und Fränk Schleck, Kachkéis überhaupt mögen, ist mir nicht bekannt. Zu Verwerfungen mit den Dopingjägern, sollte der Genuss hoffentlich aber nicht führen.

Apropos Verwerfungen: Streckenchef Jean-Francois Pescheux hat diesmal ein sehr, sehr „welliges“ Profil gewählt. Es ist Bergziegen à la Schleck und Contador auf den Leib geschneidert. Es könnte also eine Neuauflage des Duells vom Vorjahr kommen. Vielleicht gelingt ja auch der Vorjahresplan der Luxemburger, den Spanier mit zwei Mann zu beharken.

Beharken können sich endlich auch Mark Cavendish und André Greipel. Nach Greipels Teamwechsel von HTC-Highroad zu den Belgiern von Omega Pharma-Lotto ist der Weg frei, dem Rekordetappensieger zu zeigen, wo der Hammer hängt. Dem Papier nach geht das sehr gut auf der 3. Etappe am Montag. Vielleicht noch auf Etappe 5 oder 7. Ansonsten ist in Montpellier noch eine Chance. Und Paris natürlich.

Chancen rechnet sich auch ein weiterer Deutscher aus: Tony Martin. Ein hervorragender Rundfahrer. Hat im Frühjahr Paris-Nizza gewonnen. Nur: Das Profil passt nicht. Er gewinnt die Rundfahrten bei den Einzelzeitfahren und davon gibt es praktisch nur die rund 40 Kilometer in Grenoble am vorletzten Tag – und die sind auch noch verdammt hügelig.

Um es abzukürzen, habe ich die Sache mal schnell durchgerechnet:
Gelbes Trikot: Alberto Contador, Andy Schleck, Cadel Evans.
Polka Trikot: Jerome Pineau, Anthony Charteau, Andy Schleck
Grünes Trikot: Mark Cavendish, André Greipel, Tyler Farrar.

Stellt Bier kalt!

Carsten Sohn, Jahrgang 70, arbeitet als Blogger und Tagedieb im Mitzwinkel, dem hintersten Winkel des Internet. In seiner Freizeit betätigt er sich als Hobby-Koch und Fahrrad-Evangelist. Für „Männer unter sich“ kommentiert er die Tour de France.

Foto: Hans-Peter Reichartz  / pixelio.de

Vater und Sohn und die Tour

Faszination Radsport

Faszination Radsport

Die Saison im Straßenradsport ist gestartet. Endlich. Klar, einige Profis waren schon Downunder unterwegs, haben das komplette Straßennetz bei den Scheichs in Katar unter die Systemlaufräder genommen oder sind beim Étoile de Bessèges Anfang Februar in den Cévennen an den Start gegangen. Paris Nizza läuft.
Doch richtig los geht es erst jetzt Mitte März mit La classicissima Mailand-San Remo am 19. 3. 2011. Dann kommt es Schlag auf Schlag: Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix und Lüttich-Bastogne-Lüttich. Dauphiné Liberé und selbst der Giro sind aber nur Aufgalopp für die prestigeträchtigste aller Rundfahrten: die Tour de France – Le Tour.
Jedes Jahr aufs Neue ist Frankreich die ideale Kulisse: Ein ganzes Land wird zur Arena. – Die Flachetappen über die endlosen Ebenen des Landes. Die halsbrecherischen Sprintankünfte. Windkante fahren in der Bretagne. Vorbei an den Étangs des Mittelmeers. Dann hinauf auf die Tribünen des Wahnsinns: Die Alpen und die Pyrenäen. Erst, wenn der Brunnen auf den Champs-Élysées über die Bildschirme flimmert, ist es geschafft.

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Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=OI_9Sj7ntuw

Besonders gern habe ich die Tour mit meinem Vater geguckt.
Schade, dass die öffentlich-rechtlichen Sender die Tour nicht mehr übertragen. Die kreuzdämlichen „der Helikopter überquert hier ein Schloss“-Kommentare „hier sehen wir Weinfelder, von einem guten Tropfen, der in dieser Gegend wächst“-Phrasen haben meinen Vater und mich immer zu schallendem Gelächter hingerissen.
Immer wieder gern: Emig zum im Ziel vor sich hin röchelnden Ullrich: „Jan, wie fühlen Sie sich?“ Überhaupt Emig. Hier ein kleiner Abriss aus dem Buch der Radsportzitate: „Wer vorne stürzt, fährt sicherer.“ – „Rechts sehen Sie jetzt ein paar Kühe, die gerade aus dem Bild fahren.“
Harald Schmidt über Emig: „Jetzt läuft die Tour de France. Die meisten Fahrer dopen sich nicht, um das Rennen durchzuhalten, sondern die anschließenden Interviews mit Jürgen Emig.“

Im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Reportern konnte mein Vater treffsicher kommentieren.
1989 (LeMond 8 Sekunden vor Fignon): „Das machen die Franzosen auch nicht noch mal – Einzelzeitfahren auf der letzten Etappe.“

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Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=AyvwtOQYQ-E

1995 (Indurain Numero 5): „Der geht nie aus dem Sattel. Das ist der Trick!“

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Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=gDqhNSdaQZo

2000 (Ullrich gegen Armstrong): „Der Amerikaner ist zu stark. Das wird nix. Ullrich ist einer wie Ampler. Der gewinnt maximal die Friedensfahrt.“

Die Tour ist deshalb das größte Sportereignis auf dem Planeten, weil sie eine Seele hat. Tourgucken ist Männersache. Der Vater guckt mit dem Sohn und auch dessen Vater hat sie schon mit seinem Vater gesehen. Und Jahr für Jahr werden die alten Kamellen erzählt:
„Wusstest Du eigentlich, dass Joop Zoetemelk die Tour sechzehn Mal gefahren ist, sieben Mal auf dem Podium gestanden hat und nie gewonnen hat? – Ja, die Holländer haben starke Fahrer, obwohl sie keine Berge haben.“ – „Und was ist mit dem Cauberg?“ – „Is’ kein richtiger Berg. Galibier, Mont Ventoux und Tourmalet. Das sind Berge!“
„1913 sind sie auch schon den Tourmalet runter gebrettert. Und dabei hat es bei Eugène Christophe die Gabel zerlegt. Der musste dann 14 Kilometer ins nächste Dorf laufen, um das Dingen da zu schmieden. Und er lag zu dem Zeitpunkt vorne. Und die Kommissare haben ihm auch noch eine Strafminute eingeschenkt, weil ein Junge in der Schmiede den Blasebalg gezogen hat – das muss man sich mal vorstellen.“

Außerdem waren die Nachmittage schön verplant und ausgefüllt.
Meine Mutter kam irgendwann kurz nach drei, damals noch mit Tierheimhund Moritz, aus dem Wald (wir eigentlich im Halbschlaf auf ZDF – keine laute Werbung – aber schnell zu Peter Woidt auf Eurosport rüber geknipst und kundig mitkommentiert): „Hängt Ihr schon wieder vor der Flimmerkiste und guckt Euch den Quatsch an?“ – Wir scheinbar ärgerlich: „Psst!“
Paar Minuten später mein Vater: „Mama? Können wir ein Tässchen Kaffee haben?“ – Ich: „Und das Eis!“ Serviert wurde neben dem Pott Kaffee ein phantastisches Eis aus dem nördlichen Aldi-Tempel, dessen Hörnchen innen mit Schokolade gegen Durchsuppen glasiert war und das aus Schoko-Vanille-Eis mit irgendeinem leckeren Schnaps bestand – ist leider schon lange nicht mehr im Sommersortiment.

Wenn Didi Senft eingeblendet wurde, gab es ein Pils. Das war dann mein Part. „Nimm aus dem Kühlschrank im Keller – die sind richtig kalt.“ Bei Bergankunft konnten es auch mal zwei werden.

Warum die Tour immer noch fasziniert? Ein Kommentar bei Youtube sagt alles: “As they all cheated it’s still impressive.”

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Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=6q38Gyjv4EE

Als die Krankheit meinen Vater schon fest im Griff hatte und von Kommunikation schon keine Rede mehr sein konnte, schellte es trotzdem um drei bei mir an der Tür, das Eis wurde aus dem Kühler gekramt … und zehn Kilometer vor dem Ziel – ein Bier.

Carsten Sohn, Jahrgang 70, arbeitet als Blogger und Tagedieb im Mitzwinkel, dem hintersten Winkel des Internet. In seiner Freizeit betätigt er sich als Hobby-Koch und Fahrrad-Evangelist.

Foto: Dieter Schütz / pixelio.de