Fairplay

Im Stadion brennt nicht nur die Luft

Seit ein paar Wochen ist ziemliche Unruhe in Deutschlands Fußballstadien. Einige Fan-Gruppen verschiedenster Vereine, die Ultras  fühlen sich vom DFB verarscht und protestieren. Und obwohl ich die meisten Ultra-Gruppen aber sowas von daneben finde, muss ich sagen: Diesmal haben sie recht.

Um was geht’s? Die Ultras sind die, die im Stadion gern Böller loslassen. Raketen abschießen. Bengals abbrennen. Ich selbst halte derlei Feuerwerkskram für überflüssig und gefährlich. Ich hatte beruflich bei Theater und TV gelegentlich mit dem Zeugs zu tun, und ein professioneller Pyrotechniker mit 30 Jahren Berufserfahrung hat mir mal gesagt: „Weißt du, Chris, hundertprozentig lässt sich Feuer einfach nicht beherrschen.“ Das hat mir gereicht, ich lass die Finger von so Zeugs und halt mich gern fern von Orten, wo es zur Anwendung kommt.

Ultras sehen das anders. Für die gehört Feuerwerk zu ihrer Fankultur, in einem Stadion ohne Qualm und Explosionen fühlt der Ultra sich nicht wohl, weil da keine gescheite Stimmung ist. Und deshalb werden in den Ultra-Blöcken in den Stadien immer wieder Pyros losgelassen, obwohl es verboten ist. Wie gesagt, meiner Meinung nach zurecht, das Zeugs ist scheißgefährlich. Natürlich gibt es Gegenargumente, mit das schlagkräftigste ist der Verweis auf die Silvester-Nacht, in der Millionen angetrunkener Deutsche mit Pyro-Technik hantieren, und das vollkommen legal. Mir persönlich ist das vollkommen egal, ich mag auch das Geballer in der Silvester-Nacht nicht, aber dieses Rumgeknalle am 31.12. ist Teil unserer Kultur, und die Ultras möchten ihr Rumgeknalle im Stadion als Teil ihrer Kultur verstanden und damit legalisiert wissen. Okay, ich teile diesen Standpunkt nicht, ich sehe mich aber gezwungen, ihn zu respektieren.

Seit Jahren fackeln die Ultras – trotz eindeutigen Verbots – das Zeugs in ihren Blöcken ab, seit Jahren verdonnert der DFB die Vereine zu entsprechenden Geldstrafen, eine verfahrene Situation. Und dann hat es dieses Jahr einen runden Tisch gegeben, an dem Leute vom DFB, von der DFL und Vertreter der Ultras saßen, insbesondere wohl der „Intiative Pyrotechnik legalisieren„. Da hat man sich darauf verständigt, dass die Ultras ein paar Spieltage lang auf Pyros verzichten und der DFB im Gegenzug ein paar Pilotprojekte zur Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion zulässt. Die Ultras ließen die Bengals zuhause und die Feuerzeuge in der Tasche… und als die Stadien tatsächlich drei Spieltage lang Pyro-frei blieben, wusste der DFB plötzlich nichts mehr von der Pilotprojekt-Zusage. Seitdem ist Hully-Gully, wobei bei den gelegentlichen Krawallen wohl auch Trittbrettfahrer aus der Hool-Szene mitmischen, das soll jetzt aber nicht das Thema sein, denn dieser ganze runde Tisch war von Anfang an kompletter, überflüssiger Quatsch.

In Sachen „Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion“ hat der DFB nämlich keinen Millimeter Spielraum und hat ihn niemals gehabt. FIFA und UEFA haben Pyrotechnik im Stadion geächtet und greifen sofort zu harten Sanktionen, wenn ein Verband von dieser Linie abweicht. Würde der DFB eins dieser Legalisierungs-Pilotprojekte zulassen, gäbe es sofort Sanktionen an empfindlichster Stelle, bei der Nationalmannschaft: Punktabzüge, Turnierausschluss… Man ist da überhaupt nicht zimperlich.

Das MUSS den DFB-Granden aber klar gewesen sein, bevor sie sich mit den Ultras an den runden Tisch gesetzt haben. Warum haben Sie’s also getan? Mir ist nach langem Nachdenken nur ein Grund eingefallen: Sie haben gedacht, sie könnten die Ultras vorführen. „Drei Spieltage ohne Krawall, das halten die doch nie durch, dazu sind die viel zu unorganisiert und chaotisch. Ist doch egal, ob unser Angebot realistisch ist oder nicht, umsetzen müssen wir es eh nicht. Wir haben Gesprächsbereitschaft signalisiert, die Ultras haben sich blamiert, wir sind fein raus.“

Man ist von Sportfunktionären einiges gewöhnt, aber sollte meine Vermutung zutreffen, wäre diese dilettantische Schmierenkomödie, die der DFB hier aufgeführt hat, an Dummheit und Anstandslosigkeit praktisch nicht mehr zu unterbieten. Das wäre ja beinahe, als würde die FIFA eine Fußballweltmeisterschaft in einen sportlich bedeutungslosen Kleinststaat in Arabien vergeben… Wo arbeitet Helmut Spahn jetzt eigentlich, der Mann der für den DFB mit am runden Tisch saß? Wie? Der ist jetzt beim Sicherheitskomitee in Qatar? Ach so. Weiß Bescheid.

Fußball ist ein ehrlicher, anständiger Sport. Und Anstand und Ehrlichkeit findet man auch in den meisten Fankurven der deutschen Stadien. Wo ich im DFB-Headquarter in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise nach diesen Tugenden suchen müsste, weiß ich nach diesen Vorkommnissen allerdings nicht mehr.

Foto: Daniel Hannes  / pixelio.de

Der Klassenprimus hat ein Buch geschrieben

Trainiert Philipp nicht oft: Das Fassen an die eigene Nase

Philipp Lahm gilt allgemein als so eine Art Vorzeige-Schwiegersohn. Mit dem würden Mütter ihre Töchter gern verheiraten: strebsam, fleißig, karriere-orientiert, verdient gut… und ein Buch hat er jetzt auch noch geschrieben. Mit 27 Jahren die erste Autobiographie (okay, Daniel Küblböck hat das mit 19 geschafft, dürfte aber als potenzieller Schwiegersohn trotzdem weniger Chancen haben als der gute Philipp).
Das Buch erscheint erst nächsten Monat, aber in der BILD (einem Blatt, dem Philipp so innig verbunden zu sein scheint wie sonst nur der Loddahmaddäus) sind schon ein paar Passagen vorabgedruckt worden.

Nur mal ein paar Sätze, um einen Eindruck von Philipps geistiger Welt zu bekommen:

„Bei Klinsmann trainierten wir fast nur Fitness. Taktische Belange kamen zu kurz. Wir Spieler mussten uns selbständig zusammentun, um vor dem Spiel zu besprechen, wie wir überhaupt spielen wollten.

Nach sechs oder acht Wochen wussten bereits alle Spieler, dass es mit Klinsmann nicht gehen würde. Der Rest der Saison war Schadensbegrenzung.“

„Bei mehreren Gelegenheiten spreche ich das Thema beim Trainer an. Er spricht gern und viel mit mir, aber am Ende entscheidet er immer so, wie er es für richtig hält. Und er hat weder Zweifel an sich noch an seinem System.
Ein guter Trainer verfügt über Autorität und eine Ausstrahlung, um seine Ideen auf die Mannschaft zu übertragen. Aber die Zeit der Trainer, die mit ihren Spielern nur reden, um ihnen Befehle zu erteilen, ist vorbei. Ein moderner Trainer muss seine Mannschaft zwar führen, aber er darf sie nicht gegen den Willen der Spieler zu einer Spielweise verpflichten, die der Mannschaft nicht angemessen ist!“

„Statt füreinander in die Bresche zu springen, zieht einer den anderen runter, lässt das falsche Wort zur falschen Gelegenheit fallen, zeigt mit demotivierender Körpersprache, dass er nicht mehr kann und, schlimmer noch, dass er nicht hundert Prozent geben will, und das reicht nicht auf diesem Niveau.“

Die Skatspieler unter den Lesern dieses Textes kennen diesen Typen: Einer, der einem hinterher, wenn die Partie gelaufen ist, haarklein erklären kann, was schiefgegangen ist. Wer schuld war, und warum. Analysiert er bis ins kleinste Detail. Hinterher. Und beim nächsten Spiel lässt er sich das blanke As wegstechen. Hinterher hätte er‘s natürlich besser gewusst. Weil hinterher eben doch etwas anders ist als vorher. Oder währenddessen.
Womit wir wieder beim Fußball wären. Da gibt‘s kein Nachkarten hinterher. Wenn der Schiedsrichter abpfeift, ist die Messe gelesen, da hilft keine neunmalkluge Analyse mit hätte, wäre, könnte gewesen sein. Deshalb braucht‘s auf dem Platz Kerle, die sofort eingreifen, wenn etwas schiefläuft. Die sofort etwas ändern, statt hinterher Interviews zu geben und schlaue Bücher zu schreiben. Wie der von Philinchen so arg gescholtene Jürgen Klinsmann. Der ist Europameister geworden. Und Weltmeister.
Und was ist Philipp? Schwiegermutters Liebling.

Foto by Steindy (Eigenes Werk) [GFDL or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

 

Sommertheater: Die Ausnahme

Ja, ich hab ihn noch spielen sehen, diesen vornehmen, weißhaarigen Herren, der Distinktion aus jedem Knopfloch ausstrahlt, wenn er zum Mikrofon greift, und entweder unglaublich kluge Sachen oder den größten Larifari hinein redet.
Bevor ich ihn zum ersten Mal im Stadion spielen sah, hatte ich ihn schon unzählige Male im Fernsehen gesehen. Trotzdem blieb mir bei seinem ersten Antritt die Luft weg. Um Himmels willen, war der Kerl schnell! Den meisten Bundesliga-Spielern konnte er mit dem Ball am Fuß einfach davon laufen. Und die, die selber den Ball führten, hat er mühelos eingeholt. Er war schon dreißig, als ich ihn zum ersten Mal spielen sah. Aber einen schnelleren hatte ich nie gesehen.
Und irgendwas besonderes war an seiner Art, den Ball zu führen, zu dribbeln, sich umzuschauen… irgendwas machte er anders als alle anderen Spieler auf dem Platz. Irgendetwas war äußerst speziell… nur was? Kurz vor Schluss der ersten Partie, die ich mit ihm sah, wurde es mir klar und als es mir klar wurde, musste ich erst mal tief durchatmen. Der guckte ja gar nicht auf den Ball!
Jeder andere Spieler, jeder normale Spieler (er war damals alles mögliche, aber kein normaler Spieler) guckte im Sekundentakt nach unten, vor seine Füße, um sich zu vergewissern, wo der Ball gerade war. Er nicht. Er lief… nein, er lief nicht, er war schneller, er rannte… Quatsch, für einen Renner waren seine Bewegungen viel zu elegant, auch wenn er sauschnell war, er rannte nicht, er eilte, genau, er eilte hoch erhobenen Hauptes über den Platz, während seine Augen den günstigst postierten Mitspieler suchten und die Formation des Gegners überblickten, und beinahe niemals hat er den Blick senken müssen. Der Ball war sein Freund. Er wußte, wo der Ball war. Da mußte er nicht nachgucken.
Dann war da die Handbewegung. Wenn ein Mitspieler den Ball versemmelt hatte, den er ihm gerade zentimetergenau in den Fuß gespielt hatte. Wenn einer der Manndecker sich mit einem Oma-Trick hatte düpieren lassen, so dass er selbst eingreifen musste, wenn irgendeiner der Stolperbrüder, mit denen er gezwungenermaßen zusammen spielen musste, sich mal wieder beim kleinen Fußball-Einmaleins verrechnet hatte, dann machte er diese kleine, wegwerfende Geste mit der Hand. Als wollte er sagen “Vergeßt den Blödmann, der lernt’s eh nie.” Seine Mitspieler pflegten die Geste mit zusammengebissenen Zähnen zu erdulden. Nur der Torwart soll ihm einmal “Wenn du diese Handbewegung noch einmal machst, falle ich vor allen Leuten auf die Knie und bete dich an!” zugerufen haben.
Tja, und dann diese weiten, das Spiel öffnenden Pässe. Wenn man den ersten dieser Pässe gesehen hat, hielt man die Luft an. Das waren unglaubliche Dinger, die er da aus dem Fußgelenk raushaute. Ja, aus dem Fußgelenk. Jeder andere hätte sich den Ball vorlegen und mit dem Schußbein ziemlich weit ausholen müssen, um den Ball 40, 50 oder 60 Meter nach vorne zu spielen. Er konnte eine solche Länge mit einem lässigen Schnickser aus dem Fußgelenk erreichen, und allein diese Fähigkeit wäre atemberaubend gewesen, wenn da nicht noch die unglaubliche Präzision dieser Pässe gewesen wäre. Er konnte diese Pässe so präzise timen, dass der Adressat des Balls einfach in dem Moment blind losspurten konnte, wenn der Schnickser aus dem Fußgelenk kam. Er wußte, dass er den Ball problemlos würde mitnehmen können, weil er ihm im vollen Lauf im richtigen Moment vor den richtigen Fuß fallen würde. Ja, es waren solche Pässe. Man gewöhnte sich nicht an sie. Man staunte immer wieder, wenn er so ein Ding raushaute.
Er selber wusste übrigens im Moment, da der Pass seinen Rist verlassen hatte, ob der gelungen war oder nicht. Wenn er stehen blieb, dann war es ein guter Paß. Der würde zentimetergenau auf dem Fuß des anvisierten Mitspielers landen, der dann das seine mit diesem ihm in prachtvollster Weise dargebrachten Ball machen mußte. Das weitere lag nicht mehr in seiner Verantwortung. Das tat es aber sehr wohl, wenn ihm der Paß einmal – was selten, aber doch gelegentlich geschah – misslang. Dann setzte er sofort dem eigenen Ball nach, weil er wußte, dass die Chance bestand, dass er zurückkommen könnte. Und da er auf dem Feld grundsätzlich eher Stratege denn Taktiker war, versuchte er fast immer, Gefahren bereits im Keime, das heißt in der Nähe der Mittellinie zu ersticken. Auch wenn er selbst nur allzu deutlich wusste, dass er der unbestritten beste letzte Mann der Fußballgeschichte war und vermutlich bleiben würde, er wusste um das Risiko letzter Mann zu sein und vermied es, wenn es irgend möglich war. Er wollte nicht brillieren, weil er nicht brillieren musste: Wenn man ihn und die anderen einundzwanzig spielen sah, merkte auch der Uneingeweihte in Sekundenbruchteilen, wer der beste Spieler auf dem Platz war.
Der beste? Nein, das trifft es nicht ganz. Er war die Ausnahme. So hab ich ihn gesehen. So hat er gespielt, der Franz.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: http://youtu.be/NCBd6cYoOf8

 

Sommertheater: George Best

Der „weiße Pelé“:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=PAaNUVKWBmM

Seine besten Zitate:
„Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach sinnlos verprasst.“

(über David Beckham) „Er kann nicht mit links schießen, er kann nicht köpfen, er geht nicht in den Zweikampf und er schießt nicht allzu viele Tore. Ansonsten ist er ganz in Ordnung.“

„1969 habe ich aufgehört, zu trinken und mit Frauen rumzumachen. Das waren die schlimmsten zwanzig Minuten meines Lebens.“

Strafraum-Poesie:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=U2HWUbFGHMU

 

Die Unfähigkeit zum Mythos – einige Gedanken über den Frauenfußball

Moin, Mädels!

Mit Mythos aufgepumpt.

Ja, nu, euer Turnier startet in ein paar Tagen. Ich wünsch euch viel Spaß. Den werdet ihr bestimmt haben. Beim Spielen. Beim Zuschauen sieht das leider immer noch anders aus.
Zugegeben, ihr habt andere tolle Sportarten wie Frauen-Handball oder Frauen-Basketball um Lichtjahre hinter euch gelassen, was die öffentliche Aufmerksamkeit anbelangt, aber zum geilen, coolen Zuschauersport fehlt euch doch noch einiges.
Nein, bitte, jetzt nicht gleich wieder mit den Augen rollen und eingeschnappt sein, ich mein‘s ja gar nicht böse. Ihr macht das schon ganz anständig, okay, sonderlich schnell ist euer Fußball nicht, Stockfehler unterlaufen euch auch eher häufig und an der Athletik-Schraube könnte man auch noch kräftig drehen, das ist aber nicht so schlimm. Unsereins geht ja auch nicht nur ins Bundesliga-Stadion, sondern des öfteren mal zu den männlichen Amateuren, und da ist das Niveau durchaus vergleichbar. Und trotzdem ist da etwas, was euch fehlt.
Wahnsinn. Mythos. Drama. Fußball ist die große Oper des Mannschaftssports. Der Fußball ist überhaupt erst dadurch vom Proletengebolze zur Weltsportart aufgestiegen, als er sich über das reine Gekicke hinaus mit Mythos aufgeladen hat. Brasilien im eigenen Stadion von Uruguay gedemütigt. Die unschlagbaren Ungarn von Außenseiter-Deutschen niedergekämpft. Das Wembley-Tor. Strahlende Helden, abgefeimte Schurken tragische Gestalten… der Fußball der Männer ist in dieser Hinsicht überreichlich ausgestattet, aber bei euch, liebe Mädels, vermisse ich den Willen zum Drama und seinem farbenfrohen Personal nachgerade arg.
Und ich fürchte, ich weiß auch, woran es liegt. Ihr seid für den Fußball letztendlich viel zu vernünftig. Das ist historisch bedingt. Von Anbeginn der Zivilisation war die Frau diejenige, die den Zusammenhalt und das Überleben der Familie gesichert hat, während die Kindsköpfe von Männern auf die Jagd gingen oder gegeneinander zu Felde zogen, um sich die Köpfe einzuschlagen. Eine vollkommen idiotische, überflüssige Beschäftigung, über die die Frauen nur den Kopf schütteln konnten. Um dieser vernunftorientierten, pragmatischen Sicht der Dinge etwas entgegenzusetzen, erfanden die Männer das Heldentum. Sie luden letztlich sinnlose Aktionen wie Feld- und Kreuzzüge, Ritterturniere oder ähnlichen Quatsch mit jeder Menge Pathos auf, bis sie soweit überhöht waren, dass sie nicht mehr in Frage gestellt werden konnten. Außer im stillen Kämmerlein, wo die Frauen immer noch den Kopf darüber schüttelten, was Männe jetzt schon wieder angestellt hat.
Und so wurden Männer zu absoluten Experten, was die Überhöhung eigentlich schlichten Tuns anbelangt. Es ist kein Zufall, dass herausragende Dramatiker und Opernkomponisten fast ausschließlich männlichen Geschlechts sind. Weil wir Kerle – im Gegensatz zu den Damen – die Unvernunft als hohe, erstrebenswerte Tugend auffassen.
Und deswegen ist unser Fußball so viel spannender als eurer, Mädels: weil wir nicht nur Schuhe, Trikots und Ball mit auf den Platz nehmen, sondern noch jede Menge Übergepäck: Tradition. Sehnsucht. Heldentum. Mythos eben. Wenn eine deutsche Mannschaft gegen eine englische spielt, dann ist ein vor bald fünfzig Jahren zu Unrecht gegebenes Tor immer mit auf dem Platz. Wenn eine deutsche Mannschaft gegen eine italienische spielt, dann ist es immer die Wiederauflage des Jahrhundertspiels, dann sehnen sich Spieler und Fans mit jeder Faser ihres Herzens nach dem ersten Pflichtspielsieg gegen die Squadra Azzurra, und die Spieler, denen das gelingen wird, werden wir Denkmäler aus Marmor setzen und ihr Angedenken auf ewig in unseren heißen Herzen tragen…
Albern? Übertrieben? Möglicherweise. Aber davon lebt Fußball, die Seele dieses wunderbaren Spiels beruht auf all diesen Übertreibungen, die wir hineingeheimnissen. Vielleicht findet ihr ja noch den Weg aus den Niederungen des sportlichen Pragmatismus ins Wolkenkuckucksheim der Fußball-Romantik. Ganz ehrlich, ich trau‘s euch nicht zu. Den dritten Titel schafft ihr jederzeit, aber die weibliche Vernunft aufgeben, das kriegt ihr nicht hin.
Ich wünsch euch trotzdem viel Spaß auf dem Platz.

Foto: siepmannH / pixelio.de

Was liegt an? – 28.3. bis 3.4. 2011

Was nächste Woche auf uns zukommt.

Länderspielwoche ist eigentlich was Schönes. Wenn es sich nicht um ein Freundschaftsspiel handelt. Mein letzter Besuch einer solchen Sportveranstaltung hat mich endgültig von Freundschaftsspielen der deutschen Nationalmannschaft kuriert, das war im November 2008, da hab ich mir in der Kurve vom Berliner Olympiastadion bei Deutschland-England den Arsch abgefroren und die ganze Zeit gedacht „Warum rennt ihr denn nicht? Euch muss doch auch kalt sein!“ Scheiß-Rasenheizung. Das Ticket hatte ich noch für ein Schweinegeld bei ebay gekauft, nur um die Engländer 2:1 gewinnen zu sehen. Vergesst Freundschaftsspiele. Auch und gerade gegen Australien. Wer kommt denn auf die Idee, gegen Australien zu spielen? Löw hat Özil und Khedira schon heim nach Madrid geschickt, Lahm kriegt ebenfalls vorzeitig frei, Schweinsteiger ist in der Krise, da kann man sich die Partie nur schönsaufen. Oder Snooker auf Eurosport gucken, die übertragen die ganze Woche die China Open aus Peking. Oder aufs Wochenende warten, Bundesliga.

Ins Kino kann man diese Woche aber gehen. Zwei interessante Filme laufen am Donnerstag an, zum einen „Gegengerade 20359 St. Pauli“, ein schnell geschnittener, durchaus gewalttätiger Streifen über die Fan-Szene um den FC St. Pauli herum, Laien in den Hauptrollen, Adorf, Bleibtreu, Horwitz und Co. in den Nebenrollen, derber Punk-Rock im Soundtrack und ein Feeling wie in diesen englischen Hooligan-Filmen, die hierzulande wenn überhaupt dann nur auf DVD rauskommen und dann sofort auf dem Index landen. Bei der Premieren-Party auf der Berlinale ging stilgerecht einiges zu Bruch, Lokalverbote wurden ausgesprochen, der Film scheint recht authentisch zu sein.
Die andere interessante Film-Premiere der Woche ist die Rückkehr eines guten, alten Bekannten: Kottan ermittelt – Rien ne va plus! Über 25 Jahre, nachdem die letzte Folge der Kultkrimi-Serie aus Österreich erstausgestrahlt wurde, kehrt Lukas Resetarits als Polizeimajor Kottan („Inspektor gibt’s keinen!“) zurück. Regie hat – wie bei den Ur-Kottans – Peter Patzak geführt, das Buch stammt von Jan Zenker, dem Sohn des damaligen Autoren, Helmut Zenker, und es ist alles wie früher. Handlung und Logik sind nicht so wichtig wie ein deftiger Rock‘n-Roll-Soundtrack, sämtliche Konventionen des Krimi-Genres werden grundsätzlich außer Acht gelassen, ein abstruser Gag folgt auf den nächsten und Polizeipräsident Pilch (sehr vielversprechend im Trailer: Udo Samel) wird immer wahnsinniger. Die Reaktionen sind – wie ich einem österreichischen Fan-Forum entnehme – genau wie vor zwanzig, dreißig Jahren: die Leute lieben Kottan oder sie hassen ihn. Ich geh rein.

In der DVD-Ecke tut sich nicht allzuviel, wer Bruce Willis mag, kann sich „R.E.D.“ Zulegen, ein netter, humoriger Alter-Sack-kann-es-noch-Thriller. Und Freunde des abstrusen Trash-Humors greifen selbstverständlich zu Uwe Bolls „Max Schmeling – Eine deutsche Legende“, dem Film, indem Henry Maske als Schmeling aussieht wie Theo Waigel, der sich als Groucho Marx verkleidet hat!

Bleibt die Glotze. Heute abend um 20 Uhr 15 Macho-Pflichprogramm „Der letzte Bulle“ auf RTL. Sollte jemand „No Country For Old Men“ von den Coen-Brüder noch nicht kennen, kann er um 22 Uhr 15 zum ZDF rüberschalten und den schrägsten Killer der Filmgeschichte kennenlernen. Bei „Das Vierte“ hat die Programmdirektion offensichtlich den Überblick verloren, am Mittwoch um 20 Uhr 15 senden sie „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“, der an gleicher Stelle erst vor sechs Wochen gelaufen ist. Trotzdem einer der komischsten Filme mit Louis de Funes. Am Donnerstag um 23 Uhr 30 lohnt immer ein Blick auf Kurt Krömer in der ARD, und am Sonnabend läuft ab 20 Uhr 15 auf ProSieben mal wieder „Schlag den Raab“. Ich kann Raab eigentlich nicht besonders gut leiden, aber die Show guck ich ganz gern. Hier kommt mir Raab immer wie so ein kleiner Junge auf dem Schulhof vor, der nicht verlieren kann und will, und alles tut um zu gewinnen. Egal, ob beim Fußball, beim Quartett, beim Klickern, Hauptsache gewinnen. Macht mir Raab beinahe wieder sympathisch.

Ansonsten erinnere ich noch mal dran, am Dienstag ab 20 Uhr 15 das ZDF weiträumig zu umfahren (Freunschaftsspiel! Australien!) und wünsche ansonsten eine schöne Woche. Viel Spaß!

Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de