Wo Mann gewesen sein muss: Bobbahn Altenberg

Die Bahn in Altenberg

Der Bobsport ist nicht jedermanns Sache. Solange man nicht dabei gewesen ist. Jahrzehntelang kannte ich Bobfahren nur aus dem Fernsehen, und da erschloss sich mir die Faszination dieser Sportart überhaupt nicht. Die immergleichen Kameraperspektiven, die vorbeisausende, bunte Metallgurken einfangen, die mitlaufende Uhr, und am Schluss gewann irgendwer mit drei hundertstel Vorsprung nach vier Läufen, ja, ganz nett, kann man mal bei Olympia ein Auge drauf werfen, ansonsten wird umgeschaltet.
Wenn man selber an einer Bobbahn steht, ist das ganz anders. Zunächst einmal akustisch, denn die Dinger machen einen ganz schönen Krach, wenn sie vorbeifahren, das ist nicht dieses sonor-gemütliche Rumpeln, das einem aus dem Fernsehlautsprecher entgegenkommt, das ist das Donnern einer mühsam unter Kontrolle gehaltenen Urgewalt, die da an einem vorbeirauscht. Und wenn man neben einer Kurve steht, kann man tatsächlich die unterschiedlichen Linien, die die Fahrer wählen, viel besser erkennen als am TV-Gerät. Das Ereignis an sich und die TV-Übertragung sind – wie praktisch immer – zwei paar Schuh, und beim Bobsport siegt das Ereignis an sich turmhoch über die TV-Übertragung, obwohl man an der Bob-Bahn selbst stehend immer nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens mitbekommt.
Die Bobbahn in Altenberg ist eine einzigartige Strecke. Vor 25 Jahren wurde sie – unter Schirmherrschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (!) – als technisch äußerst anspruchsvolle konzipiert und in drei Jahren gebaut. Und dann musste ein Teil der Bahn abgerissen und wieder neu aufgebaut werden, weil – dank exzessiver Geheimniskrämerei, wundert das jemanden angesichts der Stasi-Schirmherrschaft? – die Bahn nicht ganz fahrbar war. 1987 wurde die Bahn schließlich eröffnet und war seitdem Schauplatz zahlreicher Bob-, Rodel- und Skeleton-Rennen. Seitdem heißt es, dass derjenige, der in Altenberg gute Zeiten fährt, zur Weltspitze im Bob- und Rodelsport gehört. Und das kann man persönlich nachvollziehen..
Denn die Bahn hält eine ganz besondere Attraktion für den Wintersport-Amateur bereit: die Gäste-Bobfahrt, bei der man sich von einem erfahrenen Bob-Piloten nebst Bremser in eine Vierer-Bob die Strecke hinunter fahren lassen kann.
Diese Attraktion war Grund für meinen ersten Altenberg-Besuch vor ein paar Jahren: so eine Bob-Fahrt wollte ich wirklich mal ausprobieren, und so stand ich dann vormittags gegen 11 mit bereits leicht erhöhtem Adrenalin am Gästebob-Start. Man fährt nicht von ganz oben los, wie die Profis, das erste Drittel der Strecke bleibt für die Gäste tabu, sodass man im Ziel auch nur eine Geschwindigkeit von ca. 100 km/h erreicht, wohingegen die Profis mit 140 und mehr Sachen durch die Zeitmessung kacheln.
Hab ich natürlich erstmal die Nase gerümpft, nur lahme hundert Stutz, das war ja eigentlich unter der Würde eines Speedfreaks, aber was soll’s, Hauptsache, einmal im Bob gesessen.
Wobei das „im Bob Sitzen“ die erste Herausforderung ist. So ein Schlitten ist wirklich sehr eng und äußerst spartanisch ausgestattet, so dass es durchaus ein Weilchen dauert, bis sich zwei Amateure ins Sandwich zwischen zwei Profis hineingezwängt haben.
Als ich halbwegs korrekt saß, war ich bereits geschwitzt und sah den Start eines Vierer-Bobs mit ganz anderen Augen. Was im TV so einfach aussieht (Bisschen anschieben und fluppfluppfluppflupp rin in den Schlitten), setzt doch ein gerüttelt Maß an Fitness, Gelenkigkeit und Teamwork voraus.
Nuja, das sind die Profis, dachte ich, und fragte mich, wann es denn endlich losginge. Dann wurde zum letzten Mal überprüft, ob mein Helm auch richtig fest saß (Angsthasen! Für lumpige hundert Kaemmha so einen riesigen Integralhelm, sieht man ja gar nix von der Landschaft…) und es gab die letzten Anweisungen: Immer an den zwei Griffen am Boden des Schlittens festhalten und Spannung in den Körper, klar? Ja, ja, schon gut, wir tragen im Bob also gleichzeitig Hosenträger und Gürtel, wir wollen uns wichtig machen, ich hab verstanden.
Dann wurden wir in die Bahn geschoben, und der Bob rumpelte los. Wusste ich’s doch. Gemütliche Kaffeefahrt, rutsch, rumpel, rutsch, lahme Sache, Geld zum Fenster rausge…

Der Kreisel in der Mitte

Dann kam die erste Kurve, und mit dieser Kurve eine absolut infernalische Beschleunigung. Auahauahauaha, und welcher Idiot brüllt denn hier so laut, dass ich’s sogar durch den dicken Helm höre? Himmel, der Schreihals bin ja ich! Die nächsten Kurven überzeugten mich, dass ich eine vollkommen unterentwickelte Nackenmuskulatur hatte, denn den Fliehkräften, die an mir zerrten, war ich hilflos ausgeliefert. Der Integralhelm mit meinem Kopf drin knallte mal links an den Schlittenrand, mal rechts, und dann waren wir auch schon im Kreisel, der Riesen-360-Gradkurve auf etwa halber Strecke… Scheisse. Scheisse! SCHEISSE!
Aus dem Kreisel heraus hatten wir noch lange nicht auf hundert beschleunigt, aber ich hatte trotzdem komplett die Orientierung verloren, sah wenige Zentimeter neben mir massive Eiswände vorbeizischen, da bekommt man ein ganz anderes Gefühl für die Geschwindigkeit, da würde man sich die Frage stellen, ob es denn wirklich hundert Stundenkilometer sein müssen, man kommt aber nicht dazu, weil man gerade erstickt, achso, Atmen wäre mal wieder angesagt, und dabei haut es einen nach links, nach rechts, nach links, um Himmelswillen, angeblich ist man ja nur eine knappe Minute unterwegs, die dauert verdammt lang, diese Minute, Mammamiameineherren, so, da ist die endlos lange Schlusskurve, gleich ist’s vorbei, endlich entspannen. Zu früh! Am Schluss der Kurve haut die Schwerkraft nochmal brutal in den Bob rein, ich hatte die Wirbelsäule schon entspannt und bekam einen riesigen Schlag ins Genick, dass ich kaum noch Luft bekam, und dann hielt der Bob endlich an. Holla, die Waldfee, es ist vorbei.
Irgendwie kam ich aus dem Schlitten raus, mein Rücken tat weh, als wäre eine Elefantenherde drübergetrampelt, ich hatte Probleme beim Atmen und schwindlig war mir auch, die Welt drehte sich im Kreis, aber das war doch scheißegal, was für ein Höllenritt! Genialer Wahnsinn!
Und hundert Stundenkilometer ist wirklich scheißschnell.

2012 ist in Altenberg Bob-WM. Sehen wir uns da?

Fotos by UrLunkwill (Eigenes Werk) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC-BY-2.5], via Wikimedia Commons

Dies ist der erste Teil einer Serie über Orte in Deutschland, die ein Mann mindestens einmal im Leben besucht haben sollte. Wenn wir genügend Orte vorgestellt haben, planen wir eine Abstimmung über die Top-Ten der deutschen Männer-Locations. Für Vorschläge, welche Orte wir vorstellen sollen, sind wir jederzeit dankbar, ob in den Kommentaren oder per Mail.

Die Ursache der Euro-Krise

Euro

Warum der Euro untergeht

Seit ich an diesem Blog mitarbeite, stelle ich mir abends oft die Frage: Hast du heute etwas männliches gemacht? Bei den männlichen Klassikern wie Haus bauen (wohne zur Miete), Baum pflanzen (Ja, wo denn, wir haben noch nicht mal einen Balkon), Sohn zeugen (bin über fünfzig und möchte nicht vor den Augen eines Heranwachsenden vergreisen) muss ich meistens passen, aber hin und wieder gelingt mir eine echt männliche Tat, wie zum Beispiel gestern. Da hab ich den Grund für die Euro-Krise entdeckt.
Eigentlich wollte ich nur ein wenig Geld auf mein Konto bei der Commerzbank einzahlen. Das wenige Geld hatte ich natürlich sorgfältig sortiert und gebügelt, weil es mir der Einzahlungsautomat sonst wieder um die Ohren haut („Ich will dein dreckiges Geld nicht!“), aber dazu sollte es gar nicht erst kommen, denn der Einzahlungsautomat entschuldigte sich bereits im Vorfeld der Transaktion via Display dafür, dass er heute unpässlich wäre und kein Geld entgegennehmen könne. Kein Problem, die Filiale war noch offen, also flugs zur Kasse… nanu? Wo ist die Kasse? Wo sonst die Kasse war, stand nur eine einsame Dame hinter einem spukhässlichen (Banker-Feng-Shui?) Stehtischchen. Als ich demütig darum bat, etwas Geld auf mein Konto einzahlen zu dürfen, beschied sie mich abschlägig: „Diese Filiale hat zur Zeit keine Einzahlungs-Funktionalität.“
Ich brauchte ein paar Augenblicke, bis ich den Satz verstanden hatte, dann drückte ich ihr meine Bewunderung aus („Auf so einen Satz muss man erst einmal kommen!“) und fragte, wie ich denn nun das Geld auf mein Konto beamen könnte. Sie nannte mir ein paar Filialen in der näheren Umgebung und meinte: „Sie können es da ja einmal versuchen.“
Das klang nicht optimistisch, und die Dame hatte recht. Erst in der dritten Filiale wurde ich mein Geld los, weil das eine ehemalige Dresdner Bank war, die noch nicht an das moderne Banking-System der Commerzbank angeschlossen war („Nächste Ostern sollen wir auch online sein, hat man uns gesagt..“), und daher hatte der dortige Kassierer noch eine analoge Einzahlungsfunktionalität: er quittierte mir mit altmodischem Kugelschreiber meine Einzahlung und rief eine Frau Scarlett Zimmermann bei der Commerzbank an, um ihr zu sagen, dass er mein Geld entgegengenommen hatte.
Nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht hatte, wunderte mich das nicht mehr: wer sich Neukunden mit dem Wegfall der Kontoführungsgebühren und Geldgeschenken auf dem Giro angelt, der muss das Geld eben anderswo sparen, klar dass man keine Leute mehr bezahlen kann, die Geld händisch entgegennehmen…
Und plötzlich begriff ich, woran es zur Zeit in Euroland hapert. Warum die Griechen, die Iren oder die Spanier ihre Schulden nicht zurückzahlen. Diese hervorragenden Nationen wollen und können natürlich ihre Schulden bezahlen, aber ihnen geht es wie mir: sie werden bestimmt ihr Geld nicht los, weil die Banker am falschen Ende gespart haben. An der Einzahlungs-Funktionalität.
Damit betrachte ich die Euro-Krise als gelöst. Soweit zu meiner männlichen Tat von gestern, mal sehen, was der heutige Tag so bringt.

Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Überleben im Dschungel der Großstadt: Reales Payback

In der Serie “Überleben im Dschungel der Großstadt” begibt sich mike-o-rama für uns in die Wildnis Berlins und testet ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Imbiss-Buden, Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Orte, die nie ein zurechnungsfähiger Mensch gesehen hat. Seine Berichte erscheinen auch auf dem Bewertungsportal qype.de.

Chuck Norris

Chuck Norris kann bei Subway ein Sandwich ordern, ohne eine einzige Frage beantworten zu müssen. Auch nach seiner Payback-Karte hat ihn noch niemand gefragt.

Der große Real-Supermarkt in Berlin-Treptow hat wirklich alles, ist gut sortiert, übersichtlich aufgebaut und preislich sehr günstig. Ein Einkaufsparadies sondergleichen. Tralala.
Warum ich da nicht mehr hingehe?
Ich kann nicht mehr. Ich sage nur Payback. Jeden Mittag habe ich mir dort mein Mittagessen geholt und jeden Mittag musste ich eine Frage beantworten:
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
Das habe ich anfangs noch mit einem freundlichen Lächeln quittiert und natürlich verneint, da ich es ablehne, dass ein großer Bruder mein Einkaufsverhalten speichert und analysiert, mich dafür mit Werbung zumüllt und im Gegenzug mit schäbigen Prämien auf Tschibo-Niveau sediert.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
In den darauf folgenden Wochen wich mein Lächeln einem gequälten Grinsen, optisch muss es dem Clown aus Stephen Kings Film „Es“ ähnlich gesehen haben, denn so manche Kassenkraft schaute leicht entsetzt. Trotzdem beantwortete ich brav zwischen krampfartig zusammengebissenen Zähnen die mir gestellte Frage.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
„Nein, danke der Nachfrage, ich habe keine Payback-Karte. Ich möchte auch keine, weil ich nicht will, dass eine Datenkrake weiß, was ich wann einkaufe, um daraus ein Einkaufsprofil zu erstellen, auf das irgendwann wahrscheinlich meine Krankenkasse, das Bezirksamt Pankow, die GEZ und Wolfgang Schäuble Zugriff haben.“
Die Kassenkraft schaute nur betrübt und konnte aber meinen immer noch freundlich gehaltenen Vortrag inhaltlich nicht so ganz mittragen.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
Danach versuchte ich es mit wirrem Kopfschütteln…
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
… bösem Blick …
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
… und absoluter Kommunikationsverweigerung in Form eines grenzdebilen manischen Blickes ins Leere.
„Haben Sie eine Payb…“
„Hören Sie zu, ich hasse diese Frage, mir kommt es gerade vor als habe ich noch nichts in meinem Leben so sehr gehasst wie ihre verdammte tägliche Frage, die ich Ihnen im Übrigen schon mindestens gottverdammte 487 mal beantwortet habe. Ich habe keinen Bock mehr, hören Sie damit auf, ich bin ein nervlicher Gasdruckbehälter und Sie spielen mit einem Feuerzeug an mir herum. Lassen Sie es.“
„Haben Sie eine…“
„Hören Sie BITTE zu. Das ist Ihre letzte Chance. Ich habe keine verdammte Payback-Karte, lassen Sie in Gottes Namen endlich die Fragerei. Morgen komme ich mit einer Beretta und wenn ich auch nur noch ein einziges Mal diese Scheißfrage höre, dann schwöre ich bei James Hetfield, haben Sie diese Frage zum letzten Mal in Ihrem Leben gestellt.“
„Haben Sie…“
(…)
Ja gut, hier in der JVA Tegel ist es eigentlich auch ganz schön. Ich bekomme jeden Tag zu essen, habe eine Glotze in der Zelle und keiner – nicht mal mein Kumpel Olaf, der Wärter – will wissen, ob ich eine Payback-Karte habe. Nur in den Park würde ich gern mal wieder gehen, aber das wird wohl die nächsten 15 Jahre nichts.

Foto by Lou Hernandez (U.S. Air Force) (Originally from [1]) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die ideale Frau

Harald Effenberg ist Schauspieler, er lebt und arbeitet in Berlin. Fernsehzuschauern ist er unter anderem aus der „Comedy-Falle“ oder aus „Hallervordens  Spott-Light“ bekannt. Sein Witz-Programm „Unter aller Sau“ lief mehrere Monate lang in den Berliner Wühlmäusen. Effenberg, der nur unsportliche Verwandte hat, ist Autor des Buchs „Die 100 besten Witze aller Zeiten„.

8, 9, aus… die zehn besten Box-Filme aller Zeiten

BoxhandschuheSeien wir ehrlich: 95 Prozent der Boxkämpfe, mit denen wir derzeit am Samstag abend gequält werden, kann man knicken. Wer will denn zum xten Mal sehen, wie ein Klitschko auf irgendwelches Fallobst eindrischt? Oder wie irgendein namenloser Boxer aus dem Sauerland-Stall mal wieder seinen Hang zum Pazifismus entdeckt, wenn er ein Ringseil sieht? Muss wirklich nicht sein.
Wenn Michael Buffer nervt, bleibt der Griff zur  DVD. Einen gut gemachten Box-Film kann man  immer anschauen. Hier sind meine Top Ten.

ausgezählt und nicht mehr in der Wertung:
Ali

Der Film über den größten Boxer aller Zeiten nicht mehr in den Top Ten? Leider ja. Trotz einer recht inspirierten Vorstellung von Will Smith: dieser Film gibt uns allenfalls eine Ahnung von dem einmaligen, federleichten Fighter, der Ali einmal war. Der Film geht über die volle Distanz (zwoeinhalb geschlagene Stunden) und ist entschieden hüftsteif, ganz im Gegensatz zu dem Mann, der wie ein Schmetterling tanzte und wie eine Biene stach.

10. The Hurricane

Den wollte ich eigentlich nicht in den Top Ten haben, weil ich Denzel Washington für einen gnadenlosen Langeweiler halte, und dieser Streifen ist sowas von gut gemeint und politisch korrekt, es ist zum Kotzen! Dummerweise ergreift er einen aber auch, wenn man länger als eine Viertelstunde zuguckt, und Washington ist diesmal mehr tatsächlich mehr gut als langweilig. Ein Box-Film der eigentlich nicht gut sein sollte, es aber trotzdem ist. Als Kontrastprogramm zu einem überflüssigen Klitschko-Fight kann man sich den jederzeit reinziehen

9. Golden Boy

Ein total idiotischer Plot (Junge, der tolle Geige spielen kann, kann auch toll boxen und muss sich entscheiden), ein kruder Genre-Mix (Coming-of-Age, Gangster, Boxen) und eine einigermaßen ungelenke Inszenierung… was will dieser Film in den Top-Ten? Nu ja, William Holden und Barbara Stanwyck reißen’s raus und haben das eigene Sub-Genre der Golden-Boy-Remakes (Junge, der irgendwas anderes besser kann, muss sein Geld mit Boxen verdienen) kreiert. Eins der Beispiele, wo der kopfschüttelnde Dramaturg widerlegt wird: ein Film, der gegen alle Regeln verstößt, und gerade deswegen Jahrzehnte überdauert.

8. Die Hölle ist in mir – Somebody up there likes me

„No one ever hit me harder than Rocky Graziano“, sagte Sugar Ray Robinson über den Mann, dessen Leben die Vorlage für diesen Film gab, und wir geben das Kompliment an den Mann weiter, der Graziano spielt, Quatsch, der uns Graziano mit süffisantem Grinsen in die Fresse haut: Paul Newman! Nobody hits us harder…
Und natürlich gewinnt dieser Film den Preis für den idiotischsten deutschen Titel. Der Typ, der von „Somebody up there likes me“ auf „Die Hölle ist in mir“ gekommen ist, muss 12 Runden gegen Tyson gegangen sein.

7. The Fighter

Stark beeindruckendes Bio-Pic über Boxlegende „Irish“ Micky Ward und seinen Weg vom „Sprungbrett“ (einem Boxer, den man auf dem Weg zur Titelverteidigung schlagen muss) zum Champion. Kaum zu glauben, dass der Film auf Tatsachen beruht. Kaum zu glauben, wie der Film die Wende vom düsteren Sozial-Drama zum Feelgood-Movie schafft. Kaum zu glauben, wie gut Christian Bale als cracksüchtiger Box-Trainer ist.

6. Million Dollar Baby

Okay, Frauenboxen. Selbstverständlich grenzwertig. Aber Hilary Swank hat einen gemeinen Punch drauf, she’s a contender. Und es ist ein Eastwood-Film. Es ist eine Schande, dass Eastwood nie selber einen Boxer gespielt hat (warum eigentlich nicht?), jetzt ist er zu alt, also ist „Million Dollar Baby“ das beste, was wir von diesem herausragenden Mann bekommen werden: den besten Box-Trainer-Film aller Zeiten. Der Schluss ist herzzerreißend.

5. Rocky

Stallone häuft Klischee auf Klischee und Zitat auf Zitat, aber irgendwie ist es ihm gelungen, mit dem Underdog-Haudrauf Rocky Balboa einen Charakter zu schaffen, der größer ist als er selbst. Echte Box-Fans schließen angesichts der Ring-Szenen, die eher an Wirtshausprügeleien als an tatsächlichen Boxsport erinnern, entnervt die Augen, aber wer Rocky Balboa nicht mag, hat kein Kämpferherz in der Brust. Das 1:1-30-Jahre-später-Remake „Rocky Balboa“ von 2006 ist die Mutter aller „Alter-Sack-kann-es-noch“-Filme.

4. When we were Kings – Einst waren wir Könige

Passt als Doku eigentlich gar nicht in diese Aufzählung, aber da es um einen der faszinierendsten Fights aller Zeiten geht, und niemand Foreman und Ali so gut spielen kann wie Foreman und Ali selber (sorry, Will Smith) geht Rang 4 wohl in Ordnung. Hat so ein gewisses „Wunder von Bern“-Feeling: Obwohl man genau weiß, wie’s ausgeht, fiebert man mit und drückt Ali die Daumen. Rope-a-Dope!

3. Gentleman Jim – Gentleman Jim, der freche Kavalier

Es ist unmöglich, ohne ein breites Grinsen auf dem Gesicht aus einem Errol-Flynn-Film  herauszukommen, und aus diesem schon gar nicht. Die augenzwinkernd-sportive Eleganz, mit der Flynn James J. Corbett (oder besser gesagt, einen Typen, der entfernt etwas mit dem tatsächlichen Jim Corbett zu tun hat) spielt, ist unnachahmlich. Und Ward Bond als John L. Sullivan (der mit seinem historischen Vorbild genauso wenig zu tun hat) gibt einen wunderbaren Antagonisten der Snidley-Whiplash-Klasse ab. Ein Riesenspaß.

2. Raging Bull – Wie ein wilder Stier

Knapp nach Punkten geschlagen: der zweitbeste Box-Film aller Zeiten mit dem besten Boxer-Darsteller aller Zeiten. Wie de Niro Jake la Motta spielt, ist schlichtweg atemberaubend, vor allen Dingen in den Szenen im Ring. Man sieht keinen Schauspieler, der einen Boxer spielt, man sieht einen vom Kampf besessenen Fighter, der alles gibt. Elektrisierend.

1. Champion – Zwischen Frauen und Seilen

Ein steinalter Kirk-Douglas-Film, den keine Sau kennt, soll der beste Box-Film aller Zeiten sein? Doch, unbedingt. Die Art und Weise wie Douglas hier den begnadeten Stinkstiefel Midge Kelly gibt, ist schlichtweg weltmeisterlich, wie der ganze Film: schmissige Musik, kernige Dialoge, kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilder… der Film hat alles, was ein Fighter braucht: Technik, Stil, Punch, Power und Speed – so sieht der Weltmeister aller Klassen aus.

Foto: A. Dengs / pixelio.de

Die Stille nach John

Lennon Statue

Lennon-Statue vor dem Cavern Club in Liverpool

Am 8. Dezember 1980 saß ich nachmittags in meiner ersten Berliner Wohnung in der Skalitzer Straße 32 am Schreibtisch. Schöne Wohnung. Hellblau gestrichene Wände, Ikea-Regale, Rattanbett. Bastmatten auf den Dielen. Und alle paar Minuten donnerte die Linie 1 durch meine beiden Zimmer, denn die Wohnung lag Vorderhaus erster Stock.
Das Telefon klingelte, mein Bruder Thomas war dran. “Ich hab’s gerade im Radio gehört, jemand hat John Lennon erschossen.”
Das konnte nicht sein. Thomas musste sich verhört haben. Irgendjemand anders ist erschossen worden, aber doch niemand von den Beatles. Nicht John. Auf keinen Fall John. Ruhig bleiben. Ganz ruhig nachdenken. Welcher Musiker hat einen Namen, der so klingt wie John Lennon? War da nicht dieser Typ von Fleetwood Mac, der so ähnlich hieß?
Es gab damals weder Internet noch Nachrichtensender. Ich musste bis zur vollen Stunde warten, bis mir die SFB-Nachrichten die letzte Hoffnung raubten. Ich würde tatsächlich für den Rest meines Lebens ohne John Lennon auskommen müssen.
Ich hatte meine Hand schon am Plattenregal, wollte irgendeine Beatles-Platte auflegen, oder “Imagine” oder meinetwegen sogar die unsägliche “Live Peace in Toronto”, aber ich ließ es dann sein. Es würde in Zukunft sehr still sein ohne John Lennon und seine Songs. Besser, ich fing an, mich daran zu gewöhnen.
Ich hatte lange mit Lennon und seinen Songs gelebt. Für meine erste Beatlesplatte hatte ich mehr als ein halbes Jahr lang gespart. 22 DM waren damals sehr viel Geld für einen Achtjährigen, der schließlich Anfang 1965 „A Hard Days Night“ nach Hause trug, den „Zehn-Platten-Wechsler“ in der Musiktruhe anwarf und durch den ersten, rotzfrechen, gigantischen Gitarrenakkord (Georges zwölfsaitige Rickenbacker) in ein neues Universum geschleudert wurde.
Ein Universum, dass von John Lennon geschaffen worden war, wie ich später erfuhr, denn zehn von den dreizehn Songs auf „A Hard Days Night“ hatte er geschrieben. Nach wenigen Tagen kannte ich die Platte auswenig, nach wenigen Monaten kannte ich alle Beatles-Songs auswendig und fieberte dem Erscheinen jeder neuen Platte entgegen.

Eingang Dakota Building

Wo die Musik aufhörte

Und immer waren es die Lennon-Stücke, die für mich die Meilensteine waren. Help. Nowhere Man. In my Life. She Said She Said. Lucy in the Sky with Diamonds. Und – natürlich – A Day in the Life, der größte Song aller Zeiten.
Man erkannte Lennon-Songs immer daran, dass es die waren, in denen die Beatles ihre Grenzen erweiterten. Die anderen drei, das waren gute Freunde, die man sofort wieder erkannte, Ringo, der Clown, George, der Introvertierte, Paul, der Hit-Süchtige… Wenn man sich bei einem neuen Beatles-Titel fragte: „Wer hat den jetzt geschrieben“, war es hundertprozentig ein Lennon-Song, etwas wie Strawberry Fields. Dear Prudence. Julia. Come Together. Across The Universe. Und später, nach den Beatles, Imagine. Am 8.  Dezember 1980 hörten die Songs auf.
Viele Jahre später, am 4. Februar 2008 beamte die NASA „Across the Universe“ ins Weltall. Der Song ist mit einer Geschwindigkeit von 186.000 Meilen pro Sekunde zu einem Stern namens Polaris unterwegs, 431 Lichtjahre von der Erde entfernt. Lennons Musik jagt durch die Lautlosigkeit des Weltalls, eine ähnlich schreckliche Lautlosigkeit wie die, die wir auch seit 30 Jahren ertragen müssen. Seit die Schüsse vor dem Dakota Building fielen.

Foto Statue by George Groutas from Idalion, Cyprus (John Lennon Statue, Liverpool) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons
Foto Dakota Building by David Shankbone (David Shankbone) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC-BY-SA-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Na, dann Prost!

Scherben auf dem Bürgersteig

Hat's geschmeckt?

Es gab einmal eine klare Trennlinie, die die Welt in Privatsphäre und Öffentlichkeit teilte. Wenn man sich im öffentlichen Raum bewegte, war man sozusagen auf einer Bühne. Alles, was man öffentlich tat und sagte, war ein Mosaiksteinchen, und die Mosaiksteinchen des Handelns und Redens eines Mannes formten sich zu dem Bild, das er in der Öffentlichkeit abgab. Was privat war, blieb privat: in den eigenen vier Wänden, im Verein mit den Sportkameraden, in der Kneipe mit den Freunden, und wo noch überall – ich weiß es nicht, es war ja privat.
War. Denn vor nicht allzu langer Zeit, haben wir begonnen, die Trennung von Privatsphäre und Öffentlichkeit aufzugeben. Männer begannen in unsäglichen Jogging-Anzügen in der Öffentlichkeit aufzutreten, in Outfits, in denen man sich eigentlich vor der eigenen Frau nicht präsentieren kann, ohne eine schneidende Bemerkung zu riskieren.
Mit der Ächtung des Tabakgenusses wurde auch das Rauchen systematisch auf die Straßen, in den öffentlichen Raum verlagert. War die Zigarette einmal Symbol des entspannten , weltläufigen Genießens, ist sie heute ein mit mehr oder weniger Schamgefühl ausgestelltes Requisit der eigenen Nikotinabhängigkeit: „Schaut her, die Sucht hat mich so sehr in den Krallen, dass ich mir 5 hastige Minuten an der zugigen Straßenecke abknapse!“
Auch das Telefongespräch, einstmals eine höchst private Eins-zu-Eins-Situation, hat der Mann in den öffentlichen Raum verlagert. Ungeniert werden intimste private oder geschäftliche Details in die Öffentlichkeit gebrüllt, es dürfen alle mithören – vor allen Dingen die, die es gar nicht hören wollen.
Soweit sind die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit mittlerweile verwischt, dass besonders verwirrte Zeitgenossen glaubten, wegen Fotoaufnahmen von zum öffentlichen Raum gehörenden Straßenfassaden lautstark die Wahrung ihrer Privatsphäre anmahnen zu müssen.
Es sieht also tatsächlich so aus, als hätten wir begonnen, unser Privatleben auf der Straße zu führen, eine schändliche Veränderung des männlichen Lebens, die von totaler Gedankenlosigkeit zeugt.
Mit der schlimmste Ausdruck dieser kreuzdämlichen Verwirrung von privat und öffentlich ist das Trinken von Bier und anderen Alkoholika in U-Bahn, Bus etc. Wohlgemerkt: niemand missgönnt dem arbeitenden Mann sein Feierabend-Bier, niemand will irgendwem den Wein oder gar den Single Malt verbieten, es stellt sich nur zwingend die Frage nach dem Ort, an dem man seinen Alkohol genießt. Wenn man sich zu Hause ein Bier genehmigt oder eine Kneipe aufsucht, um in netter Gesellschaft ein paar Gläser zu trinken, ja, um Himmelswillen, warum denn nicht?
Aber diese Typen, die um 16 Uhr in der U-Bahn ihre Bierpulle aus der Tasche ziehen, den Kronkorken knacken, die lauwarme Plörre mitten im Waggon in sich reinlaufen lassen und sich dann fröhlich rülpsend umgucken… was versuchen diese Männer der Öffentlichkeit zu signalisieren? Dass es vollkommen okay ist, sich gehen zu lassen? Dass der moderne Mann eine Instant-Befriedigung benötigt, wenn er Bierdurst hat? Oder dass eh schon alles egal ist, die Titanic sinkt, die Kapelle spielt, heidewitzka, Herr Kapitän?
Es ist höchste Zeit, sich wieder auf die Trennung von Privatem und Öffentlichem zu besinnen, bevor wir endgültig in der oberflächlichen Bequemlichkeit eines jede Entgleisung tolerierenden Laissez-faire versumpfen. Denn das drücken diese ganzen Jogging-Anzüge aus, die hastig auf dem Trottoir entsorgten Zigarettenstummel, die dahergestammelten Telefonate, das ungenierte Saufen in der Öffentlichkeit: ich möchte mir keine Gedanken machen, ich hab’s gern bequem.
Das Leben eines Mannes kann unendlich viele Facetten haben. Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit sollten keine Optionen sein.

Foto: Bardewyk/pixelio.de

Überleben im Dschungel der Großstadt: Star Burger

In der Serie “Überleben im Dschungel der Großstadt” begibt sich mike-o-rama für uns in die Wildnis Berlins und testet ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Imbiss-Buden, Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Orte, die nie ein zurechnungsfähiger Mensch gesehen hat. Seine Berichte erscheinen auch auf dem Bewertungsportal qype.de.

Star Burger

Juten Morjen, Tristesse

Dass dieser Schuppen noch lebt, überrascht mich jedesmal wenn ich daran vorbeilaufe. Meistens trinken die üblichen Verdächtigen dort ihre Feierabend- bzw. Morgenmolle, allerdings sehe ich unfassbarerweise manchmal dort auch Leute essen.
Das Ding sieht aus als hätte man es 1990, als die Marktwirtschaft hier einzog, in der Eile errichtet und dann sich selber überlassen. Eine ständige Ausstellung im Innenbereich dokumentiert fotografisch die Aufbauarbeiten und die „Entwicklung“ im Laufe der Jahre.
Was sehen wir? Wir sehen eine verwitterte Baracke, die einen notdürftig selbstgezimmerten Eindruck hinterlässt und auf ihre Art eine Verzweiflung ausstrahlt, die man sonst nur in der Storkower Straße auf einer Linie nordwestlich des S-Bahnhofs Landsberger Allee auf Höhe des Pfenniglands vorfindet.
Man erwartet jeden Moment einen Dornenbusch vorbeiwehen und sucht vergeblich den Cowboy, der vor der Bude sitzend „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf der Mundharmonika zum Besten gibt. Endzeit, Leute. Sie wissen es nur noch nicht.
Die Burger sind uninspiriert gewöhnlich, dafür aber im Preis ambitioniert. Man hält den Hamburger bzw. Cheeseburger dort tatsächlich für ca. 30% wertvoller als die vergleichbaren Produkte bei Burger King oder McDonalds.
Die Wahrheit tut manchmal weh, Star Burger: Vergiss es.
Auch der dort angebotene „Big Boss“, wohl eine Kampfansage an den „Big King“ oder den „Big Mäc“, startet als Tiger und endet als trauriges Stück Fleischklops mit einem durchgeweichten Häppchen Salat und einem traurigen Zwiebelhalbmond in viel zu viel Lidl-Burgersoße.
Der Gipfel der Obszönität aber ist der „Monster Burger XXL“, der aus 3 überdimensionalen Bratlingen besteht, um die aus Alibigründen ein wenig Brötchen gewickelt und in die ein Salatblättchen eingefaßt ist. Gefühlte 3 Kilo pures Fleisch à 8,40 € für echte Kerle. Okay, zugegeben, so einen Klopper suchen wir bei McDonalds und Burger King (doch doch – das Ding ist noch krasser als ein Triple Whopper) vergebens. Warum wohl?
Die Fritten sind indiskutabel und knüllen sich auf der Stelle zu einem festen Klumpen in Magen und Darm zusammen, den man nur mit Rhizinosöl, Fleckentferner oder einer Klempnerspirale aufgelöst bekommt.
Ich habe aber die böse Ahnung, dass dieses Ding mich überlebt und mir bei meiner Beerdigung einen zerknautschten „Big Boss“ als letzten Gruß ins Grab wirft, sich hämisch darüber amüsierend, dass es ihn auch in weiteren hundert Jahren geben wird. Grusel.

Foto: mike-o-rama

Schönes Wochenende!

Bier

Wochenende!

Freitagnachmittag – die ersten drei Tage „Männer unter sich“ liegen hinter und das Wochenende vor uns. Hier wird es am kommenden Montag mit neuen Artikeln weiter gehen, ich freue mich schon auf mein erstes Wochenend-Bier mit den Kumpels in der Kneipe.
Hier könnt ihr natürlich weiter kommentieren, wenn ihr möchtet. Ich würde mich sehr freuen, wenn der eine oder andere Leser uns sagen würde, was ihm an unserem neuen Blog gefallen hat und was nicht. Was können wir anders machen, was besser, was soll so bleiben, wie es ist? Und – ganz wichtig für mich und die anderen Autoren – welche Themen sollen wir für euch beackern? Worüber möchtet ihr etwas lesen, was soll hier erscheinen?
Und wenn ihr einfach nur ein bißchen quatschen wollt oder über etwas diskutieren, das euch gerade auf den Nägeln brennt, nur zu! Auch dafür ist die Kommentarfunktion da. Ich werde auch gelegentlich reinschauen. Nach dem ersten oder zweiten Wochenend-Bier.

Foto: Günter Havlena / pixelio.de

In der Wüste

FIFA-Dämmerung in Katar

„In der Wüste gibt es keine Fußball-Tradition, keine Fans, wahrscheinlich nicht mal einen Ball. Es gibt nur Sand und Geld, beides reichlich, und man darf wohl davon ausgehen, dass der Sand die Fifa-Exekutive nicht besonders interessiert hat.“
Sven Goldmann im Tagesspiegel

Damit ist eigentlich alles gesagt, was zur Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Katar zu sagen ist. Dass Blatter und seine Leute sich einen Dreck um Traditionen scheren, dass sie den größtmöglichen Profit über das stellen, was sentimentale Fans wie unsereins die Seele des Spiels nennen, ist nichts neues. Geschenkt. Aber eine Scheiß-Wut hab ich trotzdem.
Andererseits nötigt einem die Chuzpe, mit der „Slippery Sepp“ eins der bedeutendsten Sportereignis dieser Welt an einen Zwergstaat ohne Fußballstadien vergibt, der etwas kleiner als Schleswig-Holstein ist, in dem ein Alkoholverbot herrscht und der Homosexualität unter Strafe stellt – um nur einige der Highlights des zukünftigen Fußball-Mekka (sic!) zu nennen – nötigt mir beinahe schon wieder Bewunderung ab.
Und eine gewisse Erleichterung verspüre ich darüber, dass 2018 und 2022 vermutlich, hoffentlich die letzten beiden Weltmeisterschaften waren, die nach dem System Blatter vergeben wurden. „Es kann nur besser werden“, hätte ich beinahe geschrieben, aber meistens wird es schlechter, wenn man diesen Satz sagt, schreibt oder denkt. Wenn schon nicht besser, dann muss es wenigstens anders werden.
Das Spiel gehört nicht irgendwelchen alten Säcken aus Exekutiv-Komitees, die von einer VIP-Loge in die andere taumeln. Das Spiel gehört auch nicht den Spielern, nicht dem millionenschweren Profi, nicht dem Amateur, der sich sonntags früh auf irgendeinem Aschenplatz die Lunge aus dem Leib rennt. Das Spiel gehört auch nicht den Zuschauern, nicht den Dauerkarteninhaber in den Bundesligastadien, nicht den Rentnern neben den Trainingsplätzen, erst recht nicht den krakeelenden Besserwissern vor den Fernsehern. Das Spiel gehört niemandem allein, das Spiel ist sogar noch mehr als die Summe derer, die es lieben. Deshalb wird das Spiel auch diese Weltmeisterschaft überleben, vielleicht nicht unbeschadet, aber das Spiel wird es auch nach Katar noch geben.
Spätestens dann wird es aber Zeit, dass der Fußball sich von der FIFA erholt.

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