Wie tranchiere ich eine Gans?

Wenn man zum ersten Mal eine Gans gebraten hat, durchströmt einen ein Gefühl der Erleichterung, wenn man den Geier endlich unfallfrei aus dem Ofen geholt hat. Appetitlich goldbraun verknuspert liegt er da auf der vorgewärmten Servierplatte, jetzt kann man endlich reinhauen… Ja, Teufel noch eins, wie zerteilt man so ein Ding überhaupt? Ähmmmm…
Keine Panik. Das geht einfacher, als man denkt. Wenn man

  1. ein scharfes Tranchiermesser
  2. eine rutschfeste Unterlage (nasses Küchentuch unterm Schneidbrett wirkt manchmal Wunder)
  3. eine wirklich durchgegarte, zarte Gans
  4. und einen Plan hat,

kann eigentlich nix schiefgehn.
Unser Plan sieht folgendermaßen aus: erst die Keulen, dann die Brust, schließlich die Flügel. So, kann losgehen. Wir halten das Viech mit der Tranchiergabel oder am Keulenende fest und schneiden rund um die Keulen Haut und Fleisch ein.

rund um die Keule einschneiden

Keule umklappen und im Gelenk durchschneiden

Und dann packen wir die Keule an und klappen sie einfach nach hinten um, so dass das Gelenk freigelegt wird. Und im Gelenk können wir sie dann mit dem Messer (oder einer Geflügelschere) ganz einfach durchschneiden. Wenn’s eine große Gans war oder besonders viele Mitesser am Tisch sitzen, können wir die Keule noch in Ober und Unterschenkel teilen, dazu in der Mitte auseinanderklappen und wieder im Gelenk durchschneiden. Wenn die Gans langsam durchgebraten wurde, sollte das ohne große Anstrengung klappen. Wenn’s schwer geht, ist die Gans nicht durch oder das Messer stumpf. Oder wir haben das Gelenk verfehlt. Mit der anderen Keule verfahren wir genauso und wenden uns anschließend der Brust zu.

Der Gans mutig an die Brust gehen

Der Knochen in der Mitte der Brust ist deutlich zu sehen. Dort mit dem Messer längs einschneiden und die eine Brusthälfte im Ganzen von oben nach unter vom Knochen schneiden. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: wenn die Hitze niedrig und die Gans lange genug im Ofen war, dann fällt sie beinahe vom Knochen. Mit der anderen Brusthälfte genauso verfahren. Je nach Größe der Gans die Hälften in zwei oder drei Stücke schneiden. Jetzt sind die Flügel dran.

Zum Schluss die Flügel

Jetzt haben wir schon Routine, im Prinzip wissen wir, was zu tun ist, nämlich das gleiche wie mit den Keulen: Flügel umklappen und im Gelenk abtrennen.
Und das war’s auch schon fast: Restliches Fleisch und Haut von der Karkasse fieseln, auf die Servierplatte packen und das ganze kurz zum Aufknuspern unter den vorgeheizten Grill schieben. Und servieren.

Noch’n paar Tipps:
Bevor man sich zum ersten Mal an eine Gans wagt, kann man an einem Grillhähnchen oder einer Ente trainieren und sich die nötige Sicherheit holen. Je öfter man übt, desto besser.:)
Ein Schneidbrett aus Holz oder Plastik verwenden, Finger weg von Glas oder Marmor. Das Zeugs ist so hart, dass das schärfste Messer sofort stumpf wird, wenn man auf solcher Unterlage schneidet.
Den Vogel nicht am Tisch tranchieren, auch wenn’s der Vater immer so gemacht hat. Das Tranchieren der Gans braucht seine Zeit – vor allen Dingen, wenn man’s noch nicht so oft gemacht hat – die Fleischstücke kühlen ab, und da die lieben Gäste auch erst zulangen wollen, wenn der Trancheur das Messer beiseite gelegt hat, hat man am Ende eine kalte Gans auf dem Teller. Deshalb in der Küche tranchieren und die Teile nochmal unter den Grill schieben, bevor man aufträgt.
Und, ja, man kann auch erst die Flügel abtrennen, bevor man die Brust abschneidet. Die Reihenfolge ist reine Geschmackssache.

Fotos: Chris Kurbjuhn

Männeressen: Gans einfach

Die Gans ist einer der beliebtesten und gleichzeitig gefürchtetsten Vögel Deutschlands. Beliebt, weil es ja einen Grund haben muss, dass in beinahe jedem deutschen Haushalt mindestens einmal im Jahr ein Gänsebraten auf den Tisch kommt. Die Viecher schmecken wirklich ziemlich gut. Gefürchtet sind sie hingegen, weil man sie vorher zubereiten muss, und da rutscht vielen Hausfrauen alljährlich das Herz in die Kochhose: Riesenviech, sperrig, schwierig…
Hier ist der starke Mann in der Küche gefragt, ein Kerl, der Mut zu einfachen und unkonventionellen Lösungen hat. Es gibt eine Methode, nach der die Gans extrem einfach zuzubereiten ist und absolut köstlich schmeckt. In diesem Jahr ist der Gänsebraten Männersache.

Rezept

Man benötigt: 1 Gans und Salz

Die vorbereitete Gans

Die Gans putzen, also Innereien-Beutel entfernen, Fett aus dem Inneren polken (kleinschneiden und bei kleiner Hitze auslassen: gibt lecker Gänseschmalz), eventuell noch vorhandene Federkiele rauszuppeln (Pinzette), die Flügelspitzen abschneiden, evtl. den Hautlappen an der Halsöffnung mit Zahnstochern feststecken, innen und aussen waschen, abtrocknen.
Der Ofen wird auf ca. 140 Grad vorgeheizt, die Gans von innen und außen großzügig mit Salz eingerieben. Ein Löffelchen Schmalz in den Bräter, damit nix anhängt, und die Gans hineingelegt. Wenn sie anfängt, deutlich hörbar vor sich hinzuschmurgeln, anfangen, sie mit dem austretenden Fett zu begießen, so etwa alle zwanzig Minuten. Nach dem Ende der Bratzeit (ca. 1 Stunde pro Kilo Vogel) zwanzig Minuten im ausgeschalteten Ofen bei geöffneter Ofenklappe ruhen lassen und tranchieren.
Und das war‘s. Mehr ist nicht. Nach Ende der Bratzeit (ca. 1 Stunde pro Kilo Vogel) hat man eine unglaublich knusprige, herrlich saftige Gans. Doch, ja, es ist so einfach.

Die zubereitete Gans

Die zubereitete Gans

Gans häufig gestellte Fragen: Gans-FAQ

Was ist mit Sauce?
Musst du separat machen, ist kein Problem. Innereien aus dem Beutel (ohne Leber, die wird in Butter gebraten und mit einem Schlückchen Rotwein verspeist, das stärkt den Koch) inkl. Flügelspitzen dunkelbraun anbraten, etwas Zwiebel, Karotte, Sellerie, Lauch dazu, mit Rotwein ablöschen, einkochen lassen, mit Geflügelfond auffüllen, ca. 3 Stunden lang köcheln lassen, durchsieben und entfetten (wenn man die Sauce am Tag vorher macht, kann man sie über Nacht in den Kühlschrank stellen und das Fett ganz einfach abheben) mit Salz, Pfeffer, Portwein abschmecken, gegebenenfalls mit etwas Saucenbinder für Saucenbindung sorgen, fertig.

Was für eine Gans soll ich kaufen?
Beim Kauf der Gans hat man grundsätzlich zwei Optionen: tiefgekühlt oder frisch. Die Preise sind extrem unterschiedlich: Für einen Bio-Freiland-Luxus-Geier muss man bis zu 20 Euro pro Kilo löhnen, TK-Gänse sind schon für 5 Euro das Kilo zu haben. Gibt es Unterschiede? Ja, sogar ziemlich große. Grundsätzlich gilt: frische Gänse haben eine andere, etwas festere Konsistenz im Fleisch, was viele Menschen (ich inklusive) als sehr angenehm empfinden. Was den Geschmack angeht… da gibt es solche und solche (sehr hilfreich, ich weiß). Ich hatte schon schlappe Freilandgänse und vor Gans-Aroma strotzende TK-Tiere im Ofen, und umgekehrte Fälle gab es ebenfalls. Bei preiswerten TK-Gänsen muss in Betracht gezogen werden, dass mit dem Leben und Sterben dieser Tiere möglicherweise nicht sonderlich respektvoll umgegangen wurde. Bei der Schnäppchenjagd immer daran denken: Wenn man eine Gans kauft, bezahlt man das ganze Leben des Tieres, alles, was es gefressen hat, die Hege und Pflege durch den Züchter, Schlachtung und Putzen, sowie Groß-, Zwischen- und Einzelhandel. Geiz ist hier wirklich nicht geil.
Fazit: Am besten sucht man sich eine verlässliche, erschwingliche Quelle und bleibt dabei. Ich selbst nehme meist polnische TK-Gänse der gehobener Qualität, ausgezeichnet im Geschmack und der Konsistenz von Freilandgänsen nur wenig nachstehend. Bei der Verwendung von TK-Gänsen: die Gans muss komplett aufgetaut sein, bevor man sie in den Ofen schiebt, sonst wird sie zäh wie Schuhsohle. Bei einemm großen Viech kann das Auftauen bis zu zwei Tage dauern, wenn man das im Kühlschrank macht.

Meine Gans ist noch schlechter rasiert als ich, und das Gezuppel an den Kielen raubt mir den letzten Nerv. Gibt‘s einen Trick?
Ja. Die Kiele erst mal dranlassen, die Gans unrasiert in den Ofen schieben und nach einer halben Stunde mal nachschauen. Wenn sich die Kiel-Stoppeln aufgerichtet haben, die Gans aus dem Ofen holen und mit der Pinzette rangehen. Die Kiele flutschen jetzt viel leichter raus.

Wie – keine Füllung?
Nein, keine Füllung. Füllung ist kontraproduktiv hinsichtlich der Knusprigkeit der Gans, und ist letztlich überflüssig. Wenn ich Hackbraten essen will, ess ich Hackbraten. Wenn ich Apfel-Zwiebel-Kompott essen will, ess ich Apfel-Zwiebel.-Kompott. Wenn ich Gans essen will, ess ich Gans. So einfach ist die Welt.

Hilfe, meine Gans wird nicht richtig braun!
Keine Panik. Wenn das Gänschen zu blond ist, in der letzten halben Stunde die Backofenhitze hochdrehen.

So, die Gans ist fertig. Aber wie schneid ich die auseinander?
Das kriegen wir morgen.

Für die Rezeptidee bedanke ich mich bei Stevan Paul.

Fotos: Chris Kurbjuhn

Überleben im Dschungel der Großstadt: Im Lesecafé

Romantische Lektüre im Lesecafé

Huhu, hallihallo, da bin ich doch letztens in diesem lustigen Lesecafe gelandet. Zumindest dachte ich, dass es eines ist. Ich hatte Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ unter dem Arm und wollte jemanden finden, mit dem ich über das Gleichnis mit den Stachelschweinen und ihre treffende Illustrierung der modernen Gesellschaft und der Interaktion der Menschen untereinander diskutieren könnte.

CP Club – Caesars Palace – komischer Name für ein Lesecafe, dachte ich erst, aber nun gut, vielleicht treffen sich hier die Historiker – wegen Cäsar, römischer Kaiser und Feldherr und so, haha. Egal, einfach mal reingehen, ein wenig interdisziplinärer Gedankenaustausch hat noch nie geschadet, ich bin für alles offen.

Das Reinkommen jedoch war gar nicht so einfach, stand da doch vor dem Eingang dieser Mann, breit wie hoch, musterte meinen Strickpulli mit dem Elch vorne drauf und meinen Büchertornister auf dem Rücken etwas finster, ließ mich dann aber doch eintreten, nachdem ich ihm meinen Ausweis von der StaBi (Staatsbibliothek) gezeigt habe.

Komisch, dachte ich, die Bücher muss man hier wohl selber mitbringen, denn im Innenraum lag kein einziges aus, Regale sah ich auch keine, aber ich habe ja zum Glück daran gedacht, meinen Schopenhauer in der kleinen Reclam-Ausgabe mitzubringen.

Dieses komische eigenwillige rote Licht überall störte zunächst etwas beim Lesen, aber ich habe ja – toi toi toi – immer diese kleine Taschenlampe dabei, die ich vom Wagenbach Verlag geschenkt bekommen habe, damit ich zu Beispiel zuhause in meinem Bettchen unter der Decke noch etwas lesen kann, ohne dass Mama was merkt. Laut war es aber auch und überall saßen Leute, zwischen denen Frauen in Unterwäsche saßen. Das lenkte mich doch etwas vom Lesen ab.

Da saß ich nun und nirgendwo ein Historiker zu sehen. Glücklicherweise haben sich kurze Zeit später Angelique und Vanessa zu mir gesellt. Leider wollten sie nicht mit mir über Schopenhauer diskutieren, sondern wie es mir geht, ob ich mich wohlfühle und ob sie etwas für mich tun können. Das fand ich sehr nett, aber leider hat mich der Debattierclub meiner Schachgruppe auf diese Art der Konversation nicht vorbereitet und ich konnte den Damen inhaltlich nicht weiterhelfen. Ich versuchte es daraufhin mit Nietzsche und Adorno, aber auch das fand keinen Widerhall, die beiden wollten immer nur wissen, was ich so mache, wo ich herkomme und ob ich eine Freundin habe. Als ich es hilfsweise mit Wittgenstein versuchte meinte Vanessa, dass da „letztens so ein Typ da war, der irgendwie so hieß, aber mit dem nix los war. Verklemmt oder so.“ Komisch.

Angelique meinte irgendwann, ich solle Champagner für alle bestellen, aber ich wollte nicht, weil Mama sagt immer, ich darf sowas nicht trinken – wegen meinem Ausschlag. Als ich daraufhin meine Capri Sonne aus dem Tornister holen wollte, meinte Vanessa, dass ich doch lieber etwas bestellen solle. Das mache man hier so.

Also hab ich Bananensaft bestellt. Schmeckt ja auch besser und ist gesund.

Mit Angelique auf dem Schoß, die ihr Hinterteil – wahrscheinlich war es für sie etwas unbequem – dauernd an mir rieb, kam ich dann doch noch ins Gespräch mit einem düsteren Herrn mit schwarzem Hemd und Lederjacke, der neben mir saß: „Na Kleiner, was hat dich denn hierher verschlagen?“

„Ich bin gekommen um zu lesen.“

„Huh…?“

„Ja, das ist wirklich ein lustiges Lesecafe. Aber warum ziehen sich die Frauen hier nicht was an? Und wozu ist diese Stange da in der Mitte gut?“

„Da gibt es gleich wieder Stangentanzen, mein Junge, das ist im Übrigen auch kein Lesecafe, sondern ein Nachtclub.“

„Nachtclub? Sowas gibt es in Berlin? Ich hab auf Arte mal eine Dokumentation über Hamburg gesehen, aber nie gleichartiges über Berlin.“

Immer für ein gutes Buch zu haben

„Puh, ja, wobei, lass es mich mal so sagen: Berlin ist ja in Sachen Nachtclubs eher eine Trockenpflaume, da gebe ich dir Recht. Da gibt es reihenweise heruntergekommene Bars in finsteren schummrigen Ecken der eher weniger privilegierten Kieze in Wedding oder Moabit – betrieben von fiesen Verbrechervisagen -, in denen man nichts, aber auch gar nichts anfassen möchte und wo nur selten jemand auf den schmierigen Tables danct, sondern sich die fürchterlich überschminkten Damen – vorwiegend aus Osteuropa hierher verbracht – wahlweise gelangweilt oder verschüchtert auf den verkeimten Barhockern lümmeln und halbherzig – weil zu offensichtlich gezwungen – nicht einmal versuchen, so etwas wie prickelnde Erotik aufkommen zu lassen und man bis in die kleinste Haarspitze überall fast greifbar den Druck des Luden in ihrem Nacken spürt- kein Leuchten in den Augen, kein Lächeln – einfach nur abgestorbene Träume auf zwei Beinen – echt mal: Wer so etwas anziehend findet hat kein Herz.“

„Oha, ein schöner Schachtelsatz, haben Sie Lust, bei unserem Debattierclub mitzumachen?“

„Haha, nee lass man, Junge. Aus dem Debattieralter bin ich raus.“

„Na gut. Aber was Sie so erzählt haben über Wedding und Moabit: Hier ist das doch nicht so, oder?“

„Nee, hier ist das wohl ein wenig anders, das ganze Konzept scheint ein anderes zu sein. Die Damen sind alle offenbar freiwillig hier, verdienen gut, sprechen ausgezeichnet deutsch und haben sichtbar Spaß an der Sache – stilvolle Entspannung macht sich breit, sag ich nur.“

Angelique warf ein: „Ich kann für dich tanzen wenn du magst, ein schöner Privat Dance im Separee.“

„Komm Kleiner, ich geb dir einen aus, du siehst aus als ob du schon lange auf etwas wartest, was deinen Gordischen Knoten zum Platzen bringt.“

Nach dem Aufenthalt im Separee, während dem mir Angelique alle ihre Körperteile aus der Nähe vorgeführt hat, machte sich eine ungewohnte Ruhe und Zufriedenheit in mir breit, Schopenhauer war plötzlich ganz weit weg und auch die Historiker vermisste ich nicht mehr. Irgendwas war passiert.

Der düstere Mann mit der Lederjacke holte mich jedoch jäh aus meinen Träumen:

„So weit – so gut. Ich sehe du bist entspannt. Nun, ich sag ja: Der äußerliche Eindruck von dem Laden ist echt abschreckend – heruntergekommener unsanierter Altbau und sieht auf den ersten Blick aus wie so eine üble Kaschemme in Wedding oder Moabit, aber hier drinnen erste Sahne. Vom Feinsten. Trinken wir einen Champagner?“

„Äh was kostet der denn?“

„Naja, 150 Euro meine ich, aber den kannst du immer auch problemlos ablehnen, hier zwingt dich keiner und die Stimmung rauscht auch nicht in den Keller deswegen. Aber du hast Recht: Ich für meinen Teil würde die 150 auch lieber in der Unterwäsche deiner talentierten Angelique versenken. Die sind gut angelegt.

Vanessa, kommste mal rüber zu mir? Mit zweien von euch ist der Junge am Anfang doch etwas überfordert.“

Am nächsten Tag, kurz vor meinem 30. Geburtstag, bin ich bei Mama ausgezogen.

In der Serie “Überleben im Dschungel der Großstadt” begibt sich mike-o-rama für uns in die Wildnis Berlins und testet ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Imbiss-Buden, Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Orte, die nie ein zurechnungsfähiger Mensch gesehen hat. Seine Berichte erscheinen auch auf dem Bewertungsportal qype.de.

Fotos: tokamuwi/pixelio.de

Schau dir den mal an, Walter

Einen Spieler wie Walter Frosch hat man immer gern in der Mannschaft. Nehmen wir mal an, wir entdecken in den Reihen des Gegners einen technisch überaus starken Sechser mit großem Offensivdrang, den es ständig in die Nähe unseres Strafraums zieht, wo er für Verwirrung und Torgefahr sorgen möchte. Wenn in unserem Team ein Walter Frosch mitspielt, müssen wir nur zu ihm laufen und sagen: „Walter, schau dir doch bitte mal den Sechser an.“ Walter wird nicken, zum Sechser laufen, sich den ganz genau ansehen, dabei dessen Körper kurz aber prägnant auf Stabilität und Schmerzempfindlichkeit untersuchen, und die Sache ist erledigt. Der unangenehme Sechser wird sich in Zukunft auf reine Defensivaufgaben beschränken, die Mittellinie als Grenze seines Lebensraums akzeptieren und mindestens ein halbes Spielfeld Distanz zwischen sich und Walter halten. Oder er lässt sich gleich auswechseln, wie einmal Erwin Kremers nach 18 (!) Minuten. Da hatte Walter Frosch ihn schon dreimal über die Bande gehauen, „damit da Feierabend war“, wie Frosch sich ausdrückte.
Da nimmt es nicht Wunder, dass Walter Frosch sogar eine eigene Fußballregel hat, die – natürlich – eine Strafe beinhaltet. Die Spielsperre nach der vierten (ursprünglich der fünften) gelben Karte verdanken wir nämlich ihm. Nachdem er in der Zwoten Liga 76/77 27 Gelbe in 37 Einsätzen gefangen hatte, führte die DFB-Gerichtsbarkeit „seine“ Sperre ein, und fortan durfte Frosch sich alle paar Spiele mal ein wenig ausruhen.
Das tat er bevorzugt in der ein oder anderen Lokalität, denn „Mein schwerster Gegner war immer die Kneipe“, wie Frosch einmal ungewohnt selbstkritisch anmerkte. Wenn er beim Griechen war, durfte es dann schon mal der ein oder andere Ouzo mehr sein, und dann wurde in den frühen Morgenstunden ein 400-Meter-Rennen um 10 Liter Bier gegen ein Paar Kumpels organisiert, Frosch gab den Kumpels 100 Meter Vorsprung, gewann trotzdem und kümmerte sich um den Gewinn. Gegen 13 Uhr tauchte er dann leicht derangiert im Stadion auf und wurde von Trainer Ribbeck auf seine stark geröteten Augen angesprochen. „Bindehautentzündung“, raunzte Frosch, schnürte die Schuhe und machte den nächsten Stürmer platt.
Gegenüber Autoritäten hat Walter Frosch nie die Klappe gehalten. Kurzzeitig war er mal bei Bayern München unter Vertrag, da soll er den Jupp Kapellmann mal mit einer Ohrfeige eingenordet und sich mit Udo Lattek folgenden denkwürdigen Dialog geliefert haben:
Lattek: „Warum flankst du nicht mit links?“
Frosch: „Weil die anderen das auch nicht machen.“
Lattek: „Wenn du keine Lust hast, dann geh duschen.“
Frosch: „Mach ich.“
Frosch landete nach einem durchaus dubiosen Vertragszwist und 4 Monaten Sperre wieder in Kaiserslautern, wo er Jupp Derwall auffiel, der ihn in die B-Nationalmannschaft berief. Mit einem souveränen „Ein Walter Frosch spielt entweder in der A-Mannschaft oder in der Weltauswahl!“ beendete Frosch seine Länderspielkarriere, bevor sie begonnen hatte.
Nach zwei Jahren Lautern verabschiedete sich Frosch Richtung St. Pauli. Böse Zungen behaupten, dass sein Vereinswechsel ursächlich mit einer Lauterer Animierbar zu tun gehabt habe. Frosch soll mit der Chefin der Bar ein schwunghaftes Verhältnis gehabt haben, und so kam es, wie es kommen musste: Immer wenn Frosch seine Freundin auf der Arbeit besuchte, soll er dort honorige Herrschaften aus dem Vorstand angetroffen haben, denen das schließlich so peinlich war, dass sie Frosch nahelegten, den Verein zu wechseln. Aber das sind selbstverständlich nur böswillige Gerüchte, genauso wie z. B. die Geschichte mit Töpperwien und dem Hundehalsband, daran ist bestimmt kein Wort wahr.
Egal, wie der Transfer zustande kam, in St. Pauli fand Frosch seine Heimat, sowohl im Stadion wie ums Stadion herum, hier wurde er endgültig zum Kult- und Kiezkicker, hier wechselte er nach der Fußballkarriere von vor dem Tresen nach hinter dem Tresen und wurde Kneipier.
Doch seit einigen Jahren kämpft Frosch gegen einen noch härteren Gegner als die Kneipe: die sechzig Zigaretten, die er schon in seiner aktiven Zeit täglich rauchte, forderten ihren Tribut, er musste sich mehreren schweren Krebsoperationen unterziehen. 2008 schien das Spiel für ihn gelaufen zu sein: Sepsis, Organversagen, über hundert Tage Koma. Doch Frosch kam zurück, musste mühsam wieder gehen und sprechen lernen, aber er ist zurückgekommen.
Walter Frosch hat sich den Tod ganz genau angesehen. Der bleibt seitdem in der eigenen Hälfte. Walter Frosch wird am Sonntag 60.

Wo Mann gewesen sein muss: Bobbahn Altenberg

Die Bahn in Altenberg

Der Bobsport ist nicht jedermanns Sache. Solange man nicht dabei gewesen ist. Jahrzehntelang kannte ich Bobfahren nur aus dem Fernsehen, und da erschloss sich mir die Faszination dieser Sportart überhaupt nicht. Die immergleichen Kameraperspektiven, die vorbeisausende, bunte Metallgurken einfangen, die mitlaufende Uhr, und am Schluss gewann irgendwer mit drei hundertstel Vorsprung nach vier Läufen, ja, ganz nett, kann man mal bei Olympia ein Auge drauf werfen, ansonsten wird umgeschaltet.
Wenn man selber an einer Bobbahn steht, ist das ganz anders. Zunächst einmal akustisch, denn die Dinger machen einen ganz schönen Krach, wenn sie vorbeifahren, das ist nicht dieses sonor-gemütliche Rumpeln, das einem aus dem Fernsehlautsprecher entgegenkommt, das ist das Donnern einer mühsam unter Kontrolle gehaltenen Urgewalt, die da an einem vorbeirauscht. Und wenn man neben einer Kurve steht, kann man tatsächlich die unterschiedlichen Linien, die die Fahrer wählen, viel besser erkennen als am TV-Gerät. Das Ereignis an sich und die TV-Übertragung sind – wie praktisch immer – zwei paar Schuh, und beim Bobsport siegt das Ereignis an sich turmhoch über die TV-Übertragung, obwohl man an der Bob-Bahn selbst stehend immer nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens mitbekommt.
Die Bobbahn in Altenberg ist eine einzigartige Strecke. Vor 25 Jahren wurde sie – unter Schirmherrschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (!) – als technisch äußerst anspruchsvolle konzipiert und in drei Jahren gebaut. Und dann musste ein Teil der Bahn abgerissen und wieder neu aufgebaut werden, weil – dank exzessiver Geheimniskrämerei, wundert das jemanden angesichts der Stasi-Schirmherrschaft? – die Bahn nicht ganz fahrbar war. 1987 wurde die Bahn schließlich eröffnet und war seitdem Schauplatz zahlreicher Bob-, Rodel- und Skeleton-Rennen. Seitdem heißt es, dass derjenige, der in Altenberg gute Zeiten fährt, zur Weltspitze im Bob- und Rodelsport gehört. Und das kann man persönlich nachvollziehen..
Denn die Bahn hält eine ganz besondere Attraktion für den Wintersport-Amateur bereit: die Gäste-Bobfahrt, bei der man sich von einem erfahrenen Bob-Piloten nebst Bremser in eine Vierer-Bob die Strecke hinunter fahren lassen kann.
Diese Attraktion war Grund für meinen ersten Altenberg-Besuch vor ein paar Jahren: so eine Bob-Fahrt wollte ich wirklich mal ausprobieren, und so stand ich dann vormittags gegen 11 mit bereits leicht erhöhtem Adrenalin am Gästebob-Start. Man fährt nicht von ganz oben los, wie die Profis, das erste Drittel der Strecke bleibt für die Gäste tabu, sodass man im Ziel auch nur eine Geschwindigkeit von ca. 100 km/h erreicht, wohingegen die Profis mit 140 und mehr Sachen durch die Zeitmessung kacheln.
Hab ich natürlich erstmal die Nase gerümpft, nur lahme hundert Stutz, das war ja eigentlich unter der Würde eines Speedfreaks, aber was soll’s, Hauptsache, einmal im Bob gesessen.
Wobei das „im Bob Sitzen“ die erste Herausforderung ist. So ein Schlitten ist wirklich sehr eng und äußerst spartanisch ausgestattet, so dass es durchaus ein Weilchen dauert, bis sich zwei Amateure ins Sandwich zwischen zwei Profis hineingezwängt haben.
Als ich halbwegs korrekt saß, war ich bereits geschwitzt und sah den Start eines Vierer-Bobs mit ganz anderen Augen. Was im TV so einfach aussieht (Bisschen anschieben und fluppfluppfluppflupp rin in den Schlitten), setzt doch ein gerüttelt Maß an Fitness, Gelenkigkeit und Teamwork voraus.
Nuja, das sind die Profis, dachte ich, und fragte mich, wann es denn endlich losginge. Dann wurde zum letzten Mal überprüft, ob mein Helm auch richtig fest saß (Angsthasen! Für lumpige hundert Kaemmha so einen riesigen Integralhelm, sieht man ja gar nix von der Landschaft…) und es gab die letzten Anweisungen: Immer an den zwei Griffen am Boden des Schlittens festhalten und Spannung in den Körper, klar? Ja, ja, schon gut, wir tragen im Bob also gleichzeitig Hosenträger und Gürtel, wir wollen uns wichtig machen, ich hab verstanden.
Dann wurden wir in die Bahn geschoben, und der Bob rumpelte los. Wusste ich’s doch. Gemütliche Kaffeefahrt, rutsch, rumpel, rutsch, lahme Sache, Geld zum Fenster rausge…

Der Kreisel in der Mitte

Dann kam die erste Kurve, und mit dieser Kurve eine absolut infernalische Beschleunigung. Auahauahauaha, und welcher Idiot brüllt denn hier so laut, dass ich’s sogar durch den dicken Helm höre? Himmel, der Schreihals bin ja ich! Die nächsten Kurven überzeugten mich, dass ich eine vollkommen unterentwickelte Nackenmuskulatur hatte, denn den Fliehkräften, die an mir zerrten, war ich hilflos ausgeliefert. Der Integralhelm mit meinem Kopf drin knallte mal links an den Schlittenrand, mal rechts, und dann waren wir auch schon im Kreisel, der Riesen-360-Gradkurve auf etwa halber Strecke… Scheisse. Scheisse! SCHEISSE!
Aus dem Kreisel heraus hatten wir noch lange nicht auf hundert beschleunigt, aber ich hatte trotzdem komplett die Orientierung verloren, sah wenige Zentimeter neben mir massive Eiswände vorbeizischen, da bekommt man ein ganz anderes Gefühl für die Geschwindigkeit, da würde man sich die Frage stellen, ob es denn wirklich hundert Stundenkilometer sein müssen, man kommt aber nicht dazu, weil man gerade erstickt, achso, Atmen wäre mal wieder angesagt, und dabei haut es einen nach links, nach rechts, nach links, um Himmelswillen, angeblich ist man ja nur eine knappe Minute unterwegs, die dauert verdammt lang, diese Minute, Mammamiameineherren, so, da ist die endlos lange Schlusskurve, gleich ist’s vorbei, endlich entspannen. Zu früh! Am Schluss der Kurve haut die Schwerkraft nochmal brutal in den Bob rein, ich hatte die Wirbelsäule schon entspannt und bekam einen riesigen Schlag ins Genick, dass ich kaum noch Luft bekam, und dann hielt der Bob endlich an. Holla, die Waldfee, es ist vorbei.
Irgendwie kam ich aus dem Schlitten raus, mein Rücken tat weh, als wäre eine Elefantenherde drübergetrampelt, ich hatte Probleme beim Atmen und schwindlig war mir auch, die Welt drehte sich im Kreis, aber das war doch scheißegal, was für ein Höllenritt! Genialer Wahnsinn!
Und hundert Stundenkilometer ist wirklich scheißschnell.

2012 ist in Altenberg Bob-WM. Sehen wir uns da?

Fotos by UrLunkwill (Eigenes Werk) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC-BY-2.5], via Wikimedia Commons

Dies ist der erste Teil einer Serie über Orte in Deutschland, die ein Mann mindestens einmal im Leben besucht haben sollte. Wenn wir genügend Orte vorgestellt haben, planen wir eine Abstimmung über die Top-Ten der deutschen Männer-Locations. Für Vorschläge, welche Orte wir vorstellen sollen, sind wir jederzeit dankbar, ob in den Kommentaren oder per Mail.

Die Ursache der Euro-Krise

Euro

Warum der Euro untergeht

Seit ich an diesem Blog mitarbeite, stelle ich mir abends oft die Frage: Hast du heute etwas männliches gemacht? Bei den männlichen Klassikern wie Haus bauen (wohne zur Miete), Baum pflanzen (Ja, wo denn, wir haben noch nicht mal einen Balkon), Sohn zeugen (bin über fünfzig und möchte nicht vor den Augen eines Heranwachsenden vergreisen) muss ich meistens passen, aber hin und wieder gelingt mir eine echt männliche Tat, wie zum Beispiel gestern. Da hab ich den Grund für die Euro-Krise entdeckt.
Eigentlich wollte ich nur ein wenig Geld auf mein Konto bei der Commerzbank einzahlen. Das wenige Geld hatte ich natürlich sorgfältig sortiert und gebügelt, weil es mir der Einzahlungsautomat sonst wieder um die Ohren haut („Ich will dein dreckiges Geld nicht!“), aber dazu sollte es gar nicht erst kommen, denn der Einzahlungsautomat entschuldigte sich bereits im Vorfeld der Transaktion via Display dafür, dass er heute unpässlich wäre und kein Geld entgegennehmen könne. Kein Problem, die Filiale war noch offen, also flugs zur Kasse… nanu? Wo ist die Kasse? Wo sonst die Kasse war, stand nur eine einsame Dame hinter einem spukhässlichen (Banker-Feng-Shui?) Stehtischchen. Als ich demütig darum bat, etwas Geld auf mein Konto einzahlen zu dürfen, beschied sie mich abschlägig: „Diese Filiale hat zur Zeit keine Einzahlungs-Funktionalität.“
Ich brauchte ein paar Augenblicke, bis ich den Satz verstanden hatte, dann drückte ich ihr meine Bewunderung aus („Auf so einen Satz muss man erst einmal kommen!“) und fragte, wie ich denn nun das Geld auf mein Konto beamen könnte. Sie nannte mir ein paar Filialen in der näheren Umgebung und meinte: „Sie können es da ja einmal versuchen.“
Das klang nicht optimistisch, und die Dame hatte recht. Erst in der dritten Filiale wurde ich mein Geld los, weil das eine ehemalige Dresdner Bank war, die noch nicht an das moderne Banking-System der Commerzbank angeschlossen war („Nächste Ostern sollen wir auch online sein, hat man uns gesagt..“), und daher hatte der dortige Kassierer noch eine analoge Einzahlungsfunktionalität: er quittierte mir mit altmodischem Kugelschreiber meine Einzahlung und rief eine Frau Scarlett Zimmermann bei der Commerzbank an, um ihr zu sagen, dass er mein Geld entgegengenommen hatte.
Nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht hatte, wunderte mich das nicht mehr: wer sich Neukunden mit dem Wegfall der Kontoführungsgebühren und Geldgeschenken auf dem Giro angelt, der muss das Geld eben anderswo sparen, klar dass man keine Leute mehr bezahlen kann, die Geld händisch entgegennehmen…
Und plötzlich begriff ich, woran es zur Zeit in Euroland hapert. Warum die Griechen, die Iren oder die Spanier ihre Schulden nicht zurückzahlen. Diese hervorragenden Nationen wollen und können natürlich ihre Schulden bezahlen, aber ihnen geht es wie mir: sie werden bestimmt ihr Geld nicht los, weil die Banker am falschen Ende gespart haben. An der Einzahlungs-Funktionalität.
Damit betrachte ich die Euro-Krise als gelöst. Soweit zu meiner männlichen Tat von gestern, mal sehen, was der heutige Tag so bringt.

Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Überleben im Dschungel der Großstadt: Reales Payback

In der Serie “Überleben im Dschungel der Großstadt” begibt sich mike-o-rama für uns in die Wildnis Berlins und testet ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Imbiss-Buden, Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Orte, die nie ein zurechnungsfähiger Mensch gesehen hat. Seine Berichte erscheinen auch auf dem Bewertungsportal qype.de.

Chuck Norris

Chuck Norris kann bei Subway ein Sandwich ordern, ohne eine einzige Frage beantworten zu müssen. Auch nach seiner Payback-Karte hat ihn noch niemand gefragt.

Der große Real-Supermarkt in Berlin-Treptow hat wirklich alles, ist gut sortiert, übersichtlich aufgebaut und preislich sehr günstig. Ein Einkaufsparadies sondergleichen. Tralala.
Warum ich da nicht mehr hingehe?
Ich kann nicht mehr. Ich sage nur Payback. Jeden Mittag habe ich mir dort mein Mittagessen geholt und jeden Mittag musste ich eine Frage beantworten:
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
Das habe ich anfangs noch mit einem freundlichen Lächeln quittiert und natürlich verneint, da ich es ablehne, dass ein großer Bruder mein Einkaufsverhalten speichert und analysiert, mich dafür mit Werbung zumüllt und im Gegenzug mit schäbigen Prämien auf Tschibo-Niveau sediert.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
In den darauf folgenden Wochen wich mein Lächeln einem gequälten Grinsen, optisch muss es dem Clown aus Stephen Kings Film „Es“ ähnlich gesehen haben, denn so manche Kassenkraft schaute leicht entsetzt. Trotzdem beantwortete ich brav zwischen krampfartig zusammengebissenen Zähnen die mir gestellte Frage.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
„Nein, danke der Nachfrage, ich habe keine Payback-Karte. Ich möchte auch keine, weil ich nicht will, dass eine Datenkrake weiß, was ich wann einkaufe, um daraus ein Einkaufsprofil zu erstellen, auf das irgendwann wahrscheinlich meine Krankenkasse, das Bezirksamt Pankow, die GEZ und Wolfgang Schäuble Zugriff haben.“
Die Kassenkraft schaute nur betrübt und konnte aber meinen immer noch freundlich gehaltenen Vortrag inhaltlich nicht so ganz mittragen.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
Danach versuchte ich es mit wirrem Kopfschütteln…
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
… bösem Blick …
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
… und absoluter Kommunikationsverweigerung in Form eines grenzdebilen manischen Blickes ins Leere.
„Haben Sie eine Payb…“
„Hören Sie zu, ich hasse diese Frage, mir kommt es gerade vor als habe ich noch nichts in meinem Leben so sehr gehasst wie ihre verdammte tägliche Frage, die ich Ihnen im Übrigen schon mindestens gottverdammte 487 mal beantwortet habe. Ich habe keinen Bock mehr, hören Sie damit auf, ich bin ein nervlicher Gasdruckbehälter und Sie spielen mit einem Feuerzeug an mir herum. Lassen Sie es.“
„Haben Sie eine…“
„Hören Sie BITTE zu. Das ist Ihre letzte Chance. Ich habe keine verdammte Payback-Karte, lassen Sie in Gottes Namen endlich die Fragerei. Morgen komme ich mit einer Beretta und wenn ich auch nur noch ein einziges Mal diese Scheißfrage höre, dann schwöre ich bei James Hetfield, haben Sie diese Frage zum letzten Mal in Ihrem Leben gestellt.“
„Haben Sie…“
(…)
Ja gut, hier in der JVA Tegel ist es eigentlich auch ganz schön. Ich bekomme jeden Tag zu essen, habe eine Glotze in der Zelle und keiner – nicht mal mein Kumpel Olaf, der Wärter – will wissen, ob ich eine Payback-Karte habe. Nur in den Park würde ich gern mal wieder gehen, aber das wird wohl die nächsten 15 Jahre nichts.

Foto by Lou Hernandez (U.S. Air Force) (Originally from [1]) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die ideale Frau

Harald Effenberg ist Schauspieler, er lebt und arbeitet in Berlin. Fernsehzuschauern ist er unter anderem aus der „Comedy-Falle“ oder aus „Hallervordens  Spott-Light“ bekannt. Sein Witz-Programm „Unter aller Sau“ lief mehrere Monate lang in den Berliner Wühlmäusen. Effenberg, der nur unsportliche Verwandte hat, ist Autor des Buchs „Die 100 besten Witze aller Zeiten„.

8, 9, aus… die zehn besten Box-Filme aller Zeiten

BoxhandschuheSeien wir ehrlich: 95 Prozent der Boxkämpfe, mit denen wir derzeit am Samstag abend gequält werden, kann man knicken. Wer will denn zum xten Mal sehen, wie ein Klitschko auf irgendwelches Fallobst eindrischt? Oder wie irgendein namenloser Boxer aus dem Sauerland-Stall mal wieder seinen Hang zum Pazifismus entdeckt, wenn er ein Ringseil sieht? Muss wirklich nicht sein.
Wenn Michael Buffer nervt, bleibt der Griff zur  DVD. Einen gut gemachten Box-Film kann man  immer anschauen. Hier sind meine Top Ten.

ausgezählt und nicht mehr in der Wertung:
Ali

Der Film über den größten Boxer aller Zeiten nicht mehr in den Top Ten? Leider ja. Trotz einer recht inspirierten Vorstellung von Will Smith: dieser Film gibt uns allenfalls eine Ahnung von dem einmaligen, federleichten Fighter, der Ali einmal war. Der Film geht über die volle Distanz (zwoeinhalb geschlagene Stunden) und ist entschieden hüftsteif, ganz im Gegensatz zu dem Mann, der wie ein Schmetterling tanzte und wie eine Biene stach.

10. The Hurricane

Den wollte ich eigentlich nicht in den Top Ten haben, weil ich Denzel Washington für einen gnadenlosen Langeweiler halte, und dieser Streifen ist sowas von gut gemeint und politisch korrekt, es ist zum Kotzen! Dummerweise ergreift er einen aber auch, wenn man länger als eine Viertelstunde zuguckt, und Washington ist diesmal mehr tatsächlich mehr gut als langweilig. Ein Box-Film der eigentlich nicht gut sein sollte, es aber trotzdem ist. Als Kontrastprogramm zu einem überflüssigen Klitschko-Fight kann man sich den jederzeit reinziehen

9. Golden Boy

Ein total idiotischer Plot (Junge, der tolle Geige spielen kann, kann auch toll boxen und muss sich entscheiden), ein kruder Genre-Mix (Coming-of-Age, Gangster, Boxen) und eine einigermaßen ungelenke Inszenierung… was will dieser Film in den Top-Ten? Nu ja, William Holden und Barbara Stanwyck reißen’s raus und haben das eigene Sub-Genre der Golden-Boy-Remakes (Junge, der irgendwas anderes besser kann, muss sein Geld mit Boxen verdienen) kreiert. Eins der Beispiele, wo der kopfschüttelnde Dramaturg widerlegt wird: ein Film, der gegen alle Regeln verstößt, und gerade deswegen Jahrzehnte überdauert.

8. Die Hölle ist in mir – Somebody up there likes me

„No one ever hit me harder than Rocky Graziano“, sagte Sugar Ray Robinson über den Mann, dessen Leben die Vorlage für diesen Film gab, und wir geben das Kompliment an den Mann weiter, der Graziano spielt, Quatsch, der uns Graziano mit süffisantem Grinsen in die Fresse haut: Paul Newman! Nobody hits us harder…
Und natürlich gewinnt dieser Film den Preis für den idiotischsten deutschen Titel. Der Typ, der von „Somebody up there likes me“ auf „Die Hölle ist in mir“ gekommen ist, muss 12 Runden gegen Tyson gegangen sein.

7. The Fighter

Stark beeindruckendes Bio-Pic über Boxlegende „Irish“ Micky Ward und seinen Weg vom „Sprungbrett“ (einem Boxer, den man auf dem Weg zur Titelverteidigung schlagen muss) zum Champion. Kaum zu glauben, dass der Film auf Tatsachen beruht. Kaum zu glauben, wie der Film die Wende vom düsteren Sozial-Drama zum Feelgood-Movie schafft. Kaum zu glauben, wie gut Christian Bale als cracksüchtiger Box-Trainer ist.

6. Million Dollar Baby

Okay, Frauenboxen. Selbstverständlich grenzwertig. Aber Hilary Swank hat einen gemeinen Punch drauf, she’s a contender. Und es ist ein Eastwood-Film. Es ist eine Schande, dass Eastwood nie selber einen Boxer gespielt hat (warum eigentlich nicht?), jetzt ist er zu alt, also ist „Million Dollar Baby“ das beste, was wir von diesem herausragenden Mann bekommen werden: den besten Box-Trainer-Film aller Zeiten. Der Schluss ist herzzerreißend.

5. Rocky

Stallone häuft Klischee auf Klischee und Zitat auf Zitat, aber irgendwie ist es ihm gelungen, mit dem Underdog-Haudrauf Rocky Balboa einen Charakter zu schaffen, der größer ist als er selbst. Echte Box-Fans schließen angesichts der Ring-Szenen, die eher an Wirtshausprügeleien als an tatsächlichen Boxsport erinnern, entnervt die Augen, aber wer Rocky Balboa nicht mag, hat kein Kämpferherz in der Brust. Das 1:1-30-Jahre-später-Remake „Rocky Balboa“ von 2006 ist die Mutter aller „Alter-Sack-kann-es-noch“-Filme.

4. When we were Kings – Einst waren wir Könige

Passt als Doku eigentlich gar nicht in diese Aufzählung, aber da es um einen der faszinierendsten Fights aller Zeiten geht, und niemand Foreman und Ali so gut spielen kann wie Foreman und Ali selber (sorry, Will Smith) geht Rang 4 wohl in Ordnung. Hat so ein gewisses „Wunder von Bern“-Feeling: Obwohl man genau weiß, wie’s ausgeht, fiebert man mit und drückt Ali die Daumen. Rope-a-Dope!

3. Gentleman Jim – Gentleman Jim, der freche Kavalier

Es ist unmöglich, ohne ein breites Grinsen auf dem Gesicht aus einem Errol-Flynn-Film  herauszukommen, und aus diesem schon gar nicht. Die augenzwinkernd-sportive Eleganz, mit der Flynn James J. Corbett (oder besser gesagt, einen Typen, der entfernt etwas mit dem tatsächlichen Jim Corbett zu tun hat) spielt, ist unnachahmlich. Und Ward Bond als John L. Sullivan (der mit seinem historischen Vorbild genauso wenig zu tun hat) gibt einen wunderbaren Antagonisten der Snidley-Whiplash-Klasse ab. Ein Riesenspaß.

2. Raging Bull – Wie ein wilder Stier

Knapp nach Punkten geschlagen: der zweitbeste Box-Film aller Zeiten mit dem besten Boxer-Darsteller aller Zeiten. Wie de Niro Jake la Motta spielt, ist schlichtweg atemberaubend, vor allen Dingen in den Szenen im Ring. Man sieht keinen Schauspieler, der einen Boxer spielt, man sieht einen vom Kampf besessenen Fighter, der alles gibt. Elektrisierend.

1. Champion – Zwischen Frauen und Seilen

Ein steinalter Kirk-Douglas-Film, den keine Sau kennt, soll der beste Box-Film aller Zeiten sein? Doch, unbedingt. Die Art und Weise wie Douglas hier den begnadeten Stinkstiefel Midge Kelly gibt, ist schlichtweg weltmeisterlich, wie der ganze Film: schmissige Musik, kernige Dialoge, kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilder… der Film hat alles, was ein Fighter braucht: Technik, Stil, Punch, Power und Speed – so sieht der Weltmeister aller Klassen aus.

Foto: A. Dengs / pixelio.de