Der erste Hippie

Cover des ersten Tarzan-Romans

Mein Bruder ist wegen Tarzan von der Schule geflogen. Er hat im Biologie-Unterricht heimlich einen Tarzan-Comic gelesen. Dabei wurde er von Dr. Z., dem Biologie-Lehrer ertappt, der das Heft natürlich sofort konfiszierte. Während Dr. Z. dann – mit sich und der Welt sehr zufrieden – weiter über irgendeinen biologischen Quatsch daher schwadronierte, nahm mein Bruder ein neues Heft aus der Schultasche und vertiefte sich wieder in die unglaublich spannenden Abenteuer Lord Greystokes, den man im Dschungel Tarzan nannte. Der Comic muss sehr spannend gewesen sein, denn er war von seiner Lektüre so gefesselt, dass er nicht merkte, wie Dr. Z. sich ihm ein zweites Mal näherte. Und weg war das nächste Tarzan-Heft. Mein Bruder nahm es mit Gelassenheit: er war grundsätzlich auf alles vorbereitet und hatte immer ausreichend Lesestoff dabei. Also holte er das nächste Tarzan-Heft aus seiner Schultasche, vertiefte sich in die Lektüre, und… als Dr. Z. ihm das dritte Tarzan-Heft wegnahm, durfte Thomas ihn auch gleich zum Direktor der Lehranstalt begleiten…
Soviel Aufregung um ein paar Tarzan-Hefte ist heutzutage einigermaßen erstaunlich. Zwar galten damals, in den fünfziger Jahren, Comics („Heftromane“) per se als „Schund“, der die Jugend verdirbt, aber Tarzan war das schlimmste, was man sich vorstellen konnte. So schlimm, dass die damalige Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften die Tarzan-Hefte „Tarzan – Der Riese aus grauer Vorzeit“ und „Tarzan – Der Urwald brennt“ am 9 Juli 1954 als erste Comics überhaupt auf den Index setzte. Es handele sich um Schriften, die auf Jugendliche „nervenaufpeitschend und verrohend wirken“ und die sie „in eine unwirkliche Lügenwelt versetzten“, so das Urteil, „derartige Darstellungen seien das Ergebnis einer entarteten Phantasie“ (lt. sueddeutsche.de).
Naja, gut, „unwirkliche Lügenwelt“ kommt irgendwie hin, aber „entartete Phantasie“ geht gar nicht. Schließlich war Tarzans Erfinder, Edgar Rice Burroughs, Science-Fiction-Autor, was sag ich, er war einer der Gründerväter der modernen Science Fiction, der heute noch in den USA als Klassiker der utopischen Literatur geht. Und die Tarzan-Reihe war seine erfolgreichste Kreation, ein enorm populärer Welterfolg von zuvor nicht gekannten Dimensionen, denn Tarzan verließ bald die Buchdeckel und eroberte sein Publikum in den verschiedensten Medien.
Bereits 1918, sechs Jahre nach dem Erscheinen der ersten Tarzan-Geschichte, kam der erste Tarzan-Film heraus, an die hundert weitere sollten folgen. Im Radio wurden Hörspiele gesendet, am 7. Januar 1929, heute vor 82 Jahren, erschien der erste Tarzan-Comic, gezeichnet von Hal Foster, der später mit Prinz Eisenherz in den Comic-Olymp einziehen sollte, vor ein paar Jahren schaffte es der König des Dschungels sogar auf die Musical-Bühne… kein anderer Pop-Mythos hat die Menschen über Generationen hinweg immer wieder so fasziniert wie Tarzan.
Mit Tarzan hatte Burroughs den Urvater aller Superhelden geschaffen: einen von Affen aufgezogenen Mensch, der gleichzeitig zivilisiert und wild, freundlich und rücksichtslos, vernunft- und instinktgesteuert ist. Zwei Seelen kämpfen in ihm und zwingen ihn – bei allen übermenschlichen Taten, die er vollbringt – zur ständigen Selbstreflexion. Das ist das Material, aus dem man Figuren schafft, die den Leser damals wie heute fesseln, vom Jugendlichen bis zum Erwachsenen.
Was damals die Jugendschützer jedoch auf den Plan rief, das war Tarzans Lebensweise. Der Mann hatte die gesellschaftlichen Schranken hinter sich gelassen, lebte in einem (Baum-) Haus, das er nicht bezahlt hatte, bevorzugte rhythmische, von Trommeln dominierte Musik, trug die Haare lang, pflegte eine „Zurück-zur-Natur“-Lebensweise und ließ sich von niemandem etwas sagen… Richtig, Edgar Rice Burroughs hat mit Tarzan den ersten Hippie geschaffen, und eine solche Figur musste in den sittenstrengen, verklemmten Fünfziger Jahren Misstrauen erregen.
Und doch hatten die Jugendschützer recht. Tarzan hatte mit seiner frechen Ablehnung jeglicher Autorität einen schädlichen Einfluss auf die heranwachsende Jugend, wie man am Beispiel meines Bruders sieht. Dem wurde im Büro des Schuldirektors eine goldene Brücke gebaut, er brauchte sich nur zu entschuldigen, dann würde man es bei einer Androhung des Verweises von der Anstalt belassen. Mein Bruder nickte, entschuldigte sich halbherzig und fragte dann mit der typischen, rebellischen Arroganz des Dschungelkönigs: „Kann ich jetzt meine Tarzan-Hefte wieder haben?“
Fortan besuchte er das Gymnasium im Nachbarort. Und las Tarzan während der Bahnfahrt dorthin.

Die besten Tarzan-Links:
Die „offizielle“ Tarzan-Seite
Die Welten von Edgar Rice Burroughs
Englische Tarzan-Bücher im Project Gutenberg
Der Tarzan-Schrei in der englischen Wikipedia
Tarzan-Comics in der englischen Wikipedia
Homepage von Burne Hogarth, dem vielleicht bekanntesten Tarzan-Comics-Zeichner
Die Tarzan-Filme (englisch)

Schau dir den mal an, Walter

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Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=EqekSuj5HCo

Einen Spieler wie Walter Frosch hat man immer gern in der Mannschaft. Nehmen wir mal an, wir entdecken in den Reihen des Gegners einen technisch überaus starken Sechser mit großem Offensivdrang, den es ständig in die Nähe unseres Strafraums zieht, wo er für Verwirrung und Torgefahr sorgen möchte. Wenn in unserem Team ein Walter Frosch mitspielt, müssen wir nur zu ihm laufen und sagen: „Walter, schau dir doch bitte mal den Sechser an.“ Walter wird nicken, zum Sechser laufen, sich den ganz genau ansehen, dabei dessen Körper kurz aber prägnant auf Stabilität und Schmerzempfindlichkeit untersuchen, und die Sache ist erledigt. Der unangenehme Sechser wird sich in Zukunft auf reine Defensivaufgaben beschränken, die Mittellinie als Grenze seines Lebensraums akzeptieren und mindestens ein halbes Spielfeld Distanz zwischen sich und Walter halten. Oder er lässt sich gleich auswechseln, wie einmal Erwin Kremers nach 18 (!) Minuten. Da hatte Walter Frosch ihn schon dreimal über die Bande gehauen, „damit da Feierabend war“, wie Frosch sich ausdrückte.
Da nimmt es nicht Wunder, dass Walter Frosch sogar eine eigene Fußballregel hat, die – natürlich – eine Strafe beinhaltet. Die Spielsperre nach der vierten (ursprünglich der fünften) gelben Karte verdanken wir nämlich ihm. Nachdem er in der Zwoten Liga 76/77 27 Gelbe in 37 Einsätzen gefangen hatte, führte die DFB-Gerichtsbarkeit „seine“ Sperre ein, und fortan durfte Frosch sich alle paar Spiele mal ein wenig ausruhen.
Das tat er bevorzugt in der ein oder anderen Lokalität, denn „Mein schwerster Gegner war immer die Kneipe“, wie Frosch einmal ungewohnt selbstkritisch anmerkte. Wenn er beim Griechen war, durfte es dann schon mal der ein oder andere Ouzo mehr sein, und dann wurde in den frühen Morgenstunden ein 400-Meter-Rennen um 10 Liter Bier gegen ein Paar Kumpels organisiert, Frosch gab den Kumpels 100 Meter Vorsprung, gewann trotzdem und kümmerte sich um den Gewinn. Gegen 13 Uhr tauchte er dann leicht derangiert im Stadion auf und wurde von Trainer Ribbeck auf seine stark geröteten Augen angesprochen. „Bindehautentzündung“, raunzte Frosch, schnürte die Schuhe und machte den nächsten Stürmer platt.
Gegenüber Autoritäten hat Walter Frosch nie die Klappe gehalten. Kurzzeitig war er mal bei Bayern München unter Vertrag, da soll er den Jupp Kapellmann mal mit einer Ohrfeige eingenordet und sich mit Udo Lattek folgenden denkwürdigen Dialog geliefert haben:
Lattek: „Warum flankst du nicht mit links?“
Frosch: „Weil die anderen das auch nicht machen.“
Lattek: „Wenn du keine Lust hast, dann geh duschen.“
Frosch: „Mach ich.“
Frosch landete nach einem durchaus dubiosen Vertragszwist und 4 Monaten Sperre wieder in Kaiserslautern, wo er Jupp Derwall auffiel, der ihn in die B-Nationalmannschaft berief. Mit einem souveränen „Ein Walter Frosch spielt entweder in der A-Mannschaft oder in der Weltauswahl!“ beendete Frosch seine Länderspielkarriere, bevor sie begonnen hatte.
Nach zwei Jahren Lautern verabschiedete sich Frosch Richtung St. Pauli. Böse Zungen behaupten, dass sein Vereinswechsel ursächlich mit einer Lauterer Animierbar zu tun gehabt habe. Frosch soll mit der Chefin der Bar ein schwunghaftes Verhältnis gehabt haben, und so kam es, wie es kommen musste: Immer wenn Frosch seine Freundin auf der Arbeit besuchte, soll er dort honorige Herrschaften aus dem Vorstand angetroffen haben, denen das schließlich so peinlich war, dass sie Frosch nahelegten, den Verein zu wechseln. Aber das sind selbstverständlich nur böswillige Gerüchte, genauso wie z. B. die Geschichte mit Töpperwien und dem Hundehalsband, daran ist bestimmt kein Wort wahr.
Egal, wie der Transfer zustande kam, in St. Pauli fand Frosch seine Heimat, sowohl im Stadion wie ums Stadion herum, hier wurde er endgültig zum Kult- und Kiezkicker, hier wechselte er nach der Fußballkarriere von vor dem Tresen nach hinter dem Tresen und wurde Kneipier.
Doch seit einigen Jahren kämpft Frosch gegen einen noch härteren Gegner als die Kneipe: die sechzig Zigaretten, die er schon in seiner aktiven Zeit täglich rauchte, forderten ihren Tribut, er musste sich mehreren schweren Krebsoperationen unterziehen. 2008 schien das Spiel für ihn gelaufen zu sein: Sepsis, Organversagen, über hundert Tage Koma. Doch Frosch kam zurück, musste mühsam wieder gehen und sprechen lernen, aber er ist zurückgekommen.
Walter Frosch hat sich den Tod ganz genau angesehen. Der bleibt seitdem in der eigenen Hälfte. Walter Frosch wird am Sonntag 60.

Die Stille nach John

Lennon Statue

Lennon-Statue vor dem Cavern Club in Liverpool

Am 8. Dezember 1980 saß ich nachmittags in meiner ersten Berliner Wohnung in der Skalitzer Straße 32 am Schreibtisch. Schöne Wohnung. Hellblau gestrichene Wände, Ikea-Regale, Rattanbett. Bastmatten auf den Dielen. Und alle paar Minuten donnerte die Linie 1 durch meine beiden Zimmer, denn die Wohnung lag Vorderhaus erster Stock.
Das Telefon klingelte, mein Bruder Thomas war dran. “Ich hab’s gerade im Radio gehört, jemand hat John Lennon erschossen.”
Das konnte nicht sein. Thomas musste sich verhört haben. Irgendjemand anders ist erschossen worden, aber doch niemand von den Beatles. Nicht John. Auf keinen Fall John. Ruhig bleiben. Ganz ruhig nachdenken. Welcher Musiker hat einen Namen, der so klingt wie John Lennon? War da nicht dieser Typ von Fleetwood Mac, der so ähnlich hieß?
Es gab damals weder Internet noch Nachrichtensender. Ich musste bis zur vollen Stunde warten, bis mir die SFB-Nachrichten die letzte Hoffnung raubten. Ich würde tatsächlich für den Rest meines Lebens ohne John Lennon auskommen müssen.
Ich hatte meine Hand schon am Plattenregal, wollte irgendeine Beatles-Platte auflegen, oder “Imagine” oder meinetwegen sogar die unsägliche “Live Peace in Toronto”, aber ich ließ es dann sein. Es würde in Zukunft sehr still sein ohne John Lennon und seine Songs. Besser, ich fing an, mich daran zu gewöhnen.
Ich hatte lange mit Lennon und seinen Songs gelebt. Für meine erste Beatlesplatte hatte ich mehr als ein halbes Jahr lang gespart. 22 DM waren damals sehr viel Geld für einen Achtjährigen, der schließlich Anfang 1965 „A Hard Days Night“ nach Hause trug, den „Zehn-Platten-Wechsler“ in der Musiktruhe anwarf und durch den ersten, rotzfrechen, gigantischen Gitarrenakkord (Georges zwölfsaitige Rickenbacker) in ein neues Universum geschleudert wurde.
Ein Universum, dass von John Lennon geschaffen worden war, wie ich später erfuhr, denn zehn von den dreizehn Songs auf „A Hard Days Night“ hatte er geschrieben. Nach wenigen Tagen kannte ich die Platte auswenig, nach wenigen Monaten kannte ich alle Beatles-Songs auswendig und fieberte dem Erscheinen jeder neuen Platte entgegen.

Eingang Dakota Building

Wo die Musik aufhörte

Und immer waren es die Lennon-Stücke, die für mich die Meilensteine waren. Help. Nowhere Man. In my Life. She Said She Said. Lucy in the Sky with Diamonds. Und – natürlich – A Day in the Life, der größte Song aller Zeiten.
Man erkannte Lennon-Songs immer daran, dass es die waren, in denen die Beatles ihre Grenzen erweiterten. Die anderen drei, das waren gute Freunde, die man sofort wieder erkannte, Ringo, der Clown, George, der Introvertierte, Paul, der Hit-Süchtige… Wenn man sich bei einem neuen Beatles-Titel fragte: „Wer hat den jetzt geschrieben“, war es hundertprozentig ein Lennon-Song, etwas wie Strawberry Fields. Dear Prudence. Julia. Come Together. Across The Universe. Und später, nach den Beatles, Imagine. Am 8.  Dezember 1980 hörten die Songs auf.
Viele Jahre später, am 4. Februar 2008 beamte die NASA „Across the Universe“ ins Weltall. Der Song ist mit einer Geschwindigkeit von 186.000 Meilen pro Sekunde zu einem Stern namens Polaris unterwegs, 431 Lichtjahre von der Erde entfernt. Lennons Musik jagt durch die Lautlosigkeit des Weltalls, eine ähnlich schreckliche Lautlosigkeit wie die, die wir auch seit 30 Jahren ertragen müssen. Seit die Schüsse vor dem Dakota Building fielen.

Foto Statue by George Groutas from Idalion, Cyprus (John Lennon Statue, Liverpool) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons
Foto Dakota Building by David Shankbone (David Shankbone) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC-BY-SA-2.5 / CC-BY-SA-2.0 / CC-BY-SA-1.0], via Wikimedia Commons

King Camp Gillette – vom Klinkenputzer zum Klingentycoon

King Camp Gillette - Der Mann auf der Klingenpackung

Der 3. Dezember 1901 war ein großer Tag. Für alle Männer dieser Welt und für einen einzelnen. Für alle Männer, die sich nach einer unkomplizierten Möglichkeit sehnten, ihre Barthaare loszuwerden, und für King Camp Gillette, den Mann, der an diesem Tag den ersten Rasierapparat mit einer modernen Rasierklinge zum Patent anmeldete. Gillette machte an diesem Tag den ersten Schritt auf dem Weg zu einem schwerreichen Mann, und die Männer dieser Welt profitieren seitdem von seinem Erfindungsgeist bzw. sie bezahlen teuer dafür, wenn sie die Klingen der Firma kaufen, die heute noch seinen Namen trägt.
Gillettes Eltern schienen geahnt zu haben, dass ihrem Sohn Großes bestimmt war, sonst hätten sie ihm wohl kaum den Vornamen „King“ gegeben. King wuchs in Chicago auf und war sich schon in jungen Jahren sicher, einmal als berühmter Erfinder in die Geschichte einzugehen. Doch seine Familie verarmte 1871 durch die Brandkatastrophe von Chicago, so dass er sich zwanzig Jahre lang als Handelsvertreter durchschlagen musste.
Während dieser Zeit versuchte er sich mit brutalstmöglicher Erfolglosigkeit an zahlreichen Erfindungen, dem Vernehmen nach soll der gute Mann sogar das Alphabet nach Dingen durchdekliniert haben, die er erfinden könnte („A wie Auspuffkrümmer, B wie Bunsenbrenner, nee, gibt’s ja schon, C wie Chlorfilter…“).

Patentzeichnung

Zeichnung aus einem der Patente Gillettes

Und 1895 fiel ihm dann, als er sich mit einem stumpfen Rasiermesser quälte, der Rasierapparat mit auswechselbarer Klinge ein. Ganz einfach so, zack! war das Ding in King’s Kopp, so funktioniert erfinderisches Genie! Sechs Jahre später hatte Gillette einen Techniker gefunden, der seine Idee in die Tat umsetzte, das Patent wurde angemeldet und der Rest ist – fünf Euro ins Phrasenschwein – Geschichte.
So hat es King Camp Gillette erzählt, so ähnlich steht es in der Wikipedia, und so war es mit Sicherheit nicht. Wenn man sich die zu seinem Patentantrag gehörenden Zeichnungen anschaut, so ist dieser Rasierapparat verblüffend perfekt. Die Unterschiede zum endgültigen Produkt, dass einen Massenmarkt erschloss, sind – wenn überhaupt vorhanden – bestenfalls marginal. Da liegt der Verdacht nahe, dass Gillette und sein Techniker auf bestehende Designs zurückgegriffen und diese verbessert haben, was den Tatsachen entsprechen dürfte. Rasierapparate mit Wechselklingen gab es seit Mitte des 19. Jahrhunderts, hier gab es für Gillette nichts mehr zu erfinden, seine bahnbrechende Innovation lag im Bereich der Klinge. Die bisherigen Rasierapparatklingen waren geschmiedete Teile, die – wie die Rasiermesser – geschärft wurden. Gillette machte aus der Rasierklinge einen Wegwerfartikel, rein, rasieren, raus, wham, bang, thank you, King!
Zunächst vermarktete er seine Rasierapparate als Luxusprodukte, die ersten Serien gingen für 5 $ pro Stück über den Tresen, was damals ein ganz hübsches Sümmchen war. 5 $ entsprachen dem halben Wochenlohn eines Arbeiter, nach heutiger Kaufkraft in etwa 160 $, auch ein King hatte damals nichts zu verschenken.
Dementsprechend schleppend lief das Geschäft 1903 an. Im ersten Jahr nach Markteinführung verkaufte Gillette gerade mal 51 Rasierer und 168 Klingen. Im zweiten Jahr wurden zwar schon 90.000 Rasierer und eine satte Million Klingen abgesetzt, aber das war – angesichts der Anzahl männlicher US-Bürger – nur eine kleine Delle im riesigen Markt von Vollbart und Rasiermesser.
Der ganz große Durchbruch kam für Gillette mit dem ersten Weltkrieg. An der Front waren Giftgas-Angriffe an der Tagesordnung, und die überlebensnotwendige Gasmaske saß am dichtesten auf einem glattrasierten Gesicht. Die Streitkräfte mussten dafür sorgen, dass ihre Soldaten sich im Schützengraben unkompliziert, rasch und gründlich rasieren konnten, und da kamen Gillettes Apparate wie gerufen. Die amerikanische Regierung stattete jeden Soldaten mit einem Rasierapparat und Klingen aus, Gillette war ein gemachter Mann.

Klingenpackungen

Die Klingen, die die Welt veränderten

Und es kam noch besser für den einstigen Klinkenputzer: Nach Kriegsende hatten die Soldaten die einfache, unkomplizierte Rasur mit seinen Klingen schätzen gelernt, nahmen die Rasierapparate mit, die die Regierung ihnen geschenkt hatte, und kauften fortan Gillettes Wegwerfklingen.
Die Zeiten, in denen sich Männer Bärte stehen ließen, um der unangenehmen Rasur mit stumpfen Rasiermessern zu entgehen (das „volle Programm“ und die vorbildlich auf „Haartest-Schärfe“ gebrachten Messer waren damals wie heute die Ausnahme, nicht die Regel) waren nun endgültig vorbei.

Zeichnung Metropolis

So sollte Gillettes Metropolis aussehen

Wie jeder große Visionär mochte Gillette sich nicht auf eine Vision beschränken. Außer seinem Rasierapparat patentierte er auch noch einen Flaschenverschluss, der sich jedoch ebensowenig durchsetzen konnte wie der utopische Sozialismus, den Gillette in mehreren Büchern, die er u.a. zusammen mit Upton Sinclair schrieb, propagierte. Gillette träumte von einer riesigen Stadt namens Metropolis (Supermans Wohnort hat er also auch erfunden), in der alle (!) Amerikaner leben sollten und deren Energie von den Niagara-Fällen geliefert werden sollte. Die weltweite Industrieproduktion wollte er von einer einzigen Firma erledigen lassen, und er hat tatsächlich versucht, diese Firma zu gründen. Theodore Roosevelt sollte den Laden leiten, doch der lehnte ab, obwohl Gillette ihm ein damals unerhörtes Jahresgehalt von 1 Million Dollar geboten hatte. Roosevelt war Realpolitiker und hielt es wohl vorausschauenderweise mit Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“
Und eine Erfindung, die fast immer mit Gillettes Namen verbunden wird, stammt gar nicht von ihm: das sogenannte Freebie Marketing („Verschenk die Apparate, mach das Geschäft mit den Klingen, die die Leute wieder und wieder nachkaufen müssen.“). Das hat seine Konkurrenz erfunden, um gegen die marktbeherrschende Position von Gillette anstinken zu können. Erst als die Patente ausliefen, die Gillette vor 109 Jahren eingereicht hat, bediente sich die Firma mit seinem Namen dieser Methode.
Gillette selbst hat das nicht mehr erlebt. Als er 1932 starb, war er praktisch bankrott, die Depression hatte sein Vermögen fast vollständig dezimiert.
Vom Klinkenputzer zum Klingenerfinder, vom verkrachten Handelsvertreter zum Industrie-Tycoon und Sozialromantiker, vom schwerreichen Mäzen zum Bankrotteur… wenige Männer haben Höhen und Tiefen des Lebens so ausgekostet wie King Camp Gillette, der Mann, der die Rasierklinge erfand und damit das Leben aller Männer dieser Welt verändert hat.

Fotos der Klingen: Nassrasur.com
Foto Metropolis: K.C. Gillette, Human Drift. 1894
Patentzeichnung: Patentdatenbank Google