Wo Mann gewesen sein muss: Westfalenstadion, Dortmund

Das Westfalenstadion (Signal-Iduna-Park)

Fußball kannst du nur im Stadion fühlen. Fußball im Fernsehen ist ganz okay, wenn deine Mannschaft spielt, wenn’s live übertragen wird, wenn’s um was geht, wenn du mit ein paar Freunden guckst… ist okay.
Beim Public Viewing ist die Stimmung besser, es gibt Bier vom Fass, da kannst du schon mal das Anstehen wie im Stadion üben, aber seien wir doch mal ehrlich: Sprechchor, um ’ne Videowand anzufeuern, ist doch irgendwie suboptimal, oder?
Nur im Stadion erlebst du das Spiel unmittelbar, und du passt besser genau auf, denn wenn du dich gerade umdrehst, um deinem Hintermann irgendwas zu erzählen, und es passiert was wichtiges auf dem Rasen, dann hast du’s verpasst. Hier gibt’s keine geschmeidig eingespielten Zeitlupen, die dich auf den Stand bringen, deshalb wird vorher gepinkelt, und/oder in der Halbzeit, logisch. Im Stadion ist über die volle Länge Nettospielzeit, und das ist gut so.
Überhaupt kannst du nur im Stadion das Spiel richtig sehen. Wenn du einer dieser Fans bist, die brüllen und die Arme hoch reissen, wenn ein Tor fällt, und ansonsten rumhockst, aufs nächste Tor wartest und „Scheißspiel“ murmelst, ist das für dich nicht wichtig, aber im Stadion siehst du das ganze Spiel. Auch das ohne Ball. Die Philosophie mit der ein Team spielt, das Konzept. Wer die Räume zumacht, wer in die Manndeckung genommen wird, wer den freien Raum sucht und wer ihn findet, wie Spielzüge vorbereitet werden, wie die Momente entstehen, wegen denen man ins Stadion kommt. Okay, das kann man auch am Fernseher sehen, aber im Stadion sieht man’s besser. Ganz ohne Super-Slomo.
Und was du nur im Stadion erlebst: wie es eins wird. Wie aus tausenden Individuen, nüchternen, besoffenen, klugen, doofen, gelangweilten, enthusiastischen, gehemmten, extrovertierten, wasweißdennich, jedenfalls total unterschiedlichen Menschen, plötzlich eine Einheit wird, die Fußball lebt, fiebert, atmet, die gemeinsam spürt, dass gleich etwas geschehen muss, die herbeizuschreien versucht, was sie erleben will, die wegschreit, was nicht sein darf…
Alles in allem: Kerle, die den Fußball von ganzem Herzen lieben, gehören ins Stadion. Nirgendwohin sonst.
Nur: In welches? Wir haben ja ein paar hierzulande.
Die Frage ist einfach zu beantworten: jedes Stadion, in dem der Verein spielt, für den dein Herz schlägt, ist das richtige Stadion. So einfach ist die Welt.
Und doch gibt’s das ein oder andere Stadion, wo man mal gewesen sein möchte, weil…
Weil hier Geschichte geschrieben wurde. Spiele gespielt wurden, über die man nach Jahren oder gar Jahrzehnten noch spricht. Weil es Orte sind, in denen Triumph und Tragik aufeinander trafen und Fußballmythen entstanden.

Flutlicht. Ein Muss.

Ein solches Stadion in Deutschland ist das Westfalenstadion (heißt derzeit wg. Liquiditätsbeschaffung Dingsbums-Park oder so). Das Ding mit der Südtribüne, der „gelben Wand“ gegen die keine Mannschaft dieser Erde gerne anspielt. Man kann gegen die Dortmunder sagen, was man will, aber: Von Fußballstimmung verstehen sie was. Das können sie.
Endgültig zum Mythos wurde das Westfalenstadion 2006. Es begann in der Vorrunde, bei Deutschland-Polen, natürlich in der 91. Minute, als Odonkor die Linie entlang ging und ging und ging und den Ball dann in die Mitte hämmerte, die Flanke seines Lebens schlug, präzise, wie er’s gar nicht konnte, auf Neuville’s Fuß, der den Ball ins Netz donnerte, was für ein Tor, was für ein Augenblick, die Geburtsstunde eines Traums, da dachte jeder, mein Gott, sie können’s schaffen, sie können über sich hinauswachsen, da ist was drin, wir sehen uns im Halbfinale.

Born on the 4th of July: Mythos Dortmund

Und die Geschichte vollendete sich im Halbfinale, wieder in Dortmund, ausgerechnet gegen Italien, wie „Ausgerechnet Schnellinger!“ 26 Jahre vorher in Mexico, und wieder ging es in die Verlängerung, aber diesmal konnte nichts passieren: Mythos Dortmund! Noch nie hatte eine deutsche Nationalmannschaft hier verloren, im Westfalenstadion sind wir unschlagbar, Mythos Dortmund!

119. Minute: Grosso.

Wir sind unschlagbar. Mindestens noch eine Minute, das ist zu schaffen, wir brauchen doch nur ein Tor, der Ausgleich langt fürs Elfmeterschießen, das packen wir, jetzt wird Geschichte geschrieben, Mythos Dortmund!

120. Minute: Del Piero.

Es sind die herzzerreißenden Niederlagen, in denen Fans und Mannschaft wirklich zusammenwachsen. Erst jetzt, mit dem Ende der Unschlagbarkeit, wurde der Mythos Dortmund wirklich geboren.
Was für ein Ort. Wem hier keine Träne ins Auge steigt, der hat nicht gelebt.

Dies ist der zweite Teil einer Serie über Orte in Deutschland, die ein Mann mindestens einmal im Leben besucht haben sollte. Wenn wir genügend Orte vorgestellt haben, planen wir eine Abstimmung über die Top-Ten der deutschen Männer-Locations. Für Vorschläge, welche Orte wir vorstellen sollen, sind wir jederzeit dankbar, ob in den Kommentaren oder per Mail.
Bisher erschienen: Bobbahn Altenberg

Fotos:

Panorama by DerHans04 (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons
Nachts by Chin tin tin (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons
4. Juli  by Urby2004 (Own work (taken by me)) [GFDL , CC-BY-SA-3.0or CC-BY-SA-2.5 / CC-BY-SA-2.0 / CC-BY-SA-1.0], via Wikimedia Commons

Das italienische Rätsel

Zwei Gläser ein Gedanke

Zwei Gläser, ein Gedanke

Eine Frage, die immer wieder gestellt wird: warum trinken die Italiener in der Trattoria Wasser aus großen und Wein aus kleinen Gläsern?
Die Antwort ist verblüffend einfach: Sie können nicht aus ihrer Haut heraus, weder beim Wein noch beim Fußball. Wichtig ist die Defensive (Wasser), von der Offensive (lecker Wein) brauchen sie nicht so viel.
Darauf bin ich gekommen, als ich kürzlich mit einem italienischen Kollegen die größten Fußballspiele aller Zeiten durchdeklinierte. Und bei diesem Thema komm ich unweigerlich auf das „Wunder von der Grotenburg“ zu sprechen, ein unglaubliches, mitreißendes Europacup-Rückspiel von Bayer Uerdingen (ja, Bayer Uerdingen!) gegen Dynamo Dresden im Jahr 1986, wenn ich mich recht entsinne. Das Hinspiel in Dresden hatten die Uerdinger Nullzwo versemmelt, und so versammelten meine Fußballkumpels Patrick, Andi und ich uns erwartungsfroh vor dem Fernseher. Ein Nullzwo aufzuholen war jederzeit machbar, und deshalb versprachen wir uns ein aufregendes, offensiv geführtes Spiel, zumal Uerdingen seinerzeit von dem gern offensiv agierenden Kalli Feldkamp trainiert wurde und mit dem – meiner Ansicht nach vollkommen zu unrecht in Vergessenheit geratenen – Matthias Herget einen begnadet offensivstarken Libero aufbieten konnte. Also, vor dem Fernseher gemütlich gemacht, Pilsbier geknackt, und die Party konnte losgehen.
Zur Halbzeit diskutierten wir, in welcher Kneipe wir den Abend fortsetzen sollten. Das Spiel war durch, die Dresdner führten 3:1, Uerdingen war ausgeschieden, da konnte man sich doch am Tresen ein frisch Gezapftes gönnen, und von vergangenen Europacup-Schlachten schwadronieren. Gottseidank griff jedoch eine übergeordnete Macht (Assauers ungerechter Fußballgott?) ein und ließ uns “Nur noch 5 Minuten, vielleicht passiert ja doch noch was …” vor dem Fernseher ausharren.
Ca. 45 Minuten später war mein Couchtisch Kleinholz (Ich hatte beidfäustig auf ihn eingehämmert, während ich ca. 10mal hintereinander “Das gibt’s doch nicht!” gebrüllt hatte.), Patrick, Andi und ich lagen uns in den Armen und versicherten uns ein ums andere mal, dass wir “so etwas ja überhaupt noch nicht” gesehen hätten. Die Uerdinger hatten in einem atemberaubend rauschhaften Sturmlauf in den zweiten 45 Minuten 6 Tore geschossen und die Dresdner mit 7:3 aus dem Europacup geworfen. Noch heute fehlen mir die Worte, um dieses unglaubliche Offensiv-Spektakel zu beschreiben, bei dem auf einmal alles, aber auch alles passte, was immer die Uerdinger auch anstellten. Und vor allen Dingen herrschte eine unglaubliche Stimmung. In der Grotenburg-Kampfbahn, in der Sprecher-Kabine des ausrastenden Kommentators und in meinem Wohnzimmer.
Ca. eine Viertelstunde nach Spielende klingelte es bei mir an der Tür. “Das ist Marjam!” rief Patrick, “Das erledige ich!” Marjam war seine damalige Freundin, die sich nicht für Fußball interessierte und deshalb die Spielzeit im Kino verbracht hatte. Patrick eilte zur Tür, riss dieselbe auf und rief: “Und das war jetzt das, was ich dir seit Jahren nahe zu bringen versuche: Erlebnis Fußball! Erlebnis Fußball, verstehst du? Aber du warst ja wieder mal nicht da!” Sprach’s, knallte der vollkommen verdatterten Marjam die Tür vor der Nase zu und kam zurück zu uns ins Wohnzimmer. “Der lange Paß von Herget auf Funkel, unglaublich!”, meinte er. “Sowas hab ich ja überhaupt noch nicht gesehen.”
Ja. So ein Spiel war das.
Und von diesem Spiel hatte ich meinem italienischen Kollegen erzählt, der sich diese Schilderung in aller Seelenruhe anhörte, gleichmütig nickte und „1:0 wär besser gewesen.“ sagte.
Wie gesagt, sie können nicht aus ihrer Haut raus, unsere italienischen Freunde. Weder beim Wein noch beim Fußball.

Wo Mann gewesen sein muss: Bobbahn Altenberg

Die Bahn in Altenberg

Der Bobsport ist nicht jedermanns Sache. Solange man nicht dabei gewesen ist. Jahrzehntelang kannte ich Bobfahren nur aus dem Fernsehen, und da erschloss sich mir die Faszination dieser Sportart überhaupt nicht. Die immergleichen Kameraperspektiven, die vorbeisausende, bunte Metallgurken einfangen, die mitlaufende Uhr, und am Schluss gewann irgendwer mit drei hundertstel Vorsprung nach vier Läufen, ja, ganz nett, kann man mal bei Olympia ein Auge drauf werfen, ansonsten wird umgeschaltet.
Wenn man selber an einer Bobbahn steht, ist das ganz anders. Zunächst einmal akustisch, denn die Dinger machen einen ganz schönen Krach, wenn sie vorbeifahren, das ist nicht dieses sonor-gemütliche Rumpeln, das einem aus dem Fernsehlautsprecher entgegenkommt, das ist das Donnern einer mühsam unter Kontrolle gehaltenen Urgewalt, die da an einem vorbeirauscht. Und wenn man neben einer Kurve steht, kann man tatsächlich die unterschiedlichen Linien, die die Fahrer wählen, viel besser erkennen als am TV-Gerät. Das Ereignis an sich und die TV-Übertragung sind – wie praktisch immer – zwei paar Schuh, und beim Bobsport siegt das Ereignis an sich turmhoch über die TV-Übertragung, obwohl man an der Bob-Bahn selbst stehend immer nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens mitbekommt.
Die Bobbahn in Altenberg ist eine einzigartige Strecke. Vor 25 Jahren wurde sie – unter Schirmherrschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (!) – als technisch äußerst anspruchsvolle konzipiert und in drei Jahren gebaut. Und dann musste ein Teil der Bahn abgerissen und wieder neu aufgebaut werden, weil – dank exzessiver Geheimniskrämerei, wundert das jemanden angesichts der Stasi-Schirmherrschaft? – die Bahn nicht ganz fahrbar war. 1987 wurde die Bahn schließlich eröffnet und war seitdem Schauplatz zahlreicher Bob-, Rodel- und Skeleton-Rennen. Seitdem heißt es, dass derjenige, der in Altenberg gute Zeiten fährt, zur Weltspitze im Bob- und Rodelsport gehört. Und das kann man persönlich nachvollziehen..
Denn die Bahn hält eine ganz besondere Attraktion für den Wintersport-Amateur bereit: die Gäste-Bobfahrt, bei der man sich von einem erfahrenen Bob-Piloten nebst Bremser in eine Vierer-Bob die Strecke hinunter fahren lassen kann.
Diese Attraktion war Grund für meinen ersten Altenberg-Besuch vor ein paar Jahren: so eine Bob-Fahrt wollte ich wirklich mal ausprobieren, und so stand ich dann vormittags gegen 11 mit bereits leicht erhöhtem Adrenalin am Gästebob-Start. Man fährt nicht von ganz oben los, wie die Profis, das erste Drittel der Strecke bleibt für die Gäste tabu, sodass man im Ziel auch nur eine Geschwindigkeit von ca. 100 km/h erreicht, wohingegen die Profis mit 140 und mehr Sachen durch die Zeitmessung kacheln.
Hab ich natürlich erstmal die Nase gerümpft, nur lahme hundert Stutz, das war ja eigentlich unter der Würde eines Speedfreaks, aber was soll’s, Hauptsache, einmal im Bob gesessen.
Wobei das „im Bob Sitzen“ die erste Herausforderung ist. So ein Schlitten ist wirklich sehr eng und äußerst spartanisch ausgestattet, so dass es durchaus ein Weilchen dauert, bis sich zwei Amateure ins Sandwich zwischen zwei Profis hineingezwängt haben.
Als ich halbwegs korrekt saß, war ich bereits geschwitzt und sah den Start eines Vierer-Bobs mit ganz anderen Augen. Was im TV so einfach aussieht (Bisschen anschieben und fluppfluppfluppflupp rin in den Schlitten), setzt doch ein gerüttelt Maß an Fitness, Gelenkigkeit und Teamwork voraus.
Nuja, das sind die Profis, dachte ich, und fragte mich, wann es denn endlich losginge. Dann wurde zum letzten Mal überprüft, ob mein Helm auch richtig fest saß (Angsthasen! Für lumpige hundert Kaemmha so einen riesigen Integralhelm, sieht man ja gar nix von der Landschaft…) und es gab die letzten Anweisungen: Immer an den zwei Griffen am Boden des Schlittens festhalten und Spannung in den Körper, klar? Ja, ja, schon gut, wir tragen im Bob also gleichzeitig Hosenträger und Gürtel, wir wollen uns wichtig machen, ich hab verstanden.
Dann wurden wir in die Bahn geschoben, und der Bob rumpelte los. Wusste ich’s doch. Gemütliche Kaffeefahrt, rutsch, rumpel, rutsch, lahme Sache, Geld zum Fenster rausge…

Der Kreisel in der Mitte

Dann kam die erste Kurve, und mit dieser Kurve eine absolut infernalische Beschleunigung. Auahauahauaha, und welcher Idiot brüllt denn hier so laut, dass ich’s sogar durch den dicken Helm höre? Himmel, der Schreihals bin ja ich! Die nächsten Kurven überzeugten mich, dass ich eine vollkommen unterentwickelte Nackenmuskulatur hatte, denn den Fliehkräften, die an mir zerrten, war ich hilflos ausgeliefert. Der Integralhelm mit meinem Kopf drin knallte mal links an den Schlittenrand, mal rechts, und dann waren wir auch schon im Kreisel, der Riesen-360-Gradkurve auf etwa halber Strecke… Scheisse. Scheisse! SCHEISSE!
Aus dem Kreisel heraus hatten wir noch lange nicht auf hundert beschleunigt, aber ich hatte trotzdem komplett die Orientierung verloren, sah wenige Zentimeter neben mir massive Eiswände vorbeizischen, da bekommt man ein ganz anderes Gefühl für die Geschwindigkeit, da würde man sich die Frage stellen, ob es denn wirklich hundert Stundenkilometer sein müssen, man kommt aber nicht dazu, weil man gerade erstickt, achso, Atmen wäre mal wieder angesagt, und dabei haut es einen nach links, nach rechts, nach links, um Himmelswillen, angeblich ist man ja nur eine knappe Minute unterwegs, die dauert verdammt lang, diese Minute, Mammamiameineherren, so, da ist die endlos lange Schlusskurve, gleich ist’s vorbei, endlich entspannen. Zu früh! Am Schluss der Kurve haut die Schwerkraft nochmal brutal in den Bob rein, ich hatte die Wirbelsäule schon entspannt und bekam einen riesigen Schlag ins Genick, dass ich kaum noch Luft bekam, und dann hielt der Bob endlich an. Holla, die Waldfee, es ist vorbei.
Irgendwie kam ich aus dem Schlitten raus, mein Rücken tat weh, als wäre eine Elefantenherde drübergetrampelt, ich hatte Probleme beim Atmen und schwindlig war mir auch, die Welt drehte sich im Kreis, aber das war doch scheißegal, was für ein Höllenritt! Genialer Wahnsinn!
Und hundert Stundenkilometer ist wirklich scheißschnell.

2012 ist in Altenberg Bob-WM. Sehen wir uns da?

Fotos by UrLunkwill (Eigenes Werk) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC-BY-2.5], via Wikimedia Commons

Dies ist der erste Teil einer Serie über Orte in Deutschland, die ein Mann mindestens einmal im Leben besucht haben sollte. Wenn wir genügend Orte vorgestellt haben, planen wir eine Abstimmung über die Top-Ten der deutschen Männer-Locations. Für Vorschläge, welche Orte wir vorstellen sollen, sind wir jederzeit dankbar, ob in den Kommentaren oder per Mail.

In der Wüste

FIFA-Dämmerung in Katar

„In der Wüste gibt es keine Fußball-Tradition, keine Fans, wahrscheinlich nicht mal einen Ball. Es gibt nur Sand und Geld, beides reichlich, und man darf wohl davon ausgehen, dass der Sand die Fifa-Exekutive nicht besonders interessiert hat.“
Sven Goldmann im Tagesspiegel

Damit ist eigentlich alles gesagt, was zur Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Katar zu sagen ist. Dass Blatter und seine Leute sich einen Dreck um Traditionen scheren, dass sie den größtmöglichen Profit über das stellen, was sentimentale Fans wie unsereins die Seele des Spiels nennen, ist nichts neues. Geschenkt. Aber eine Scheiß-Wut hab ich trotzdem.
Andererseits nötigt einem die Chuzpe, mit der „Slippery Sepp“ eins der bedeutendsten Sportereignis dieser Welt an einen Zwergstaat ohne Fußballstadien vergibt, der etwas kleiner als Schleswig-Holstein ist, in dem ein Alkoholverbot herrscht und der Homosexualität unter Strafe stellt – um nur einige der Highlights des zukünftigen Fußball-Mekka (sic!) zu nennen – nötigt mir beinahe schon wieder Bewunderung ab.
Und eine gewisse Erleichterung verspüre ich darüber, dass 2018 und 2022 vermutlich, hoffentlich die letzten beiden Weltmeisterschaften waren, die nach dem System Blatter vergeben wurden. „Es kann nur besser werden“, hätte ich beinahe geschrieben, aber meistens wird es schlechter, wenn man diesen Satz sagt, schreibt oder denkt. Wenn schon nicht besser, dann muss es wenigstens anders werden.
Das Spiel gehört nicht irgendwelchen alten Säcken aus Exekutiv-Komitees, die von einer VIP-Loge in die andere taumeln. Das Spiel gehört auch nicht den Spielern, nicht dem millionenschweren Profi, nicht dem Amateur, der sich sonntags früh auf irgendeinem Aschenplatz die Lunge aus dem Leib rennt. Das Spiel gehört auch nicht den Zuschauern, nicht den Dauerkarteninhaber in den Bundesligastadien, nicht den Rentnern neben den Trainingsplätzen, erst recht nicht den krakeelenden Besserwissern vor den Fernsehern. Das Spiel gehört niemandem allein, das Spiel ist sogar noch mehr als die Summe derer, die es lieben. Deshalb wird das Spiel auch diese Weltmeisterschaft überleben, vielleicht nicht unbeschadet, aber das Spiel wird es auch nach Katar noch geben.
Spätestens dann wird es aber Zeit, dass der Fußball sich von der FIFA erholt.

Foto: Katharina Wieland Müller/pixelio.de