Mein langer Weg zur Nassrasur

Ich hab mit 14 oder 15 angefangen, mich zu rasieren. Da lagen ein Rasierpinsel, eine Tube Rasiercreme, ein Gillette Techmatic und ein Aftershave unter dem Weihnachtsbaum… ein dezenter Hinweis meines Vaters, dass es Zeit wäre, etwas gegen die Gesichtsbehaarung zu unternehmen. Ein paar Tage später legte ich los… und erlebte ein Desaster nach dem anderen. Das Aufschäumen der Creme kriegte ich nicht hin, und mit dem Techmatic stellte ich mich so dämlich an, dass ich morgens blutüberströmt am Frühstückstisch saß. Das rief meine Mutter auf den Plan, die einen kaputten Remington-Elektro-Rasierer meines ältesten Bruders zum Elektriker trug, ihn reparieren ließ und mir überreichte. Die Zeit des morgendlichen Blutens war erstmal vorbei, und ich brummte jahrelang im Badezimmer fröhlich vor mich hin, bis der Remington endgültig seinen Geist aufgab.

Als das geschah, stand ich finanziell längst auf eigenen Füßen. Ich informierte mich über die Preise moderner Elektro-Rasierer und entschied spontan, es doch noch mal mit der Nassrasur zu versuchen. Eine Dose Schaum und irgendein Supermarktrasierer (es war, glaube ich, ein GII oder ein Duplo, damals Speerspitze der Technologie) waren meine Werkzeuge der Wahl. Die Barthaare gingen irgendwie ab, aber angenehm war anders. Es ziepte beim Rasieren ganz gewaltig, und nach drei oder vier Rasuren war die Doppelklinge hinüber. Wenn ich mich mal ein paar Tage nicht rasiert hatte, wurde es vollends unangenehm. Meinen Mehrtages-Bart weichte das Dosenzeugs so gut wie überhaupt nicht ein, und ich verbrauchte zwei oder drei Doppelklingen, bis ich die Stoppeln entfernt hatte und halbwegs präsentabel aussah. Irgendwann hatte ich von der Quälerei die Nase voll. Es war ja klar, dass die Nassrasur nix für mich war, also kehrte ich reumütig zur Elektrofräse zurück.

Was mir zu der Zeit sehr entgegenkam, denn ich rauchte damals sehr stark, und war morgens dank regelmäßiger Nikotinkater feinmotorisch stark herausgefordert. Da war so ein unkompliziertes Elektrodings sehr praktisch. Hauptsache war sowieso, dass das Rasieren nicht weh tat.

Doch irgendwie schaffte ich vor ca. 20 Jahren den Absprung von den Glimmstengel, ich begann, mich morgens deutlich besser und wacher zu fühlen. Außerdem fing ich an, über meine Rasuren nachzudenken. Wirklich gründlich waren die Elektrodinger ja nicht. Ich konnte mit denen so lange in meinem Gesicht rumbrummen wie ich wollte, meine Gesichtshaut fühlte sich nach der Rasur immer noch wie Sandpapier an… Und dieses morgendliche Gebrumm fing mir an, auf den Zeiger zu gehen. Ob ich’s doch mal wieder nass probieren sollte? Andererseits… angenehm war das wirklich nicht gewesen, eher im Gegenteil…

Schließlich kam ich auf die Idee, eine technologische Neuheit zur Hilfe zu nehmen, die damals noch Neuland für mich war: das Internet. Ich gab bei Yahoo, der damaligen Standard-Suchmaschine Dinge wie „nass rasieren“ und „wet shave“ ein… und entdeckte eine neue, alte Welt. Es gab tatsächlich noch diese Ein-Klingen-Rasierer, mit denen mein Vater sich immer rasiert hatte… Raisermesser… Rasierpinsel… Rasierseife… sah alles ziemlich cool aus, und die Netizens (sagte man damals, echt), die das Zeugs benutzten, schwärmten von den angenehmsten Rasuren.

Nun, ich hatte eh nix zu verlieren außer einem E-Rasierer, dessen Akku schon merklich schwächelte. Also ging ich auf Einkaufstour. Bei Karstadt kaufte ich einen Wilkinson Classic (Klingen dabei, Schnäppchen), einen Dachshaarpinsel (Badger war „state oft he art“ wusste ich aus dem Internet) und eine Tube Palmolive-Rasiercreme. Bevor ich am nächsten Morgen das Badezimmer enterte, druckte ich mir eine Internet-Nassrasur-Anleitung aus, klebte sie an den Badezimmerspiegel und legte los. Tatsächlich bekam ich im zweiten Versuch einen akzeptablen Schaum hin, setzte den Wilkinson im vorgegebenen Winkel an, zog den Rasierer nach unten und merkte… nichts. Hm, irgendwas musste ich falsch gemacht haben, ich hatte gar nichts gemerkt… Klinge vergessen? Nee, Klinge war drin. Seltsam. Momentmal… der Bart war ja ab. Um Himmelswillen, ich hatte gar nicht gespürt wie ich mich rasiert hatte. War das angenehm! Ich hatte es nach über dreißig Jahren Rasur zum ersten Mal geschafft, meine Stoppeln richtig einzuweichen. Kaum hatte ich das Aftershave aufgetragen, warf ich den Elektrorasierer endgültig in den Müll. Ich war zum Nassrasierer geworden.

Wenige Wochen später hatte ich zwei Pinsel, drei Hobel, verschiedene Rasierklingen, zwei Pötte Rasierseife, ein paar Rasiercremes und diverse Old-School-Aftershaves. Ein zaghafter Anfang war gemacht. Irgendwann las ich dann – dolle Sache, dieses Internet – von einer ausgezeichneten Rasiercreme aus Portugal, „Musgo Real„, angeblich die beste der Welt. Bisschen schwer zu bekommen, aber… Moment, die konnte man bei einem Typen aus Kiel bestellen, ein gewisser Stefan P. Wolf. Na guck mal an. Und der hatte gerade ein Nassrasurforum eröffnet. Was es nicht alles gibt…

Und wie sah euer Weg zur Nassrasur aus?

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2 Responses to Mein langer Weg zur Nassrasur

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