[Buchbesprechung] Muss Strafe sein, und wenn ja, warum und wie?

Der streitbare Bundesrichter a.D. Thomas Fischer hat ein Buch geschrieben. Nein, keine Sammlung seiner süffig-süffisanten, vor Ironie triefenden Kolumnen, mit denen er regelmäßig für Gesprächsstoff auch außerhalb der Kommentarspalten sorgt. Nein, für sein neues Buch „Über das Strafen“ hat Fischer sich auf sein eigentliches Metier besonnen, die Rechtswissenschaft. Auf 384 Seiten denkt er über das Konzept Strafe und Strafen, seine Rolle in der Gesellschaft und das Strafrecht nach. Ja nun. Muss man das wirklich? „Wer was anstellt, muss bestraft werden, so einfach ist die Welt!“ ist doch klar wie Kloßbrühe. Oder?

Ich hab zum ersten Mal über Strafe und Strafen nachgedacht, als Uli Hoeneß in den Knast gegangen ist. Da hab ich mich nämlich gefragt, was wir eigentlich davon haben, Uli Hoeneß einzusperren. Natürlich hat er massiv gegen Gesetze verstoßen und seine Steuern nicht bezahlt, aber die hat er ja nachbezahlt plus eine derart saftige Strafe, dass sie wohl sogar Hoeneß wehgetan hat. Warum sperren wir ihn auch noch ein? Weil „Strafe sein muss“? Aber muss so eine Strafe sein? Hätte man Hoeneß nicht beispielsweise dazu verurteilen können, z.B. auf eigens Risiko an der Börse weiterzuspekulieren und sämtliche Gewinne an die Staatskasse abzuführen, bis sagen wir 1.000 Kitas renoviert und 2000 Autobahnkilometer saniert sind? Das wäre doch für die Allgemeinheit sinnvoller gewesen, als ihn einzusperren und später – als Freigänger – wieder bei den Bayern arbeiten zu lassen. Da hatte doch die Allgemeinheit nix davon, außer der Genugtuung, dass Hoeneß „bestraft“ worden ist. Beruht Strafe also darauf, dass wir uns alle besser fühlen, weil jemand, der etwas angestellt hat, sich schlechter fühlen muss? Ist dieses Konzept von Strafe überhaupt sinnvoll? 

Ihr seht, wenn man einmal anfängt, grundsätzlich über Strafe und Bestrafen nachzudenken, hat man plötzlich mehr Fragen als Antworten. Und das als juristischer Laie. Einem Profi der Rechtswissenschaften wie Fischer fallen natürlich mehr und bessere Fragen ein als mir. Und die Antworten, auf die er kommt, haben auch deutlich mehr Substanz als die Vermutungen von unsereinem. Fischer sieht das Strafrecht als Teil eines selbstgegebenen Regelwerks, das die Gesellschaft zusammenhält. Das Sicherheitsversprechen des Staates beruht auf dem Strafrecht, und solange wir glauben, dass „unser“ Strafrecht funktioniert, fühlen wir uns auch sicher. Wie wir gerade sehen, kann sich dieses Gefühl auch ändern, ohne dass das Strafrecht sich ändert, sei es durch tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen, sei es durch populistische Stimmungsmache. Recht und damit auch das Strafrecht ist nicht statisch, es ist dynamisch, und es verändert sich durch die gesellschaftliche Kommunikation. Es ist – das ist Fischers These – Kommunikation und es ist auch Gewalt.

Dabei spannt Fischer den Bogen von der Steinzeit bis heute, erklärt, wie das Strafrecht ursprünglich entstanden ist und wie es sich wieder, und wieder verändert hat. Das alles ist keine leichte Kost, denkt bitte nicht, dass es zwischen den Buchdeckeln so deftig zugeht, wie in Fischers Kolumnen. Sein Stil in diesem Buch ist sachlich und nachdenklich, und alle paar Seiten musste ich tatsächlich eine Pause machen, weil mir der Kopf brummte  von den vielen Zusammenhängen, die Fischer herstellt. Das Buch IST ziemlich anstrengend, aber es lohnt sehr.

Wenn man sich mit Fischers Sicht der Dinge auseinandersetzt, kommt man nicht umhin, die Dinge differenzierter zu sehen als zuvor. Man muss mit ihm nicht übereinstimmen, man muss noch nicht einmal verstehen, was er sagt: Dass das Buch einen dazu bringt, über die Sache mit der Strafe mal gründlich nachzudenken, ist an sich schon eine dolle Sache. Ich denke übrigens immer noch, dass es letztlich blödsinnig ist, Leute wie Hoeneß in den Knast zu stecken. Aber dank Fischer weiß ich jetzt, warum es derzeit dazu keine Alternative gibt. Der Denkprozess geht weiter. In neue Richtungen. Fischer sei Dank.

Thomas Fischer:
Über das Strafen – Recht und Sicherheit in der demokratischen Gesellschaft
ISBN-13: 978-3426276877
Droemer HC
22,99 € (gebundene Ausgabe), 18,99 € (E-Book)

Disclaimer: Der Verlag war so freundlich, uns ein Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen. Wir bedanken uns herzlich. Der Buch-Link zu amazon ist ein Affiliate-Link, d.h. wir verdienen eine kleine Provision, wenn ihr das Buch über diesen Link bestellt.


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One Response to [Buchbesprechung] Muss Strafe sein, und wenn ja, warum und wie?

  1. Carsten says:

    Interessant sind auch die Untersuchungen zum zeitlichen Zusammenhang von Strafe und dann ggf. verändertem Verhalten von Angermeier. Stichwort Operantes Lernen.

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