Zum 50.: Mein Becker-Moment

Foto: Flickr-User mandj98 (Flickr, uploaded by mandj98 at flickr.com) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Seit seinem Wimbledon-Sieg 1985 war Boris Becker Dauergast in den Wohnzimmern von Deutschlands Sportfreunden: Tennis war plötzlich – nach Fußball – die Zuschauer-Sportart Nr. 2, und wenn Boris irgendwo in Gottes weiter Welt den Ball zum Aufwschlag hochwarf, dann hielt irgendein deutscher Sender die Kamera drauf: Kein Wunder, denn nur zu oft ist es Becker gelungen, Momente auf dem Tennisplatz zu kreieren, die beim Zuschauer noch Jahrzehnte später nachwirkten. Das lag sicher daran, dass Becker nicht einfach „nur Tennis“ spielen konnte, er lief erst zur Top-Form auf, wenn er in einem Match alle Höhen und Tiefen dieses Sports durchlaufen hatte und an dem Punkt angekommen war, an dem sich der Centre Court in ein antikes Theater und das Spiel in eine griechische Tragödie verwandelte. Dann lebte Becker auf, dann ging die Post ab. Und jeder von uns hat mindestens einen Becker-Moment, der die anderen überstrahlt: den verwandelten Wimbledon-Matchball gegen Kevin Curren 1985… eine der epischen Schlachten gegen Pete Sampras oder Andre Agassi… das US-Open-Finale 89 gegen Ivan Lendl… den ersten Daviscup-Sieg… Mein persönlicher Becker-Moment stammt aus dem Daviscup. Allerdings nicht aus einem Finale, sondern aus einem Relegationsspiel. 1987. Gegen die USA, in Hartford, Connecticut.

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Video-Link: https://youtu.be/BhJ1V1ZnYfk

Die beinahe sieben Stunden dauernde Schlacht (nein, das war kein „Spiel“ mehr) gegen McEnroe gehört für mich immer noch zu den faszinierendsten, erstaunlichsten und nervenzerfetzendsten Tennismatches aller Zeiten. Allein in den Sätzen zwei und drei hat mein Körper vermutlich mehr Adrenalin produziert als im Rest meines Lebens. Ich hab dieses Spiel übrigens zusammen mit meiner Mutter angeschaut, einer Sport-Enthusiastin allererster Güte, die – genau wie ich -. die ganze Zeit förmlich vor dem Bildschirm klebte, mit jedem Ball mitfieberte und um jeden Punkt zitterte.

Nach dem Matchball hingen wir völlig ausgepumpt in den Sesseln, entgeisterten uns ein wenig über Boris‘ Fahnenschwenkerei und sahen auf die Uhr. Muss so gegen 4 Uhr früh gewesen sein, wenn ich mich recht entsinne. Allerhöchste Zeit, ins Bett zu gehen. „Jetzt können wir noch nicht schlafengehen, nach so einem Spiel!“, entschied meine Mutter. Wer war ich, ihr zu widersprechen? Ich machte eine Flasche Qualitäts-Schaumwein auf, und wir saßen noch zwei, drei Stunden beisammen, redeten über Gott, die Welt und auch ein bisschen über den neuen Tennisgott von Hartford. Dabei sahen wir durchs offene Fenster der Sonne zu, wie sie langsam aufging und waren froh und glücklich, Mutter und Sohn zu sein…

Für diese herrlichen Stunden mit meiner Mutter bin ich Boris Becker heute noch dankbar.

Wie schaut’s bei euch aus`? Wann waren eure Becker-Momente?

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One Response to Zum 50.: Mein Becker-Moment

  1. Platzger says:

    War auch bei mir dieses Match. Schaute den mit meiner Oma, und die war ein unglaublich begeisterter und parteiischer Zuschauer:) (Sie ballte sogar bei Matlock jeweils die Fäuste…..)
    Nach dem dritten Satz ging zu Bett, ich zog Gottseidank durch. Als früherer Borg Fan konnte ich mit McEnroe eh nichts anfangen. War mit Abstand der aufwühlendste Tennismatch den ich je gesehen habe, und das waren einige.

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