Vive le Schublade – Turnier-Tagebuch Tag 10

Frankreich ist deutlich näher als Brasilien, trotzdem haben wir auch bei diesem Turnier keinen Sonderkorrespondenten vor Ort. Wir verfolgen die Spiele vor dem Fernseher. Zuhause, in der Kneipe, bei den Public Viewings, überall da, wo Männer sich treffen, die den Fußball lieben und leben. Wie bei jedem Turnier führt Chris Kurbjuhn spieltäglich ein Turnier-Tagebuch mit Kommentaren, Anekdoten, dummem Fußballzeugs und Erinnerungen an frühere Turniere. Football, bloody hell!

Gestern Abend sind wir Zeugen eines historischen Spiels geworden. Christiano Ronaldo hat gegen Österreich Chancen en Masse versemmelt, mal ganz knapp und unglücklich, mal grob und tapsig wie ein F-Jugendlicher. Sogar einen Elfmeter hat CR7 verschossen. Dass einem dreimaligen Welt-Fußballspieler so ein schwarzer Abend zufällig unterläuft, ist extrem unwahrscheinlich. Wir müssen annehmen, dass Ronaldo gestern Abend seine letzte Karte im Ringen um Sympathie ausgespielt hat: Er mimte den größten Chancentod aller Zeiten, um wenigstens Mitleid zu erringen.Und was hat’s ihm genutzt? Nix. Selbst auf der Mitleidsschiene wird Ronaldo nie zum Volkshelden, der Mann steckt einfach zu tief in der Schnösel-Schublade.

Zu tief in der Schublade steckt auch Reinhold Beckmann, der derzeit wegen seines Late-Night-Fußballtalks „Beckmanns Sportschule“ allüberall gebasht wird. Beckmann lädt sich seine Gäste in die vormals legendäre Sportschule Malente ein, die er zu einer Art Fußball-Panoptikum umgebaut hat, und verwirrt das konventionellen Fußball-Talk („Erzähl noch mal, Helmut, wie hast du das dritte Tor reingemacht?“) erwartende Publikum mit absurden Nebenhandlungen, gezielten Tabu-Brüchen und ironischen Brüchen. Ein solches Format ist weder neu noch irgendwie problematisch. Das Problem ist Beckmann selbst. Würde Harald Schmidt haargenau die gleiche Show machen, bekäme er Preise en masse und würde auf den Schultern durch die Feuilletons getragen. Beckmann kauft man die Ironie nicht ab, weil er in der Sportmoderatoren-Schublade gefangen ist.

Besonders krass rückwärtsgewandtes Schubladendenken zeigen zur Zeit Hybride aus Steinzeitmenschen und AfD-Anhänger auf Facebook, wo sie gegen Frau Neumann vom ZDF shitstormen. Sie wollen nicht, dass Frauen Fußball kommentieren. Nun ja, irgendwie scheinen sich diese Retro-Herren dort jahrelang Sabine Töpperwien zum Mann gesoffen zu haben. Ganz grundsätzlich verstehe ich nicht, warum Frauen nicht Männer-Fußball kommentieren sollten, Damen-Tennis wird doch auch von Herren kommentiert. Schließlich fand ich Frau Neumanns Kommentare teilweise besser als die Fantastereien von Béla Rèthy, der immer ein anderes Spiel kommentiert als das, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Gut, bei Italien-Schweden hätte ich mir von Frau Neumann einige deutliche Worte über die grundsätzliche moralische Verkommenheit des italienischen Fußballs gewünscht, aber das kann ja noch kommen.

Raus aus den Schubladen, rein ins Tagesgeschehen. Wir sind in der dritten Abteilung der Vorrunde. Da werden die Spiele parallel ausgetragen, um Absprachen und Spiel auf Ergebnis zu erschweren. Und wem verdanken wir das? Deutschland (damals noch „BRD“) und Österreich, die sich 1982 in der „Schande von Gijon“ gegenseitig die Eier kraulten statt Fußball zu spielen und so Algerien aus dem Turnier schaukelten.

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Video-Link: https://youtu.be/LUZZKxrTPtA

Meine Tipps für heute:
Schweiz – Frankreich 0:2
Rumänien – Albanien 1:1

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Eine Antwort zu Vive le Schublade – Turnier-Tagebuch Tag 10

  1. Das Problem ist wohl, dass diese Dame wie ein Mann klingen will, heraus kommt so ein nervtötend unnatürlich affektierter Radioübertragungs-Kommentar mit diesem seltsam betonten Singsang. Bei Sport im Radio kringeln sich immer meine Fußnägel, wo bekommen die diese Sprecher her? Meine Frau hat sie zuerst gehört und war entsetzt und sagte spontan genau das: die geht gar nicht…

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