[Filmkritik] Acht Ganoven im Schnee – Tarantinos Meisterwerk „The Hateful 8“ (Spoiler-frei)

HF8.PL_A3_WEISS_RZ.inddZiemlich genau 50 Jahre ist es her, dass der letzte Film im 70mm-Ultra-Panavision-Verfahren gedreht wurde. Für seine „Hateful 8“ hat Quentin Tarantino die alten Kameras reaktiviert, um dieses Super-Breitwand-Verfahren nutzen zu können. Hat man seinerzeit für die ganz großen Landschaftspanoramen verwendet. Und was macht Tarantino damit? Dreht ein Western-Kammerspiel, das zu achtzig Prozent in einer eingeschneiten Blockhütte spielt. Sowas macht nur ein kompletter Irrer oder ein Genie. Auch wenn irgendwelche Kleingeister was anderes behaupten: Tarantino ist ein verdammtes Genie. Spätestens nach diesem Film gehört er zu den ganz, ganz großen Regisseuren.

Minnie's Haberdashery

Minnie’s Haberdashery

Wie ein Leichentuch liegt der Schnee über Wyoming. Eine Postkutsche kämpft sich auf der Flucht vor einem Schneesturm durch die Landschaft. In ihr sitzt Kopfgeldjäger John „The Hangman“ Ruth (Kurt Russel) mit seiner Gefangenen Daisy Domerque (Jennifer Jason Leigh), einer Mörderin, die in Red Rock gehenkt werden soll. Unterwegs nehmen sie noch den angeblich nächsten Sheriff von Red Rock, Chris Mannix (Walton Goggins), und Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) mit, einen anderen Kopfgeldjäger, der seine „Beute“ jedoch tot und gefroren dabei hat. Mit knapper Not bringt Kutscher O.B. diese erste Hälfte der Hateful 8 zu „Minnie’s Haberdashery“, einer Kutschenstation, wo die restlichen Hateful 4 schon auf sie warten: das mexikanische Faktotum Bob (Demian Bichir), der schreibende Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), der reisende Henker Oswaldo Mobray (Tim Roth) und der ehemalige Südstaatengeneral Sanford Smithers (Bruce Dern), einer zwielichtiger und verschlagener als der andere. Ruth und Warren wollen hier den Schneesturm abwarten, aber es kommt anders, als jeder der Anwesenden gedacht hat. Praktisch niemand in der Blockhütte ist der, der er vorgibt zu sein. Jeder führt etwas im Schilde, von dem zumindest einige der anderen nichts ahnen sollen…

Samuel L. Jackson und Damien Birchir Photo: Andrew Cooper, SMPSP © 2015 The Weinstein Company. All Rights Reserved.

Samuel L. Jackson und Damien Birchir
Photo: Andrew Cooper, SMPSP
© 2015 The Weinstein Company. All Rights Reserved.

Kommt einem irgendwie bekannt vor? Ist auch bekannt, denn was als Western beginnt, setzt Tarantino als zynische Paraphrase auf ein Agatha-Christie-Whodunit fort. Wie bei diesem Regisseur zu erwarten, geht es bei der Entlarvung der verschiedenen Schwindler und Mörder jedoch wesentlich weniger gesittet zu als bei Mrs. Christie, und so bekommen die Fans in der zweiten Hälfte des Films das, was sie vom Meister erwarten: Gemetzel, Blut und Splatter-Effekte satt.

Tarantino inszeniert "The Hateful 8"

Tarantino inszeniert „The Hateful 8“

So weit, so Tarantino, möchte man meinen, doch der Film geht über dessen übliches Zitat-Trommelfeuerwerk weit hinaus. Im scheinbar beengten Raum der Blockhütte errichtet Tarantino einen sehr heutigen amerikanischen Mikrokosmos, ein Abbild einer zutiefst rassistischen, gewalttätigen Gesellschaft, deren Mitglieder nur eines gemeinsam haben: das abgrundtiefe gegenseitige Misstrauen, das jederzeit in Hass umschlagen kann. Diese Doppelbödigkeit hebt den Film einerseits über das Western-Genre weit hinaus, andererseits könnte so diesem Genre, das in den letzten Jahren meist eher schlecht als recht auf die Leinwände kam, neues Leben eingehaucht werden. Aktualität als Atemspende – warum denn nicht?

Für einen Academy Award nominiert: Jennifer Jason Leigh Photo: Andrew Cooper, SMPSP © 2015 The Weinstein Company. All Rights Reserved.

Für einen Academy Award nominiert: Jennifer Jason Leigh
Photo: Andrew Cooper, SMPSP
© 2015 The Weinstein Company. All Rights Reserved.

Auch wenn Tarantino in diesem Film einige neue Wege beschreitet: Was ein paar Sachen anbelangt, bleibt er sich grundsätzlich treu. Zum einen bei den herausragenden Schauspielerleistungen. Mehr denn je ist Tarantino ein „Actor’s Director“ der zuverlässig superbe Leistungen aus seinen hochkarätigen Ensembles herausholt. Auch seinen stets präsenten, sardonischen Humor hat Tarantino keinesfalls verloren, auch wenn er in diesem Film auf leiseren Stiefelsohlen daherkommt als sonst. Absolut herausragend sind wiederum die Bilder, die er gemeinsam mit seinem Kameramann Robert Richardson (wenn der für diesen Film keinen Oscar bekommt, ist das der nächste Skandal für die Academy) gefunden hat. Wie Tarantino und Richardson das Innere von Minnie’s Haberdashery mal riesengroß und gleich wieder klaustrophobisch eng erscheinen lassen, wie sie einen ganzen Kontinent in das Zimmer hineinquetschen, nur um den Raum im nächsten Moment von einem einzelnen Mann bersten lassen, das ist – wie die ganzen „Hateful 8“ – ganz, ganz großes Kino.

Keiner traut dem anderen – Kurt Russell und Samuel L. Jackson Photo: Andrew Cooper, SMPSP © 2015 The Weinstein Company. All Rights Reserved.

Keiner traut dem anderen – Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Photo: Andrew Cooper, SMPSP
© 2015 The Weinstein Company. All Rights Reserved.

Nachbemerkung: „The Hateful 8“ wurde zwar in 70mm-Ultra Panavision gedreht, in fast allen Kinos wird jedoch eine digitale Fassung gezeigt. Die meisten Kinos haben nicht mehr die Möglichkeit zur analogen Projektion, und schon gar nicht in 70mm. In 4 Kinos in Deutschland kann Mann sich allerdings die um 20 Minuten längere sogenannte „Roadshow“-Version des Films ansehen, im Zoopalast in Berlin, im Savoy in Hamburg, in der Lichtburg in Essen und im Schauburg Cinerama in Karlsruhe. Auch wenn 20 Minuten Unterschied nach viel Holz klingt, die Unterschiede sind – abgesehen natürlich vom brillanten 70mm-Bild – minimal: 12 Minuten Pause und die mehre Minuten lange musikalische Ouvertüre sind für den größten Teil des Zeitunterschieds verantwortlich, ansonsten sind einige Einstellungen geringfügig anders und es fehlen in der digitalen Version – aus welchen Gründen auch immer – ein paar Dialogschnipsel.

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