Bond zwischen Buchdeckeln

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Video-Link: https://youtu.be/gwDgPlGQR4g

Ian Fleming wurde nur 56 Jahre alt. Er schrieb – neben ein paar Sachbüchern und der Kindergeschichte „Chitty Chitty Bang Bang“ – 12 James-Bond-Romane und ein paar Kurzgeschichten mit Bond als Protagonisten. Damit etablierte er einen der größten Mythen der Populärkultur, vielmehr… er tat es eigentlich nicht. Der James Bond, den Ian Fleming in seinen Büchern beschreibt hat wenig bis nichts mit dem Super-Agenten zu tun, den die Kino-Filme aus ihm machten. Fleming beschreibt Bond als „blunt instrument“, als eine Waffe, die man zum unmittelbaren Zuschlagen benutzt, einen Totschläger. Flemings Bond wählt immer den direkten Weg und macht körperliche Unterlegenheit durch Willenskraft und die Fähigkeit, große Schmerzen erdulden zu können, wett. Flemings Romane sind 50 Jahre, nachdem sie geschrieben wurde, ein großes Lesevergnügen, und sie inspirieren noch heute Autoren des Thriller-Genres. Niemand hat besser geschrieben als Fleming. Wirklich niemand.

Entsprechend groß waren die Fußstapfen, in die Autoren treten mussten, als Flemings Nachlassverwalter, die Ian Fleming Foundation, die Gelddruckmaschine anwarf und Autoren beauftragte, neue Bond-Romane im Stil Flemings zu schreiben. Der erste war dann gleich der beste. Kingsley Amis traf mit „Colonel Sun“, in dem M entführt wird, Flemings Stil so präzise, wie man das machen konnte, ohne Fleming zu sein.

Nach 13 jahren Pause setzte dann John Gardner die Serie fort, offenbar ohne einen einzige Ian-Fleming-Roman gelesen zu haben. Er machte aus Bond einen Teetrinker, nahm ihm den Bentley weg und setzte ihn in einen Saab(!) und machte aus einem unverwechselbaren, arroganten Killer einen Middle-Class-Langeweiler. Warum die Fleming Foundation diesem haltlosen Treiben 14 Romane lang zusah, bleibt ein Rätsel.

1996 übernahm dann Raymond Benson die Figur und schrieb bis 2002 acht weitere James-Bond-Romane. Die waren geringfügig besser als die Gardner-Schwarten. Was nicht heißt, dass man sie lesen muss.

2008 änderte die Fleming Foundation ihre Politik. Fortan wurde ein Autor mit jeweils einem neuen Bond-Roman beauftragt. Sebastian Faulks lieferte 2008 mit „Der Tod ist nur der Anfang“ einen halbwegs unterhaltsamen Thriller ab, der nur ein Problem hatte: Er las sich überhaupt nicht wie ein James-Bond-Roman.

Immerhin lieferte Faulks nicht so ein Desaster ab wie ausgerechnet Jeffery Deaver 2011 mit „Carte Blanche“. Deaver versuchte sein Trademark, die überraschende Wendung, mit einer Modernisierung der Bond-Figur und scheiterte krachend. Deaver ist ganz offensichtlich mehr im Whodunit als im Thriller zuhause, seinem Bond fehlte Charisma, Kohärenz und vor allen Dingen Drive.

2013 brachte William Boyd mit „Solo“ die Figur wieder ins richtige Fahrwasser. Er traf Flemings Zynismus beinahe so gut wie Amis, und die Teile des Buchs, die in Afrika spielen, atmen Flemingsche Authentizität. Für den Antagonisten ist Boyd allerdings nicht genug eingefallen, und strukturell hat die Schwarte ebenfalls Mängel. Ganz offensichtlich will oder wollte Boyd noch einen zweiten Band schreiben, um die Story zu Ende zu bringen. Ob der noch kommt oder ob die Fleming Foundation die Fortsetzung gecancelt hat, ist zur Stunde unbekannt.

Dieses Jahr lieferte nun Anthony Horowitz „Trigger Mortis“ ab, der sich fortan mit „Colonel Sun“ den Titel „bester Post-Fleming-Bond“ teilen darf. Horowitz, der auf einige Original-Fleming-Drehbücher für eine nicht realisierte TV-Serie zurückgreifen konnte, ging „back to the roots“ und siedelte seine Story zeitlich direkt nach „Goldfinger“ an. Sein Bond ist ganz dicht an der Flemingschen Original-Figur dran. Die unter anderem auf dem Nürburgring spielende Geschichte hat Drive, wird mit sardonischem Humor erzählt und besonders im packenden Finale in der U-Bahn passt kein Blatt Papier mehr zwischen Horowitz und Fleming. Well done!

Empfehlenswert für jüngere Leser: Die von Charlie Higson begonnene und von Steve Cole fortgesetzte „Young Bond“-Reihe, die Bonds Jugendabenteuer zu seiner Zeit in Eton und danach beschreibt. Eine ähnliche Serie („Bond Jr.“) hat John Peel schon Anfang der 90er Jahre geschrieben, ohne an Higsons Klasse ranzukommen. Mit Fleming haben beide wenig zu tun, genauso wie die schockierenden „Moneypenny-Diaries“ von Samantha Weinberg. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen.

Einen guten Überblick über alle Bond-Bücher gibt die Ian-Fleming-Homepage. Wer sich intensiver mit Fleming- und Post-Fleming-Bonds auseinandersetzen will, sei auf Martin Comparts wegweisenden Blogpost verwiesen. Und wer die Fleming-Bonds zum ersten Mal lesen möchte, greift bitte zum englischen Original oder zu der seit 2012 bei Cross Cult erschienenen, erstmals ungekürzten Neuausgabe.

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