Klartext: Unschuldsvermutung

Seit ziemlich genau einer Woche warte ich darauf, dass eins der Qualitäts- und Leitmedien in Zusammenhang mit dem Germanwings-Absturz einen Kommentar raushaut, der mit Worten wie »Wie kommt dieser Staatsanwalt aus Frankreich eigentlich dazu, die Unschuldsvermutung, auf der all das beruht, was einen Rechtsstaat ausmacht, mir nichts, dir nichts in den Wind zu schießen, nur um so schnell wie möglich einen Schuldigen präsentieren zu können?« Da ich nun nicht länger warten möchte, schreibe ich den Kommentar eben selbst.

Wie kommt dieser Staatsanwalt aus Frankreich1 eigentlich dazu, die Unschuldsvermutung, auf der all das beruht, was einen Rechtsstaat ausmacht, mir nichts, dir nichts in den Wind zu schießen, nur um so schnell wie möglich einen Schuldigen präsentieren zu können?

Und wie kommt eine selbstvergessene Journalistenmeute dazu, den Gedankenspielen dieses Mannes unhinterfragt zu folgen und sie als bewiesene Tatsachen in die Welt zu posaunen? Wo doch Menschen, die es besser wissen müssen, zur Vorsicht raten?

Die Unschuldsvermutung ist eins der höchsten rechtsstaatlichen Güter, die es gibt. Wenn wir uns von der Maxime verabschieden, dass ein Mensch, der einer Straftat beschuldigt wird, solange als unschuldig zu gelten hat, bis sie ihm im Rahmen eines fairen Gerichtsverfahrens nachgewiesen wurde, dann fallen wir pfeilgerade in die Zeit der Inquisition zurück, ins Mittelalter, in die Barbarei. Wo es genügte, mit dem Finger auf einen Menschen zu zeigen, um ihn zu vernichten. Seine gesamte Existenz, seine Familie, seine Freunde… 2

Die Unschuldsvermutung wurde uns nicht geschenkt. Für den Übergang vom Mittelalter in eine aufgeklärte Zeit haben hunderttausende Menschen gekämpft. Viele von ihnen haben ihr Leben gelassen, damit wir jetzt in Freiheit miteinander leben können. Die Unschuldsvermutung ist nicht irgend so ein Larifari, den man mal schnell unter den Tisch fallen lassen kann, um z. B. ein Unternehmen aus dem eigenen Staat (Airbus sitzt in Toulouse)zu schützen oder auf die Schnelle ein paar Zeitungen mehr zu verkaufen3 Die Unschuldsvermuttung ist das Nitty-Gritty, das Eingemachte, Teil unserer aller gemeinsamen Basis. Wer die wegen eines kurzfristigen persönlichen Vorteils verlässt, ist dumm wie Bohnenstroh oder hat ein massives charakterliches Problem. Oder beides. Auf alle Fälle ist so ein Mensch nicht in der Lage, anderen Menschen die Welt zu erklären.

Wir hatten mal eine Presse, die das kritisch hinterfragt hat, was die Mächtigen dieser Welt so behauptet haben. Diese Presse ist uns irgendwo verloren gegangen. Weswegen ich schlussendlich dieses Kommentar selbst schreiben musste. Mir wäre lieber gewesen, jemand anderes hätte das getan. Jemand von den ehemaligen Qualitätsmedien.

 

  1.  Zur Erinnerung: Vor 8 Monaten ist Flug MH17 über der Ukraine abgestürzt, augenscheinlich abgeschossen worden. Wir warten immer noch auf den Abschlussbericht der Untersuchungskommission, die bisher nur von »Teilen mit hoher Geschwundigkeit« gesprochen hat, die den Absturz verursacht hatten. Und dieses Unglück ist in einem Luftraum geschehen, in dem zum damaligen Zeitpuntk vermutlich keine Möwe husten konnte, ohne dass irgendein Spionagesatellit das aufgezeichnet hat. Im Falle des Germanwings-Absturz ist der Flugschreiber immer noch nicht gefunden, aber Staatsanwalt Robin hat den Fall bereits geklärt.
  2. Nein, wir sind bereits in diese finstere Zeit zurückgefallen. Haargenau das passiert ja gerade mit der Familie und den Freunden des Co-Piloten
  3. oder den eigenen unhaltbaren Standpunkt etwas haltbarer zu machen. Wir vergessen nix, Mädels.
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2 Responses to Klartext: Unschuldsvermutung

  1. AvatarUlrich says:

    Danke!

  2. AvatarRobert says:

    Was bleibt bei dem Ganzen? Ein mulmiges Gefühl. Und zwar über das Gebaren so genannter Journalisten und Hinterbänkler-Politiker:

    1.) Ich finde es bedenklich, in einem Land zu leben, in dem eine Boulevard-Zeitung den Bundespräsidenten so in Mißkredit bringen kann, dass er letztendlich zurück treten muss. Und: Nein. Ich bin kein Sympathisant von Herrn Wulf. Eher im Gegenteil.

    2.) Da ist auf der Titelseite o.g. Postille formatfüllend ein Foto mit voll ausgeschriebenem Namen und dem Wohnort des Co-Piloten. Er wird reißerisch als Mörder angeprangert. Noch bevor irgendwelche Ermittlungen abgeschlossen sind. An die, diesem Menschen nahestehenden Freunde, Verwandte, Eltern usw. denkt niemand. Hauptsache Auflage.

    3.) Und dann sind sich Politiker, von denen man sonst nix hört und noch nie gehört hat, nicht zu schade, populistisch ein Aufweichen der ärztlichen Schweigepflicht zu fordern. Nur zur Erinnerung: In der zivilen Luftfahrt hat es in den letzten 100 Jahren weltweit weniger Tote wegen psychischer Schäden von Piloten gegeben als an jedem einzelnen Tag dieser 100 Jahre durch Machtphantasien irgendwelcher Politiker. Vielleicht sollte man da mal ansetzen…

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