Die Bundestrainer (7): Jürgen Klinsmann

Foto: Nathan Forget (USA - Honduras 18  Uploaded by Yoda1893) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

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Seit der letzten EM steht Bundestrainer Joachim Löw in der Diskussion, die seit dem Algerienspiel bei der WM durchaus heftig wird. Löws taktische Ideen und sein In-Game-Coaching werden sehr unterschiedlich bewertet. Anlass für mich, den Vergleich zu den anderen Bundestrainern, die ich (ich bin Fan der Nationalmannschaft seit 1965)erlebt habe, zu ziehen und eine kleine Serie über die deutschen Bundestrainer zu schreiben. Heute ist Jürgen Klinsmann dran.

Die Suche nach einem neuen Bundestrainer gestaltete sich nach Rudi Völlers Rücktritt nochmal schwieriger als nach dem von Erich Ribbeck. Für den Job als Trainer des dreimaligen Weltmeisters beim größten Sportverband der Welt stellten sich die Kandidaten nicht bereitwillig in die Schlange sondern winkten in Serie ab. Ottmar Hitzfeld, Otto Rehagel, Arsène Wenger, Guus Hiddink, Morten Olsen hatten alle keinen Bock auf den Job. Einzig Lothar Matthäus erklärte seine Bereitschaft, wurde aber aus vollkommen unerfindlichen Gründen nicht berücksichtigt. Höhepunkt der ganzen Nachfolgerposse aus Absurdistan war dann der Versuch, Rudi Völler zu einem Rücktritt vom Rücktritt zu überreden, um quasi sein eigener Nachfolger zu werden.

Und dann kam Jürgen Klinsmann. Er war nur für 7 (sieben!) Pflichtspiele 1 Bundestrainer (Deutschland musste als Gastgeber für 2006 ja keine Quali spielen), hat in dieser Zeit beim DFB aber mehr bewegt als alle Bundestrainer seit Schön zusammen.

Zumindest mit seiner ersten Amtshandlung sorgte er für allgemeine Heiterkeit: Klinsmann erklärte, 2006 Weltmeister werden zu wollen. Die Fachwelt rieb sich ungläubig die Augen: Was rauchte der Mann? Weltmeister mit einer Mannschaft, die es nicht geschafft hatte, ein Tor gegen Lettland zu schießen?

Fortan war Klinsmann die Witzfigur der Medien. Was er auch tat, er wurde ausgelacht und mit Spott überzogen. Ob er Bierhoff als Team-Manager installierte (»braucht kein Mensch«), Joachim Löw als Co-Trainer holte (»zweitklassig«), Ihn anwies, mit System Offensiv-Fußball spielen zu lassen (»können wir Deutschen nicht«), moderne Trainingsmethoden einführte und Spezialisten für Psyche und Physis mit ins Team holte, alles war absurder Kram, den kein Mensch brauchte. »Das haben wir noch nie so gemacht, bleiben wir doch bei dem, was wir immer so gemacht haben, für den neuen Kram haben wir doch gar kein Formular.« Als dann kurz vor der WM ein Testspiel gegen Italien 0:5 1:4 (danke für die korrigierenden Hinweise!) verloren ging, hatten die Presse und die verbliebenen Betonköpfe im DFB die Faxen dicke. Klinsmann musste sofort entlassen und irgendein Defensiv-Hardliner geholt werden, um hinten dicht zu machen und wenigstens die WM-Vorrunde zu überstehen. Sonst blamierte man sich ja im eigenen Land.

Meyer-Vorfelder – war es ein lichter Moment oder das genaue Gegenteil? Wer kann das bei MV sagen? – hielt an Klinsmann fest. Die WM begann, und dann kam die 92. Minute im Westfalenstadion.

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Video-Link: http://youtu.be/7W_100iA2xk

Odonkor und Neuville kreierten ein unvergessliches Tor, das der Aufbruchsstimmung, für die Klinsmann zwei Jahre lang gekämpft hatte, Gestalt verlieh, der Funke sprang aufs ganze Land über, es entstand eine Euphorie wie zuletzt 1990 nach dem Titelgewinn, das Sommermärchen wurde Wirklichkeit.

Und endete in dieser furchtbaren, grausamen 119. Halbfinal-Minute, wieder im Westfalenstadion, wo es begonnen hatte. Klinsmann trat zwei Tage nach der WM zurück, »ausgebrannt«, wie er selbst sagte.

Sieht irgendjemand NICHT die Parallele? Sowohl Deutschland 2006 als auch Brasilien 2014 standen als klassische Fußballnationen vor der Problematik, eine WM im eigenen Land aber keine Mannschaft, die zu Titelhoffnungen berechtigte, zu haben. Brasilien setzte auf die althergebrachten Methoden (erfahrener Trainer, Heimvorteil nutzen), in Deutschland hatte man erkannt, dass das Problem strukturbedingt war und setzte auf den Übergang zur Moderne, den Jürgen Klinsmann bewerkstelligte. Beide Mannschaften schieden im Halbfinale aus, doch die deutsche Mannschaft scheiterte (unglücklich, wie ich nicht müde werde zu betonen!) mit der Perspektive, das hier etwas Großes im Entstehen war. Brasilien hat den schmerzhaften Häutungsprozess, den Klinsmann mit unglaublicher Energie in knapp zwei Jahren durchgepeitscht hat, noch vor sich. Und – soweit ich weiß – ist ein brasilianischer Klinsmann nicht in Sicht.

Jürgen Klinsmann, den Bundestrainer mit den wenigsten Pflichtspielen (selbst wenn man diesen Confed-Quatsch dazu zählt), zum Retter des deutschen Fußballs zu erklären, wäre ein wenig steil, trifft aber den Kern dessen, was er bewirkt hat. Er hat das Sommermärchen kreiert, und aus dem Sommermärchen ist – durch die jahrelange Arbeit seines Nachfolgers – eine Mannschaft entstanden, die einen Fußball spielt, von dem man bei Klinsmanns Amtsübernahme nur träumen konnte. Die Kehrseite der Medaille sei auch nicht verschwiegen: Das ganze weichgespülte Marketing-Klimbim, das wir mittlerweile im Umfeld der Nationalmannschaft ertragen müssen, geht auch auf den von ihm initiierten Strukturwandel zurück.

Wie dem auch sei: Abseits von allen Trainings-Gummibändern und Sommermärchen-Kabinenansprachen zeichnete vor allen Dingen eins den Bundestrainer Klinsmann aus: Courage. Der Mut zur Veränderung. Und die Fähigkeit, diese Veränderung herbeizuführen. Guter Mann. Sehr guter Mann.

Die anderen Folgen unserer Serie finden sich hier.

 

  1. Nein, ich rechne den Confed-Cup nicht mit. Das sind von der FIFA organisierte Freundschaftsspiele in Turnierform, mehr nicht. Hat irgendwann ein Spieler oder Trainer mal mit Inbrunst von sich behauptet: »Ich bin Confed-Cup-Sieger«?
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4 Responses to Die Bundestrainer (7): Jürgen Klinsmann

  1. Avatarplatzger says:

    Ja, Klinsmann war der Umbruch – Gottseidank. Allerdings hatten die Italos doch 4:1 gewonnen und nicht 5:0, oder?

  2. AvatarBabypopo says:

    Achja, der Grinsi-Klinsi, das Spiel gegen Polen, Speedy Odonkor…was haben wir damals losgebrüllt beim privaten Public Viewing mit 10 Mann. Ich könnte jetzt noch spontan heiser werden.
    Eins muss man Klinsmann lassen: Keiner kann so ausgelassen jubeln. Und das er die Strukturen beim DFB umgekrempelt hat, bleibt sein Verdienst. Und jetzt, acht Jahre später, kann man (hoffentlich!) das vollenden, was er damals (mit Löw) begonnen hat.

    Übrigens, platzger hat Recht: Das Testspiel vor der WM 2006 endete 4:1 für Italien, nicht 5:0.

  3. AvatarPaddy says:

    Ich muss dich bezüglich MV korrigeren, es war kein Lichter Moment beim Alkoholiker, schon vergessen dass er keine Macht mehr hatte? Er war nur noch DFB Bundespräsident der repräsentierte, der eigentliche Chef war Zwanziger und DIESER wollte Klinsmann nicht entlassen-Vorfelder hätte es getan.
    Ach ja, erwähnt sei außerdem das Entkräften einer Lüge: NIEMAND TRAUERT UM MV!

  4. Pingback: Mission 5 Possible – das Live-Tagebuch zur Fußball-WM 2018: Tag 4 | | Männer unter sich

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