[WM 2014] Turniertagebuch Tag 5 – Matchday!

Foto: Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 - negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 921-3780 (Nationaal Archief Fotocollectie Anefo) [CC-BY-SA-3.0-nl], via Wikimedia Commons

Foto: Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 – negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 921-3780 (Nationaal Archief Fotocollectie Anefo) [CC-BY-SA-3.0-nl], via Wikimedia Commons

Wir haben keinen Sonderkorrespondenten vor Ort in Brasilien, unsere WM findet im Fernsehen statt, bei Public Viewings, in den Kneipen, wo Männer sich treffen, die Fußball leben und atmen und das Spiel lieben. Hier schreibt Chris Kurbjuhn spieltäglich sein WM-Tagebuch, kommentiert das Geschehen, erzählt Anekdoten und dummes Fußballzeug und erinnert sich an frühere Turniere. Football, bloody hell!

Alles schön und gut nach 4 Turniertagen. Es wird offensiv gespielt, es fallen ordentlich Tore, bei Messi platzt der Knoten oder auch nicht, die Schweiz hat mehr Glück als Fußballverstand und Frankreich kann auch ohne den Franck nach vorne spielen. So weit, so schön und gut nach vier Turniertagen, aber heute geht die WM doch erst richtig los! Die Nationalmannschaft geht an den Start. Matchday!

Wie wird man Fan einer Mannschaft? Wir wissen: You don’t pick the team, the team picks you. Deutsche Nationalmannschaft picked me on Sept. 26th, 1965.

Es war Uwe Seelers Comeback, und es ging gleich um alles. Uwe Seeler – der war damals viel mehr als ein Fußballspieler, der war… eben kein Halbgott, der auf Erden wandelte. Aber trotzdem war jeder, der sich damals für Fußball interessierte, war irgendwie ein Fan von Uwe Seeler, und sogar Menschen, die mit Fußball überhaupt nichts am Hut hatten verehrten das Urgestein-in-the-making. „Uns Uwe“, das war keine Boulevardzeitungs-Floskel, Seeler war tatsächlich „unser“ Fußballspieler, so jemanden hat es vor ihm und nach ihm nicht gegeben.
Und eigentlich war seine Karriere 1965 zu Ende. Im Januar hatte sich Seeler die Achilles-Sehne gerissen, und das bedeutete damals fast immer die Sportinvalidität. Aber Seeler war ein Riesen-Fighter, er versuchte das Menschenunmögliche und… stand nach einem halben Jahr wieder auf dem Platz.
Aber für das entscheidende Quali-Spiel kam er nicht in Frage, dafür war er noch nicht fit genug. Man brauchte 11 topfitte Spieler für das Auswärtsspiel in Schweden, denn nur mit einem Sieg konnte man sich sicher für die 66er WM qualifizieren. Helmut Schön stellte Seeler trotzdem auf. Ein Wahnsinn.
Es war das erste Fußballspiel, das ich – damals 8 Jahre alt – live und in voller Länge im Fernsehen gesehen habe. Unvorstellbar, aber Bundesliga gab’s nur in Ausschnitten, und Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft galten nicht immer als wichtig genug für eine Live-Übertragung. Andere Zeiten.
Zum Spiel. Ich erinnere mich an nicht allzuviel, aber an die 44. Minute. Schweden ging 1:0 in Führung, totale Verzweiflung, doch dann fiel postwendend in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit der Ausgleich durch „Eia“ Krämer. Es war mordsmäßig spannend, ich war total aufgeregt, ich schwitzte, kaute an den Nägeln, ich begriff plötzlich, das Sport etwas war, wo verdammt viel auf dem Spiel stehen konnte. Und dann die 54. Minute. Der Ball kommt in den Strafraum der Schweden, der Torwart klatscht ab, der Ball rollt und Seeler schliddert, macht ein ganz, ganz, gaaaaanz langes Bein. Tor. 2:1. Qualifiziert.

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Video-Link: http://youtu.be/YsQtuJXnxOY

And so they picked me. Better: Seeler picked me.

Heute, fast fuffzich Jahre später, sitze ich immer noch schwitzend, tobend, brüllend und schreiend vor dem Fernseher, wenn die Nationalmannschaft spielt (Okay, freundschaftsspiele verfolge ich mittlerweile etwas gelasssener),  aber bei den großen Turnieren, da steh ich mehr als ich sitze, da reißt es mich immer wieder aus dem Sessel raus. Ud heute erst recht. Auftakt! Portugal! CR7 zeigen, wo der Hammer hängt! Endlich geht’s los. Matchday!

Und ich sach mal: Portugal ist machbar. Die letzten drei Pflichtspiele (Spiel um den 3. Platz 2006, Viertelfinale EM 2008, Vorrunde EM 2012) haben wir sicher für uns entschieden, und Portugal ist seither nicht stärker geworden. Im Prinzip kann die deutsche Nationalmannschaft sich heute nur selbst schlagen, und da sei Jogi Löw vor. Den wir sicher nicht daran erinnern müssen, dass Bastian Schweinsteiger gegen Portugal gern zu Gala-Form aufläuft. Daran denken Sie doch, Herr Löw? Ja, Schweinsteiger! Jogi, der BASTIAN!

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Video-Link: http://youtu.be/EBjIFPSmLYA

Die Partien des Tages mit meinen Tipps:

Deutschland – Portugal 3:1
Iran – Nigeria 0:2
Ghana – USA 1:1

Wer mittippen will, hier geht’s zu unserem Tippspiel. Eigentlich hatte ich ja vor, das zu gewinnen, aber vor mir tippen ein paar Herrschaften mit derart beängstigender Konstanz, dass ich mit meinem fünften Platz extrem zufrieden bin. Aber: Es ist noch alles offen. Abgerechnet wird zum Schluss, im Maracana. Und morgen gibt’s den ersten Punktestand von Roberts Tipp-Kick-Challenge.

Schnell noch ein paar interessante Links:
Simon Pausch von Welt Online glaubt, „Zu einem so frühen Zeitpunkt wurde noch nie derart heftig über die Schiedsrichter-Leistungen bei einer Weltmeisterschaft diskutiert.“ Er irrt sich. Bei jeder WM beginnt die Schiedsrichter-Diskussion praktisch mit dem Eröffnungsspiel, spätestens bei der dritten Partie.
Jens Weinreich führt eine BamS-Pro-Beckenbauer-Kampagne auf ihre Ursprünge zurück.
Und Oliver Fritsch von Zeit-Online kümmert sich um die Battle-of-the-Otto-Fleck-Schneise zwischen Niersbach und Zwanziger.

Abschließend möchte ich mich ganz herzlich beim Kiezneurotiker bedanken, der meine WM-Kommentare empfiehlt. Allerdings verstehe ich nicht, warum er mir „hemmungslose Begeisterung“ attestiert, nur weil ich gerne Fußball gucke. Ich sehe mich als interessierten Fachmann. Okay, sehr interessierter Fachmann. Naja, sehr interessierter, gelegentlich emotional stark beteiligter Fachmann. Mehr aber auch vielleicht doch nicht. Und heute ist Matchday!

Euch allen viel Spaß, schöne Spiele!

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2 Responses to [WM 2014] Turniertagebuch Tag 5 – Matchday!

  1. AvatarIcke says:

    Im Augenblick (Iran : Nigeria) ist das Turniertagebuch DEUTLICH interessanter als das Turnier.

  2. Avatarkiezneurotiker says:

    Wer mit solch einer Hingabe ein Turniertagebuch schreibt, der ist hemmungslos begeistert. Sagt einer, der ein Festivaltagebuch geschrieben hat. Örks.

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