WM 2014: Turniertagebuch 1. Tag – das schöne Spiel

Foto: Leandro Neumann Ciuffo (Flickr: Maracanã stadium) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

Foto: Leandro Neumann Ciuffo (Flickr: Maracanã stadium) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

Wir haben keinen Sonderkorrespondenten vor Ort in Brasilien, unsere WM findet im Fernsehen statt, bei Public Viewings, in den Kneipen, wo Männer sich treffen, die Fußball leben und atmen und das Spiel lieben. Hier schreibt Chris Kurbjuhn spieltäglich sein WM-Tagebuch, kommentiert das Geschehen, erzählt Anekdoten und dummes Fußballzeug und erinnert sich an frühere Turniere. Football, bloody hell!

Heute ist erster Tag der WM, heute Abend geht’s endlich los, um 22 Uhr ist Anpfiff.In den nächsten vier Wochen werde ich spieltäglich hier mein persönliches WM-Tagebuch schreiben, Erlebnisse, Anekdoten, Fundsachen und Erinnerungen aufführen, mal sehen, wie’s wird. Was macht man nun am ersten Tag eines  Tagebuchs, wenn noch gar nichts passiert ist, worüber man Tagebuch führen könnte? Nun, ganz einfach, man schaut voraus. Und ein bisschen zurück.

Die Vorfreude auf die WM 2014 war durchaus getrübt, zu heftig war das, was im Vorfeld über Skandale, Korruption und Misswirtschaft rund um das anstehende Turnier berichtet wurden. Über die FIFA und ihre skandalösen Machenschaften möchte ich aber nicht schreiben, ich könnte eh nur die von John Oliver penibel recherchierten üblen FIFA-Fakten erneut auflisten oder gegen Nilz Bokelbergs ausgezeichneten, bei Facebook veröffentlichten Text gnadenlos abstinken. Machen wir’s kurz: So kann’s nicht weitergehen, und wenn die FIFA nicht irgendwie die Kurve zur Selbstreinigung kriegt, wird ihr noch vor der 2018er WM in Russland ihr eigenes System um die Ohren fliegen.

Sei es, wie’s sei, in Brasilien ist Fußball Volkssport und Ersatz-Religion, und die brasilianischen Fans werden sich – trotz aller notwendigen und berechtigten Proteste – als großartige Gastgeber erweisen. Wenn Fußball-Fans sich treffen, steht immer die gemeinsame Liebe zum „beautiful game“ im Vordergrund, die Freude am schönen Spiel.

Was hierzulande nicht selbstverständlich ist. Hier in Deutschland grassiert ein nachgerade schauerliches Ergebnis-Denken. Dass die deutsche Nationalmannschaft 1996 den letzten Titel gewonnen hat, ist Grund genug, zu fordern, dass entweder sofort ein Titel gewonnen werden MUSS, bzw. dass alle (Bundestrainer, Mannschaft, Mannschaftsbus-Chauffeur) sofort entlassen werden MÜSSEN, wenn es diesmal wieder nicht mit dem Welttitel klappt.

Jeder, der selbst mal ernsthaft Wettkampfsport betrieben hat, weiß, was für ein riesengroßer Quatsch das ist. Im Sport gibt es kein „muss“, sondern nur ein „kann“. Sportlicher Erfolg ist nur bis zu einem bestimmten Punkt planbar. Und alle denjenigen, die einen Titel „fordern“ sei gesagt: bei allen Weltmeistertiteln, die die deutsche Nationalmannschaft bisher errungen hat, war Glück im Spiel. Wenn’s 1954 nicht geregnet hätte… Wenn 74 die deutsche Defensive und vor allen Dingen Sepp Maier nicht so einen herausragenden Tag erwischt hätten… wenn 1990 im Elfmeterschießen des Halbfinals die Engländer die Nerven behalten hätten. Wenn dieses Glück nicht gewesen wäre, wären Dann Herberger, Schön und Beckenbauer schlechte Trainer gewesen, wie jetzt vom noch titellosen Löw gern behauptet wird? Unsinn.

Vor der Erfindung des Schießpulvers war Glück ein mitentscheidender Faktor in jeder Schlacht. Wenn sich die Soldaten im Nahkampf gegenüberstanden, brauchten sie schon fürs nackte Überleben Glück. Da konnte man noch so geschickt mit der Waffe sein, ein dummer Zufall, eine verirrte Klinge und es war aus. In der Antike feierte man deshalb nicht nur den Sieger einer Schlacht, nein, man bewunderte vor allen Dingen den Soldaten, der sich in der Schlacht mannhaft und tapfer verhalten hat, „andreia“ nannten diese Tapferkeit die Griechen, „virtus“ die Römer.

Faszination WM: Fans bei Uruguay-Holland, 2010 - Foto: Marcello Casal Jr/ABr (ABr) [CC-BY-3.0-br], via Wikimedia Commons

Faszination WM: Fans bei Uruguay-Holland, 2010 – Foto: Marcello Casal Jr/ABr (ABr) [CC-BY-3.0-br], via Wikimedia Commons

Und so sehr ich mir auch wünsche, dass endlich mal wieder deutsche Spieler den goldenen Pokal in den Himmel heben, wichtiger ist mir doch, dass Lahm und Co. „andreia“ und „virtus“ auf dem Spielfeld zeigen, und – vor allen Dingen – dass sie guten Fußball zeigen. Mit Löw haben wir Gottseidank endlich einen Trainer, der Wert auf Spielkultur legt und sie fördert. Wer sich nach den Zeiten zurücksehnt, in denen deutsche Nationalmannschaften zweckorientiert durch Turniere rumpelten und spielerisch überlegene Teams durch Primitivität und Härte düpierten, hat diese Zeiten nicht erlebt. Auch wenn wir 86 und 02 mit solchem Fußball die Finale erreicht und mit etwas mehr Glück vielleicht gewonnen hätten… an den Fußball, der damals gespielt wurde, denke ich nur mit Kopfschütteln zurück.

Und das möchte ich nicht mehr. Löw hat mich versaut, Löw hat eine Nationalmannschaft gebaut, die echte Spielkultur hat (wie hierzulande zuvor nur die Europameister-Mannschaft von 1972), eine Mannschaft die kombiniert und mit Intelligenz spielen kann, und die – da lege ich mich mal fest – das Halbfinale erreichen dürfte und mit dem nötigen Glück das Finale gewinnen kann. Kann, nicht muss. Für mich ist wichtiger, dass sie ein schönes Spiel zeigen. Und dieses Virtus-Zeugs. Der Titel wäre aber auch ganz okay.

Zum Abschluss, um zu unterstreichen was ich meine, ein wundeschönes Tor von George Best:

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Video-Link: http://youtu.be/U2HWUbFGHMU

Best war Nordire. Best war nie Weltmeister. Best hat nie an einer WM teilgenommen. Abseits des Platzes war er ein pathetischer Säufer und Weiberheld, wie man so liest. Aber auf dem Platz zeigte er jede nur erdenkliche Taperkeit und spielte Fußball von einer Schönheit, die einem die Tränen in die Augen trieb. Solchen Fußball möchte ich auch in Brasilien sehen. Vier Wochen lang, bitte.

Zum aktuellen Geschehen:
Heute um 22 Uhr Eröffnungsspiel Brasilien-Kroatien. Wird schwer für Brasilien. Die haben seit der Südamerika-Meisterschaft 2011 (im Viertelfinale gegen Paraquay im Elfmeterschießen rausgekegelt) kein ernsthaftes Spiel mehr bestritten, ich bleib dabei, als Gastgeber keine Quali spielen zu müssen ist ein gravierender Nachteil. Und Kroatien kann ein sehr unangenehmer Gegner sein. Ich glaube nicht, dass es ein schönes Spiel wird, ich rechne eher mit dem üblichen Eröffnungsgewürge. Trotzdem, ich tippe auf ein 1:0 für Brasilien. Falls wer gegen meinen Tipp halten will… hier geht’s zu unserem Tippspiel.
Eröffnungsfeier werde ich mir schenken, wenn ich Blatter sehe krieg ich eh Sodbrennen. Ich spiel vorher Skat, mit meinen Kumpels, aber zum Anpfiff sitz ich vor der Glotze. Und hoffe auf ein schönes Spiel.

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2 Responses to WM 2014: Turniertagebuch 1. Tag – das schöne Spiel

  1. AvatarBabypopo says:

    Wenn die Kroaten nicht auf Mandzukic verzichten müssten, würde ich ja glatt auf die Jungs tippen. Das wäre mal was tolles, den Gastgeber im Eröffnungsspiel schlagen.

    Alles ist bereitet. Bier ist im Kühlschrank, der Knabberzeug-Vorrat ist aufgefüllt. Kann losgehen.

    Im Turnierverlauf hätte ich dann gerne – politisch höchst inkorrekt – die Käsköppe, die Froschfresser und die Inselaffen. Zum Nachschlag die schauspielernden Spaghettis. Da ist noch eine Rechnung offen!

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