Buchkritik „Deutschland von Sinnen“: Die Stammtisch-Hoheit

DVSEs ist ungewöhnlich schwer, Akif Pirinçcis Buch »Deutschland von Sinnen« zu rezensieren. Weil man ständig der Versuchung widerstehen muss, die Pressekampagne rund um und gegen das Buch zu rezensieren, denn die hat mit einem deutlich höheren Unterhaltungswert und den interessanteren Fakten aufzuwarten als Pirinçci.
Aber das Thema dieses Blogposts ist nun mal Pirinçcis Buch, und die Rezension desselben können wir gnädig kurz halten: Es ist nicht rezensierbar. Es handelt sich um eine 278seitige Wutrede, in der Pirinçci sehr, sehr ausführlich seine Meinung über den Journalismus in Deutschland sagt (In der Tat schreibt Pirinçci NICHT über Frauen, Homosexuelle und Muslime sondern darüber, wie die Medien über Themenkreise berichten, die diese Menschen betreffen). Und Meinung kann man nicht rezensieren. Zu Meinung kann man »Find ich gut« oder »Find ich nicht gut« sagen, mehr nicht. Trotzdem hab ich noch etwas Senf dazuzugeben.
Kennt ihr diesen Typen, der in der Disco immer am Ausgang steht, neben dem Zigarettenautomaten? Der fast immer Kunstlederjacke trägt und mit den Autoschlüsseln klimpert? Der grundsätzlich immer Streit sucht? Aus dem einzigen Grund, weil er glaubt, gewinnen bzw. recht haben zu können? Genau in die Rolle eines solchen Typen ist Pirinçci geschlüpft. Und hat sich ein Thema gesucht, bei dem jeder Mitreden kann: Dass das alles Unsinn ist, was in der Zeitung steht. Im Fernsehen kommt. Ins Internet geschrieben wird. Hot Shit, in der Tat. Sowas aber auch!
Pirinçci behauptet gleich im Untertitel seines Buchs, es werde hierzulande ein »irrer Kult« um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer inszeniert. Moment. Irrer Kult? Wo, um Himmelswillen? Werfen wir kurz einen Blick auf die Startseiten einiger willkürlich ausgewählter deutscher Nachrichtenportale, jetzt, Mittwoch, 14.5. 2014, 15 Uhr 30: Auf »Spiegel Online«: über 60 Artikel, kein einziger davon zu Pirinçcis Themen. Auf tagespiegel.de: 30 Artikel, davon ein Artikel über übergriffige Jugendliche mit Migrationshintergrund, ein Artikel zum Thema Conchita Wurst (Türkei macht nicht mehr beim ESC mit). Faz.net: über 60 Artikel, ein kritischer Beitrag zum Islamismus an Hamburger Schulen, einer zur Genderproblematik: die Familienministerin versucht, mehr Männer (!) für den Erzieherberuf zu gewinnen. Schauen wir der Vollständigkeit halber noch zu Deutschlands Stammtisch-Postille Numero Uno, der Bild: Ein Artikel über Conchita Wurst, nix über Frauen oder Zuwanderer. Sicher ist das eine nicht-repräsentative Momentaufnahme, aber m. E. ist »irrer Kult« wirklich maßlos übertrieben.
Hier wird das klassische Handwerkszeug des Demagogen bedient: Pirinçci bläst Schein-Probleme auf Über-Lebensgröße auf, piekst dann mit der Nadel hinein und klopft sich selbst dafür auf die Schulter, dass er die Luft rausgelassen hat.
Und so geht es munter weiter. Pirinçci vermengt Behauptungen, Unterstellungen, Provokationen um der Provokation willen mit gelegentlich durchaus ernst zu nehmenden Fakten und Argumenten… Das ganze beginnt für den Leser als Wechelbad zwischen Unglauben, leichtem Amüsement, Ärger, Erleichterung, Wut, Neugier, Gelächter… und nach einer relativ kurzen Weile ist es nur noch anstrengend. Weil man (so ging es mir) wirklich nicht mehr auseinanderhalten kann, was Pirinçci wirklich meint und was er aus der puren Lust an der Provokation sagt. Und natürlich nimmt er damit seinem eigentlichen Anliegen, der Medienkritik, jede Spitze. Pirinçci schafft das Kunststück, sich in die totale Harmlosigkeit hineinzuprovozieren.
Einige Fans und Befürworter preisen Pirinçci für seine Fähigkeiten als Satiriker und seinen amüsanten Schreibstil. Hier kann ich nun endgültig nicht mehr folgen. In der Tat ist der Romancier Pirinçci sprachlich nicht wiederzuerkennen. Er schreibt geschraubt, gekünstelt und benutzt des öfteren die Sprache als Nebelwerfer, um die Substanzlosigkeit seiner Behauptungen zu kaschieren. Das ist weder witzig noch satirisch, das ist einfach nur anstrengend. So als würde der Jahrgangsbeste im Deutsch-Leistungskurs seiner Eitelkeit unbegrenzt freien Lauf lassen, nachdem er eine Pille eingeworfen hat, die ihm ein Unbekannter letzten Samstag in der Disco zugesteckt hat.
Pirinçci hätte es inhaltlich und sprachlich viel besser gekonnt, und das ist das Ärgerliche an diesem Buch: Dass er den leichten Weg der nicht kritisierbaren Suada gewählt hat, statt akribisch Argumente und Belege für seine vermutete Verschwörung des Gutmenschentums zu sammeln. Pirinçci hat ein eminent wichtiges Thema, nämlich die Mutlosigkeit moderner Journalisten, verschenkt. Und es den von ihm kritisierten Journalisten viel zu einfach gemacht, diesem Thema auszuweichen und ihn als »Katzenbuchautor« zum Hofnarren der Neocons zu machen, ihn in die rechte Ecke zu schieben. Und das Thema von der Agenda zu nehmen.
Womit wir zum Fazit kommen können: Buch und Pressekampagne – beides ist ziemlich daneben. Die Presse und Pirinçci ringen um die Stammtisch-Hoheit und schaffen nur eins: Pirinçci zur Stammtisch-Hoheit zu machen.

Akif Pirinçci: Deutschland von Sinnen
Klappenbroschur, ca. 278 Seiten
Manuscriptum Verlag
ISBN 978-3-944872-04-9
17,80 €
auch als E-Book für 14,99 € bei amazon, iTunes und Thalia erhältlich

Disclaimer: Die Fa. nassrasur.com, die dieses Blog finanziert, gehört wie der Manuscriptum Verlag zur Thomas-Hoof-Gruppe. Der Manuscriptum Verlag hat uns ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Wir danken herzlich. Auf den Inhalt unserer Rezension hat niemand Einfluss genommen.

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