Der Schlieffenplan und seine Konsequenzen – Imperial-deutsche Blitzkriegsvorstellungen: August 1914, September 1939

Anlässlich des Medienrummeljahrs 2014 („100 Jahre 1914“) bringen wir einen kritischen Kurz-Essay von Richard Albrecht über den Schliefenplan.

I.

Der Schlieffen-Plan gilt bis heute als einer der kühnsten Operationspläne der Militärgeschichte. Entwickelt vom Chef des Großen Generalstabs der preußisch-deutschen Armee um die Jahrhundertwende, zielte er darauf ab, einen Zwei-Frontenkrieg gegen Frankreich und Russland zu führen und zu gewinnen. Das französische Heer sollte nach einem schnellen Vorstoß durch das neutrale Belgien von überlegenen deutschen Kräften umfasst und vernichtet werden, bevor die russische Armee vollständig mobilisiert und kampfbereit war. Dann sollten die siegreichen deutschen Armeen – falls Russland nach der französischen Niederlage nicht ohnehin zur Aufgabe bereit war – nach Osten verlegt werden, um dort weiter zu kämpfen.“ Soweit das Tausend-Dokumente-Projekt.1

SchlieffenAuch die deutsch(sprachig)e wikipedia geht ausführlich und mit einem kritischen Hinweis auf den Schlieffen-Plan ein: „Der Schlieffen-Plan war ein strategisch-operativer Plan des Generalstabs der preußischen Armee im Deutschen Kaiserreich. Er wurde nach seinem Autor Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen benannt und bildete eine Grundlage der deutschen Operationen zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Der 1905 entwickelte Schlieffen-Plan sah für den Fall eines möglichen Zweifrontenkrieges vor, zunächst die Masse des deutschen Heeres im Westen gegen Frankreich einzusetzen, mit dem Nordflügel die französischen Befestigungen zu umgehen und das französische Heer entscheidend im Rücken zu fassen. Nach einem Sieg über Frankreich innerhalb weniger Wochen sollten die deutschen Truppen nach Osten verlegt werden, um gegen Russland vorzugehen. Schlieffens Absicht war, auf diese Weise den Krieg gegen Frankreich und Russland in zwei aufeinander folgende Feldzüge aufzuteilen. Die Umsetzung des Plans im Ersten Weltkrieg 1914 scheiterte, weil sich die dem Plan zugrunde liegende politische und militärische Ausgangslage inzwischen weiter zu Ungunsten Deutschlands verändert hatte. Der deutsche Angriff auf das neutrale Belgien, das dem Durchmarsch deutscher Truppen nach Frankreich nicht zugestimmt hatte, war Anlass für den Kriegseintritt Großbritanniens […] Der Schlieffen-Plan, den Sebastian Haffner als eine der sieben Todsünden Deutschlands im Ersten Weltkrieg bezeichnete, war Vorbild des späteren Blitzkrieges Hitlers.“2

Und mehr noch – in diesem meistverbreiteten Netzlexikon wird unter „Geflügelte Worte“ durchaus zutreffend ausgeführt: „Als Alfred Graf von Schlieffen 1905/06 aus dem Amt des Generalstabschefs ausschied, hinterließ er seinem Nachfolger Helmuth Johannes Ludwig von Moltke die Denkschrift, welche die Grundzüge des Plans enthielt. Moltke passte den Schlieffen-Plan der veränderten strategischen Lage an. Der offensive rechte Flügel, der durch Belgien stoßen sollte, behielt zwar die im ursprünglichen Plan vorgesehene Stärke, zusätzliche Kräfte wurden aber dem defensiven linken Flügel zugeteilt. Entgegen Schlieffens Rat wurde vom Jahre 1909 ab das Kräfteverhältnis zwischen dem rechten und dem linken deutschen Flügel geändert. Im Plan des Grafen Schlieffen war dieses Verhältnis noch 7:1, nun verschob es sich auf 3:1.“3

II.

Zur Rechtsrelevanz des gescheiterten „Projekts“ „ungestörter ´Durchmarsch´ durch Belgien“, um „wieder zu Hause [zu] sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt“ (so der letzte Deutsche Reichskaiser Wilhelm II.) als Grundvoraussetzung zum „systematischen unmenschlichen Verhalten deutscher Truppen“ (Gerd Hankel) im ersten „großen Weltfest des Todes“ (Thomas Mann)4 wurde Nötiges angemerkt5.

Und doch fehlt die nicht nur spezifisch kriegsbezogene, sondern allgemeiner die weitergehende sozialwissenschaftliche, systematisch-kritische und politik-historische Sicht auf Tiefenschichten der besonderen imperial-deutschen Blitzkriegskonzeption(en) 1914 und 1939. Der letzte Deutsche Reichskanzler führte in seiner zweiten Obersalzberger Geheimrede vor den Oberkommandierenden am 22. August 1939 zum (zunächst auf den 26. August 1939 terminierten, dann auf den 1. September 1939 verschobenen6) Angriff auf Polen zum Blitzkrieg aus: „Generaloberst von Brauchitsch hat mir zugesagt, den Krieg gegen Polen in wenigen Wochen zum Abschluss zu bringen. Hätte er mir gemeldet, ich brauche zwei Jahre, oder auch nur ein Jahr dazu, so hätte ich den Marschbefehl nicht gegeben und mich vorübergehend statt mit Russland mit England verbündet. Denn wir können keinen langen Krieg führen.“7

Auch dies wäre, gerade weil und aus welchen Gründen immer der Schlieffenplan-Komplex als Anathema erscheint8 aus komparatistischer Sicht für ein ideologiekritisches intellektuelles Porträt der historisch doppelt gescheiterten Leitkonzeption des militärischen Unternehemens ‚Blitzkrieg‘ herauszuarbeiten. 

RAlbrechtRichard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom 1971; Promotion 1976, Habilitation 1988/89) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Hg. Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07. Hg. des Netzmagazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. Bisher letzte Buchveröffentlichung 2011: HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

4 Zum Gesamtzusammenhang Wolfgang Michalka, Hg., Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse. München: Piper, 1994

5 Gerd Hankel, Die Leipziger Prozesse. Deutsche Kriegsverbrechen und ihre strafrechtliche Verfolgung nach dem Ersten Weltkrieg. Hamburg: HIS, 2003

6 Zur Terminsverschiebung Richard Albrecht „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Adolf Hitlers Geheimrede am 22. August 1939. Aachen: Shaker, 2007: 52-58

7 Hitler-Zitat nach Albrecht 2007: 90-92, hier 90 [Blatt 1]; Transkription mit quellenbezogenen Hinweisen ebenda: 86-89

8 http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5153 [Tagungsbericht]

Karte Schlieffenplan by Schlieffen_Plan_fr_1905.svg: Lvcvlvs derivative work: Furfur [CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0), via Wikimedia Commons

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