Generation Brüderle

Eigentlich muss man zu Rainer Brüderle nicht viel mehr sagen als: Der Mann ist ein Fossil. Der kommt noch aus der Zeit, als „die Herren“ sich nach dem Essen „zurückzogen“, um in einem dunkel getäfelten Raum bei Zigarren, Zwetschgenschnaps 1 und Zoten beieinander zu sitzen.
Das waren Männer, die zwei verschieden Arten zu lachen hatten. Einmal ihr normales Gelächter, und zum anderen dieses sonor-vollfette „Höhöhöhöhö“ wenn’s „schlüpfrig“ wurde.
„Schlüpfrig“ ist ein Wort, das mit dieser Männergeneration aussterben wird, einer
Generation, die in einer beengten Gesellschaft groß geworden ist. In der die Rollen klar vorgegeben waren. Männer – die Ernährer. Die „Haushaltsvorstände“. Frauen? Machten den Haushalt und die Kinder. Hatten „für die Familie da zu sein“. Und durften nicht meckern, wenn die Männer ins dunkel getäfelte Zimmer gingen, aus dem bald das „Höhöhöhöhö“ zu hören war.
Eine furchtbare Zeit. Miefig. Spießig. Vor allen Dingen lähmend langweilig. Und noch gar nicht so lange her.
Für diese Generation wurde es erst in den 70er, 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ungemütlich. Als das schwedische Möbelhaus IKEA zum Maßstab aller Einrichtungsdinge wurde, denn seit damals sind dunkle Täfelungen sowas von out, das gibt’s gar nicht. Dann hörte man auf, harte Sachen zu trinken. Und schließlich kam das elende Rauchverbot… Nichts darf man mehr!
Die einzigen Orte, an denen die verbliebenen Brüderles sich noch heimisch fühlen konnten, waren die Bars konservativer Hotels. Hier dominierten noch dunkles Holz, lecker Cognac und vollfette Zigarren, Wenigstens hier war man noch ganz bei sich. Aber seit man sogar hier vor Damen nicht mehr sicher ist, wird’s endgültig eng für die Generation Brüderle.
Irgendwo, in irgendeinem Kempinski oder Hilton oder Sheraton stehen jetzt die letzten alten Männer an der Bar, geben sich Feuer und sind traurig, weil „der Rainer“ nicht mehr kommen darf.
„Eine Schande ist das.“ – „Hat sich reinlegen lassen.“ – „Konnte ja nicht ahnen, dass so ’ne neunmalkluge Schlampe mit Galanterie alter Schule nichts anfangen kann.“ – „So sieht’s doch aus.“ – „Naja, Schwamm drüber, das Leben geht weiter. Weiß jemand einen neuen Witz?“ – „Aber ja. Der ist allerdings… Sind Damen anwesend?“ – „Gottseidank nicht!“ – „Höhöhöhöhö!“

 

  1. der Alliteration wegen geschrieben, meistens gab’s Cognac
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