Where The Flavour Was…

Eine Vorschau auf einen arte-Themenabend über das Rauchen

Mein Lieblingskino in West-Berlin war das Filmkunst 66, damals noch direkt an der Ecke Bleibtreu-, Niebuhrstraße gelegen. Ein Flachbau mit riesigem Vorführsaal, vierzig Sitzreihen, roter Vorhang, gereffte Wandbehänge. Ich kam immer gerade dann in die Vorstellung, wenn ein leichter Wind das Präriegras auf der Zwanzig-Meter-Leinwand wogen ließ. Pferde schnaubten, Sonnenuntergang, die Zippos klickten: Zigaretten-Werbung.

Eines Abends wollte der Ausflug nach Marlboro-Country kein Ende nehmen. Immer neue Einstellungen zeigten die nordamerikanische Grassteppe im Abendlicht, überwölbt von phantastischen Wolkengebirgen. Als die Cowboys dann auch noch eine Unterhaltung begannen, musste ich lachen. Das war ja bereits der Hauptfilm!

Es war ein genialer Einfall der Werbeagentur von Philip Morris, die Zigarettenpause mit starken Bildern des Western-Genres zu verbinden. Ein männliches Verlangen nach „Freiheit und Abenteuer“ und große Erzählungen wurden mit dem kurzen Genuss aus der Schachtel verknüpft. Man musste das nicht zu Ernst nehmen, konnte sich auch selbstironisch auf die Versprechen des Markenimages beziehen. „Come to where the flavour is“ war eine Verlockung, die Marlboro zur meistverkauften Zigarette machte.

Wie ärmlich dagegen der aggressive aktuelle Slogan „Don‘t be a maybe“, den man treffend nur mit „Sei kein Schlappschwanz!“ übersetzen kann. Soll das die Antwort auf die von den EU-Gesundheitsministern verordneten Warnaufkleber sein? Der Western-Fan weiß, wie die Geschichte weiter geht. Denn solche Parolen ruft beim Rückzugsgefecht der Bösewicht, der bald mit dem Gesicht im Staub liegen wird.

Am Sonntag soll uns auf arte erzählt werden, wie es dazu kam, dass die Volks- und Lifestile-Droge Zigarette, ihre Konsumenten und Hersteller in die Defensive gerieten. Der Sender kündigt im Abendprogramm vier kurzweilige Beiträge zum Themenabend „Tabak: Die ungefilterte Wahrheit“ an.

Zum Auftakt um 20:15 Uhr wird die bissige amerikanische Film-Satire „Thank You for smoking“ gesendet. Sie handelt vom rhetorisch brillianten und überaus charmanten Tabak-Lobbyisten Nick Naylor, der in atemberaumend frechen Dialogen jede kritische Situation in seinem Sinne meistert: in einer Fernsehshow mit Vertretern von Gesundheitsorganisationen, in einer Anhörung vor dem Kongress, und sogar beim Besuch des krebkranken Marlboro-Manns. Zu einem wunderbaren Panoptikum aus Eiferern und Schurken gehören auch die Kollegin von der Alkoholindustrie und der Waffenlobbyist, mit denen Naylor sich regelmäßig trifft. Wer sich mit einem Appetizer davon überzeugen lassen will, dass er zumindest diesen Beitrag nicht verpassen sollte – die ersten acht Minuten der deutschen Fassung von „Thank You For Smoking“ kann man sich schon einmal auf YouTube ansehen.

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Video-Link: http://youtu.be/jqxc4z7mgxM

Von der Dokumentation „Stört es Sie, wenn ich rauche?“ (21:45 Uhr) können wir eine Zeitreise durch die letzen zwanzig Jahre erwarten – zurück in verqualmte Warteräume und Zugabteile; Wiedersehen mit Politikern und Journalisten, die vor der Kamera rauchen; Fernsehwerbung, die den Sexappeal des Zigarettenrauchers lässig oder elegant in Szene setzt. Und weil es sich um eine französische Produktion handelt, werden wir wohl auch Gilbert Bécaud oder Serge Gainsbourg mit einer filterlosen Gitanes auf der Bühne wiedersehen. Heiter soll es zu gehen, wenn wir mit diesen Erinnerungen konfrontiert werden. Aber es geht auch um die ernste Frage, wie sich der Wandel des Raucher-Images in der Öffentlichkeit und in unseren Köpfen vollzogen hat.

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Video-Link: http://youtu.be/dY9PY4r83p8

Ebenfalls mit Humor wird das Thema des Abends in der Dokumentation einer Entwöhnung „Ich rauche nicht mehr!“ behandelt (22:35 Uhr) und mit dem kurzen Film „Eine letzte Zigarette“ (23:25 Uhr), deren Schlüsselszenen auf dem Raucher-Trottoir vor einem Restaurant spielen.

Nach dem langen arte-Abend über den Rückzug der Zigarette wird die Frage sein, wie es eigentlich weitergeht. Wie werden die Raucher weitere zwanzig Jahre Gesundheitskampagnen und zunehmende gesellschaftliche Verachtung verkraften? Wird die Weltgesundheitsorganisation ihr Ziel eines rauchfreien Planeten erreichen? Vielleicht hat der Konstrukteur Kristoffer Myskja mit seiner „Smoking Machine“ die Antwort gefunden:

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Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=VoBGau9623I&feature=related

Enrico Troebst ist hier bei „Männer unter sich“ Autor in der Smoker’s Corner und schreibt an seinem eigenen september-blog. Dort ist zur Zeit Sendepause – solange, bis ihm zu seinem Thema „Wenn man nicht mehr vierzig ist“ wieder etwas einfällt.

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