Patient kommt von geduldig

„Jetzt hetz´ doch nicht so Florian!“, mokierte sich Silvia.
„Ich muss aber dringend“, entgegnete ich, „sonst mache ich mir noch in die Hose.“
Gemeinsam waren wir an diesem sonnigen Samstagnachmittag durch die Innenstadt geschlendert, um uns den Herbstmarkt anzuschauen, ein Tee hier, ein Glühwein da, so hatten wir uns auf dem Weg von einem Stand zum anderen inzwischen recht weit vom Zentrum entfernt. Das interessierte meine inzwischen prall gefüllte Blase in keiner Weise und so machten wir uns auf den Weg zurück, um in einem Cafe auf die Toilette gehen zu können. Als wir endlich eines erreicht hatten, legten wir unsere Mäntel über die Stühle, mir stand das Wasser buchstäblich bis zum Hals, als mich Silvia mit der Frage überraschte: „Wollen wir uns bei dem schönen Wetter nicht nach draußen setzen?“
„Ich muss ganz dringend!“, entfuhr es mir in einer Lautstärke, so dass sich plötzlich die Blicke aller Gäste kopfschüttelnd auf mich richteten. Ich hörte Getuschel „manche Menschen können sich überhaupt nicht benehmen!“ und „Was für eine impertinente Person!“, eine völlig humorlos wirkende alte Dame musterte mich im Vorbeigehen herablassend von oben nach unten, doch darauf konnte ich keine Rücksicht mehr nehmen und rannte auf die Toilette. Wie schön war das Gefühl, als der Druck endlich nachließ. Doch dann spürte ich erstmals, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte, ich fühlte mich, als stünde ich neben mir, gerade so wie beim Beginn eines grippalen Infekts.
„Du, Silvia, mir geht es gar nicht so gut“, sagte ich ihr, als wir bei einer Tasse Tee draußen vor dem Cafe saßen.
„Was hast du denn?“
„Ich glaube, ich werde krank, ich komme mir vor, als würde ich neben mir stehen.“
„Das hat mit Krankheit gar nichts tun, so kommst du mir häufiger vor!“, grinste sie mich an, „daran wirst du schon nicht sterben.“
Am Abend legte ich mich dann sehr früh ins Bett, ich fühlte mich fürchterlich schlapp. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, bemerkte ich eine schmerzhafte Stelle am Damm, die schon fast so groß wie ein Hühnerei angeschwollen war. Bislang war ich mit meinen 48 Jahren von Krankheiten bis auf Kleinigkeiten verschont worden, diese Schwellung hingegen beunruhigte mich.
„Du Schatz“, weckte ich meine Frau, „kannst du bitte mal schauen, irgendetwas stimmt da nicht.“
„Welches von den drei Eiern soll ich mir denn anschauen?“, fragte sie verschmitzt.
„Ich bin jetzt nicht zum Scherzen aufgelegt.“
„Tut das weh?“
„Auuaaahh“, schrie ich, „mach das bloß nicht nochmal!“
„Das sieht gar nicht gut aus, das ist dick geschwollen und ganz rot, das solltest du von einem Arzt anschauen lassen.“
„Klasse, heute ist Sonntag, da kann ich nur zur Notambulanz ins Krankenhaus fahren.“
Ich machte mich nach dem Frühstück auf den Weg, meine Schuhe konnte ich kaum anziehen, so schmerzte mich das Bücken, ich lief, als hätte ich einen Sattel zwischen den Beinen.
In der Ambulanz bat man mich, zunächst Platz zu nehmen, bis ein Arzt käme. Die Zeit verging und nichts passierte, außer dass ich es auf dem harten Holzstuhl vor Schmerzen kaum mehr aushielt.
„Sie können nun in das Behandlungszimmer zwei gehen.“, wies mich eine freundliche Krankenschwester an.
In dem Behandlungszimmer wartete…niemand, weit und breit war kein Arzt zu sehen. Auf der Uhr konnte ich erkennen, dass ich bereits schon eine Stunde gewartet hatte, zäh und träge bewegte sich der Sekundenzeiger weiter. Nach einer weiteren Viertelstunde betrat eine Ärztin den Raum und sprach mich mit gebrochenem russischen Akzent an: „Was kann ich für sie tun?“
Sie war ungefähr einen Kopf kleiner als ich, ihr Gesicht wirkte hübsch aber irgendetwas störte mich daran, es machte einen zu unschuldigen Eindruck.
„Seit gestern geht es mir, als wenn eine Grippe im Anmarsch wäre und über Nacht habe ich eine schmerzhafte Schwellung am Damm bekommen, so groß wie ein Hühnerei.“
„Und ihr Stuhlgang ist in Ordnung?“
„Ja, völlig normal.“
„Kein Blut?“
„Nein, kein Blut, völlig normal, wie immer.“
„Gut, dann machen sie sich einmal unten frei und legen sich seitlich hier auf diese Bank.“
Mit einem hässlichen Geräusch stülpte sie sich die Latexhandschuhe über ihre langen Finger, ein Grinsen umspielte ihre Lippen, das mich irgendwie stutzig machte. Ich legte mich also mit dem Rücken zu ihr gekehrt auf die Bank und überlegte, wie sie die Schwellung denn untersuchen wollte, denn so war sie bestimmt nicht zu sehen.
„Uuaaahh!“, entfleuchte es mir, ein dünnes abgewinkeltes Etwas bohrte sich drehend in meinen Anus. Unwillkürlich kniff ich meinen Hintern zu.
„Nun bleiben sie doch ganz locker, entspannen sie sich wieder. Wie soll ich sie denn untersuchen?“
Ich versuchte mich zu entspannen, während sich dieses Etwas nun andersherum drehend weiterbohrte und plötzlich wieder herausgezogen wurde.
„Sie können jetzt wieder aufstehen.“
„Und was ist mit der Schwellung?“
„Ach ja, heben sie mal bitte ihr Bein.“
Diesmal blieb ich stark und presste die Zähne aufeinander, als sie auf der Schwellung herumdrückte, dafür trieb es mir fast die Tränen in die Augen.
„So, jetzt können sie wieder aufstehen. Sie sind ganz schön empfindlich“, beschwerte sie sich und zeigte mit ihrem linken Zeigefinger beleidigt auf das mittlere Fingergelenk ihres rechten Zeigefingers, „nur bis hier konnte ich meinen Finger einführen, normalerweise gehe ich bis hierhin ´rein.“ Dabei rutschte ihr Finger bis an das Ende ihres Zeigefingers, das musste gefühlt mindestens ein halber Meter sein.
Ich schluckte, da hatte ich ja noch einmal Glück gehabt!
„Und ihr Stuhlgang ist wirklich normal?“, fragte sie zum dritten Mal.
„Ja, ganz bestimmt. Aber was habe ich denn jetzt?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher, auf jeden Fall ein Abszess, möglicherweise auch Hämorrhoiden, das müssten wir dann mit einer Rektoskopie nochmals überprüfen“, blitzte sie mich in freudiger Erregung an, „kommen sie bitte Punkt acht Uhr morgen früh hier in die Ambulanz, dann habe ich ihren Fall mit den Kollegen besprochen. Aber sie müssen pünktlich sein, hören sie?“
„Ja, das werde ich, ganz bestimmt.“
„Gut, dann gebe ich ihnen bis morgen noch ein paar Medikamente mit, aber sie müssen unbedingt pünktlich sein!“, wies sie mich nun schon zum dritten Mal an. Ob sie es sonst mit Schwachsinnigen zu tun hatte, fragte ich mich, dass sie alles dreimal erklären musste?
Am nächsten Morgen meldete ich mich pünktlich um acht Uhr bei der Anmeldung.
„Nehmen sie bitte noch ein paar Minuten Platz, der Arzt wird sich gleich um sie kümmern.“
Ich setzte mich wieder auf einen der harten Holzstühle und wartete und wartete und wartete. Da ich vergessen hatte, mir etwas zum Lesen mitzubringen, durchsuchte ich die Zeitungen neben mir auf der Ablage nach etwas Anspruchsvollem. Ich fand nur die üblichen Frauenzeitschriften mit den grellbunten Überschriften, die sich mit Freud´ und Leid der Prominenz beschäftigten. Notgedrungen blätterte ich ein wenig in einer dieser höchst informativen und wahrheitsliebenden Zeitschriften.
Die zwanzigjährige Prinzessin von Abrutschien und Erbin eines märchenhaften Vermögens hatte nach bislang zwanzigjähriger vergeblicher Suche nun endlich ihren Traumprinzen gefunden. Sehr zum Leidwesen ihrer Eltern war er zwar ebenfalls nicht unbedarft, doch entstammte er keinen adeligen Vorfahren. „Wird das ihre Liebe aushalten?“, lautete die mitreißende Überschrift. Mir flossen vor Mitgefühl schon fast die Tränen die Wange hinunter.
Mit der Frage „Hat er einen bösartigen Magenkrebs?“ beschäftigte sich der Inhalt eines weiteren Artikels. Der berühmte Chartstürmer und Entertainer Diddi Sohlen musste wegen Magenbeschwerden untersucht werden. Völlig mitgerissen beruhigte mich dann der Artikel mit der Feststellung, dass es sich nur um eine Magenverstimmung nach übermäßigem Alkoholgenuss gehandelt hatte.
Während ich noch darüber sinnierte, mit welch schweren Schicksalsschlägen doch die Prominenz zu kämpfen hat, wurde ich endlich in ein Behandlungszimmer gerufen, inzwischen war bereits wieder eine Stunde vergangen. Warum ich so pünktlich hier sein sollte, war mir ein Rätsel.
„Sie haben ein Abszess, das am besten heute noch operativ entfernt werden sollte.“, eröffnete mir ein Chirurg ebenfalls in russisch klingendem gebrochenen deutsch.
Ich stellte mir die Frage, ob es hier keine deutschen Ärzte gäbe?
„Ist das so nötig?“
„Ja, das ist besser, es besteht die Gefahr, dass sonst der Schließmuskel betroffen wird. Wir können sie heute gegen 15:00 Uhr operieren. Bis dahin bleiben sie bitte nüchtern, essen und trinken nichts. Nach der Operation können sie das Krankenhaus wieder verlassen.“
Ich wurde noch über die Risiken der Operation aufgeklärt, vom Anästhesisten befragt und machte mich nochmals auf den Heimweg. Der Eingriff verlief völlig normal, Silvia nahm mich knapp zwei Stunden später wieder in Empfang.
„Und, wie geht es dir?“, fragte sie.
„Bis auf die dicken Einlagen in der Hose ganz gut. Und in zwei Tagen muss ich zur Nachuntersuchung kommen.“
Zwei Tage später fand ich mich also wieder in der Ambulanz ein. Eine halbe Stunde hatte ich bereits wartend verbracht, als ich nochmals in der Anmeldung nachfragte, warum das so lange dauerte. Der Chirurg hatte mir nach der OP gesagt, die Nachuntersuchungen wären nur von kurzer Dauer und ich käme schnell an die Reihe.
„Sind sie Herr Frank Pach aus Kleinfriedheim, geboren 1993 und gesetzlich versichert über die DKA?“, fragte mich die ältere Dame dort.
Ich traute meinen Ohren nicht, „Nein“, entgegnete ich, „mein Name ist Florian Päch aus Hollemoor, geboren 1963 und privat versichert bei der DVK, aber danke dafür, dass sie mich noch so jung einschätzen.“
„Dann entschuldigen sie bitte, da habe ich wohl eine Akte vertauscht.“
Vielleicht sollten sie ihre Augen auch mal auf ihre Sehkraft überprüfen lassen, dachte ich bei mir und setzte mich wieder hin.
Auf der Suche nach intellektuell Anspruchsvollerem als den ganzen Frauenzeitschriften wurde ich diesmal tatsächlich fündig, ich fand einen Artikel, der sich mit dem Selbstmord von Ernest Hemingway beschäftigte. Meinen ersten Gedanken, dass er das aus Frust wegen langer Wartezeiten gemacht haben könnte, sah ich leider nicht bestätigt.
Wieder hatte ich eine Stunde warten müssen, bis ich in einen Behandlungsraum kam, in dem ein Behandlungsstuhl stand, wie man ihn in gynäkologischen Praxen findet. Der Arzt, der mich operiert hatte, bat mich, mich wieder frei zu machen und darin Platz zu nehmen.
„Das sieht gut aus“, meinte er, „das wird in den nächsten Wochen komplett zuwachsen. Das muss es auch, damit es zu keinem neuen Abszess kommt. Nicht erschrecken, jetzt wird es kurz kalt.“
Er sprühte eine Desinfektionslösung auf die Wunde, danach war ich entlassen, ich hatte nicht einmal fünf Minuten dort verbracht.
„Kommen sie bitte am Ende der Woche wieder.“, mit diesen Worten wurde ich verabschiedet.
Zwar war ich beim nächsten Mal schlauer und brachte mir selbst etwas zu lesen mit, es änderte aber weder etwas an meiner Wartezeit, noch an der Begutachtungsdauer. „Ist es eigentlich erforderlich, dass ich jedes Mal solange warten muss? Für diese kurze Begutachtung?“
„Nein“, erklärte mir der Arzt, „sagen sie doch beim nächsten Termin an der Anmeldung, dass sie nur zur Nachkontrolle kommen.“
Ja, wenn das so einfach ist, ärgerte ich mich, warum habe ich dann nicht schon früher danach gefragt? Sicherheitshalber nahm ich aber wieder etwas zum Lesen mit.
„Ich komme nur zur Nachkontrolle.“, erklärte ich dann auch brav wieder der Dame an der Anmeldung bei meinem letzten Termin.
„Gut, dass sie darauf hinweisen, dann weiß ich bescheid. Nehmen sie bitte noch ein paar Minuten Platz.“
Während ich darüber las, wie Mao Tse Tung seinen Landsleuten etwas vormachte, um von seinen Misserfolgen abzulenken, musste ich feststellen, dass fast jeder, der nach mir kam, in einer der Behandlungsräume verschwand. Belustigt schaute ich auch der Spinne zu, die zwischen meinen Beinen und dem Stuhlbein ein Netz spannte. Ob sie es wohl schaffen würde, ihr Werk fertig zu stellen, bis ich an die Reihe käme? Mehrere Fliegen hatte sie bereits in Fäden eingewickelt und ich kämpfte mit dem Schlaf als schließlich der erlösende Aufruf kam: „Herr Päch, kommen sie bitte?“
Der Arzt hatte recht behalten, wenn man darauf hinweist, zur Nachkontrolle zu kommen, braucht man keine Stunde zu warten, inzwischen waren beinahe zwei Stunden vergangen. Ich dachte an meinen Lateinunterricht zurück: Nicht umsonst leitet sich der Begriff „Patient“ von dem lateinischen Wort „patiens“ ab, das heißt „geduldig“.

(nach einer wahren Begebenheit)

 Thomas Fischer ist freier Versicherungsmakler und entdeckte im letzten Jahr auf Empfehlung seiner Frau die Freude am Schreiben. Ursprünglich am Niederrhein geboren, verschlug es ihn der Liebe wegen in die kleinste Sprachinsel der Welt, ins Saterland. Er ist seit 33 Jahren begeisterter Flugmodellbauer.

Foto: RainerSturm/pixelio.de

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