When you feel the feeling you was feeling…

"I'd rather have that piano than a wife. 'Cause that piano ain't goin' to leave me." Champion Jack Dupree

Es gab eine Zeit, in der der größere Teil von Berlin noch West-Berlin hieß. In dieser Zeit war die Potsdamer Straße, die sich durch Schöneberg und Tiergarten zieht, tagsüber wie heute auch eine öde, leicht schmuddelige Straße, in der angejahrte Nutten sich die Füße platt standen, nachts aber verwandelte sich das nördliche Ende der „Potse“ in das Mekka von Jazz, Rock und Blues. Dann öffnete das „Quartier Latin“ seine Pforten, eine begnadet verranzte Concert Hall, in der beinahe alles auftrat, was damals Rang und Namen hatte bzw. später bekommen sollte. Fans der langen Westberliner Nächte bekommen heute noch leuchtende Augen, wenn sie an die Konzerte im Quartier denken.

Meine Augen leuchten besonders hell, wenn ich an die Abende mit Champion Jack Dupree denke. Champion Jack pflegte mit einem großen Bier in der Hand auf die Bühne zu schlurfen, stellte das Bier auf dem ziemlich verwitterten Piano ab und griff in die Tasten. Und dann pflügte er so an die zwei Stunden durch sein riesiges Blues- und Boogie-Repertoire, leerte nicht nur das mitgebrachte Bier sondern zahlreiche weitere, die ihm zusammen mit einigen „Conjäcks“ auf die Bühne gereicht wurden, und erzählte in den Pausen zwischen den Titeln aus seinem bewegten Leben.

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Video-Link: http://youtu.be/8kusbmmeCgM

Und Champion Jack hatte einiges bewegt in seinem Leben. Er erzählte von gefährlichen Begegnungen mit dem Ku-Klux-Klan, von Joe Louis, der ihn überredete, es mit dem Boxen zu versuchen (davon zeugten 107 Profi-Kämpfe, der Gewinn der „Golden Gloves“ und das „Champion“ in seinem Namen), von seiner Zeit als Schiffskoch bei der Navy, von zwei Jahren Kriegsgefangenschaft in Japan und von unzähligen Nächten an den Pianos mehr oder minder zweifelhafter Etablissements, in denen er mit den Giganten des Blues gespielt hat: Georgia Tom, Willie Hall, Big Bill Broonzy…

Champion Jack war vielleicht nicht der begnadetste aller Pianisten, aber was Boogie und Blues anging, da machte ihm keiner was vor. Der rollende Rhythmus trug ihn und uns durch den ganzen Abend, schließlich auf die nächtliche Potsdamer Straße hinaus, und er begleitete uns noch auf dem Heimweg (der vielleicht nicht ganz pfeilgerade verlief). Ich jedenfalls hab nie wieder einen Musiker erlebt, der den Blues so verinnerlicht hatte, wie dieser Kerl, der im Quarteir Latin auf das alte Piano eindrosch und Geschichten erzählte.

Heute vor 20 Jahren ist Champion Jack Dupree gestorben.

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Video-Link: http://youtu.be/qTvyRP2iQ7k

Foto: myself (myself) [CC-BY-3.0], durch Wikimedia Commons

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2 Antworten zu When you feel the feeling you was feeling…

  1. Avatarseptember-blogger sagt:

    Mensch, Chris, genauso war’s!
    Das ist wirklich schön erzählt!
    Träne im Knopfloch …

  2. Danke. Träne im Knopfloch hab ich auch jedesmal, wenn ich am ehemaligen Quartier (jetzt Wintergarten) vorbeikomme. Was ein Laden! Was eine Zeit…

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