Winter Cycling

Radfahren im Winter

Letzte Woche: Mein Kollege Herr B. ist ins beschauliche Efferen gezogen, damit er es nicht so weit zur Arbeit hat. Morgens treffe ich ihn dann fluchend im Treppenhaus, weil er keinen vernünftigen Parkplatz gefunden hat. Warum er denn nicht die paar Meter mit dem Rad fahre? Am alten Stammsitz unseres Verlages in Rüttenscheid sei er doch schließlich auch geradelt. “Nee, fürs Fahrrad ist zurzeit keine Saison.”

Keine Saison? Moment mal!

Zugegeben, irgendwie hat er ja Recht. Das Rennen der fallenden Blätter – die classica delle foglie morte – bzw. die Lombardia, wie sie ab dem nächsten Jahr offiziell heißt, war am 15. Oktober. Der Schweizer Olli Zaugg holte sich auf der Strecke von Mailand nach Lecco sensationell den ersten Sieg seiner Profikarriere. Monument fünf des Radsports ist also abgefeiert. Im internationalen Profikalender ist Schicht im Schacht.

Die Karbongeschosse der Profis werden eingetütet und auf den Weg ins australische Adelaide geschickt, wo am 12. Januar zwischen Rebstöcken und Olivenbäumen mit der Tour Down Under die Saison 2012 eingeläutet wird. Aber was bedeutet das für uns? Nichts! Wir müssen nicht pausieren.

Radfahren ist ja nicht nur Profisport, sondern auch eine praktische Angelegenheit, um zügig, preiswert und mit Fun-Faktor von A nach B zu kommen. Auf die plärrenden Smartphones, mit denen unserer verweichlichten und schniefenden Möchtegern-Superstars ihre Fahrten von und zu den Bildungstempeln der Republik im ÖPNV orchestrieren, verzichte ich auch gerne.

Ist Radfahren im Winter nicht schweinekalt und saugefährlich?

Ist es nicht schweinekalt und gefährlich sich als Untrainierter am 2. Weihnachtstag auf irgendeiner schwarzen Abfahrt ins Tal zu stürzen? Also.

Sehen wir uns die Sache einmal genauer an:

Ist es schweinekalt? Nein, im Gegenteil: Anfangs habe ich den Fehler gemacht und zu warme Klamotten angezogen. Auf meiner Hausstrecke geht es die ersten 4 Kilometer stramm bergauf. In voller Montur mit Parka und Wollmütze hatte ich derart viel Dampf produziert, dass ich die Brille abnehmen musste.

Mit dem Zwiebelschalenprinzip kann man sich gut an den eigenen Winter-Bike-Dress herantasten:

Schicht 1

Unterwäsche. Baumwolle kommt für mich nicht in Frage (Cotton kills). Die klebt nach kurzer Zeit mit Schweiß getränkt wie ein nasser Sack am Körper. Sie trocknet nicht gut und dann kann es doch schweinekalt werden. (Merino-)Wollhemden und spezielle Funktions-Shirts sind erste Wahl. Wobei Funktions-Shirts, besonders mit Windshield, bei langen Abfahrten sehr gut sind, Woll-Shirts aber weniger müffeln.

 Schicht 2

Hier scheiden sich die Geister. Fleecepulli? Vielleicht schon zu warm. Mir reicht meistens ein langärmeliges Wintertrikot. Eine lange eng anliegende Laufhose ist gut. Spezielle Winterhosen mit Sitzpolster sind besser.

Schicht 3

Windweste, Softshelljacke (an sehr kalten Tagen klasse), Rainbreaker? Da hilft nur der morgendliche Blick aus dem Fenster bzw. das richtige Kleidungsstück im Rucksack. Lange Radhandschuhe sind besser als Skihandschuhe. Sehr gut sind auch Schlauchtücher, die man sich nach Lust und Laune als Bandana, Stirnband oder Sturmhaube über den Kopf ziehen kann. Wer mit Klickpedalen fährt, für den können Überzieher (Spritzbeutel) für die Schuhe oder spezielle Wintertreter einlohnender Kauf sein.

Schicht 4

Reflexion – die Biker-Schicht. Das ist keine klassische Zwiebelschicht, aber ohne die geht’s im Winter nicht. Eine Warnweste für 2 EUR aus dem Baumarkt tut’s für mich. Wer tiefer in die Tasche greift bekommt für das zehnfache Budget deutlich schickere und ausgereiftere Textilien beim Fachhändler oder im einschlägigen Versand. Wem das alles zu lästig und aufdringlich ist, der sollte wenigstens Reflexbänder irgendwo hinpappen. Es macht einen enormen Unterschied in puncto Sichtbarkeit für Autofahrer – ehrlich.

Zwei Kleidungsstücke, die man nur bei Radfahrern antrifft, seien noch erwähnt: Arm- und Beinlinge. Die nehmen nicht viel Platz im Rucksack weg und man macht mit ihnen besonders in der Übergangszeit eine gute Figur.

Ist es saugefährlich? Nein, wenn ihr ein paar Punkte beachtet, gehört Windschutzscheibekratzen der Vergangenheit an.

Licht

Ohne geht’s nicht. Es ist einfach zu gefährlich. Wer mit dem Trekking-, City-, oder was weiß ich denn -Bike zum Supermarkt um die Ecke unterwegs ist, für den sind Nabendynamos und fest installierte Lampen und Reflektoren gemäß § 67 StVO das Mittel der Wahl. Wer aus der voll beleuchteten Stadt raus fährt, braucht – StVO hin oder her – andere Kaliber.

Als Abschlussleuchte tut es so eine kleine Steckleuchte mit einem Kranz-LEDs aus dem Discounter für 4 bis 5 EUR. Fahre ich seit Jahren ohne Probleme. Viele Rennradler haben blinkende Rücklichter. Mir gefallen sie nicht, da sie nachfolgenden Verkehr eher irriteiren als Orientierung zu geben.

Für die Beleuchtung nach vorne ist eine Helmlampe am besten geeignet, da sie immer in Blickrichtung leuchtet. Bei manchen Modellen ist die Befestigung allerdings ein wenig fummelig. Wer nicht im Gelände unterwegs ist, für den ist eine Lampe, die am Lenker befestigt wird eine gute Option – oder eine Kombi aus Helm- und Lenkerlicht. Viele von Euch habe hochwertige Taschenlampe. Es lohnt sich auf alle Fälle zu prüfen, ob der Hersteller eine passende Helm-/Fahrradhalterung im Programm hat.

Wer eine ausgewiesene Radlampe kauft, sollte darauf achten, dass der Akkupack mit einem langen Kabel versehen ist, das man Körpernah verstauen kann, denn Kälte erhöht die Standzeit der Akkus nicht. Merke: Zu hell gibt es nicht – allerdings sollte sich die Leuchtstärke in mehreren Schritten an die eigenen Bedürfnisse anpassbar sein.

Schutzbleche

Besonders Mountainbikes schaufeln jede Menge Dreck und Schlamm auf den Fahrer. Bei den Fendern kommt es nicht nur auf die Länge an, sondern breit sollten sie auch sein. Moderne Bleche aus Kunststoff kosten so um die 20 EUR und sind meistens ohne Werkzeug in Sekunden montiert. Auch für Rennräder gibt es Stecksysteme, die ganz gut funktionieren – besonders, wenn sie mit Mudflaps ausgestattet sind. Wer das uncool findet, kann ja mit voll geschlammter Brille und nassem Rücken fahren.

Bereifung

Ohne Profil kein Gripp. Wer mit dem Mountainbike fährt, hat meistens schon eine geländegängige Bereifung drauf. Aber auch für Rennräder gibt es Reifen mit Stollenprofil. Das ist kein Gimmick, sondern es sind hochentwickelte Reifen, die beispielsweise bei den Cyclocross-Rennen in Belgien zum Einsatz kommen. Damit macht man auf laubnasser Fahrbahn oder auf dem Forstweg eine deutlich bessere Figur als mit geklebten Schlauchreifen auf der Carbonfelge.

Wer bei Eisregen auf spiegelglatter Fahrbahn nasedrehend an den frustrierten Autofahrern vorbei zirkeln will, kauft Spikes. Die gibt es auch in allen Varianten von den großen Herstellern. Spikes krallen sich förmlich ins Eis. Ansonsten haben sie einen üblen Rollwiderstand und sind teuer.Die Anschaffung sollte daher gut überlegt werden, denn die Tage im Jahr, an denen sie wirklich sinnvoll einsetzbar sind, kann man in unseren Breiten oft an einer Hand abzählen. Wer nicht dauernd Mäntel umziehen will (und wer will das schon?), braucht einen zweiten Laufradsatz. Besser noch ein komplettes zweites Rad.

Wartung

Ist besondere Winterwartung nötig. Nö, eigentlich nicht. Ein sauberer Antrieb und eine gepflegte Kette machen sich immer gut. Die Tauchrohre an den Federelementen hält man sowieso sauber. Allein bei den Reifen sollte man an die Untergrenze des vom Hersteller empfohlenen Drucks gehen. Die Pneus liegen einfach mit mehr Fläche auf dem Weg und der Rollwiderstand nimmt praktisch nicht zu.

Kette rechts!

Foto Winterrad: Udo Nowak  / pixelio.de
Foto Zwiebel: Amada44 (Eigenes Werk) [Public domain], durch Wikimedia Commons

Foto Zwiebelprinzip: by OriginalK (Own work) [CC-BY-SA-3.0)], via Wikimedia Commons 
Foto Teamkollege von Udo Bölts: Rocco Pier Luigi, User:Moroboshi (Own work) [CC-BY-SA-2.5], via Wikimedia Commons 

 

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2 Antworten zu Winter Cycling

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