Wolle mer se neilasse?

Karla Viper

Nichts Böses ahnend saß ich gerade in meinem Büro und öffnete die Post, als die Bürotür aufging. Ich hatte mich eigentlich auf ruhige Arbeitsstunden ohne Laufkundschaft eingestellt, denn bei diesem Wetter mochte kein normaler Mensch das Haus verlassen. Der Wind trieb eisige Kristalle durch die Luft, die wie winzige Rasierklingen in jedes Stück unbedeckter Haut fuhren. Der auf den Straßen gefrorene Schnee trug dazu bei, dass kaum jemand ohne einen notwendigen Grund hinausging, weil er Gefahr lief, sich auf dem glatten Boden ernsthaft zu verletzen.
Eine dampfende Tasse Tee und leise Musik aus dem Radio sorgten für eine wohlige Atmosphäre in meinem Büro. Nicht einmal ein Klingeln des Telefons störte diese Ruhe. Doch unvermittelt hielt der Winter in Form einer weiblichen Person Einzug, die die äußere Kälte wie eine zweite Haut übergestreift zu haben schien, denn im gleichen Moment fiel zunächst der Dampf über meiner Teetasse als feiner Schnee zurück auf den Tisch.
Besonders hübsch konnte ich meine Besucherin nicht nennen, wenig Humor schien ihr wegen der heruntergezogenen Mundwinkel eigentümlich zu sein. Deren scharfen nach unten zeigenden Falten unterstrichen noch ihre harten Gesichtszüge. Selbst der Gang in den Keller dürfte dieser Frau kaum genug Einsamkeit verschaffen, um auch nur die Andeutung eines Lächelns auf ihre Lippen zu zaubern. Genauso farblos wie sie selbst wirkte ihre Kleidung. Eine solche Person hatte ich zuletzt erleben müssen, als mein Sohn in den Vorbereitungen zu seiner Erstkommunion steckte und ich als Elternteil ebenfalls den Bekehrungsversuchen des Pfarrers ausgesetzt war. Unterstützt wurde der Kirchenvertreter damals von einer Frau, Typ „alte Jungfer“ mit Haaren auf den Zähnen, die ihr einziges Heil offensichtlich nur noch in der Glaubensvermittlung mit dem Feingefühl eines Dampfhammers suchte. Wegen dieser Erfahrungen vermutete ich auch diesmal wieder zunächst eine kirchliche Repräsentantin.
„Guten Tag, mein Name ist Karla Viper, ich bin Mitglied des Karnevalsvereins „Der fidele Lachsack“.“
Völlig überrascht von dieser unvermuteten Offenbarung und im Kampf, ein Lachen zu unterdrücken, bat ich die Dame, Platz zu nehmen. Ohne erkennbaren Grund verstummte plötzlich die Musik, während ich die Bildung der ersten Eiskristalle in meinem gerade eben noch fast kochend heißen Tee wahrnahm.
Die Frau ließ ihren Mantel selbst dann noch bis zum Hals zugeknöpft, nachdem sie sich stocksteif hingesetzt hatte. Mit bitterer Miene fuhr sie fort: „Unser Karnevalsverein „Der fidele Lachsack“ feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass geben wir ein Sonderheft heraus, in dem örtliche Firmen sich mit einer Werbung präsentieren können. Wollen Sie auch?“
Der Gedanke, warum gerade diese wie ein Handlanger des Todes wirkende Frau Mitglied in einem Karnevalsverein war, ließ sich nicht verscheuchen: Sollte die Fröhlichkeit der fidelen Lachsäcke nur über ihre Verbitterung hinwegtäuschen? Oder verkörperte sie das Omen für einen Karnevalsverein, der seinen Zenith bereits überschritten hatte? Wie dem auch sei, ohne Grund bringt es kein Verein auf eine fünfzigjährige Tradition daher traf ich eine fatale Entscheidung.
„Was soll denn die Werbung kosten?“
„Unser Heft hat das Format DIN A5, das sind 148 Millimeter in der Breite und 210 Millimeter in der Höhe“, startete Sie in einem eisig monotonen Tonfall, den sie konsequent weiterführte.
„Die kleinste Anzeige wäre eine achtel Seite, das sind entweder 18,5 Millimeter in der Breite und 210 Millimeter in der Höhe oder 148 Millimeter in der Breite und 26,25 Millimeter in der Höhe und kostet Sie € 12,50. Die nächste Größe ist eine viertel Seite…“
Obwohl sie bislang nur kurz geredet hatte, zog die Schwerkraft unterstützt von der Monotonie des Vortrages zunehmend an meinen Augenlidern. Inzwischen fand sich in meiner Teetasse ein völlig durchgefrorener brauner Eisblock, das Blut war aus meinen Händen entwichen, selbst meine Gesichtszüge begannen sich zu verhärten.
„…die halbe Seite kostet Sie € 50,00, als nächstes dann…“, ratterte sie unentwegt weiter.
Mein Heil sah ich einzig nur noch in einer schnellen Entscheidung für einen Werbeplatz.
„Sie haben mich überzeugt, ich nehme eine halbe Seite“, unterbrach ich sie.
„Dann brauche ich von Ihnen noch ein Logo und den Text. Hier ist meine Visitenkarte, dahin schicken sie alles. Die Rechnung stellen wir ihnen anschließend. Haben sie noch Fragen?“
„Nein, nein“, ein „Euer Gnaden“ konnte ich mir gerade noch verkneifen.
Mit einem beinahe drohend wirkenden „Auf Wiedersehen“, verließ sie fast hinaus gleitend mein Büro. Ich öffnete zunächst einmal alle Fenster und Türen, denn ich befürchtete, der Depression zu verfallen, der Körper war zwar gegangen, aber die von ihm verbreitete Aura schien sich krampfhaft in den Ecken des Büros festsetzen zu wollen. Plötzlich erfüllte erneut leise Musik den Raum, der Eisklotz in meiner Teetasse begann zu schmelzen, langsam wich die leichenartige Fahle meiner Hände einem gesunden Farbton.
Die frische Luft tat mir gut und vertrieb die bösen Geister. Bereits nach wenigen Minuten konnte ich meine Arbeit wieder unbelastet aufnehmen, die von der Kälte verhärteten Gesichtszüge lösten sich in ein entspanntes Grinsen auf, das noch eine geraume Weile auf meinen Lippen lag.

Abbildung: Klaus Heilmann, Kunstmalstudio Oldenburg

Thomas Fischer ist freier Versicherungsmakler und entdeckte im letzten Jahr auf Empfehlung seiner Frau die Freude am Schreiben. Ursprünglich am Niederrhein geboren, verschlug es ihn der Liebe wegen in die kleinste Sprachinsel der Welt, ins Saterland. Er ist seit 33 Jahren begeisterter Flugmodellbauer.

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2 Antworten zu Wolle mer se neilasse?

  1. AvatarRobert sagt:

    Schön eingefangen, Thomas. Lesenswert!

    • AvatarThomas Fischer sagt:

      Danke Robert! Ich möchte aber an dieser Stelle auch nicht Chris Kurbjuhn unerwähnt lassen, der mir mit Rat zur Seite stand, um die Geschichte in diese Form zu bringen.

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