Haudegen?

Seit ein paar Monaten geistert ein Phänomen namens „Haudegen“ erfolgreich durch die Ohren Musik hörender Männer. „Haudegen“ ist eine Band, gefrontet von Hagen Stoll (in einem vorigen Leben u.a. als Rapper Joe Rilla unterwegs) und Sven Gillert, der Musikstil schwankt zwischen Deutschrock und Schnulze, das im Mai veröffentlichte Doppelalbum „Schlicht und ergreifend“ kam in die Top Ten und das Image von Haudegen ist… anders. Wirklich nicht metro-sexuell. Eher retro-männlich? Mit Sicherheit minutiös durchkalkuliert. Schauen wir mal…

Alles klar. Der Testosteron-Spiegel steht auf Anschlag, Klaus Lage haben sie komplett und ihr Manufactum-Katalog ist voller Eselsohren. Männlicher geht kaum.
Als ich das Video zum ersten Mal durchgeschaut habe, hab ich gleich auf „nochmal abspielen“ geklickt, weil ich nicht glauben konnte, was für ein durchgeknalltes Bekenntnis zu Postkarten-Männlichkeit, Pfadfinder-Lagerfeuer-Träumen und hemmungsloser Sentimentalität ich da gerade gesehen und gehört hatte. Der zweite Klick war ein Fehler, denn spätestens beim zweiten Hören hat sich der Titel gnadenlos im Ohr festgekrallt, den wird man tagelang nicht mehr los. Trotz der etwas fahrig zusammengestoppelten Lyrics. Apropos Lyrics…

Mir steht die Scheiße bis zum Hals,
sieh mich nicht so an.
Denn ich tue was ich kann.
Ich bin ein einfacher Mann.

„Einfach“ ist in der Tat das Stichwort. Herrgottnochmal, ein bisschen mehr Mühe könnten sie sich mit den Texten wirklich geben, dieses Gestammel zieht einem ja die Schuhe aus! Andererseits stimmt die Atmosphäre des Songs, das Videos ist super produziert, und auch diesen Mut zu komplett Ironie-freier Direktheit muss man erstmal aufbringen. Und dann ist da ja noch…

Okay, wir sind zu Hause angekommen. Jungs bleiben Jungs, Tom Sawyer trifft Huck Finn, es soll wieder so sein wie früher, in der wundervollen Abenteuer-Jugend, die wir niemals hatten. Komm mit ins Hartmut-Engler-Land, der Eintritt kostet den Verstand. Trotzdem muss man auch hier wieder den Hut ziehen: Trotz des eher ungelenk dargebotenen Pathos ist auch das ein sehr, sehr gut gemachtes Video.
Und schaut man sich die Haudegen-Website an, setzt sich der Eindruck totaler Professionalität fort. Hier hat jemand eine männliche Zielgruppe und deren Vorlieben ganz genau analysiert und bedient deren Vorlieben und Abneigungen höchst präzise und mit absolutem Stilwillen.
Was mich letztendlich stört, ist – wie gesagt – die beinahe völlige Abwesenheit von Ironie bei diesem Projekt. Wäre da nicht gelegentlich eine durchaus rührende Tapsigkeit, mit der Haudegen ihre klischee-lastigen Geschichten von Einsamkeit und Wehmut erzählen, dieses weinerliche Designer-Retro-Mannestum wäre unerträglich.
Letztlich bin und bleibe ich in meiner Einschätzung unschlüssig, was die Haudegen-Männer angeht. Denn trotz der zahlreichen Einwände, die ich gegen die Band habe, irgendwo gefallen die mir doch. Marktforschung hin, Zielgruppenkalkül her, ein paar Songs machen wirklich Spaß, und die Jungs kommen auch in Interviews ziemlich sympathisch rüber.
Mich würde interessieren, was andere Männer von Haudegen halten. Vielleicht haben ein paar von euch ja Lust, in den Kommentaren was dazu zu sagen. Oder einfach hier beim Poll was anzuklicken.

Was haltet ihr von Haudegen?

View Results

Loading ... Loading ...
Bitte teilt diesen Beitrag:
Markiert mit , , , , , , , .Speichern des Permalinks.

8 Responses to Haudegen?

  1. Erstaunlich viele Sakralmusik-Fans hier. Anscheinend hab ich die Leserschaft dieses Blogs vollkommen falsch eingeschätzt.

  2. TimW says:

    Ich persönlich habe einen eher breit gestreuten Musikgeschmack. Jazz, Muse, Prinzen, Grönemeyer, Metal, ein wenig Klassik, Chansons (schreibt man das so?). Das hier allerdings sieht mir weniger nach Musik aus als nach unter marketing-Punkten entworfenen Charakteren. Bei mir kommt der Gesang nicht so an, als wäre er aus Überzeugung gesungen. Vielleicht ist aber die Stimme auch zufällig einfach nicht mein Geschmack, das möchte ich nicht ausschließen. Wenn die Songs nämlich doch „echt“ sind und ehrlich gemeint sind, möchte ich den beiden netten Herren nicht nachts nach heftiger Kritik auf der Straße begegnen ;).

  3. Pingback: Links der Woche - 27.8. bis 2.9. | Männer unter sich

  4. Ansgar says:

    Mir geht es ähnlich wie Tim: Ich kann mit so „gegröhltem“ Gesang (ich weiß, das Wort ist etwas zu hart, schließlich ist Melodie durchaus vorhanden) nichts anfangen.
    Ich finds auch kitschig (Indikator: kein bisschen Gänsehaut beim Hören/Sehen) und kalkuliert.
    Anders als Tim kann ich allerdings Gröhlemeyer auch nicht ab. 🙂

  5. Brit says:

    Hallo????? Wie seit Ihr denn hier drauf! Ihr klingt wie „geleckte“ Leute! Habt Ihr noch nichts im Leben durchmachen müssen? Denn dann würdet Ihr die Texte viel besser von dieser großartigen Band verstehen und mitfühlen können!!! Ich bin zwar eine Frau, aber mein Freund hört Haudegen genauso gerne wie ich! Und er ist ein gestandener Mann!!! Ich war auch schon auf einem Konzert und hab die Jungs danach getroffen und scheiße ja… die sind absolut echt!!! Also erstmal treffen und überlegen und dann urteilen!!!

  6. Barrakus says:

    @Brit
    Ich denk mal hier ist keiner Irgendwie drauf 😉
    Das die Jungs “echt” sind denke ich mal bezweifelt hier niemand, etwas anderes ist das musikalische, und dieses ist nun mal Geschmackssache.

    Persönlich kann ich den folgenden Absatz nur Zustimmen.

    Okay, wir sind zu Hause angekommen. Jungs bleiben Jungs, Tom Sawyer trifft Huck Finn, es soll wieder so sein wie früher, in der wundervollen Abenteuer-Jugend, die wir niemals hatten. Komm mit ins Hartmut-Engler-Land, der Eintritt kostet den Verstand. Trotzdem muss man auch hier wieder den Hut ziehen: Trotz des eher ungelenk dargebotenen Pathos ist auch das ein sehr, sehr gut gemachtes Video.

  7. Reinhold says:

    Also irgendwie muss ich was verpasst haben. Seit Frühjahr letzten Jahres lese ich hier mit und doch ist das hier an mir vorübergegangen. Da ich ein wenig zeit hatte, nahm ich mir vor die mir fehlenden Artikel zu lesen. Es hat sich gelohnt, ich finde die Burschen grandios ist vielleicht übertrieben aber richtig gut, trifft es.

    Danke fürs vorstellen

  8. Haudegen Ehrengarde says:

    Hallo erstmal,mein Mann und ich führen die Haudegen F.A.M.I.L.Y und die Haudegen Ehrengarde bei Facebook.Die Gruppen umfassen insgesamt knapp 2500 Haudegen-Fans. Wir waren schon sehr oft auf Konzerten von den Jungs,und durften sie auch privat kennenlernen,und wir müssen einfach sagen,da stecken zwei Männer dahinter,die so sind wie sie sind.Ehrliche Texte mit Gefühl,die endlich mal die Wahrheit ans Licht bringen,und trotzdem ganz Mann sind.Sie wollen auf vergessene Werte aufmerksam machen,und das gelingt ihnen ganz gut.Denn wenn man sich mit Haudegen/innen trifft um mal zu feiern oder nur einfach mal so trifft,merkt man schnell das das wahre Freundschaft ist.Man kann aufeinander zählen,na klar gibts hin und wieder auch mal ein schwarzes Schaf unter der ganzen Haudegensippe,aber den nimmt man trotzdem mit,um ihm zu zeigen,wie es richtig ist.Für mich ist Haudegen nicht nur eine Band,nein für mich ist Haudegen eine Lebenseinstellung.Gruss Tamy und Andre

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.