Hamburg trockengelegt

Ab morgen ist in Hamburg Schluss mit lustig, bzw. man muss in der Hamburger U-Bahn ohne Alkohol lustig sein: Ab dann darf in den Bussen, Bahnen, Bahnhöfen und an den Haltestellen des HVV kein Alkohol mehr getrunken werden bzw. keine geöffnete Flasche mit einem alkoholischen Getränk mit sich herumgetragen werden. Im bzw. aus Prinzip wäre dagegen wenig zu sagen, hier haben wir ja schon vor mehr als einem halben Jahr begründet, warum es geeignetere Orte als Busse und Bahnen gibt, um sein Bier zu trinken.
Jedoch beschleicht einen ein leiser lauter Unmut, wenn hierzulande mal wieder versucht wird, einen Missstand durch ein stumpfsinniges Verbot zu beseitigen. Durch ein Verbot, das im Übrigen zum Scheitern verurteilt ist, denn Verbote sind nur effektiv, wenn man sie auch durchsetzen kann. Dieses Verbot könnte man jedoch nur durchsetzen, wenn man über einen längeren Zeitraum hinweg pro Bus und pro Waggon mindestens einen Kontroletti einsetzt, der – im eigenen Interesse – ein ausgewiesener Experte in Deeskalationsstrategien und Selbstverteidigungstechniken sein sollte. Und – was Langmut, Freundlichkeit und Geduld angeht – eine direkte Kopie des Dalai Lama sein müsste. Wo findet man solche Leute, und wie finanziert man ihren Einsatz?
Nein, dieses Alkoholverbot erscheint vollkommen unsinnig, zumal es das grundsätzliche Problem noch nicht einmal tangiert: diejenigen, die Bahnen und Busse in unschöner Regelmäßigkeit zu Partywägen umfunktionieren sind meist Jugendliche, die die Getränkepreise in Discos, Clubs und, ja, in Kneipen schlicht und schlichtweg nicht bezahlen können. Wenn wir unsere Sprösslinge zu sparsamen, findigen Menschen erzogen haben, müssten wir ja eigentlich stolz darauf sein, wenn sie entdecken, dass man Alkohol zum Bruchteil des Gastronomiepreises im Supermarkt erstehen kann. Und dass sich der daraus ergebende Discount-Rausch überhaupt nicht vom Gastronomie-Rausch unterscheidet, der ja auch noch den Wirt und sein Etablissement finanzieren muss.
Man komme mir nicht damit, dass das früher doch genauso war. Das war es nicht. Als ich vor dreißig Jahren studierte, war es möglich, zum Preis eines damaligen Tonträgers (Vinyl, nicht Schellack!) mehrere Stunden lang durch (nicht um!) die Häuser zu ziehen und angemessen angeschickert nach Hause zu kommen. Heute wäre nach zwei, drei eher kleinen Bieren die Tonträger-Preisgrenze erreicht, damit kommt ein lebenslustiger junger Mensch nicht durch den Abend geschweige denn durch die Nacht.
„Sollen sie eben nicht saufen, wenn sie sich‘s nicht leisten können“, rufen wir alten Säcke neunmalklug daher, was ein ebensolcher Unsinn ist wie das platte Alkoholverbot in der U-Bahn. Der Rausch hat eine Jahrtausende alte Kultur-Tradition, der Rausch ist ein Bestandteil des Lebens vieler Menschen und zum Erwachsenwerden gehört dazu, zu lernen, wie man mit Alkohol, anderen Drogen und den daraus resultierenden Räuschen umgeht. Seine eigenen Grenzen kann man nur kennenlernen, wenn man sie auch mal überschreitet. Das ist für diejenigen, die das miterleben müssen, nicht immer schön, aber ist unausweichlich und lässt sich durch platte Verbote nicht verhindern.
Denn selbst wenn sich ein Alkoholverbot in den öffentlichen Verkehrsmitteln durchsetzen ließe, was wäre denn die Folge? Die Menschen suchen sich andere Orte zum Vor-, Nach- und Durchglühen, sie tun es ja schon heute, sie gehen in die Parks, auf Kinderspielplätze, sonstwohin.
Also ein generelles Alkoholverbot auf öffentlichen Flächen? Auch hier stellt sich wieder die Frage nach der Durchsetzbarkeit. Wer glaubt, Probleme mit simplen Verboten lösen zu kennen, anstatt Ursachenforschung zu betreiben, macht es sich zu einfach. Meist handelt man sich mit solchen Verboten nur neue Probleme ein.

 

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2 Antworten zu Hamburg trockengelegt

  1. AvatarTimW sagt:

    Ich muss sagen, genau solche Einträge sind es, die ich sehr gerne Lese. Eine eigene, interesse Meinung unter dem Einheitsbrei von Kommentaren zum Zeitgeschehen. Genau deshalb lese dieses Blog und auch Kurbjuhns Netzecke (wobei ich da die Splitterbrtöchen vielleicht noch einen Tick lieber mag 😉 ).

    Mit diesem Kommentar möchte ich wohl hauptsächlich sagen: „Auch, wenn es in den Kommentaren nur ’selektives‘ Feedback auf diesem Blog gibt, zumindest ich selber zähle zu denen, die gerne Lesen und nicht den Drang haben, zu allem was zu schreiben und dabei dennoch nichts zu sagen.“ .

  2. AvatarFoodfreak sagt:

    Wwas die Durchsetzbarkeit angeht gebe ich Dir (leider) recht, was die Analyse der „Zielgruppe“ angeht jedoch nur bedingt. Die Leute die mit Alk oder einer Fahne besoffen in der Bahn oder dem Bus sitzen und Leute anpöbeln sind nur am Wochenende Leute, die in irgendeiner Form unter Partygänger (und sei es im ÖPNV) fallen. Sehr viel häufiger sind es aber die, die sich locker den Stempel Asos verdienen (ich lasse das mal bewusst so stehen und verweise drauf dass das nicht meine Wertung ist), die lLute ohne Arbeit, ohne Heim, ohne Beziehungen, die man auch morgens um 8 mit der Dose schalem Astra antrifft und die in meinem Stadtteil in einigen Parks den ganzen Tag zusammen bei Bierdosen und Oettingerflaschen sitzen.

    Diese Leute aus dem ÖPNV verbannen zu wollen, passt sehr gut zur Politik des HVV für eine saubere Stadt, schließlich versucht man auch schon lang die unliebsamen Penner mit gruseliger klassischer Musik aus den Tiefbahnhöfen zu scheuchen.

    Als gelegentliche Benutzerin des ÖPNV kann ich das ehrlich gesagt nur begrüßen. (Ich wünsche mir dann im Sommer bitte auch die Deokontrolle). Was die Ursachenbekämpfung angeht, nunja, der HVV kann schwerlich den Job der Hamburger Landesregierung machen. Die macht ihn allerdings auch nicht…

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