Früher war alles besser – Der apochromatische Anachronismus, 2. Teil

Im ersten Teil dieser kleinen Serie haben wir uns mit der Photographie als elitäres Hobby humanistisch geschulter Professoren, Ärzte, Apotheker und Künstler befasst. Jetzt, im zweiten Abschnitt unserer kleinen Reihe geht es um die Entwicklung. Nicht die von Filmen, sondern um die Entwicklung der Photographie zur Fotografie als Hobby für die Massen.
Lebendige, spannende Reportagefotos waren ein Traum der erst mit Oskar Barnack’s Leica erfüllt wurde. Kleine Kameras gab es schon vorher. Auch der Massenmarkt Fotografie wurde frühzeitig, im späten 19. Jahrhundert, von George Eastman entdeckt. “You press the button, we do the rest”: Die “KODAK Camera” war die erste Schnappschuss Kamera.
Fotografie für jedermann war also schon vor über 100 Jahren möglich. Für die Industrie zudem ein gutes Geschäft, dem Erfindungsreichtum waren kaum Grenzen gesetzt. Die Kameras wurden immer besser, vielseitiger und leichter zu bedienen. Aber eines blieb immer gleich: Egal wie gut Kamera und Objektiv, wie schön die Farben der Filme waren: Die mussten erst mal entwickelt werden, bevor man die Bilder stolz präsentieren konnte. Das war nie ganz billig. Und mit einem mehr oder weniger langen Zeitraum zwischen Belichtung und Präsentation verbunden. Ergo: Wer auf Film fotografiert, macht sich vor der Aufnahme Gedanken. Denn der Moment, der fotografiert werden sollte, war längst passé, wenn man oft Wochen später die Abzüge in den Händen hielt. Nicht nur über die korrekte Einstellung von Zeit, Blende und Entfernung, auch über die Bildgestaltung. Gute Fotografen haben das Bild fertig im Kopf, bevor sie auf den Auslöser drücken. Das wird durch die elektronische Bildaufzeichnung zwar nicht verhindert, aber auch nicht unbedingt geschult…

Mit der Leica kam eine handliche Kamera für lebendige Reportagen auf den Markt

Ohne groß weiter nachzudenken wird ein Foto nach dem anderen belichtet und bei Digitalkameras, anschließend wieder gelöscht. Der moderne Mensch hat sich halt längst daran gewöhnt, vor Inbetriebnahme eines technischen Geräts durch unzählige Menüs und Untermenüs zu klicken bis es endlich einsatzbereit ist. Einmal programmiert läuft dann alles automatisch. Und so sehen die meisten Aufnahmen dann auch aus. Kein Vergleich zu den wohlüberlegt gestalteten Bildern, die unsere Großeltern noch gemacht haben, als alles noch viel „umständlicher“ war. Denn damals, wie heute bei einer mechanischen Kamera, musste man nur Belichtungszeit, Blende, sowie Entfernung einstellen. Man brauchte weder ein Informatikstudium, noch Englisch- oder Japanischkenntnisse um ein Foto zu machen, an das man sich noch in Jahren gerne erinnert.
Letztendlich ist ein klassischer Fotoapparat ein feinmechanisches und optisches Wunderwerk, das jahrzehntelang seinen Dienst verrichtet. Eine Digitalkamera dagegen ein Eingabegerät für den Computer, das wie Scanner, Tastatur und Maus alle paar Jahre von der nächsten Generation ersetzt wird.

Anfang der 50iger Jahre war die zweiäugige Rolleiflex eine beliebte Reportagekamera

Eine Generation ohne Bilder:
Wir hatten es ja schon mal. Anfang der 90iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wanderten viele Fotoapparate in den Schrank, wo die Super 8-Filmkamera schon ein trauriges Dasein fristete. Videokameras wurden dank Hi8, VHS-C & Co. plötzlich erschwinglich. Jeder, der auf seinen Nachwuchs stolz war, filmte, was das Zeug hielt. Immer feste druff. In Farbe und sogar mit Originalton! Was nix taugt, wird gelöscht! Nicht nur, dass die magnetischen Bänder heute kaum noch in annehmbarer Qualität wiedergegeben werden können, weil der Zahn der Zeit ihnen übel zugesetzt hat: Auch wer sogar noch ein funktionierendes Abspielgerät und einen Fernseher hat, an den dieses angeschlossen werden kann: Diese belanglosen, uninspirierten Machwerke will heute kaum noch jemand sehen.
Doch haben wir damit ein weiteres, wichtiges Argument für den guten alten Film als „Daten“speicher für wichtige Erinnerungen: Zum Betrachten eines Dias reichen zur Not auch eine Lupe und eine Lichtquelle. Beides sollte verfügbar sein, solange sich Menschen auf unserem Planten tummeln. Ein sorgfältig entwickeltes Dia kann, richtig gelagert, viele Jahrzehnte überstehen. Ob es in fünf oder zehn Jahren noch Laufwerke für die DVDs, CDs, Speicherkarten usw. gibt, auf denen wir unsere digitalen Erinnerungen für die Nachwelt festgehalten haben, ist wirklich nicht sicher. Oder kannst Du Dich noch an DAT-Bänder, MO-Laufwerke und ZIP-Disketten erinnern? Hat der Computer, an dem Du grade sitzt, noch ein Diskettenlaufwerk?

Ein Klassiker, der sich noch heute großer Beliebtheit erfreut: Die Leica M3

Im dritten Abschnitt unserer kleinen Reihe geht es um das Beste aus zwei Welten. Lass dich überraschen!

Robert Hill, freier Journalist und Fotograf. Kommt eigentlich aus München, wohnt im Taunus. Mag mechanische Uhren und klassische Kameras. Hat es geschafft, im letzten Jahr mehr Kilometer mit dem Fahrrad als mit dem Auto zu fahren.
www.roberthill.de

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6 Responses to Früher war alles besser – Der apochromatische Anachronismus, 2. Teil

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  2. Avatarmproske says:

    Schöner Text, obwohl ich den ersten Teil besser fand 🙂 Ich weiß worauf du hinaus willst, aber irgendwie rennst du verbal im Slalom um die eigentlich interessanten Dinge herum. Klar, das Alles kann man auch nicht mal schnell in einem Blog-Post ausführen.

    Ich hatte gehofft, dass du das (Selbst-)Verständnis der heutigen Generation im Bezug auf Fotografie etwas weiter ausführst und etwas weniger auf den digitalen rumreitest 😉 So klingt es sehr symptomatisch, als wären die digitalen Kameras das Problem und Ungeheuer unserer Zeit und nicht vielmehr der Auslöser eines Sinneswandel darüber, was Fotografie eigentlich ist.

  3. AvatarHelmut Stettin says:

    Lieber Robert,
    recht gute Schreibe, jedoch fehlt mit noch der Zusammenhang des Titels mit dem Thema ? Apochromatie hat nach meinem Verständnis recht wenig mit Analog- oder Digitalfotografie zu tun, ist doch eher ein korrigierter Abbildungsfehler?!
    Aber vielleicht ist das digital anders?
    Der Helmut 🙂

  4. Avatarchris h. says:

    Ganz ehrlich gesagt, Robert,

    den Umstand, dass Du’s im letzten Jahr geschafft hast, mehr Kilometer mit dem Rad als mit dem Auto zurückzulegen, finde ich an der ganzen Geschichte hier am Bemerkenswertesten …

    Aber auf jeden Fall einen herzlichen Gruß aus Linz,

    Christian

  5. AvatarMazzo says:

    Ich find den Beitrag gut auch wenn die Bezüge zum Thema wirklich nicht passen .

    Aber gut Geschrieben

    Grüße aus Köln