Die Unfähigkeit zum Mythos – einige Gedanken über den Frauenfußball

Moin, Mädels!

Mit Mythos aufgepumpt.

Ja, nu, euer Turnier startet in ein paar Tagen. Ich wünsch euch viel Spaß. Den werdet ihr bestimmt haben. Beim Spielen. Beim Zuschauen sieht das leider immer noch anders aus.
Zugegeben, ihr habt andere tolle Sportarten wie Frauen-Handball oder Frauen-Basketball um Lichtjahre hinter euch gelassen, was die öffentliche Aufmerksamkeit anbelangt, aber zum geilen, coolen Zuschauersport fehlt euch doch noch einiges.
Nein, bitte, jetzt nicht gleich wieder mit den Augen rollen und eingeschnappt sein, ich mein‘s ja gar nicht böse. Ihr macht das schon ganz anständig, okay, sonderlich schnell ist euer Fußball nicht, Stockfehler unterlaufen euch auch eher häufig und an der Athletik-Schraube könnte man auch noch kräftig drehen, das ist aber nicht so schlimm. Unsereins geht ja auch nicht nur ins Bundesliga-Stadion, sondern des öfteren mal zu den männlichen Amateuren, und da ist das Niveau durchaus vergleichbar. Und trotzdem ist da etwas, was euch fehlt.
Wahnsinn. Mythos. Drama. Fußball ist die große Oper des Mannschaftssports. Der Fußball ist überhaupt erst dadurch vom Proletengebolze zur Weltsportart aufgestiegen, als er sich über das reine Gekicke hinaus mit Mythos aufgeladen hat. Brasilien im eigenen Stadion von Uruguay gedemütigt. Die unschlagbaren Ungarn von Außenseiter-Deutschen niedergekämpft. Das Wembley-Tor. Strahlende Helden, abgefeimte Schurken tragische Gestalten… der Fußball der Männer ist in dieser Hinsicht überreichlich ausgestattet, aber bei euch, liebe Mädels, vermisse ich den Willen zum Drama und seinem farbenfrohen Personal nachgerade arg.
Und ich fürchte, ich weiß auch, woran es liegt. Ihr seid für den Fußball letztendlich viel zu vernünftig. Das ist historisch bedingt. Von Anbeginn der Zivilisation war die Frau diejenige, die den Zusammenhalt und das Überleben der Familie gesichert hat, während die Kindsköpfe von Männern auf die Jagd gingen oder gegeneinander zu Felde zogen, um sich die Köpfe einzuschlagen. Eine vollkommen idiotische, überflüssige Beschäftigung, über die die Frauen nur den Kopf schütteln konnten. Um dieser vernunftorientierten, pragmatischen Sicht der Dinge etwas entgegenzusetzen, erfanden die Männer das Heldentum. Sie luden letztlich sinnlose Aktionen wie Feld- und Kreuzzüge, Ritterturniere oder ähnlichen Quatsch mit jeder Menge Pathos auf, bis sie soweit überhöht waren, dass sie nicht mehr in Frage gestellt werden konnten. Außer im stillen Kämmerlein, wo die Frauen immer noch den Kopf darüber schüttelten, was Männe jetzt schon wieder angestellt hat.
Und so wurden Männer zu absoluten Experten, was die Überhöhung eigentlich schlichten Tuns anbelangt. Es ist kein Zufall, dass herausragende Dramatiker und Opernkomponisten fast ausschließlich männlichen Geschlechts sind. Weil wir Kerle – im Gegensatz zu den Damen – die Unvernunft als hohe, erstrebenswerte Tugend auffassen.
Und deswegen ist unser Fußball so viel spannender als eurer, Mädels: weil wir nicht nur Schuhe, Trikots und Ball mit auf den Platz nehmen, sondern noch jede Menge Übergepäck: Tradition. Sehnsucht. Heldentum. Mythos eben. Wenn eine deutsche Mannschaft gegen eine englische spielt, dann ist ein vor bald fünfzig Jahren zu Unrecht gegebenes Tor immer mit auf dem Platz. Wenn eine deutsche Mannschaft gegen eine italienische spielt, dann ist es immer die Wiederauflage des Jahrhundertspiels, dann sehnen sich Spieler und Fans mit jeder Faser ihres Herzens nach dem ersten Pflichtspielsieg gegen die Squadra Azzurra, und die Spieler, denen das gelingen wird, werden wir Denkmäler aus Marmor setzen und ihr Angedenken auf ewig in unseren heißen Herzen tragen…
Albern? Übertrieben? Möglicherweise. Aber davon lebt Fußball, die Seele dieses wunderbaren Spiels beruht auf all diesen Übertreibungen, die wir hineingeheimnissen. Vielleicht findet ihr ja noch den Weg aus den Niederungen des sportlichen Pragmatismus ins Wolkenkuckucksheim der Fußball-Romantik. Ganz ehrlich, ich trau‘s euch nicht zu. Den dritten Titel schafft ihr jederzeit, aber die weibliche Vernunft aufgeben, das kriegt ihr nicht hin.
Ich wünsch euch trotzdem viel Spaß auf dem Platz.

Foto: siepmannH / pixelio.de

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2 Responses to Die Unfähigkeit zum Mythos – einige Gedanken über den Frauenfußball

  1. AvatarRobert says:

    Lieber Chris,
    ich gebe Dir mit Deinen interessanten Ausführungen zum größten Teil Recht. Nämlich zu dem großen Teil der Fußballgeschichte, die hinter uns liegt.
    Heute haben m.E. nur noch die Fans die Identifikation mit ihren Vereinen, die für den Mythos Fußball so wichtig ist.
    Die Akteure auf dem Rasen und an der Seitenlinie sind Legionäre, die dort kicken, wo sie deren Berater grade für die meiste Kohle hinverhökert hat. Da hat die von Dir angesprochene Vernunft schon lange Einzug gehalten…

  2. Ich gebe dir recht, was einen (großen?) Teil der Profi-Vereine angeht. Aber einer klassischen Rivalität kann sich auch der abgezockteste Profi nicht entziehen, die Revier-Derbys zwischen Dortmund und Schalke werden immer etwas besonderes sein, beim „Old Firm“ Celtic gegen die Rangers gehen die Spieler genauso zur Sache wie die Fans, und es gibt mehr Beispiele.
    Und dann wäre da noch die Ebene der Länderspiele. Wenn Deutschland gegen Argentinien spielt, dann sind zwei Finals und zwei Viertelfinals in den Köpfen der Spieler, egal wie. Und erinner dich an Deutschland-England bei der letzten WM, als mit dem Bloemfontein-Tor ein neuer Mythos entstanden ist…
    M. E. funktioniert die Mythenfabrik Männerfußball nach wie vor ganz ausgezeichnet. Trotz oder vielleicht gerade wegen der Legionärsmentalität.

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