Von 0 auf 100: Der Weg zum Ultra-Läufer (Teil IV)

Heiko Müller, der für “Männer unter sich” schon mal eben kurz von Hamburg auf den Brocken gefahren ist, hat für uns eine vierteilige Serie über Ultra-Läufe geschrieben. Teil I lieferte eine Einführung ins Thema, Teil II beschrieb interessante Ultra-Läufe in Europa. In Teil III beschrieb Heiko, wie er sich auf seinen ersten 100-km-Lauf vorbereitet hat. Teil IV erzählt von seinem ersten Mal.

Vor dem Start in Biel stand die Anreise. Bereits im Flieger nach Basel fanden sich einige Läufer. Direkt hinter uns saßen drei Mädels, mit denen ich ins Gespräch kamen. Zwei liefen Staffel und eine lief die 100km. Allerdings in einer anderen Liga. Zielzeit unter 10Std. Hihi… schön wenn man das schafft, für mich war ankommen das Ziel. Sonst nichts.
Im Zug nach Biel der erste leichte Schock: Oberleitungsschaden. Gut, dass es noch eine Verbindung ohne Umsteigen gab. Also Zug gewechselt und heil in Biel angekommen. Die Unterkunft war auch schnell gefunden. Die Zimmer waren noch nicht fertig. Daher erst auf der Wiese vor dem Zimmer chillen, dann noch ein wenig im Bett dösen. Gegen 17:00 dann der Aufbruch Richtung Start. Mit kurzem Halt am Supermarkt – alle hatten noch Hunger – ging’s den 100km entgegen.
Nachdem wir unsere Startunterlagen erhalten hatten kam ein neuer Schock: Kleidertransport zur Laufmitte gab es nicht. Das war erst mal doof. Ich hatte mich mental auf einen Beutel in Kirchberg eingestellt. Der Optionenbeutel. In ihm könnte all das lagern von dem ich dachte, dass ich es eventuell brauchen könnte, mir aber nicht sicher war, es deshalb dort hin transportieren lassen wollte, damit ich dann, wenn ich denn dort ankommen sollte, was ja nicht klar war, also dann, wenn ich dort wäre, dann könnte ich diejenigen Dinge aus dem Optionenbeutel entnehmen, die mir auf den 56km bis dort so schmerzlich gefehlt hatten.
Optionenbeutel war also nicht. Ich musste in den sauren Apfel beißen, entweder würde ich alle Optionen tragen oder ich würde mutig sein müssen. Ich entschied mich für mutig. Alles tragen wäre eh der Untergang gewesen. Also noch mal flugs im Geiste den Lauf durchgegangen: Was braucht man sicher? Eine Windjacke? Ja. Trockene Socken? Nein. Zweites Paar Laufschuhe? Nein. Und so ging das weiter. Ich hatte am Ende besagte Jacke, ein Handy, eine kleine Lampe und eine Kappe. Mehr nicht. Weniger nicht. Alles am Gürtel verstaut. Optionenbeutel werden überbewertet.

Optionenleer geht es endlich raus aus der Halle, noch 20 Minuten bis zum Start. Ich stelle mich in die Menge, mache noch ein Foto und halte mir die Ohren zu, weil die Beschallung so eingestellt ist, dass die halbe Schweiz mithören kann. Und es wird eh nur noch dieser oder jene verdiente Funktionär erwähnt, oder er sagt sogar selbst was. Und alles auf drei Sprachen. Das einzige was ich zu dieser Zeit hören will, nämlich der Startknall, lässt noch auf sich warten.
Da zählt doch was auf französisch rückwärts? Peng, der Start. Wir laufen. Die ersten Meter einer nicht fassbaren Strecke sind genommen!

Die Nacht kann beginnen! Und Sie beginnt. Durch Biel geht es zügig voran. Es steht reichlich Publikum an der Strecke. Ich muss uns an meinen Plan denken nicht schneller als 7min/km zu laufen. Die Menge ist schneller und so muss ich immer wieder auf die Bremse treten. Ich trabe also mit dem Pulk durch Biel. Die Stimmung an und auf der Straße ist gut.
In den Randbezirken wird es schon dünner mit den Menschen. Haben die all die Berichte nicht gelesen? Oder zieht die Fußball WM die Menschen vom wahren Highlight der Nacht ab? In den Berichten die ich vor Biel las war immer die Rede von Menschen auch im kleinsten Dorf. Naja, dies hier war ja kein kleines Dorf. Sah zwar so aus, war aber Randbezirk. Und von Menschen in jedem Randbezirk stand da auch nichts. Wir halten fest: Randbezirke sind nicht so laufinteressiert wie kleine Dörfer! Aber auch ohne Menschen an der Strecke kann man laufen.
Bei ca. Kilometer 7 kommt der erste Berg, ich gehe wie geplant hinauf. Das erwähnte ich noch nicht, oder? Berge sind eigentlich nicht zum Laufen da. Berghoch kostet es unnötig viel Kraft, bergab zerbröseln die Knie. Berge sind also nicht zum laufen. Nun ist die Schweiz tendenziell bergig. Ganz ohne kann man daher 100km nicht in die Gegend falten. Die Berge (Anstiege wohl besser) die einem dann also vor die Füße springen, wollte ich gehen. Daher: alles ist prima. So ziehe ich meine Bahn.
Ab ca. Kilometer 30 wird es mental ruhiger. Leider stellen sich auch erste Probleme ein. Die Gehpausen werden häufiger. Ich fühle mich noch recht frisch, aber die Mitläufer nicht so. Dennoch bleiben ich beim Team.  Es beginnen Diskussionen. Aber wir  wollten mindestens bis km 56 zusammen bleiben. Also machen wir das auch. Wir waren zu dritt gestartet. Unterschiedliche Trainingsumfänge, Geschlechter und Gewichte waren zusammengewürfelt. Nie hatten wir so lange Strecken zusammen gelaufen. Interessanterweise schien ich, der ich wohl die unsportlichste Figur vom Team hatte, noch am besten mit diesem langen Kanten zurecht zu kommen. Wieder ein Steinchen in der Mauer des Übermuts. Es sind diese kleinen Begebenheiten, die den Sinn für die Realität vernebeln und einen Dinge tun lassen, die man nicht tun sollte. Aber die Geschichten kommen noch. Hier galt es erst mal den ersten 100-km-Lauf nach Hause zu hoppeln.

Bei km 56 hatten wir den ersten aus dem 3er Team zurückgelassen. Er würde alleine und langsam nachkommen. Zu zweit ging es weiter. Es folgt der Hoh-Shi-Min-Pfad. Auch darüber gab es vorab viel zu lesen. Er ist auch schön. Ein Weg am Wasser entlang, mal schmal, mal breiter. In der Morgendämmerung leicht zu laufen. Es geht auch leicht bergab und wir mussten immer wieder bremsen um hier nicht zu flott zu werden. Immer wieder zieht das Tempo an und wir laufen 6:30 min/km. Das wollten wir nicht. Auch wenn es hier geht, wo wird dann die Kraft fehlen? Ja, der Pfad. Also das leichte Gefälle ist sicher schön. Das Wasser auch. Legendär hingegen fand ich das alles nicht. Vielleicht, weil es schon hell war? Sicher sind die Pfade in der Nacht haariger zu laufen, aber wer langsam unterwegs ist, hat hier nichts zu fürchten.
Noch ist es kalt – andere würden sagen kühl, ich fand es kalt – und damit reichten die Abstände der Verpflegungsstelle. Aber gleich würde die Sonne kommen. 27 Grad. Dann sind die Abstände lang, zu lang? Ich werde dann jedenfalls nur mit voller 750ml Flasche von den Verpflegungsstellen los laufen. Sicher ist sicher.
Verpflegung: Wahrscheinlich machten sich noch einige Damen und Herren von den Ständen sorgen um meinen Zustand. Es gab fast immer Wasser, isotonisches Getränk, hypotonisches Getränk, Tee, Bouillon, Cola, Wasser – in dieser Reihenfolge – an jedem Stand. Und bis auf den Tee habe ich auch an jedem Stand – in dieser Reihenfolge – von jedem Getränk einen Becher zu mir genommen. Dazu dann eine bunte Mischung aus Banane, Energieriegeln, Gel, Brot, Apfelsine und Frühstücksflocken (trocken auf die Hand). Auch das immer alles und gemischt. Ich fühlte mich jedes Mal gestärkt, die Blicke aber sagten  immer: Gleich kommt das alles wieder hoch, gleich kommt das alles wieder hoch. Ich konnte die Helfer beruhigen, es blieb immer alles drin! Ich brauchte die Energie. Die Uhr sagt was von 11.000 Kilo Kalorien Verbrauch. Das hab ich wohl auch locker oben wieder reingefüllt! Vielleicht einer der Gründe, warum joggen bei mir nicht zu so dramatischen Gewichtsverlusten führt wie bei einigen anderen? Ich kenne ja Läufer, die können beim Laufen nichts zu sich nehmen. Der Horror für mich. Wenn ich nicht futtere, dann bleib ich nach ein paar km einfach stehen. Mein Stoffwechsel scheint sich nicht von Fettreserven ernähren zu können. Nur der primär Stoffwechsel zählt. Alte eingelagerte Kalorien nimmt die verwöhnte Muskulatur in meinem Fall nicht zu sich. So ist das mit den verwöhnten Körperteilen. Irgendwann heben Sie ab und weigern sich, die einfachsten Dinge zu tun.
Bei km 73 zerfällt der Rest des Teams. Ich bin allein.  Eigentlich kein Problem, ich trainiere in der Regel ja auch allein. Aber wenn man nach so vielen Stunden gemeinsamen Laufens plötzlich allein ist, dann ist das ein komisches Gefühl. Niemand mehr da, mit dem man mal kurz den aktuellen Zustand diskutieren kann. Niemand mehr da, der einen bremst oder zieht. Allein eben. Nun gut, zu ändern war das nicht. Wenn die Kraft weg ist, ist die Kraft weg. Und so zog ich allein in Richtung Schicksalsberg.

Noch 27km und ich stehe am Fuß der Steigung vor Arch. Ich laufe mehr, gehe weniger und komme gut bis zum richtig steilen Stück. Hier gehe ich die gesamte Steigung. Ich merke die Hitze, ich keuche, mir rinnt der Schweiß in Bächen in die Augen, aber ich fühle mich soweit sehr gut.
Im Abstieg laufe ich. Ich hatte von vielen gelesen, die hier rückwärts den Berg hinabgestiegen sind. Ich bin froh, dass mir das erspart bleibt. Und erstaunlicher Weise melden sich auch die Knie nicht. Eine stützende Funktion erfüllen die Muskeln schon lange nicht mehr. Ja, okay, ich gebe es zu, ein wenig schon noch. Immerhin bewege ich mich ja noch aufrecht. So ganz ohne stützende Funktion geht das wohl nicht. Dennoch, das bergab Laufen ist eine Art kontrolliertes Stolpern. Das Gefälle gibt das Tempo an. Bremsen können die Beine nur in einem sehr begrenzten Masse. Und so ist es gut, dass es zwar runter geht, aber eben nicht so steil, dass ich völlig die Kontrolle verliere. Schön ist, dass die Verhinderung des Hinfallens mein Hirn dermaßen beschäftigt, dass Blasen und andere Wehwehchen ein Schattendasein führen.
Meine Kollegen wachen auf, und die eine oder andere SMS trudelt ein. Ich rufe zurück und berichte, dass es gut läuft und freue mich diebisch über den Support. Das war an dieser Stelle wirklich eine hilfreiche Angelegenheit. Halten wir also fest: Biel ist nur laufbar, seit es Handys gibt. Ohne hätte mir hier was gefehlt.
Der lange Uferweg an der Are macht mir dann doch zu schaffen. Eigentlich ist ein Fluß ja eine schöne Sache. Romantisch alle mal. Verleitet zum Träumen. Alles fein. Aber hier und heute? Links am Fluss Felder. Frisch gemäht. Trocken von der Sonne. Staubig um genau zu sein. Die gleiche Sonne die eben noch diesen Staub erzeugt hat, hängt jetzt da oben und zielt einzig und allein auf mich. Sie kommt von links. Die Bäume vom Fluss sind rechts. Nichts steht zwischen mir und der Sonne. Der Fluss sollte eigentlich für leicht feuchtes Klima sorgen. Hat ihm aber keiner gesagt, und so lässt er das. Was bleibt ist Sonne und Staub und ein Weg, der zu dieser fortgeschrittenen Stunde als deutlich zu eintönig und lang bezeichnet werden kann.
Im Hinterkopf grummelt es. Diese Futterstelle. Bei km 90. Km 90. Das müsste doch, warum ist das noch nicht. Da hinter der Biegung? Nein. Der gleiche Weg. Links die Felder. Rechts der Fluss. Oben die Sonne. Na, dann hinter der nächsten Biegung? Nein. Man merkt: Hier ist mentale Stärke von Nöten gewesen. Denn gefühlt dauerte das hier alles viel zu lange.
Ich merkte hier, dass auch bei mir irgendwann Schluss sein wird mit der Kraft. Aber noch läuft kräftemäßig es gut. Bei km 90, den ich um 09:25 erreiche bin ich dann allerdings schon so dösig in der Birne, dass ich nicht mehr rechnen kann. Ich habe bis hier zuletzt immer ca. 41min auf 5km gebraucht. Langsam gell?  An dieser Stelle denke ich das damit 14:00std. Zielzeit nicht mehr möglich sind, dabei könnte ich sogar auf ca. 47min auf 5km abfallen und würde es noch schaffen. Aber wie gesagt, rechnen wird schwer, wenn der Körper erschöpft ist. Ich denke da aber, es wird nichts mit sub 14 und entscheide, dass ich dann auch eine entspannte  lange Gehpause machen kann.
Bei km 95 bemerke ich meinen Fehler, hänge aber auch in der letzten Steigung, die ich so gar nicht mehr im Kopf hatte. Das ist eine ganz, ganz böse Sache. Ich hatte die Strecke quasi auswendig gelernt. Und ich war super sicher, dass nach dem Berg von Arch nichts mehr kommt was einer Steigung ähnlich sieht. Und nun. Ja, nun liegt diese Steigung vor mir. Sie durfte nicht hier sein. Mein Hirn war nicht auf diesen Anblick vorbereitet und so schlägt die Sache voll ins Kontor. Das ist böse. Dem Kopf tut es weh. Gas geben ist hier nicht drin. Ich versuche nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Jetzt wird jeder km angezeigt.

Bei km 99 sehe ich noch eine Chance für die 14-Stunden-Marke. Ich ziehe an auf einen 6min/km Pace. Ca. 300m vor dem Ziel höre ich den Stadion Sprecher. Auch er spricht von der 14-Stunden-Marke, ich ziehe weiter an. Ich laufe jetzt einen 3:40 min/km Pace (sagt meine Polar 625). Mehr geht nicht mehr. Ich komme dann in 14:00:32 ins Ziel. Die 32 Sekunden habe ich an hundert Stellen liegen lassen. Schon am Start, wo ich deutlich nach dem Knall unter dem Startbanner durchlief. Und es ist lächerlich sich über 32 Sekunden zu ärgern.

Aber in dem Moment wo ich um die Ecke Richtung Ziel bog und sah, dass 14:00:xx schon angezeigt wurde und es nicht mit 13 begann, war doch eine Enttäuschung in mir. Komisch eigentlich. Weil ich ja mein Ziel durchzuhalten erreicht hatte. Weil ich vorher gesagt hatte ich wäre auch froh, wenn ich knapp vor Schluss reinkomme. Was ja noch Stunden hin gewesen wäre. Na, in dem Moment war ich sauer. Das hielt in etwa bis zu dem Moment wo ich über die Matte lief. Die Matte. Der Pieps – ich war ja allein, ich konnte ihn daher sehr genau hören. Diesen Pieps. Meinen Pieps. Den 100km-Pieps. Den Pieps, der die Erlösung in sich trug. Pieps. Du bist da. Pieps. Du bist 100km gelaufen. Pieps. Du hast geschafft, was du eigentlich nicht für möglich gehalten hast. Pieps. Jetzt kannst du glücklich sein. Und ich war glücklich. Noch vor 100 Metern war ich sauer über 14Stunden und ein bisschen. Jetzt war das Gefühl vorbei und es war nur noch der Stolz in mir, diese Distanz bewältigt zu haben. Ich war da. Ich hatte es geschafft. Wow.

Und gleichzeitig habe ich da etwas für alle folgenden Läufe mitgenommen. Eine sehr wichtige Lektion, die ich eigentlich hier nicht zu lernen gedacht hatte. Ich hatte mich frei gemacht von der Zeit. Ich denke es war wichtig, dass  ich diese 32 Sekunden zusätzlich auf dem Zettel hatte. Ich habe mich geärgert und kurz danach empfunden, dass es so was von albern ist auf diese Sekunden zu sehen. Denn ging es um eine Zeit? Auch wenn die Zeit gemessen wird. Wenn Sie veröffentlicht wird. Wenn Sie auf der Urkunde steht. War die Zeit der Grund meiner Teilnahme? Wollte ich eine Zeit laufen? Nein. Ich bin nicht gestartet um eine Zeit zu laufen. Ich war gestartet um 100km zu laufen. Ich wollte eine für mich unvorstellbare Strecke bewältigen. Ich kann bis heute nicht sagen, warum ich das wollte. Aber ich kann sagen ich wollte. Und ich wollte nur ankommen. Und das habe ich erreicht. Noch mal Wow!

Heiko, 50 Jahre, arbeitet am Tag, läuft nachts, sammelt Uhren, schraubt an Autos und liebt die Familie über alles. Heikos Seite ist  schlusslaeufer.de.

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