Alte Liebe rostet nicht – der Flieger und Uhrenbauer Helmut Sinn

Helmut Sinn, der junge FliegerEr hat die Geschichte des Fliegerchronographen maßgeblich mitgeschrieben, seine Uhren befinden sich seit Jahrzehnten in vielen Flugzeugen. Unzählige Piloten schwören noch heute auf die exakten und gut ablesbaren Zeitmesser am Handgelenk. Wer ist der Mann mit der Junkers Ju 52/3m auf der Visitenkarte?

Helmut Sinn: Er ist Zeitzeuge fast eines ganzen Jahrhunderts. Seine Eltern sind um 1910 aus der Pfalz nach Metz, Lothringen umgesiedelt und haben dort ein Geschäft für Öfen und Herde gegründet. Am 3. September 1916 wurde er in Metz geboren.

Nach Ende des ersten Weltkrieges 1918 musste die Familie Elsass-Lothringen verlassen. Haus und Grund wurden enteignet, so dass das gesamte Vermögen zurückgelassen werden musste. Sie kamen dann mittellos in die Pfalz zurück, wo die Not, insbesondere für Flüchtlinge, groß war. Die Franzosen hatten auch das Rheinland besetzt und unter den Besatzungstruppen waren in der Nähe die französischen Fliegereinheiten stationiert. Tag und Nacht konnte Helmut Sinn die Flieger sehen und hören. Dabei entstand der unumstößliche Wunsch einmal Flieger zu werden.

He's got the whole world in his hands...

Der Vater war 100% schwerbeschädigt, so dass die Mutter die fünfköpfige Familie mit einem kleinen Kolonialwarenladen ernähren musste. Deutschland war verarmt, besetzt und musste für die Besatzungskosten aufkommen. Wer diese Zeit nicht erlebt hat, kann sich die Armut nicht vorstellen.

Nach 1930 bis 1935 besserten sich die Verhältnisse und man konnte unter bescheidenen Verhältnissen seinen Lebensunterhalt verdienen. In dieser Zeit gab in der Gegend, in der Familie Sinn lebte, durch den Westwall und den Straßenbau Arbeit. Nachdem die Franzosen das Rheinland verlassen hatten fing der Aufbau der Wehrmacht an. Helmut Sinn meldete sich als Flugzeugführeranwärter, musste vorher Arbeitsdienst in der Pfalz ableisten und wurde 1936 einberufen. Bereits in der Grundausbildung schloss er sich dem zivilen Segelflugverein Würzburg an und erreichte schnell die Lizenz, in einer Zeit in der man noch ohne Lehrer Segelflieger werden konnte. 1937 wurde er zu einer Aufklärungseinheit versetzt und von dort aus zur Motorflugschule nach Quedlinburg.

Ein Wiedersehen

Er wurde noch von Zivilisten im Motorflug ausgebildet, ein Traum war erfüllt. Doch schon kurze Zeit später begann der zweite Weltkrieg. Zunächst flog er vorwiegend Beobachtungs- und Aufklärungseinsätze am Ärmelkanal in Frankreich. Schon nach drei Wochen wurde mit der Französischen Republik ein Friedensvertrag geschlossen und er freute sich im Glauben, dass der Krieg vorbei sei. Seine Einheit wurde in die Nähe von Wien nach Österreich verlegt, wo er seine gesamte Freizeit bei Segelfliegern in Pressburg verbrachte. Doch dann folgte der Balkanfeldzug, in dem er ebenfalls als Aufklärer zum Einsatz kam. Bereits nach einigen Wochen war auch dieser Feldzug beendet. In Posen und Waldpolenz wurde er anschließend auf größere Flugzeuge umgeschult. Gleich zu Beginn des Russlandfeldzuges wurde er bei einer Notlandung im Wald verletzt und musste einige Monate in einem Speziallazarett in Paris Clichy behandelt werden. Nachdem er wieder fliegen durfte, wurde er ins heutige Polen, zur Blindflugschule Posen, versetzt und als Fluglehrer ausgebildet. Bis zum Ende des Krieges war er dann Fluglehrer auf Junkers Ju 52/3M, Ju 88, HE 111, HE 86 und einigen mehr. In erster Linie schulte er Piloten auf den Nachtflug um.

Erinnerung

Nach Ende des Krieges schaffte er es, sich nach Westen durchzuschlagen. Er wurde von den Amerikanern in ein Freilichtlager interniert und nach einigen Monaten auf die Insel Fehmarn verlegt. Von dort wurde er schwer erkrankt entlassen. Jetzt war der Krieg endlich beendet, aber ebenso der Traum vom Fliegen.

Wie seine Eltern am Ende des ersten Weltkrieges stand er nun mit 28 Jahren vor dem Nichts. Schwer erkrankt wegen Hungerödemen aus der Gefangenschaft und mit einer zerstörten Ehe. Was nun?

Die zweite Leidenschaft

Außer dem Fliegen hatte er noch eine zweite Leidenschaft: Uhren. Aber es gab kaum Industrie, keine Verkehrsmittel und letztlich hatte die Bevölkerung kein Geld. Für jede Scheibe Brot musste man eine der wertvollen Lebensmittelmarken abgeben. Was Helmut Sinn in dieser Zeit verdiente, reichte kaum für die Ernährung. Wegen der Gefahr erneut in ein Lager zu kommen, durfte er als in Lothringen Geborener nicht in die französische Besatzungszone gehen. Doch konnte er bei Bekannten in Frankfurt am Main unterkommen. Und auch hier wurde die Zeit besser.

Eine Sinn

Sinn

Wieder einmal ging es ohne Lehre in einen Beruf, der nicht minder schwierig war als eine Pilotenausbildung. Schnell hatte er ausfindig gemacht, wo es Uhren zu kaufen gab und mit einem Rucksack fuhr er auf einem Mofa zu den Uhrenfabriken in Pforzheim. Bald hatte er auch ein Auto, das den Krieg überstanden hatte. Es war ein Viertakter von Audi. Oft fuhr er in den frühen Morgenstunden in den Schwarzwald, kaufte ein und verkaufte die Uhren auf der Rückfahrt. Nicht selten stand er am nächsten Morgen wieder beim selben Hersteller. Schon damals stellte er einige Uhren selber her oder ließ sie anfertigen und schon um 1953 hatte er ein florierendes Geschäft. Die meisten Umsätze machte er anfangs mit den in Südwestdeutschland stationierten Amerikanern, die Geld hatten. Erst nach der Währungsunion kam auch nach Deutschland Geld, wenn auch zunächst sehr bescheiden.

Am Arbeitsplatz

Durch die Uhren kam Helmut Sinn um 1950 in die Schweiz. Der erste Flugplatz den er sah, erweckte wieder die alte Berufung, er machte dort erneut die Flugscheine. Fünf Jahre später war in der Bundesrepublik Deutschland das Fliegen wieder erlaubt und er konnte sie umschreiben lassen. Als er, 2003, mit 87 Jahren nach 64 Jahren aktiver Fliegerei den Flugschein nicht mehr verlängern ließ, hatte er über 15.000 Starts im Flugbuch stehen. Vom Segelflug, über Passagier- und Kunstflug bis zum Blind­fluglehrschein für die Ju 52/3m reichen die Einträge einer bemerkenswerten Karriere in der Luft.

Die eigenen Uhren

Wegen des Flugverbots für Deutsche nach dem Krieg beteiligte er sich damals in seiner Freizeit an Autorallyes und wurde 1953 sogar Klassensieger bei der „Rallye Algier – Kapstadt“. Es ging im von Öttinger mit einem Porsche-Motor getunten VW-Käfer etwa 18.000 km unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen von Algerien an der Nordküste bis zu der südlichsten Spitze Afrikas. Seine Firma „BASI“ – für „Bader und Sinn“ – übertrug er während seiner Abwesenheit seiner Frau und seinem Partner. Nach der Rückkehr gegründete er neues Unternehmen: „Sinn Spezialuhren Frankfurt am Main“. Um nicht mit dem noch zu dieser Zeit existierenden Unternehmen „BASI“ in Konkurrenz zu treten wurde vereinbart, dass „Sinn Spezialuhren Frankfurt am Main“ ausschließlich instrumentelle Uhren anbietet.

Ein Mann der Praxis

Er fing also an, Fliegeruhren herzustellen. Als Einbau-Flugzeugchronograph gab es seinerzeit nur die Borduhr von Junghans J 30 BZ und einige sehr alte Konstruktionen. Helmut Sinn erkannte sofort, dass diese Uhren aus Entwicklungen stammten, die Jahrzehnte alt waren. Deshalb gestaltete er aus dem Werk Valjoux VJ 5 seine erste Borduhr. Am Ende der Entwicklungen hatte er ein eigenes Kaliber mit Zentralminutenzähler. Dieses Kaliber HS 58 wurde seit 1957 unter anderem von der Lufthansa flächendeckend, in einigen Junkers Ju 52/3m und wird noch heute in vielen Flugzeugen der Bundeswehr verwendet. Auch erwähnenswert die Tatsache, dass 1985 am Handgelenk  von Astronaut Reinhard Furrer während der Spacelab Mission eine Sinn „142 S“ am Handgelenk tickte und damit den ersten automatischen Chronographen ins Weltall brachte.

Jubilar Sinn

Nach dem Verkauf seines Unternehmens „Sinn Spezialuhren Frankfurt am Main“ gründete er mit 82 Jahren als „ältester Jungunternehmer Deutschlands“ 1998 die Firma „Jubilar Uhren“ mit den Marken „Chronosport“ und „Guinand“. Dazu hat er mit Guinand das seit 1865 bestehende Schweizer Traditionsunternehmen, das seit 1960 einen Teil seiner Chronometer herstellte, gekauft. Dies, und der Umstand, dass um die Handelsaufschläge zu vermeiden, ausschließlich im Direktvertrieb an die Kunden verkauft wird, ermöglicht noch heute den Grundsatz: „Die denkbar beste Uhr zu dem machbar günstigsten Preis“.

Helmut Sinns faszinierendes Leben ist Thema des Dokumentarfilms „Die Zeitmaschine“. Die DVD gibt’s bei amazon, den Trailer hier…

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Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=FbVaveTPCpU

Robert Hill, freier Journalist und Fotograf. Kommt eigentlich aus München, wohnt im Taunus. Mag mechanische Uhren und klassische Kameras. Fotografiert, wenn privat, immer noch am liebsten auf Diafilm. Hat es geschafft, im letzten Jahr mehr Kilometer mit dem Fahrrad als mit dem Auto zu fahren.
www.roberthill.de

Fotos: Helmut Sinn, Robert Hill

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4 Antworten zu Alte Liebe rostet nicht – der Flieger und Uhrenbauer Helmut Sinn

  1. Mir als Nicht-Uhrenfanatiker (noch?) erschließen sich die mir meist zu unruhigen, aufwändigen und verspielten Designs der teuren Modelle nur schwer, aber wenn ich mir die Sinn-Uhren ansehe, weckt sich bei mir ein Haben-Woll-Effekt — zumal die Preise noch erschwinglich sind. Wenn ich eineinhalbtausend Euro herumliegen hätte, wäre die 756 genau mein Ding, unverspielt schlicht, toll abzulesen und einfach wunderschön.

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  3. AvatarOpa sagt:

    Ja!
    Ist der Mann cool, oder ist der Mann cool?
    Genial.

    Danke für den tollen Beitrag

    Oppi

  4. AvatarGerhard Hauck sagt:

    Meine Hochachtung vor diesem Mann.
    Einen kleinen Teil seiner Biographie kannte ich schon, was nicht ausbleibt, wenn man sich mit seinen Uhren beschäftigt und ein Liebhaber der „Sinn-Linie“ ist. Diese Uhren haben etwas unverwechselbares.

    Viele Details aus Roberts Dokumentation war mir aber noch nicht bekannt. Großen Dank dafür.

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