Da draußen

Die Zeiten sind schon lange vorbei, wo Mann mit Speer und Tunnelblick durch die Wälder streifte, den Auerochs zu erlegen. Das heißt aber nicht, dass man sich damit abfinden muss, sein Leben ausschließlich in miefigen Büros, vor dem Bildschirm oder in der Knochenmühle eines Wechselschichtsystems zu verbringen.  Gelegenheiten zum Ausbruch aus dem städtischen Alltag gibt es immer, man muss sie nur wahrnehmen.
Überall, auch am Rande einer Großstadt finden sich Naturräume, Rückzugsräume, in denen man einen Auszeit nehmen kann.  Ein paar Quadratkilometer Wald und Flur sind alles, was nötig ist ist, um abzuschalten. Die schönsten Ecken finden sich oft direkt neben dem Massentreffpunkt Naherholungsgebiet. 1 Kilometer vom Parkplatz entfernt, auf einer Lichtung kann man schon allein sein.

Ein Platz zum Feuermachen zwischen zwei Waldwegen, jeder ist nur 20 Meter entfernt, man kann die Stimmen anderer Menschen hören und ist dennoch weit weg.
Nicht mal einer Landkarte bedarf es in diesen digitalen Zeiten. Google Earth hilft, die schönsten Flecken in unmittelbarer Nachbarschaft zu finden und die GPS-Funktion des Handy lotst einen dann auch wieder zum Auto oder Bahnhof zurück. Abgesehen davon, was wäre so schlimm daran, mal nicht zu wissen, wo genau man sich gerade befindet? Die wirklich schönen Flecken findet man nur, wenn man sich treiben lässt, und früher oder später kreuzt man die nächste Landstraße, ist die nächste Ortschaft nicht mehr weit.
Einer extra Ausrüstung dafür bedarf es auch nicht, kaum mehr als nötig wäre, um einen Nachmittag im unbedachten Fußballstadion zu überstehen. Na ja, die Schuhe dürfen gerne wasserdicht und geländegängig ein, aber sonst braucht es nicht viel, um einige schöne Stunden zu verbringen. Vielleicht eine klein verpackbare Hängematte für die Herbstsiesta?

Ein sinnvolles Accessoire ist natürlich der kleine Esbitkocher, den viele in der einen oder anderen Ausführung noch vom „Campingclub Oliv“ her kennen. Sei es nun die Fleck- oder Stricheltarnfraktion gewesen. Ohne Kaffee, Tee oder eine kleine Suppe ist die Pause nur halb so schön.

Unverzichtbar ist jedoch ein guter Freund, mit dem man loszieht, „verrückte“ Dinge zu tun. Ein Freund ist der, mit dem man schweigt, genießt, sich durch einige wenige Worte verständigt und von dem man weiß, dass er da ist.

Verrückt ist man aber nur in den Augen derer, die nicht dabei sind und sich gar nicht vorstellen können, auch nur für einige Stunden auf die lebensnotwendige Zivilisation in Form von Zentralheizung und Asphalt zu verzichten. Somit auch nicht erfahren werden, was es wirklich heißt draußen zu sein. Sich den alltäglichen Zwängen zu entziehen, sei es auch nur für kurze Zeit, das ist wirkliche Freiheit. Nicht mit Geld aufzuwiegen oder zu ersetzen, wichtiger als jeder Titel oder beruflicher Erfolg.

Männer sind auch Väter. Bei uns in der Familie war es üblich, am Wochenende wandern zu gehen. Frühmorgens los, am späten Nachmittag zurück. Das war einfach so. Mein Vater war da in seinem Element. Mit seiner üblichen Kluft – Baskenmütze, Wanderstock und Haferlschuhen – angetan, erklärte er uns Bäume, Pilze und wusste immer, wirklich immer, wo Norden war. Ein Orientierungssinn, den er in seiner Jugend eingetrichtert bekommen hatte und über den ich nicht verfüge. Vermutlich zum Glück, denn seine Ausbildung erfolgte in der HJ.
Aber lehren und lernen können Väter und Söhne zu jeder Zeit. Es gibt männliche Refugien ausserhalb mütterlicher Begluckung, die für eine gesunde Entwicklung einfach notwendig sind. Immer in Watte gepackt, wird aus dem Kind kein Mann. Deshalb ist es auch sinnvoll, eines Tages zu sagen „Junge, Du bist jetzt sechs Jahre alt, da wird es höchste Zeit dass Du lernst, mit einer Axt umzugehen“. Also geht es am nächsten Wochenende in den Wald und ein umgestürzter, morscher Baum ist auch schnell gefunden.
Die Regeln sind einfach. „Die Axt ist ein Werkzeug, mit dem man sich richtig verletzen kann. Du tust genau, was ich sage, sonst ist der Tag gelaufen. Nie mit der nackten Schneide herumlaufen, erst wenn Du stehst, packst Du sie aus. Bevor Du gehst, wird sie wieder eingepackt. Der Baum befindet sich zwischen Deinen Beinen und der Axt. Sie wird sauber geführt, ohne Wucht geschwungen. Erst kommt die Technik, dann die Kraft.“

Das geht dann eigentlich ganz einfach, nötig ist nur, den kindlichen Übermut unter Kontrolle zu halten und immer wieder die Technik zu kontrollieren „drei Schläge links, dann drei rechts, so entsteht die Kerbe. Nicht mit roher Kraft, aber mit Konzentration das Beil führen.“ Ja, so ein Beil ist gefährlich, aber noch gefährlicher ist es, den Kurzen von allem fernzuhalten, was  auch nur theoretisch eine Bedrohung der Gesundheit darstellen könnte. Selbstbewusstsein und manuelles Geschick wollen trainiert werden und wer könnte das einem Jungen besser beibringen als Vater oder Onkel?
Spätestens mit der Einschulung beginnt für unsere Kinder endgültig die Zeit des Stubenhockens. Waren es vorher schon Fernseher und Spielkonsole, die die Freizeit regierten, so kommt jetzt noch Sitzen und Lernen hinzu. Wie kompensiert man das als Vater? Man lässt seinen Filius die zwei besten Freunde einladen und geht dann zusammen in den abendlichen Wald, um dort ein Feuer zu machen.
Grundvoraussetzung ist ein bekanntes Ziel, ca. 30-40 Minuten zu Fuß entfernt. Die Kinder haben genug warme und wasserdichte Sachen dabei, denn nichts verdirbt die Freude an der Natur so nachhaltig wie Nässe und Kälte. Feuer wird nur dort entzündet, wo sich auch eine Feuerstelle  befindet. Alles bis auf das Feuerholz wird mitgenommen und auch wieder nach Hause geschleppt. Sehr wichtig neben den Streichhölzern ist auch ein geeigneter Fidibus, um eventuell feuchtes Holz einfacher zum Brennen zu bringen. Nie macht man so etwas in einem trockenen Sommer, die Waldbrandgefahr ist viel zu groß!

Würstchen und Brot an selbstgeschnittenen Ästen ins Feuer zu halten und dann mit Genuss zu essen, ist eine sehr elementare Erfahrung, die eigentlich jedes Kind mal machen sollte.
Das wichtigste kommt aber am Schluss, denn das Feuer muss auch gelöscht werden, indem man reinpieselt. Absolut unverzichtbar, denn die Sicherheit im Wald geht vor. Da kann dann noch eine weitere elementare Fertigkeit geübt werden, nämlich im Stehen zu pinkeln. Unglaublich, aber wahr, die Söhne alleinerziehender oder dominanter Mütter haben so etwas im Zweifelsfall nie gelernt. Um den zu erwartenden Hänseleien zukünftiger Klassenkameraden zuvorzukommen, ist hier jetzt die Möglichkeit zum Üben gegeben. Hinstellen, Hose auf, Piephahn raus, zurückziehen und laufen lassen. Natürlich zwecks Verhütung eines Waldbrandes, aber auch, weil Mann es kann und deshalb tun sollte, wenn er unter seinesgleichen ist.

Alexander Barduas Motto ist „Natur beginnt vor der Haustür. Er betreibt die Seite www.outdoor-professionell.de, die Informationsquelle für jeden, der sich gerne in der freien Natur aufhält. Der Schwerpunkt liegt bei Informationen zur Outdoorausrüstung und Testberichten.

Bild Nr. 4: Nagual, www.bushcraftuk.com
Alle anderen Bilder: Alexander Bardua

Markiert mit , , , , , , .Speichern des Permalinks.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Bitte nicht wundern: nach dem Absenden verschwindet Dein Kommentar einfach und wird erst nach Freischaltung durch uns sichtbar -- also nicht mehrfach absenden!