Arnold Marquis – der Pirat

Wenn man den Namen „Arnold Marquis“ nennt, legen sich die Stirnen in Falten. Irgendwo schon mal gehört… Kommt mir bekannt vor… Weiß ich jetzt nicht, wo ich den hintun soll… Kaum jemand kennt Arnold noch, und doch kann man ihn noch jeden Tag hören, obwohl er vor über zwanzig Jahren gestorben ist.
Robert Mitchum. George C. Scott. Lino Ventura. Und – natürlich – John Wayne. Die alle – und noch viel mehr – hat Arnold synchronisiert.
Ja, genau, dieses Donnergrollen auf Sparflamme, das ist Arnolds Stimme. Er ist – soweit ich weiß – nach wie vor „Rekordhalter“ im deutschen Synchron. Über 800 Stimmen soll Arnold im Lauf seiner Karriere synchronisiert haben, und da sind die Gefälligkeits-Takes („Arnold, kannst du nicht mal schnell…“) sicherlich nicht mit eingerechnet.
Arnolds Stimme war mit John Wayne eine Symbiose eingegangen. Wenn Arnold sich irgendwo einen Tee bestellte, flogen die Köpfe herum: „Was? John Wayne ist im Lokal?“ Als Wayne gestorben war, nahm Arnold sogar eine Platte auf, die… naja, ein bißchen over the top ist das schon, vielleicht… ach Quatsch, ist schon okay.

http://www.youtube.com/watch?v=03snZuZCyGo

Auch abseits vom Synchron-Mikro war Arnold Marquis ein ganz großer Schauspieler. Vermutlich war diese einmalige, mit Wayne verwachsene Stimme, der Grund, warum er nicht selbst ein Star geworden ist: „Marquis? Den können wir nicht besetzen, der hört sich ja an wie John Wayne.“
Das Publikum jedenfalls hat ihn geliebt, wenn er auf der Bühne stand. Ich hatte das große Glück, an die  zweihundert mal mit ihm an der Tribüne in Berlin Theater spielen zu dürfen, unter anderem in der Berliner Posse „Die Ehrenbürger“. Der 2. Akt dieses Schwanks spielte vor Gericht, und Arnold gab einen prachtvollen Sonderling von Richter, während ich mit der elenden Wurzen eines Verteidigers namens „Dr. Heimchen“ geschlagen war. Dr. Heimchen saß die ganze Zeit in der Ecke, ließ sich ständig von seinem Mandanten über den Mund fahren und durfte – immerhin – am Schluss ein Plädoyer halten, das gelegentlich mit einem Szenenapplaus aus der Mitleidsabteilung belohnt wurde.
Nach ca. 20 Vorstellungen begann Arnold, sich gelegentlich zu langweilen und nach Abwechslung zu suchen. Und wenn Arnold nach Abwechslung suchte, blieb kein Auge trocken. Dann veränderte er kreativ seinen Text (in Kleists „Die Familie Schroffenstein“ hatte er hartnäckig aus einem Beinhaus ein Reihenhaus gemacht), grimassierte, trieb Unfug mit dem Requisiten, alles mit nur einem Ziel: Einen Kollegen – öfters mich – aus der Rolle zu schmeißen. Auf kleingeistige Abmahnungen einer künstlerisch hasenfüßigen Intendanz reagierte er mit der Gelassenheit des unabhängigen Profis („Wollen die mich ernsthaft rausschmeißen?“) Natürlich tat Arnold das nicht in jeder Vorstellung, in 99 Prozent aller Fälle war er ein Muster an Präzision und Professionalität. Aber gelegentlich…
Die Vorstellung, als ein Kleiderbügel auf dem Richtertisch liegen geblieben war, verfolgt mich heute noch in meinen Alpträumen. Als Arnold den Kleiderbügel sah, blitzten seine Augen auf. Sofort ließ er den Kleiderbügel unter dem Richtertisch verschwinden, und begann, mir verheißungsvolle Blicke zuzuwerfen. Mir schwante Übles. Als ich mich schließlich erhob, um Dr. Heimchens Schluss-Plädoyer zu halten, schwappte mir der Angstschweiß in den Schuhen.
Vollkommen zurecht. Arnold hatte sich entschlossen, meine Ansprache diesmal als Pirat entgegenzunehmen. Er hatte sich aus diversen Akten einen schicken Dreizack gebastelt, ein Taschentuch als Augenklappe umgebunden und aus dem rechten Ärmel seiner Gerichtsratsrobe schaute der Haken des Kleiderbügels heraus.
Ich versuchte, möglichst schnell durch mein Plädoyer zu kommen und Arnold dabei nicht anzusehen, aber dieser Versuch war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Arnold zog die ganze Palette durch, benutzte seinen Richter-Hammer als Fernrohr, um nach Beute Ausschau zu halten, sah mich durch das Fernrohr, erschrak, drohte mir mit dem Haken, verstand nicht, was ich sagte, machte sich mit dem Haken die Ohren sauber, kletterte auf seinen Stuhl, um der Justitia-Statue ein unzüchtiges Angebot ins Ohr zu flüstern… Wer Johnny Depp für einen exaltierten Piraten hält, war nicht in dieser Vorstellung.
Ein Kollege sagte mir nach der Vorstellung, ich hätte bei meinem Plädoyer etwas undeutlich gesprochen. Ja. So kann man das wohl auch nennen.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: http://www.youtube.com/watch?v=Jvpq18trKSo

In diesem Clip ist Arnold Marquis in einer Folge von „Drei Damen vom Grill“ zu sehen. Brigitte Mira gratuliert ihm zum Geburtstag. Das passt. Heute wäre er neunzig Jahre alt geworden.

Markiert mit , , , , .Speichern des Permalinks.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Bitte nicht wundern: nach dem Absenden verschwindet Dein Kommentar einfach und wird erst nach Freischaltung durch uns sichtbar -- also nicht mehrfach absenden!